69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. März 2017

Kommentar: Die Überforderung
Von der CIG-Redaktion
Die gegenwärtige politische Weltlage ist uneindeutig. Durch den Mangel an Klarheit, Richtung und Einordnung beschleicht manchen ein ungutes Gefühl. Für viele ist Unberechenbarkeit des Zukünftigen Angst einflößend. Was ist geistig geschehen innerhalb weniger Wochen, jenseits der sichtbaren kriegerischen Wirren in der Ukraine, in Syrien bis hin zu den Unruhen in den Favelas brasilianischer Vorstädte? Es scheint, als zeige sich derzeit eine denkerische Überforderung, die sich über die letzten Jahre nahezu schleichend vergrößerte. In der „Süddeutschen Zeitung“ erklärte der Freiburger Historiker Ulrich Herbert, dass wir uns „nach wie vor“ in einer weltweiten Umbruchphase befinden. „Die neuen Stichworte heißen: Globalisierung, digitale Revolution und Finanzkapitalismus.“ Zu diesen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts treten die „Altlasten“ des 20. Jahrhunderts und des Milleniumwechsels.

Erst jetzt - eben schleichend - zeigt sich, dass weder der Zusammenbruch des Sowjetimperiums noch die Ereignisse des 11. September 2001 hinreichend aufgearbeitet und damit bewältigt worden sind. Der russische Schriftsteller Wladimir Sorokin beschrieb in der „Zeit“ die Versäumnisse Russlands von 1991: „Die Jelzin’sche Revolution war eine ‚samtene‘, sie begrub die sowjetische Vergangenheit nicht, richtete nicht über deren Verbrechen, wie es vergleichbar Ende der vierziger Jahre in Deutschland geschehen war.“ Putin könne heute mit vermeintlich überholten imperialen und territorialen Ansprüchen agieren, weil in den Köpfen und Herzen von Millionen Russen die Sowjetunion nie untergegangen sei. „Meinungsumfragen zufolge hält heute beinahe die Hälfte der Bevölkerung Russlands Stalin für einen ‚guten Regenten‘.“

Wenn derzeit vielfach zu lesen ist, dass Putin sehr genau wisse, dass der Westen niemals militärisch in den ukrainischen Konflikt eingreifen würde, dann zeigt sich deutlich: Vor allem Amerika und Großbritannien sind seit dem nie wirklich aufgeklärten und bewältigten Terrorangriff 2001 und den Folgekriegen nachhaltig verunsichert. Wie diese neue Welt zu verstehen und einzuordnen ist, darüber herrscht aber nicht nur im „Westen“ Verunsicherung, sondern auch bei allen anderen, vorneweg Russland und China. Denn überfordert sind alle mit der „Angst vor dem anderen“, die nie größer war als in dieser Zeit der Globalisierung und totalen, real-virtuellen Vernetzung. Wer oder was „regiert“ wen oder was? Wer oder was „gestaltet Welt“- mit wem, mit welchem Ziel? Überfordert zeigt sich die Welt auch im Umgang mit den Verlierern des Kapitalismus.

Hoffentlich schlägt die Überforderung nicht in Angst und dann in Gewalt um wie jetzt gegen die Ärmsten in Brasiliens Favelas. Hoffentlich überlebt in den Köpfen und Herzen die gute Erfahrung geistig, kulturell und politisch bewältigter Vergangenheit.

CIG 18/2014


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