69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. März 2017

"Drinnen" oder "draußen" oder... ?
Von Jürgen Springer
Vor fünf Jahren haben Bundestag und Bundesrat die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen als rechtsverbindlich anerkannt. Damit wurde die sogenannte Inklusion zum bildungs- und sozialpolitischen Leitbegriff, der allerdings heftig diskutiert wird.

Der Begriff „Inklusion“ dürfte in der Öffentlichkeit lange lediglich Fach­leuten aus dem bildungs- und so­zialpolitischen Bereich vertraut gewesen sein. In Deutschland hat die Forderung nach Inklusion, also nach selbstbestimmter Teilhabe von Menschen mit Behinderung an allen Lebensbereichen, mittlerweile eine gewisse Popularität erlangt, zumal im Schulsektor, wo zuerst das Konzept einer solchen Pädagogik entwickelt worden ist. Einen Schub erhielt die Entwicklung, nachdem die Bundesrepublik vor fünf Jahren der Uno-Behindertenkonvention beitrat und diese gesetzlich verankerte. Seither sind Bund, Länder und Gemeinden angehalten, den gemeinsamen Unterricht von Kindern und Jugendlichen mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf entsprechend zu organisieren - und erleben ein Wechselbad der Gefühle.

Wie komplex diese Herausforderung sein kann, zeigt sich derzeit an der hochgradig kontrovers geführten Debatte über die Geschichte eines elfjährigen Jungen mit Down-Syndrom, früher Mongolismus genannt, im baden-württembergischen Walldorf. Henri ist im Rahmen eines Inklusions-Schulversuchs eines von drei Kindern mit Behinderung in der vierten Klasse einer Regel-Grundschule. Während zwei dieser Kinder auf das Gymnasium wechseln, weil sie das Abitur anstreben und dies auch erreichen können, wurde der Antrag von Henris Eltern vom Lehrerkollegium des Gymnasiums mehrheitlich abgelehnt. Begründung: Man habe dafür nicht die nötigen Rahmenbedingungen. Gemeint ist, dass die Pädagogen an der Schule es sich aufgrund der geistigen Behinderung des Jungen nicht vorstellen können, ihn gemäß den Ansprüchen des gymnasialen Lehrplans zu unterrichten.

Bernd Saur, Vorsitzender des baden-württembergischen Philologenverbandes, führte in der „Stuttgarter Zeitung“ aus, dass Henri wegen seines stark ausgeprägten Down-Syndroms „keine Chance hätte, dem Unterricht folgen und den Stoff begreifen“ zu können. Ihm sei ein vergleichbarer Fall aus Karlsruhe bekannt, wo ein Kind mit Down-Syndrom ebenfalls ein Gymnasium besucht. Dort sei der anfängliche Optimismus unter den Lehrern „in Frustration und Ernüchterung umgeschlagen“.

Der Streit um Henri

Größere Bekanntheit erlangte der Konflikt um Henri durch mehrere Internet-Petitionen, was den hohen Erregungsgrad verdeutlicht. Mehr als 20 000 Unterzeichnende möchten Kultusminister Andreas Stoch dazu bewegen, Henri im Rahmen eines Experiments doch ins Gymnasium aufzunehmen, zumal Schulamt, Stadtverwaltung und Ministerium nach Aussagen der Eltern hinter der Absicht stünden. Eine Gegenpetition, ebenfalls aus Walldorf, die bisher von 3000 Personen unterstützt wird, verfasste der Bruder eines schwer behinderten Schülers. Er ist der Überzeugung, dass dieser erst in der Sonderschule tragfähige Beziehungen knüpfen konnte, und bevorzugt deshalb den Sonderschulweg. Eine dritte Petition will die Debatte versachlichen und das Gymnasium in seiner jetzigen Form erhalten, zugleich körperlich behinderte Kinder nicht davon ausschließen.

Die Rektorin des Gymnasiums Walldorf, Marianne Falkner, hatte in der „Süddeutschen Zeitung“ ihre Betroffenheit über die Entwicklung zum Ausdruck gebracht. „Es hat mir sehr wehgetan, dass wir in die behindertenfeindliche Ecke gerückt werden.“ Ihre Schule nehme schon immer behinderte Kinder auf, die die Aussicht hätten, das Abitur zu machen. Aber es sei leider derzeit für ihre Schule unmöglich, Kinder wie Henri entsprechend zu fördern. Zudem beklagt sie den fehlenden rechtlichen Rahmen. Bei einem Schulversuch fürs Gymnasium sei bisher unklar, ob dieser auch abgebrochen werden könne, wenn die Schule sich später dagegen entscheidet.

