69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. März 2017

Das Geld, die Gier, die Macht und das Nichts
Von Johannes Röser
Der tiefe Fall des Uli Hoeneß verweist über das tragische Persönliche hinaus auf grundlegende Fehlentwicklungen in Gesellschaft, Staat und Kultur.

Deutschland hat weniger ein Armuts- als ein Reichtumsproblem. Allerdings ist die Kluft zwischen den finanziell wenig Begüterten und den Superreichen innerhalb der Europäischen Union nirgendwo so groß wie in der Bundesrepublik. Es gibt Anzeichen dafür, dass die überwunden geglaubte Klassengesellschaft zurückkehrt. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat jüngst in einer Studie festgestellt, dass das Vermögen „auf hohem Niveau“ extrem ungleich verteilt ist. In den vergangenen zehn Jahren sei es vermutlich sogar „zu einem Anstieg der Vermögensungleichheit gekommen“, weil „die Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen im Vergleich zu den Arbeitnehmerentgelten überdurchschnittlich gestiegen sind“. Die „Süddeutsche Zeitung“ stellt fest, dass „besonders wohlhabende Personen praktisch nicht erfasst werden können“. Das gelte - wie die Forscher schreiben - „insbesondere für Milliardäre und für Millionäre mit einem Vermögen in dreistelliger Millionenhöhe“.

Die Leistungsträger der Generationensolidarität für die Zukunft der Republik, die Familien, haben im Durchschnitt nur ein sehr niedriges Pro-Kopf-Vermögen. Je mehr Nachwuchs, umso geringer. Familien mit zwei Kindern hatten 2012 rund 50 000 Euro zur Verfügung, bei drei und mehr Kindern nur noch 44 000. „Single“-Paare ohne Kinder hingegen besaßen durchschnittlich 108 000 Euro. Zum Privatvermögen gerechnet werden Wohneigentum, sonstige Immobilien, Ersparnisse, Bezüge aus Versicherungen, Bausparverträge, Betriebs- und Sachvermögen. Das reichste eine Prozent der Bevölkerung verfügt über ein Nettovermögen von mindestens 817 000 Euro. Und „Deutschlands Reiche sind besonders reich“, räumte sogar die wirtschaftsliberalistische „Frankfurter Allgemeine“ ein.

Das System Maßlosigkeit

Zu den Superreichen mit mindestens dreistelligem Millionenvermögen gehört der Fußballmanager Uli Hoeneß, dessen Prozess wegen Steuerhinterziehung auch im Ausland hohe Wellen schlug. Über das tragische Persönliche hinaus offenbaren sich da grundlegende gesellschaftliche, staatliche, kulturelle Fehlentwicklungen, die bei ungebremster Fortdauer der krassen Schieflagen sogar das Gemeinwohl, die Demokratie, die innere Sicherheit gefährden.

Der „Tagesspiegel“ kommentierte: „Die Steuerhinterziehung, ehedem ein Nebenbeidelikt Gutbetuchter, trifft in anderen Milieus auf Nulltoleranz. Nur Neid? Es gibt ein gewachsenes Verteilungsempfinden … Wer zahlt, übernimmt Verantwortung. Wer kneift, nicht. Und weil Demokratie aus mehr als der Teilnahme am Wahlakt besteht, wird man unduldsam, sich politische Lehrstunden von Leuten erteilen zu lassen, die das nicht verstehen wollen.“

Die „Frankfurter Rundschau“ verweist auf die Doppelmoral: Hoeneß habe sich „jahrelang als Hüter … der Wirtschafts- und Zahlungsmoral gebärdet … In Interviews hat er verlangt, ‚das Zocken‘ zu verbieten, während er selbst mit Börsenwetten Millionensummen gewann und verlor, und nach dem Ende der ‚irrwitzigen Spekulationen‘ gerufen, während ihm selbst keine Spekulation irrwitzig genug sein konnte.“

„Ein maßloser Mann“, titelte die „Süddeutsche Zeitung“. Doch die Maßlosigkeit betrifft nicht allein diese Person. Vielmehr handelt es sich um ein medial hochgepuschtes Maßlosigkeitssystem, das eine gigantische Unterhaltungs- und Werbe­industrie geschaffen hat, rund um die Uhr - vom Sport bis zu den dauer-gecasteten und ständig inszenierten Superstars und Topmodels, die Deutschland angeblich sucht.

