69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. März 2017

Jüdisch - aber nicht religiös?
Von Stephan U. Neumann
Die Palästinenser sollen Israel als jüdischen Staat anerkennen. Doch selbst jüdischen Israelis zwischen dem weltlichen Tel Aviv und dem religiösen Jerusalem fällt die Antwort auf die Frage nach der jüdischen Identität schwer.

Allenby Straße, 19 Uhr: Stoßstange an Stoßstange drängeln sich die Autos hupend durch den Verkehr Tel Avivs. Den Bürgersteig teilen sich in der abendlichen Dämmerung flanierende Passanten, sportliche Jogger und slalomfahrende Radfahrer. Betty Ezri will ihr Lieblingsrestaurant vorstellen.

Gleißendes Licht an der nächsten Straßenkreuzung. Hektisch gestikulierend drängt ein Arbeiter in oranger Weste die Fußgänger, zügig weiterzugehen. Jetzt kann der Bagger mit den Zähnen seiner Schaufel den Asphalt der Seitenstraße weiter aufreißen. Bettys Worte - in Tel Aviv spricht man jeden, dem man die Hand gegeben hat, mit Vornamen an - gehen im Lärm unter. Doch mit der Hand weist sie den Weg - und nur zwei Straßenecken und wenige Meter weiter: Ruhe.

Hinter dem schmalen Schaufenster, durch das man den Köchen zuschauen kann, hängt ein Rennrad. Man muss also keineswegs die von rechts nach links geschriebenen Buchstaben des modernen Hebräisch entziffern können, um den Namen des Restaurants, „Bicicletta“ (italienisch für Fahrrad), zu erraten. Hinter der Tür führt ein schmaler Gang an der Küche entlang. Am Ende noch einige Stufen, und schon steht man in dem ein Stockwerk höher gelegenen Hinterhof. Glühbirnen-Girlanden zwischen den Bäumen tauchen den idyllischen „Biergarten“ in ein warmes, gelbes Licht.

Teures Pflaster Tel Aviv

Der Kontrast zur quirligen Mittelmeer-Metropole könnte kaum größer sein. An fast jeder zweiten Straßenecke sorgen riesige Kräne dafür, dass neue Hochhäuser dort aufragen, wo einst zwei- bis dreigeschossige Häuser das Bild der 1909 von jüdischen Zionisten gegründeten Stadt prägten. Immer neue Einwanderungswellen haben vor allem die Städte entlang der Mittelmeerküste in den vergangenen hundert Jahren schnell wachsen lassen. Ungefähr vier Millionen Menschen leben heute im Großraum „Gusch Dan“ rund um Tel Aviv, das mit der alten, mehrheitlich von Palästinensern mit israelischem Pass bewohnten Hafenstadt Jaffa zusammengewachsen ist und bereits 1950 zu einer Stadt vereinigt wurde.

Noch vor den Holocaust-Überlebenden waren es überwiegend Juden aus Osteuropa, die vor Verfolgung flohen, um tatkräftig den Traum von einem Staat zu verwirklichen, der Juden aus aller Welt Sicherheit bietet. Nach der Staatsgründung 1948 kamen zudem viele sogenannte orientalische Juden aus den Ländern Nordafrikas von Marokko bis Ägypten, aber auch aus dem Jemen, dem Iran oder dem Irak. Zuletzt suchten bis zu 1,3 Millionen Menschen aus den verschiedenen Staaten der ehemaligen Sowjetunion eine neue Zukunft und Bleibe. Wie sehr Wohnraum aber Mangelware ist, zeigt sich sogar an den in die Jahre gekommenen, zwischen 1933 und 1948 im Bauhaus-Stil errichteten Häusern etwa entlang des Rothschild-Boulevards im Zentrum Tel Avivs.

