69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 13. August 2017

Beinahe, Europa
Von der CIG-Redaktion
Der amerikanische Präsident Abraham Lincoln dankte 1861 Gott dafür, dass er ein Werkzeug sei, um Gott und seinem „beinahe“ auserwählten Volk zu dienen - „his almost chosen people“. Lincolns „almost“ sei Ausdruck seiner Absage an den Vorsehungsglauben in der Geschichte, heißt es in der „Zeitschrift für Ideengeschichte“. „Es gab für Lincoln keinen Zweifel, dass die Geschichte vor Gottes Augen geschah. Es bestand für ihn aber auch kein Grund anzunehmen, dass sie nach Gottes Plan ablief. Zwar hatte Gott seinen Willen bekanntgegeben, umsetzen mussten ihn aber fehlbare … Menschen.“ Während sechzig Jahre zuvor Präsident Thomas Jefferson noch von Amerika als „chosen country“ - „auserwähltes Land“ - gesprochen hatte, zeigte Lincoln sich vorsichtig, ohne allzu große Erwartungen, verunsicherter hinsichtlich der „Auserwähltheit“ und des zwangsläufigen Aufstiegs der Neuen Welt.

Es lohnt, Lincolns „Beinahe“ heutzutage auf die Alte Welt, auf Europa, zu spiegeln, wo sich seit gut zwanzig Jahren ebenfalls Verunsicherung und geschrumpfte Erwartungen zeigen. Seit dem Ende des Kalten Kriegs befindet sich der Kontinent in einem dauerhaften politischen wie auch geistig-kulturellen Dämmerzustand. Jahrzehntelang schien es, als könne die Staatengemeinschaft nichts aufhalten bei dem Projekt, eine neue Welt zu denken, eine neue Weise des Miteinanders für das 21. Jahrhundert und darüber hinaus. Immer deutlicher wird aber: Nur beinahe hat man das Nationalstaatsdenken überwunden. Es ist steckengeblieben in der abstrakten Brüsseler „Supranationalität“. Nur beinahe hat der europäische Wirtschaftsraum allen von Lappland bis Sizilien Wohlstand gebracht und den Menschen gedient. Die neue Bankenunion zeigt, dass zuvor der europäische Steuerzahler haften musste für die „Freiheiten“ der Banken-Bosse. Nur beinahe hat es Europa geschafft, auch an seinen Rändern Frieden zu sichern. Von der Ost-Ukraine bis zu den für Afrikaner (un)überwindbaren Mauern der spanischen Exklave Melilla sind die Außengrenzen in der Schwebe. Nur beinahe kann der Euro als letzte weitreichende Idee für Europa gelten, weil bis heute nicht alle bedeutenden Länder des „Friedenseuropa“ mitmachen, vorneweg Großbritannien. Und nur beinahe hatte der christliche Glaube eine neue Chance nach dem Untergang des atheistischen Kommunismus, aus dem der Konsum-Materialismus als alleiniger Sieger hervorging.

Trotz allem „Beinahe“: Europa ist ein Erfolg. Das Glück der - historisch gesehen - außergewöhnlichen Friedensperiode seit 1945 und des damit verbundene Wohlstands wird nicht geschmälert, wenn Europa noch nicht „perfekt“ ist. Es muss auch kein „auserwähltes“ Land werden. Es sollte nur bald wieder eine Idee haben von sich, der Zukunft, einem neuen Mit­ein­ander - über europäische Grenzen hinweg. CIG

CIG Nr. 20/2014


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