Jede Nichtigkeit, jeder Klatsch, jede Spekulation wird in Talkshows und Fernseh- wie Illustrierten-Beiträgen breitgetreten, hat das Zeug, Mosaikstein dieser größten Ersatzreligion aller Zeiten zu werden: des Meinungsterrors der Banalitäten und Trivialitäten, die von willfährigen Vollstreckern auf allen Kanälen zu „kultigen“ Heiligtümern emporstilisiert werden. Die FC Bayern AG mit Hoeneß als Symbol an der Spitze ist selber das Produkt dieser allüberall gegenwärtigen Transformationsmaschinerie, die es geschafft hat, eine nette, spannende Nebensache der Welt zur Hauptsache zu stimulieren. Von den fußballerischen Söldner-Götzen und deren immerwährender Anbetung in einer unendlichen Heiligenlitanei, die noch jede Muskelzerrung zum Untergang des Abendlandes verwandeln kann, leben ganze Konzernkomplexe, nicht nur Adidas, Allianz, Audi & Co. Kommerz und Spiele. Selbst vor den Paralympics macht der totalitäre Unsterblichkeits-Unterhaltungswahn nicht halt. Wenn ein Hoeneß vor die Gerichtsschranken muss, lösen sich sogar der bestialische Krieg in Syrien und der Imperialismus von Putin-Moskau plötzlich in Luft auf. Das ist die wahre Macht der Erregung, der wie von Geisterhand bewegten Massenhysterie, die jedwede andere Macht in den Schatten stellt.

Alle huldigten

Über den großen Filz von Politik, Sport, Medien und Wirtschaft, der im Münchener Fall unverhüllt zutage trat und tritt, aber kaum ernsthaft kritisch bewertet wird, scheinen sich selbst die geistigen und poli­tischen Eliten kaum ernstlich Gedanken machen zu wollen. Nicht einmal die in politischen Kernproblemen immer so schweigsame Bundeskanzlerin entzog sich dem
Bedürfnis, „lobend“ zu reden und vor Fernsehkameras zu verkünden, welchen Respekt sie davor habe, dass der verurteilte Straftäter seine Strafe auch noch auf sich nehme. Absurder geht‘s nimmer. Würde die Bundeskanzlerin solches auch für jeden anderen Kriminellen bekunden, der ins Gefängnis muss - und der als Mensch im Rahmen seiner Möglichkeiten und seiner Lebensgeschichte vielleicht auch irgendwann irgendwo etwas Gutes und Erfolgreiches zustande gebracht hat?

Der „Spiegel“ bemerkte das Ungeheuerliche: In den Stunden nach dem Urteil „hagelte es Respekts- und Liebesbekundungen von allen Seiten, von Merkel bis Seehofer, von Beckenbauer bis Guardiola, und schon am frühen Nachmittag hörten sich viele Kommentatoren fast wie Gratulanten an. Alle huldigten wieder dem großen Uli, dem Unbeugsamen, als hätten sie schon vergessen, dass derselbe Mann mit seinem sehr speziellen Verständnis von Anstand, Haltung und persönlicher Verantwortung den deutschen Staat und seine Gemeinschaft jahrelang betrogen hatte. Dies gehört zum menschlich verstörenden Kern des Falls Hoeneß, zu dem die Talkshow-Runden des Fernsehens … nicht recht vorstoßen wollten: dass der selbstgefällige Ex-Präsident des FC Bayern München … sich noch im Moment seines Sturzes als eigentlicher Herr des Verfahrens geriert; dass sich der Metzgerssohn aus Ulm in Größenwahn über seine Richter stellt, indem er ihnen das Urteil gewissermaßen verzeiht; dass er dabei stets wirkt wie einer, der über die Anwendung von Gesetz und Recht auf sich im Einzel- und vor allem im Zweifelsfall selbst entscheidet; und der auf jeden Fall von sich glaubt, mehr Weisheit zu besitzen, als sie der ganze demokratische Prozess hervorbringen könnte. Dies gehört zum gesellschaftlich verstörenden Missverständnis dieses Falls: dass Hoeneß auch nach dem Richterspruch von München als guter Prominenter gleich wieder hochlebte, als ein zu Recht Wohlhabender, ein Mann ‚mit großer Lebensleistung‘, ein mildtätiger Kapitalist, ein Idol der sozialen Marktwirtschaft. Diese verblendete Sicht auf die Dinge stammt zuerst aus der Bussi-Gesellschaft selbst, deren Mitglieder sich in den Talkshows gegenseitig die Stühle warmhalten, aber sie hat längst auch weite Teile der großen Bewunderergemeinde des FC Bayern erfasst.“