Nirgendwo sonst auf der Welt wurden so viele Häuser in dem in Weimar entwickelten Architektur-Stil erbaut, zu dessen Hauptvertretern Walter Gropius und Le Corbusier gehörten. Nirgendwo wird aber auch nachsichtiger mit dem Denkmalschutz umgegangen als im von Wohnungsnot geprägten Tel Aviv. Wer eines der ursprünglich einmal etwa 4000 Bauhaus-Gebäude renoviert, die von den Vereinten Nationen zum Weltkulturerbe erhoben wurden, gleichzeitig aber stark heruntergekommen sind, dem erlaubt die Stadtverwaltung, das Gebäude um mehrere Stockwerke zu erhöhen. Für Investoren ein lohnendes Geschäft, lassen sich die Wohnungen doch zu horrenden Preisen vermieten beziehungsweise verkaufen. Die Demonstranten aus der israelischenMittelschicht konnten sich 2011 keinen geeigneteren Orten aussuchen als eben diesen Rothschild-Boulevard, auf dem sie monatelang campierten, um so ein Zeichen für bezahlbaren Wohnraum zu setzen.

Die Zelte sind vom verkehrsberuhigten Mittelstreifen längst verschwunden. Aber hat sich seitdem etwas verändert? „Nein“, sagt der Geschäftsführer der „Israelisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer Tel Aviv“, Grisha Alroi-Arloser, gegenüber deutschen Journalisten bei einer Presse- und Bildungsreise der Bundeszentrale für politische Bildung nach Israel. Im Gegenteil: Die Situation habe sich weiter verschärft, die Wohnungs- und Lebenshaltungskosten seien gestiegen. Mittelschichtsfamilien mit mehreren Kindern kämen selbst mit zwei Gehältern kaum über die Runden. Dass diese Not durchaus bei der Regierung angekommen ist, zeigt der - umstrittene und wohl kaum durchsetzbare - Vorschlag von Bauminister Uri Yehuda Ariel, Familien mit Kind(ern) beim Wohnungskauf die Mehrwertsteuer von achtzehn Prozent zu erlassen. Die Proteste hätten zwar, so Grisha Alroi-Arloser, die Not des Mittelstands thematisiert, aber es seien keine Vorschläge erarbeitet worden, woher denn das Geld kommen soll. Unterdessen seien die Anführer der Proteste längst von der Politik umarmt worden und der ein oder andere sitze in der Knesset, dem israelischen Parlament.

Es handelt sich in Israel nicht einfach um das auch in anderen Weltgegenden bekannte Phänomen explodierender Wohnungspreise in einigen wenigen Metropolen bei gleichzeitigem Leerstand in ländlichen, weniger attraktiven Gegenden. Auf einer Fläche, die so groß ist wie Hessen, leben heute mehr als acht Millionen Israelis, wobei über die Hälfte des Landes als Wüste zur Besiedlung ausfällt. Da auch nach den Friedensverträgen mit Ägypten und Jordanien viele der umliegenden Staaten des Nahen und Mittleren Ostens den Staat Israel als „Fremdkörper“ betrachten und mehr oder weniger deutlich dessen Ende fordern, leistet sich das Land mit die höchsten Militärausgaben der Welt. Und der Haus- oder Wohnungsbesitzer muss in immer mehr Gebieten einen Bunker errichten, um sich vor möglichen Raketenangriffen aus den von Israel besetzten Gebieten zu schützen. Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, die dasselbe Gebiet als ihr heiliges Land für sich und ihr Volk beanspruchen, spielt selbst bei sozialen Fragen, wie der nach Lebenshaltungskosten und bezahlbarem Wohnraum, stets eine Rolle.

Integrationsmotor Armee

„Die Zwei-Staaten-Lösung wäre richtig. Aber können wir ihnen vertrauen, dass sie den Raketenbeschuss einstellen, wenn sie einen eigenen Staat haben?“, fragt Betty Ezri. Sie sei politisch immer links gewesen, und sie bewertet die Rolle ihres Landes im Konflikt mit den Palästinensern kritisch. Doch die zwei Jahre in der israelischen Armee haben ihr die einstige Bestimmtheit und Sicherheit im Urteil genommen. Auch die Armee wisse, dass man nicht auf Schulen und Schulkinder schießt. Was aber tun, wenn sich die Gegner mit ihren Waffenlagern unter ihnen verschanzen und von dort ihre Angriffe starten? Die Armee, in die grundsätzlich jede Frau für zwei und jeder Mann im Alter von achtzehn Jahren für drei Jahre eingezogen wird, gilt bis heute als der Ort persönlicher Reifung und Entwicklung und bietet Möglichkeiten, Kontakt für den weiteren beruflichen Werdegang zu knüpfen. Auch wenn in den vergangenen Jahren immer wieder kritische Filme und Berichte am Mythos Armee gekratzt haben, ist sie in der allgemeinen Wahrnehmung nach wie vor der gesellschaftliche Schmelztiegel, in dem sich nicht nur Menschen aller Schichten und Weltanschauungen treffen, sondern mit dessen Hilfe jede noch so große Einwanderergruppe integriert wurde.