Den Eltern Henris, die sich seit langem für Inklusion engagieren, geht es auch um eine grundsätzliche Frage. Es müsse deutlich werden, dass Inklusion Aufgabe aller Schulen und aller Schularten sei. Andernfalls schaffe man nur weitere Sondersysteme in der Gesellschaft. Auch ein Gymnasium dürfe sich da nicht herausziehen. Sonderpädagogen wiederum betonen, dass Menschen mit einer Behinderung so unterschiedlich sind wie Menschen ohne Behinderung. Der Förderbedarf müsse bei jedem einzelnen entsprechend individuell beurteilt werden. Das Stuttgarter Kultusministerium sucht nun eine „inklusive“ Klärung - unter Beteiligung aller Parteien.

Inklusion ist seit der Anerkennung durch den Bundestag ein Menschenrecht. Ulrich Pohl, der Vorstandsvorsitzende der Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, einer der bundesdeutschen Großorganisationen für Behinderten-, Kranken- und Altenhilfe, erklärte in der Zeitschrift „Zeitzeichen“: „Weite Teile der Gesellschaft können mit dem Begriff ‚Inklusion‘ noch gar nichts anfangen. Denn seit rund 170 Jahren ist Separation und nicht Integration, geschweige denn Inklusion das Modell für den Umgang mit behinderten Menschen. Schon beim Thema Integration gehen die meisten Leute ja davon aus, es betreffe nur Ausländer, die in ein fremdes Land kommen und sich anpassen sollen.“ Wenn aber Integration schon verkürzt verstanden werde, sei es mit der Inklusion noch schwieriger. Pohl schätzt, dass es „eine Generationenaufga­be“ sei, dem Inklusions-Gedanken auf breiter Grundlage zum Durchbruch zu verhelfen.

Vorbild Skandinavien

Eine Bestandsaufnahme legte die vor kurzem veröffentlichte Studie „Datenreport Inklusion“ der Bertelsmann Stiftung vor. Demnach öffnen sich immer mehr Schulen hierzulande für Schüler, die speziell zu fördern sind. Im Schuljahr 2012/2013 besuchten rund 28 Prozent der insgesamt knapp eine halbe Million Förderschüler in Deutschland eine Regelschule. Vor fünf Jahren lag der Anteil der Studie zufolge noch bei unter neunzehn Prozent. Die Zahl dieser Kinder mit Behinderungen sei insgesamt allerdings deutlich gestiegen. Nur weil sie zusehends in Regelschulen aufgenommen werden, blieb die Zahl der Kinder und Jugendlichen an Sonderschulen gleich. Die gleichzeitige Förderung von Regel- und Sonderschulen, so der Leiter der Studie, der Bildungsökonom Klaus Klemm, bremse eine „erfolgreiche Inklusion“ erheblich, weil die Förderschulen jene Ressourcen binden, die dringend für den gemeinsamen Unterricht benötigt werden. Und nicht nur das: Laut Klemm würden bei Abschaffung der Förderschulen zusätzlich 9300 Lehrkräfte gebraucht.

Im internationalen Vergleich liegt Deutschland beim gemeinsamen Unterricht am Schluss, wie die „Zeit“ bemerkt hat. Oft werden die skandinavischen Länder, wo das Inklusions-Prinzip in Schulen seit den achtziger Jahren gesetzlich verankert ist, als Vorbilder genannt. Doch finden sich dort ebenso Entwicklungen, die nachdenklich stimmen. So berichtet „Zeitzeichen“ (im selben Heft), dass in Schweden von Firmen unterstützte Privatschulen einzig für Nichtbehinderte entstehen, die die gesetzlich verankerte Inklusion umgehen. Vor allem wohlhabende Eltern „klagen über die Inklusion und schicken ihre Kinder auf Privatschulen“, beobachtet die Sonderpädagogin Susan Tetler von der Hochschule Malmö.