„Er ist von dieser Welt“

Es ist Zeit, den Götzendienst des nicht nur in der Bundesrepublik wogenden Star- und Prominentenkults zu entmythologisieren. Heilige sind anders! Die „Stuttgarter Zeitung“ bemerkte, dass Hoeneß allerdings „kurz vor der Heiligsprechung in Deutschland“ stand, als er sich, „längst supersympathisch in Szene gesetzter Werbeträger, auch noch über die Dominik-Brunner-Stiftung definierte - gegründet nach dem gewaltsamen Tod eines couragierten Münchner Bürgers“. Es sei ernsthaft erwogen worden, ob Hoeneß „nicht doch ministrabler sei als manch hochstehender Politiker. Und selbst notorisch bayernkritische Magazine machten ihren Frieden mit dem Patriarchen, wenn er so tat, als könne der FC Bayern, als dessen Personifikation sich Hoeneß unter anderem begriff, doch noch den Raubtierkapitalismus halb vegetarisch kochen.“

Die FAZ folgerte, der Fall Hoeneß zwinge „den Fußball und seine Profiteure dazu, sich zu erinnern: Er ist von dieser Welt.“ Die „Welt“ verwies darauf, dass der auf Wettbewerb und Kooperation ausgerichtete Sport „wie kaum eine andere gesellschaftliche Sphäre den Traum von der durchlässigen, auf das Verdienst Einzelner gegründeten Gesellschaft“ verkörpere. Nun aber blicken wir in ein „anderes Gesicht dieses bayerischen Triumphvereins: Es ist von Hochmut eines aufgestiegenen Kleinbürgers geprägt, der wohl nicht den Kontakt zur Realität verloren hatte, wohl aber meinte, er sei unangreifbar.“

Hohn für Hoeneß ist jedoch fehl am Platz. Notwendig wäre eine entschiedene und grundlegende Gewissenserforschung, Reue, Umkehr: inwiefern zum Beispiel Kommunen, ja ganze Staatswesen sich den werbetragenden Ersatzgottheiten beugen und diese Multimillionäre und Milliardäre obendrein mit mehr oder weniger versteckten Subventionen fördern, um angeblich der sonstigen Wirtschaft Auftrieb zu verleihen - von öffentlichen Geldern als Zuschüsse zum Stadionbau bis zur polizeilichen Absicherung der Sportveranstaltungen, die eigentlich Privatsache der zu Konzernen mutierten Vereine sind, die dafür kräftig aus der eigenen Tasche zahlen sollten. Doch deren Spieler verdienen aberwitzige Summen, während die Löhne der Arbeitenden eines jeden sonstigen (Handwerks-)Betriebs an den Bilanzen und Gesamtkosten des Unternehmens bemessen werden. Das Aufgedeckte sollte Anlass sein, die unendliche Verschwendungssucht öffentlicher Gelder zugunsten des angeblich allgemeinen „öffentlichen“ Interesses Sport und Show radikal einzustellen. Dann müssten sich auch die Gehälter der Fußballgötter endlich den Realitäten anpassen, dem, was ihnen einzig von den Menschen zufließt, die das wirklich sehen und dafür bezahlen wollen.

Nicht geringer ist der Skandal der Unsummen, die von öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten aus den Zwangsabgaben jedes Haushalts entnommen und zugunsten überbordender Sportberichterstattung mit teuerstem technischem Aufwand aus allen Perspektiven ausgegeben werden, ob der Bürger, die Bürgerin das nun sehen will oder nicht. Die schiefen Verhältnisse der Fernseh-Programmanteile sind entschieden kritisch zu überprüfen, inwiefern tatsächlich der allgemeine Kulturauftrag noch angemessen und ausgewogen erfüllt wird. Dass ARD oder ZDF ganze Sonntage lang Wintersport übertragen, ist nur ein Beispiel, wie maßlos die Dinge hier aus dem Lot geraten sind.