Betty Ezri fühlt sich schlecht, weil sie nicht mehr das notwendige Vertrauen für die andere Seite aufbringen kann. Dabei ist die Geschichte ihrer Herkunftsfamilie geprägt von der Verständigung zwischen unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Religionen. Ihr Großvater war für die Einwanderungen von Juden aus dem Irak und dem Iran verantwortlich und ihr Onkel gehörte der israelischen Botschaft im Iran an, bevor die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern nach der sogenannten islamischen Revolution 1979 jäh abbrachen.

„Die Menschen wollen Frieden in Israel, in den palästinensischen Gebieten und selbst im Iran“, ist Betty Ezri überzeugt. Der Wind weht vom Meer sanft durch die Bäume im Hinterhof des Restaurants „Bicicletta“ und der Blick in die Speisekarte verspricht, dass zumindest kulinarisch Völkerverständigung selbst über Religionsgrenzen hinweg möglich ist. Neben „Lahmacun“, türkischer Pizza mit fein gehacktem Lammfleisch, finden sich englische „Fish and Chips“, und ganz selbstverständlich kann man hier auch nichtkoschere Meeresfrüchte bestellen. Deren Verzehr ist nach den jüdischen religiösen Speisevorschriften nicht erlaubt, weil sie im Meer leben, aber keine Schuppen und Flossen haben.

Die Nichtjuden im jüdischen Staat

Doch so vielseitig die Speisekarte ist, so einseitig ist die Auswahl der anzutreffenden Gäste: säkulare, jüdische Israelis. Selbst in der aus dem jüdischen Tel Aviv und dem überwiegend von arabischen Israelis bewohnten Jaffa zusammengewachsenen Doppelstadt leben die Menschen nach wie vor in ihren Vierteln klar getrennt: hier die Juden, wobei die überwiegende Mehrheit im westlich-weltlich geprägten Tel Aviv diese Zuschreibung keineswegs religiös versteht. Dort die muslimischen oder christlichen Palästinenser, die die israelische Staatsbürgerschaft angenommen haben. Waren es bei der Staatsgründung etwa 100000 Palästinenser auf israelischem Gebiet, werden heute rund 22 Prozent der Bewohner als arabische Israelis bezeichnet, die überwiegend dem Islam angehören, zwei Prozent der Gesamtbevölkerung sind Christen.

Es gilt als offenes Geheimnis, dass trotz aller Benachteiligungen, die immer wieder beklagt werden, die große Mehrheit dieser nichtjüdischen Israelis auch im Fall einer Zwei-Staaten-Lösung nicht Bürger eines aus dem Westjordanland und dem Gaza-Streifen bestehenden Palästinas werden will. Dass Ministerpräsident Benjamin Netanjahu seit einigen Jahren von der im Westjordanland herrschenden Fatah und der den Gaza-Streifen kontrollierenden Hamas fordert, sie müssten Israel ausdrücklich als jüdischen Staat anerkennen, belastet nicht nur die aktuellen, immer wieder vom Scheitern bedrohten Vermittlungsbemühungen des amerikanischen Außenministers John Kerry. Innerisraelisch stellt sich die drängende Frage: Was ist mit den 22 Prozent Nichtjuden? Sind sie von vornherein Bürger zweiter Klasse? Kann es überhaupt einen demokratischen und gleichzeitig einen jüdischen Staat geben? Und was passiert, sollten sich die Mehrheitsverhältnisse ändern?