Noch ein ernüchterndes Ergebnis präsentierte die Gütersloher Stiftung: Die einzelnen Bundesländer setzen den Gemeinschaftsunterricht sehr unterschiedlich um. So besuchen im kleinsten Bundesland, im Stadtstaat Bremen, viermal so viele Schüler mit Behinderung eine reguläre Schule wie in Niedersachsen (63,1 Prozent gegenüber 15 Prozent). In Sachsen-Anhalt gehen nahezu dreimal mehr Schüler auf eine Sonderschule als in Schleswig-Holstein (7,1 gegenüber 2,5).

Ist Inklusion also nur eine Utopie, die wortreich „von oben“ propagiert wird? Die keinerlei Realitätsbewusstsein für die Anliegen der Lehrer, Erzieher, Pädagogen in den Regelschulen erkennen lässt? Die die Gesellschaft unterteilt in jene „drinnen“ und andere „draußen“?

Der Berliner Sonderpädagoge Bernd Ahrbeck spricht sich in der „Frankfurter Allgemeinen“ für eine Versachlichung der Debatte aus. Der derzeit vorherrschende Ton klinge fast so, als habe es bisher kein erfolgreiches Bemühen um einen humanen Umgang miteinander gegeben, kein ertragreiches und beide Seiten beglückendes Engagement für Menschen mit Behinderung, als sei erst jetzt der Zeitpunkt gekommen, um eine Menschlichkeit grundzulegen, die zuvor unmöglich gewesen sei. Ein nüchterner soziologischer Blick „desillu­sio­niert“. „Seit eh und je stehen gesellschaftliche Differenzierungen einer vollständigen Inklusion entgegen. Je stärker sich eine Gesellschaft funktional auffächert, desto mehr Teilsysteme bilden sich heraus.“

Es ist normal, verschieden zu sein

Keiner könne allen Teilbereichen zugleich angehören, auch nicht in einer sogenannten offenen Gesellschaft. Wenn einer nicht bestimmten Teilbereichen angehört, sei das systemtheoretisch weder ein moralisches noch ein soziales Problem. Mit Blick auf die Debatte über Inklusion an Schulen warnt Ahrbeck: „Es ist Vorsicht geboten, wenn bei der Beschulung behinderter Kinder der Eindruck erweckt wird, als ginge es um einen totalen Einschluss in die oder eine ebenso radikale Exklusion aus der Gesellschaft. So als ließe sich die Gesellschaft auf den einfachen Gegensatz von Exklusion und Inklusion reduzieren und von dem einen Zustand in den anderen transformieren.“

Ahrbeck zitiert den bereits gestorbenen, Germanisten und Philosophen Andreas Kuhlmann, der stark körperbehindert war. Dieser habe auf ein weit verbreitetes Missverständnis hingewiesen: die Weigerung, persönliche Defizite als solche anzuerkennen. Kuhlmann: „Ein begriffliches Prozedere, das Treffen einer Unterscheidung, wird mit einer moralisch verwerflichen sozialen Praxis, der Demütigung und Ausgrenzung von Personen, gleichgesetzt.“ So gelte bereits das Benennen einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung, die Bezeichnung einer Behinderung als abwertend. Kuhlmann sprach sich stattdessen dafür aus, die Dinge beim Namen zu nennen, um die politische Bedeutung von Behinderungen nicht zu verschweigen: dass es der gezielten Förderung von Personen bedarf, „um es diesen allererst zu ermöglichen, ihre Gleichheit auch praktisch zur Geltung zu bringen“. Oder anders gesagt: Dass es normal ist, verschieden zu sein, wie es Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker einmal formuliert hat.

Nach Bernd Ahrbeck gibt es „gewichtige Stimmen“ im Inklusions-Chor, die Personen nicht mehr gruppenbezogen etikettieren möchten - selbst wenn es nur in Form eines „sonderpädagogischen Förderbedarfs“ sei. Er plädiert für eine moderate Position, wonach Inklusion auch bedeutet, in Pädagogik und Politik bescheidener aufzutreten, also keine überstürzten Entscheidungen zu treffen. Über die - manchmal überhöhten - Ansprüche, die heute viele Eltern an ihre Sprösslinge und an die Schulen stellen, sagt der Professor nichts. Auch nichts darüber, dass sich vermehrt Eltern ihrer Erziehungsaufgabe geradezu entledigen, indem sie diese dem Staat oder pädagogischen Einrichtungen überlassen.