Schwerkraft Schwarzes Loch

An einem Tag habe Hoeneß Beiträge versenkt, „die reichen würden, das jährliche Überleben aller Einwohner eines afrikanischen Landes zu garantieren“, mutmaßt die „Stuttgarter Zeitung“. Auch wenn diese Einschätzung übertrieben erscheint, stellt sich die Frage, inwiefern Reichtum über jedes Maß hinaus nur noch Gier um der Gier willen weckt, die Besitzenden zu Spielern macht. Die dem Einzelnen zur Verfügung stehenden Unmengen an Geld sprengen dessen Bedeutung als Wertäquivalent. Derart riesiges Vermögen jenseits menschlicher Vorstellungskraft und weit jenseits dessen, was jemand zur persönlichen Existenzsicherung oder für Luxus verwenden könnte, tendiert im Realwert für den „Verfügungsberechtigten“ Richtung Null.

Die Schwerkraft des Geldes lässt ohne jedwede eigene Leistung Geld zu Geld kommen, vergleichbar dem kosmologischen Geschehen der Massenanziehung eines schwarzen Lochs. Auch das finanzielle schwarze Loch saugt und saugt an, wird dabei aber nach außen unproduktiv. Am Ende verdichtet es sich in einem unendlich kleinen mathematischen Punkt, voller potenzieller Energie, faktisch jedoch ein Nichts. Zu nichts gut, weil man ja schon alles hat. In diesem Zustand mutiert selbst der „Sinn“ des Geldes ins Sinn-lose. Der Umgang mit dem sinnlosen Geld wird zum bloßen Spielen. Der einzige verbliebene „Sinn“ ist dann, das Sinnlose sinnlos zu vermehren, der pure Selbstzweck des Nichts. Der Wert des Geldes hebt sich mit seiner überdimensionierten Vermehrung paradoxerweise in sich selber auf. Die Unabhängigkeit durch Geld schlägt um in Abhängigkeit vom Geld. An die Stelle des Sinns tritt die abstrakte Sinnlichkeit des Geldes: Geld einzig um des Geldes willen - ein Ausverkauf der Geldmittel ins Absurde.

Betriebssystem Mammon

Ähnliches - bloß umgekehrt - geschieht dort, wo Geld nicht „gehortet“ oder durch Spekulation „vermehrt“, sondern nicht minder exzessiv ausgegeben wird, Geld, das gar niemand besitzt. Das ist das Geheimnis der - auch staatlichen - Schuldenmacherei im großen Stil. So verteilten Regierungen großzügig Geld, das sie nicht haben, an sogenannte „systemrelevante“ Pleite-Banken, Pleite-Staaten und sonstige Institutionen. Solches Geld, das gar nicht existiert, soll jetzt auch die von milliardenschweren und steuerunwilligen Oligarchen-Bürgern ausgeplünderte Ukraine von der EU bekommen. Die ungeheuerlichen Abermilliarden-Schuldensummen sind nur die Kehrseite der abermilliarden privat gehorteten Spekulationsblasen: nichts als Luftnummern. Sie haben bloß noch einen fiktiven Buchungs-, jedoch keinen realen Gegenwert mehr. Es handelt sich um ungedeckte Schecks auf eine ungewisse Zukunft, auf von künftigen Generationen zu erwirtschaftende Renditen hin. Ab einer gewissen Höhe besteht das angehäufte oder ausgegebene Geld aus nichts anderem als aus dem Glauben und der Hoffnung, dass es mehr als Nichts sei, wenn nur hinreichend viele daran glauben und darauf hoffen.

Wo sich der religiöse Glaube und die religiöse Hoffnung auf Unsterblichkeit ins Nichts aufgelöst haben, nährt der fiktive Geldwert umso kräftiger ungebremst die Illusion seiner ureigenen Unsterblichkeit - bis zum großen Crash. Ans Geld glauben die Leichtgläubigen selbst dann noch, wenn es sich rational längst als Nichts und nichtig erwiesen hat. Sein Betriebssystem - in der Bibel als Mammon entmythologisiert - hält stand, solange für diese Art der Götzendienerei und des Gottesersatzes immer neue Gläubige gefunden werden, die das Spiel des Mythos Geld samt seinen Illusionen weiterspielen. Wie lange geht das gut? Das ist die große Frage, die kein Wirtschaftsweiser redlich beantworten kann.