„Ich will einen jüdischen Staat, in dem Juden aus aller Welt einen Platz haben, aber keinen religiösen Staat, der uns vorschreibt, wie wir hier zu leben haben“, antwortet Sara Blau. Die Lebensgeschichte der Schriftstellerin zeigt, dass die israelische Gesellschaft nicht nur in Juden und Nichtjuden sowie in Säkulare und Religiöse, sondern sogar innerhalb des religiösen Judentums tief gespalten ist. In einer ultraorthodoxen Familie aufgewachsen, hat sie sich in einem langen Prozess zu einer modern-orthodoxen Jüdin entwickelt. Vereinfacht dargestellt, und ohne auf die vielfachen Differenzierungen innerhalb der Gruppen einzugehen, ist das wichtigste Kennzeichen der Modern- oder auch Nationalreligiösen, dass sie den Staat Israel anerkennen. Sie gehen weltlichen Berufen nach, dienen, wenn auch teilweise verkürzt, in der Armee, nutzen Internet und Fernsehen, und in ihren Schulen wird der Lehrplan der staatlichen Schulen durch religiöse Fächer und Inhalte ergänzt.

„Gotteslästerung“ Israel?

Für die Mehrheit der Ultraorthodoxen ist der Staat Israel dagegen eine Gotteslästerung, weil diesen nur der Messias nach seiner noch zu erwartenden Ankunft errichten darf. 1947 hatte Staatsgründer Ben Gurion um der Einheit willen vierhundert fromme Juden vom Militärdienst befreit und ihnen erlaubt, ausschließlich die Tora zu studieren. Die umfasst in ihrem Verständnis die fünf Bücher Mose und vor allem auch die mündliche und schriftliche Auslegung und Diskussion der Weisung sowie der Einzelgesetze. Heute gehören Schätzungen zufolge fast zehn Prozent der israelischen Gesellschaft den Ultraorthodoxen an. In ihren Familien wachsen nicht selten zwölf, dreizehn und mehr Kinder auf. Vor allem die Jungen, die von klein auf ihre Schläfenlocken zwirbeln und die schwarze Kippa tragen, werden nahezu ausschließlich in religiösen Fächern unterrichtet. Da sie kaum über mathematische oder andere weltliche Kenntnisse verfügen, ist für sie der Ausstieg aus dieser geschlossenen Gesellschaft noch schwieriger als für die Frauen, die mit langen Röcken und langärmligen Oberteilen dafür sorgen, keine Haut zu zeigen, und die auch ihr Haar mit einem Tuch oder aber einer Perücke vollständig bedecken. Im Gegensatz zu den Tora studierenden Männern arbeitendie Frauen auch. Die aktuelle Entscheidung der Knesset, künftig Ultraorthodoxe schrittweise in die Armee einzuziehen, soll neben der gerechteren Lastenverteilung bei der Sicherheit des Landes den jungen Männern vor allem den Zugang zum Arbeitsmarkt ebnen. Das Ziel der Politiker ist es, die hohen staatlichen Zuwendungen an die wachsende Gruppe der Ultraorthodoxen zu verringern. Denn in der säkularen Mehrheitsgesellschaft sinkt das Verständnis dafür, dass jene, die den Staat am vehementesten ablehnen, auf dessen Kosten leben und mit den Abgeordneten der religiösen Parteien die Politik des Landes und die Verteilung der begrenzten staatlichen Mittel bestimmen.

Sara Blau wählt heute aus, welche religiösen Gesetze sie befolgt: „Ich esse koscher, aber entspannt. Am Sabbat ohne elektronische Geräte auszukommen, das ist ein Geschenk.“ Dennoch sei ihr Glaube heute tiefer als der des kleinen Mädchens in der fast ausschließlich von Ultraorthodoxen bewohnten Stadt Bnei Brak nordöstlich von Tel Aviv. Ihre langen Röcke und bedeckten Haare entsprachen damals dem, was bis heute äußerlich als religiös, als sittsam und schicklich gilt.

Reinheit: eine Waffe gegen Frauen

„Das schickt sich nicht! Das gehört sich nicht! - Das ist die alte Waffe gegen Frauen, die stark werden“, sagt Sara Blau. In ihren Romanen und Erzählungen setzt sie sich mit den religiösen Geschichten und Mythen ihrer Kindheit auseinander. Wie sehr Reinsein zur „DNA orthodoxer Mädchen“ gehöre, zeige etwa der - auch von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem entlarvte - Mythos von den 93 Mädchen aus dem Krakauer Getto. Der Legende nach sollen sie sich gemeinschaftlich vergiftet haben, als ihnen angekündigt wurde, sie würden amnächsten Tag von deutschen Soldaten „besucht“. Lieber sich selbst umbringen als die Reinheit zu verlieren, dies gehöre zu den Hauptmotiven der Geschichten, die den ultraorthodoxen Mädchen immer wieder erzählt werden. So auch die Legende von der jüdischen Frau, die der Heirat mit einem Kosaken entging, indem sie sich von der Brücke stürzte, auf der - von ihr ausbedungen - die Trauung stattfinden sollte.