Er befürwortet jedoch, die Lebens- und Lernsituation von Kindern mit Behinderung schrittweise zu verbessern, „ohne dass es zu einem vollständigen Verzicht auf spezielle pädagogische“ Vorgehensweisen kommt. Ahrbeck sieht den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung als wichtiges gesellschaftliches Ziel. Man müsse dabei aber auch die Grenzen der Einrichtungen, der Lehrer und Erzieher anerkennen. Was eben auch bedeutet, die Sonderschulen nicht - wie es mitunter gefordert wird - einfach abzuschaffen.

Wie Inklusion in einer Grundschule im großstädtischen Milieu gelingen kann, zeigt der Dokumentarfilm „Berg Fidel - eine Schule für alle“ (Regie: Hella Wenders, 88 Minuten, W-Film 2013). Es ist, wie die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb, ein leiser Film geworden, der zeigt, dass man Inklusion umsetzen kann, indem man „alle fünf Sinne beisammen hat“. Die Kamera begleitet vier Kinder im gleichnamigen Münsteraner Stadtteil, zu Hause wie in der Schule, darunter der körperbehinderte David, Jakob mit Down-Syndrom und eine lernbehinderte Kosovo-Albanerin. Sie lernen mit den anderen Kindern in ihrer Klasse und in einer Schule, in der kein Kind abgewiesen wird.

Es ist nicht alles eitel Sonnenschein in Berg Fidel. Aber die Kinder bilden eine merklich aufeinander abgestimmte Gemeinschaft. Und auch wenn der körperbehinderte David, der in Mathe und Musik auch den nichtbehinderten Kindern etwas vormachen kann, nach der vierten Klasse in eine Sonderschule muss, gewinnt man den Eindruck, dass jedes der vier Kinder an seinem Platz ist - in der Schule wie zu Hause.

Dass Inklusion auch in einer ganzen Ortsgemeinde gelebt werden kann, macht seit Jahrzehnten die Kleinstadt Heitersheim im Markgräflerland vor. Der nahegelegene Caritasverband Freiburg-Stadt gestaltete zusammen mit Bürgermeister, Verwaltung und Vereinen die 6000-Seelen-Kommune so, dass verschiedene Einrichtungen der Alten-, Sozial- und Behindertenhilfe aufeinander abgestimmt sind. Vieles greift ineinander. Die Grund- und Realschule liegt räumlich neben der Schule für Kinder mit geistiger Behinderung. In einem von drei Kindergärten, einer integrativen Einrichtung, wird ein Konzept der pädagogischen Inklusion gelebt. Im Ort hört man immer wieder, dass Kinder, die dort inklusiv erzogen wurden, in der Grundschule durch große Hilfsbereitschaft und Aufmerksamkeit auffallen.

Damit niemand einsam ist

In „Zeitzeichen“ hat der Theologe und Kabarettist Rainer Schmidt, der 1965 ohne Unterarme und mit einem verkürzten rechten Oberschenkel geboren wurde, über seine Erfahrungen berichtet. Er hat selbst eine Sonderschule besucht, wechselte aber als Jugendlicher auf ein Gymnasium. „Würden Menschen mit offensichtlichen Behinderungen in die normale Schule gehen, so würde plötzlich auffallen, dass es viele Menschen mit versteckten Benachteiligungen gibt. Das Mädchen, das zu Hause nur türkisch spricht, kann mit dem Germanistik-Professoren-Sohn im Fach Deutsch nicht konkurrieren. Muss es aber, weil wir blind für diese Unterschiedlichkeit sind. Wo kämen wir hin, wenn jeder eine Ausnahme bekäme? Wo kämen wir hin, wenn sich plötzlich niemand mehr am Durchschnitt messen lassen müsste? Wo kämen wir hin, wenn wir die Unterschiedlichkeit der Menschen als Reichtum und nicht als Problem ansehen würden? Wir könnten womöglich Menschen nicht mehr zu Siegern und Verlierern machen. Wir müssten womöglich aufhören, von Menschen mit und ohne Behinderungen zu sprechen. Wir könnten womöglich ins Reich Gottes gelangen. Dahin, wo der Mensch wichtiger ist als die Summe seiner Leistungen. Dahin, wo Dazugehören wichtiger ist als Gewinnen. Wo Menschen einander unterstützen, damit niemand einsam ist.“

CIG 19/2014


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