Noch scheint das sozial etwas geregelte Wirtschaftssystem alle Bevölkerungsgruppen dieses Staates zu erreichen und zu „bereichern“. Neue Klassenkämpfe zeichnen sich allerdings mancherorts schon ab. Der Soziologe Franz-Xaver Kaufmann verweist in einem FAZ-Beitrag über das Doppelgesicht des Sozialstaats darauf, dass die hohe politische Stabilität der westeuropäischen Demokratien bisher dadurch bedingt sei, „dass soziale Exklusion zwar nicht beseitigt wurde, aber doch marginales Phänomen geblieben ist. Wo sich Exklusion verfestigt, wie beispielsweise in den Vorstädten von Paris, ist mit sozialen Unruhen und politischem Extremismus zu rechnen.“ Kritiker des Sozialstaats würden seine Leistungen und deren Finanzierung im Wesentlichen als Belastung der Wirtschaft sehen. „Sie unterschätzen dabei den wirtschaftlichen Wert der Sozialpolitik … Heute, in Zeiten mangelnden Nachwuchses, wird immer mehr Unternehmen bewusst, dass die Reproduktion des Humankapitals oder Humanvermögens nicht durch die Marktwirtschaft, sondern durch die Familien und das Bildungswesen geschieht.“ Gewiss gebe es immer Spannungsfelder, zum Beispiel zwischen Leistungs- und Bedarfsgerechtigkeit, zwischen Besitzstands- und Chancengerechtigkeit. Aber der Sozialstaat müsse „zu einer Angleichung der Lebenslagen in der Bevölkerung, also zu mehr Gleichheit führen. Entgegen allen Unkenrufen gelingt dies in vielen Sozialstaaten dank einer Verbindung von Steuer-, Sozial- und Bildungspolitik aus langfristiger Perspektive in erheblichem Maß, vor allem im unteren Bereich der sozialen Pyramide … Dass der Sozialstaat dazu beiträgt, das Bewusstsein in der Bevölkerung zu verbreiten, unter einigermaßen gerechten Verhältnissen zu leben, ist schwer zu bestreiten. Auch in dieser Hinsicht wirkt somit der Sozialstaat als Stabilisator der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Er trägt wesentlich zur Akzeptanz der herrschenden politischen Ordnungen bei.“

Grundgesetz, Artikel 14

„Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Diese gern verdrängten Grund-Sätze der deutschen Verfassung in Artikel 14 sind durch den Fall Hoeneß und ähnlich gelagerte schwere Prominenten-Straftaten beleuchtet, zumindest ein wenig wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt worden. Mit Neid hat das gar nichts zu tun, wohl aber mit berechtigter Sorge um den Erhalt eines freiheitlichen, sozialen Rechtsstaatswesens. Eine Gesellschaft, die neuen Klassenkampf vermeiden möchte, wird auch dem Staat mehr zutrauen müssen, als liberalistische Prediger des „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott“ akzeptieren wollen. Geld ist mehr als nur der Hilfsgötze von Individuen. Geld in gesunder (Um-)Verteilung ist ein soziales Kommunikationsmittel, ein Werkzeug zur materiellen wie geistigen Dynamisierung eines Gemeinwesens. Gerade eine große Koalition mit satter Mehrheit hätte die Chance und die Pflicht, über die verlorenen Balancen nachzudenken und steuernd - auch unmäßiges Vermögen (be-)steuernd - einzugreifen.

Die sich abzeichnende gesellschaftliche Segregation, bei der sich mehr und mehr ein vom Gesamt der Bevölkerung und der „Volks“wirtschaft abgekoppelter Sonderkreislauf von Reichtumswirtschaft und Finanzökonomie allein von Reichen für Reiche herausbildet, kann nicht im Interesse der Bundesrepublik liegen. Es braucht nachhaltige gesetzgeberische Maßnahmen zur Entflechtung der unmäßigen ungesunden Vermögenskonzentration zugunsten einer breiten Mittelschicht und eines dy­namischeren Mittelstandes, den wahren Leistungsträgern der Republik. Hierzu wünschte man sich von einer Bundeskanzlerin mit Richtlinienkompetenz mehr als nur Respektsbekundungen gegenüber einem prominenten erfolgreichen Geschäftsmann, Spekulanten und Steuerhinterzieher und ansonsten Schweigen.



CIG 12/2014


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