Mit ihrer kritischen Auseinandersetzung handelte sich Sara Blau den Vorwurf ein, die „schöne Geschichte von den 93 Krakauer Mädchen“ zerstört zu haben. „Was ist denn daran schön?“, entgegnet sie. Die eigene Gruppe soll gegen die anderen abgegrenzt werden. Dabei geht es nicht nur darum, die Frauen an einen Mann einer anderen Religion zu „verlieren“. „Ultraorthodoxe wollen noch nicht einmal, dass ihre Töchter einen modern-orthodoxen Mann heiraten. Schon das verstehen sie als Verunreinigung.“ Aussteiger, die heute als säkulare Juden etwa in Tel Aviv leben, berichten sogar, dass für sie die siebentägige Totenwache gehalten wurde. Weil sie die Gesetze nicht mehr befolgen, sind sie für ihre ultraorthodoxen Familien tot.

Klar voneinander abgegrenzt sind auch die Viertel der Jerusalemer Altstadt. Zumindest vermittelt das jeder touristische Stadtplan. Mit geraden Linien werden da meist das armenische, christliche, muslimische und jüdische Viertel scharf getrennt. Doch Meir Margalit, Mitglied des Jerusalemer Stadtrats, zeigt, wie sehr sich die Grenzen bereits verschoben haben. Längst belegen gerade im muslimischen Teil israelische Flaggen, Davidsterne auf Türstürzen und hebräische Hinweistafeln, wie sehr die „Ent-Arabisierung“ Ost-Jerusalems vorangetrieben wurde. Häuser und Wohnungen kaufen ist in Jerusalem keine wirtschaftliche oder soziale Frage wie in Tel Aviv, sondern eine hochpolitische und konfliktträchtige.

Hauskauf: „friedliche“ Übernahme

Der Politiker der linksgerichteten Meretz-Partei steht auf dem umzäunten Dach eines Altstadthauses und zeigt auf die nur einen Steinwurf entfernte goldene Kuppel des Felsendoms. Meir Margalit ist überzeugt: Sollte sich die israelische Regierung eines Tages entschließen, die jüdischen Siedlungen im Westjordanland zu räumen, dann geht von hier die Provokation aus, die zu einer erneuten gewalttätigen und blutigen Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern führt. Denn dieses Haus gehört der jüdischen Siedlerbewegung. Unter der Zeltplane eines provisorischen Verschlags sitzen zwei junge Männer mit Pistolen im Hosenbund und spielen mit ihren Smartphones. Sobald jüdische Kinder das Haus verlassen, setzen sich vor und hinter ihnen unauffällig Sicherheitsleute in Zivil - allein die entsprechenden Ausbeulungen der Kleidung verraten sie - in Bewegung, um beispielsweise den Schulweg durch das muslimische Gebiet zu sichern.

Verarmte Palästinenser werden von jüdischen Käufern als Strohmänner beim Hauskauf im muslimischen Teil der Altstadt eingesetzt, berichtet Margalit. Sie dürften mit ihren Familien zunächst mehr oder weniger mietfrei das Haus beziehen, bis ein günstiger Zeitpunkt für die „Übernahme“ durch die Siedler gekommen ist. Eine andere Methode: Wurde ohne Baugenehmigung eine Veränderung an einem Haus vorgenommen, reicht meist die Abriss-Androhung verbunden mit dem Hinweis auf einen üppigen Verkaufserlös, wenn man sich denn sofort von der Immobilie trennt, um Muslime verkaufswillig zu stimmen.

