69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 30. April 2017

Kommentar: Neo-Osmanismus
Von CIG-Redaktion
Europäische Journalisten und Politiker hatten sich noch über die gefühlskalte Reaktion des türkischen Premierminister Recep Tayyip Erdogan anlässlich des Grubenunglücks in Soma aufgeregt, da schwappte die nächste Erregungswelle aus Ankara zu uns: dass Erdogan trotz der landesweiten Trauer über die Opfer von Soma nach Köln reisen wolle, um hier Wahlkampf zu machen für seine Staatspräsidentschaft. Allerdings wird angesichts der hierzulande medial präsentierten massiven Kritik an Erdogan ständig übersehen, dass die Türken in großer Mehrheit hinter ihm stehen, von ihm begeistert sind. Sie haben ihm gerade zum Trotz gegen westliche Ansichten bei den letzten Wahlen satte Mehrheiten verschafft. Seine markigen Sprüche, korrupten Machenschaften, sein Kampf gegen die Justiz, die schlechten Sicherheitsstandards in den Bergwerken oder die Abwertung Andersdenkender konnten die Türken bisher offensichtlich nicht ernsthaft gegen ihn aufbringen. Es ist vergleichbar mit Silvio Berlusconi in Italien. Außerhalb wurde dieser scharf kritisiert, die italienischen Bürgerinnen und Bürger aber gaben ihm mehrfach Stimmen-Mehrheiten. Wider alle Unkenrufe hatte Rom unter Berlusconi die stabilsten Regierungen. Er erhielt sogar ein Comeback. Ähnlich haben auch viele säkular gesinnte Türken die islamische „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ AKP bevorzugt.

Die „Zeit“ diagnostizierte eine „Liebe“ des Volkes zum Machthaber. Das klingt recht pathetisch. Aber die Stellung des türkischen Premiers, der seine Zeit als Politiker 2023 mit dem hundertjährigen Jubiläum der modernen Türkei krönen möchte, scheint gefestigt. Seine Popularität gründet sich auf der Förderung des Islam, den er in die Mitte der türkischen Identität zurückgeholt hat, ohne die seit Atatürk gängige Laizität formal aufzukündigen. Hinzu kommt der erstaunliche Wohlstand einer von oben geförderten anatolischen Mittelschicht, der sogenannten „schwarzen“ Türken, die noch bis vor fünfzehn Jahren als rückständig, unmodern, weil fromm und ungebildet galten. Ihnen stehen die „weißen“ Türken des früheren Establishments gegenüber. Es ist ein städtisches, nichtreligiöses Milieu, das sich freilich auf verschiedene Lager und Weltanschauungen aufteilt.

Der amerikanische Soziologe und Orient-Fachmann Roger Friedland, der die Entwicklung des Landes seit langem kennt, hat in „Lettre international“ eine wachsende Spaltung der türkischen Gesellschaft beklagt. Die Zukunft der Türkei hänge davon ab, „wie sie ihre ‚Anderen‘ behandelt“. Doch dafür fehle der Führung der nötige Wahrheits- und Versöhnungswille. Recep Tayyip Erdogan erweise sich zusehends als ein hart durchgreifender, „islamistischer Sultan“ eines Neo-Osmanismus.

CIG 21/2014


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