So wie die zahlreichen Kameras den Altstadtbewohnern das Gefühl geben, ständig beobachtet zu sein, sollen die jüdischen Häuser eine neue „geostrategische Situation“ schaffen, ist Meir Margalit überzeugt. Selbst der muslimische Teil wird so mehr und mehr jüdisch kontrolliert. Jede städtebauliche Entscheidung in Jerusalem gilt als machtpolitische Demonstration oder kann als solche gedeutet werden. So legt sich mittlerweile ein grünes Band von Parks zwischen die Altstadt und Ostjerusalem, das von palästinensischer Seite in den Friedensverhandlungen als künftige Hauptstadt eines palästinensischen Staates beansprucht wird. Die Grünanlagen haben in den Augen der Kritiker nicht nur den Zweck, dort den Zuzug von Muslimen zu verhindern, vielmehr liege der Verdacht nahe, dass bei einer möglichen Teilung die Altstadt dem jüdischen Westjerusalem zugeschlagen werden soll, das nach wie vor durch eine ununterbrochene Bebauung mit ihr verbunden ist.

Ähnlich kritisch wird die neue Straßenbahnlinie betrachtet. Sie habe den Zweck, die Viertel Westjerusalems mit den jüdischen Siedlungen im palästinensischen Ostjerusalem zu verbinden. Man muss sicherlich nicht alle Befürchtungen teilen. Doch die zunehmende Präsenz von jüdischen Israelis auf von Muslimen beanspruchtem Gebiet fällt auf.

„Allahu akbar“, schallt es mit einem Mal wütend über den zuvor noch friedlich von der Morgensonne beschienenen Tempelberg. Vormittags steht der Besuch des von Muslimen nach Mekka und Medina als drittheiligste Stätte verehrten Orts auch Touristen offen - vorausgesetzt sie stellen sich geduldig an einem provisorisch und von israelischen Sicherheitskräften streng bewachten Aufgang in der Nähe der sogenannten Klagemauer an. Errichtet auf dem Areal des um 70 n. Chr. von den Römern zerstörten jüdischen Tempels ist dieser Ort Stein und Kunst gewordenes Symbol des unversöhnlichen Anspruchs zweier Religionen auf ein und denselben von ihnen als heilig verehrten Felsen.

Die wütenden Rufe wandern. Kamen sie gerade noch vom Zugang, haben sie sich nun vor den Eingang der al-Aqsa-Moschee verlagert. Männer und Frauen, die in kleinen Gruppen den Koran lesen, unterbrechen ihr Studium, um mit ihren „Gott ist groß“-Rufen eine Gruppe jüdischer Männer beim „Besuch“ des Tempelbergs zu „begleiten“. Dieses relativ neue Phänomen jüdischer Provokation der Muslime ist selbst unter frommen Juden umstritten.

„Warum provozieren sie uns?“, fragen die Muslime. „Wieso dürfen wir nicht an unserer heiligsten Stätte beten?“, fragen die jüdischen Siedler, die religiös überwiegend den Nationalorthodoxen angehören. Solche vermeintlich einfachen Fragen machen deutlich, wie verfahren der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis trotz aller Verhandlungsbemühungen ist. Im Westjordanland und im Gazastreifen fühlen sich die Menschen von einem aggressiven Besatzer eingezäunt beziehungsweise eingemauert. „Wir wollen nie wieder die verfolgte und ausgegrenzte Minderheit sein“, halten jüdische Israelis ihre aus der Geschichte und durch so manch aggressive Äußerung aus der arabischen Welt wohlbegründeten Ängste entgegen. Die Erzählungen beider Seiten sind in sich nachvollziehbar, sie sind aber so unvereinbar, dass eine Zusammenschau beider Perspektiven derzeit kaum möglich erscheint. Wer wie mit einem Objektiv den Nahen Osten heranzoomt, erkennt, dass die gesamte Region, aber auch die einzelnen Gesellschaften intern einem Mosaik gleichen. Je mehr sich der Betrachter nähert, desto deutlicher treten die scharfen Grenzlinien hervor.

„Jassir Arafat wollte bis zuletzt Israel auslöschen“, ist Bob Lang überzeugt. Als der 2004 gestorbene Palästinenserführer gemerkt habe, dass er mit Terrorattacken nicht weiterkommt, habe er zwar die Strategie gewechselt - aber nur, um unter dem Deckmantel des Friedensprozesses sein ursprüngliches Ziel Schritt für Schritt weiterzuverfolgen. Wie in einer amerikanischen Vorstadt, denkt man auf dem Weg zu Bob Langs Haus in der südlich von Betlehem mitten im Westjordanland gelegenen jüdischen Siedlung Efrat, die seit zwei Jahren mit Genehmigung der Regierung wieder rasant wächst. Adrette Einfamilienhäuser mit mindestens einem Auto davor, Rollrasen, alles perfekt getrimmt und gepflegt. Bob Langs Theorie trieft nicht nur vor Misstrauen gegenüber der palästinensischen Führung, sondern stempelt ebenfalls jeden Israeli, der über Gaza-Streifen und Westjordanland auch nur diskutiert, zum Verräter. Das englische Stichwort „Westbank“ reicht aus, und es brodelt in dem vor fast vierzig Jahren aus den Vereinigten Staaten eingewanderten, überzeugten Siedler: Während ganz selbstverständlich von Galiläa, dem Negev oder dem Sinai gesprochen werde, würde die korrekte Bezeichnung „Juda und Samaria“ nicht verwendet, um mit dem neuen Begriff „die gesamte jüdische Geschichte auszulöschen“.

Ein Staat oder zwei Staaten?

Vom Mittelmeer bis zum Jordan reicht für Bob Lang die Heimat des jüdischen Volkes. Selbstbewusst verweist er auf das gute Verhältnis zu den umliegenden palästinensischen Dörfern, die man mit Wasser versorge und beim Bau der Moschee ebenso unterstütze wie bei der von der palästinensischen Autonomiebehörde vernachlässigten Gesundheitsversorgung. In der Forderung nach einem Staat, in dem das gleiche Stimmrecht für alle gilt, sind die Siedler mit der Mehrheit der jungen Palästinenser einer Meinung. Beide wähnen die demografische Entwicklung auf ihrer Seite: die Siedler aufgrund der vielen Kinder bei den Frommen, die Palästinenser aufgrund der hohen Geburtenrate in den bei ihnen weiter verbreiteten ärmeren Schichten. Die säkularen Israelis wollen hingegen - wie auch die älteren Generationen der Palästinenser - nach wie vor eine Zwei-Staaten-Lösung entlang der Waffenstillstandslinie von 1949. Dabei sind sie selbst zu Kompromissen bereit, wenn es um den Tausch von Gebieten geht, auf denen heute Siedler leben. Die Motivation ist weniger die Einsicht in die Rechte der anderen Seite als vielmehr der sehnliche Wunsch, nach Jahrzehnten zermürbender Kämpfe endlich in Frieden ohne Bedrohung leben zu dürfen.

Doch dem steht die geforderte Anerkennung Israels als „jüdischer Staat“ entgegen - und zwar gar nicht einmal so sehr weil sich die Palästinenser daran reiben, sondern weil sich auch nach wie vor als jüdische Israelis bezeichnete Bürger damit nur schwer identifizieren können. Der Tel Aviver Historiker Shlomo Sand etwa hält die Forderung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu für die Zuspitzung einer bereits länger zu beobachtenden Entwicklung. „Anstatt die Israelisierung anzuerkennen und die Existenz einer israelischen Identität zu bestätigen, um die herum sich ein republikanisches und demokratisches Selbstbewusstsein kultivieren ließe, wurde der Staat zunehmend judozentrischer“, schreibt Sand in seinem Buch „Warum ich aufhöre, Jude zu sein“ (Berlin 2013). Heute weiß er, dass sein Traum, „dass sich ein israelischer Palästinenser in Tel Aviv zumindest ebenso frei fühlen könnte wie ein amerikanischer Jude in New York“, zu hoch gegriffen war. Das ändert für ihn aber nichts an seinem Plädoyer für die Entwicklung einer israelischen Identität. Denn „im Gegensatz zur abgeschlossenen säkularen jüdischen Identität birgt das Israelisein, weil es ein politisch-kulturelles, kein ‚ethnisches‘ Phänomen ist, das Potenzial einer offenen, inklusiven Identität, der sich andere grundsätzlich anschließen können“. Auch wenn diese Thesen in Israel bislang nur unter Intellektuellen diskutiert werden - allein, dass sie offen ausgesprochen werden können, weckt Hoffnung.

CIG 18/2014


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