69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 30. April 2017

Kommentar: Glaubenskrise Geld
Von der CIG-Redaktion
Das Ende des Kapitalismus hat „Spiegel Online“ ausgerufen, als bekannt wurde, dass die Europäische Zentralbank einen Strafzins von 0,1 Prozent erhebt, wenn Banken ihr Geld bei ihr parken, anstatt es Unternehmern für Investitionen zu leihen. Für die zuletzt gelagerten 150 Milliarden Euro würden jährliche Parkgebühren von 150 Millionen Euro fällig. Da die Geldentwertung im Euroraum zuletzt nur noch 0,5 und nicht mehr die angestrebten zwei Prozent betrug, galt als sicher, dass der seit zwei Jahren fast auf Null stehende Hauptleitzins, zu dem sich Banken bei der Zentralbank Geld besorgen können, von 0,25 nochmals auf 0,15 Prozent gesenkt würde. Trotzdem fragte die FAZ besorgt: „Was heißt das für die Investitionen, wenn Kapital keinen Preis mehr hat oder Sparen sogar bestraft wird?“ Doch zum medialen Läuten des Sterbeglöckchens will die Champagner-Laune an der Börse nicht passen: Der DAX kletterte über die 10 000-Punkte-Marke.

Wer sein Geld sicher auf einem Sparbuch anlegt, wird schon lange bestraft. Auch in den Achtzigerjahren konnten naseweise Grundschüler am Weltspartag ihren Eltern vorrechnen, dass es angesichts der im Vergleich zum Sparzins viel höheren Inflationsrate geboten sei, keine Zeit zu verlieren, um das Taschengeld in Schokolade zu investieren, anstatt es verlustreich auf die Bank zu tragen. Selbst diejenigen, die den Versprechungen der Versicherer vertrauten und auf üppige Zinsen ihrer Lebensversicherungen hofften, werden derzeit eines Besseren belehrt. Und auch die Banker, die bereits seit zwei Jahren keine Zinsen mehr bekommen haben, wenn sie aus Angst, ihre Schuldner könnten die Kredite nicht zurückzahlen, überschüssiges Geld lieber der Zentralbank anvertrauten, verloren faktisch Geld - 2012 betrug die Inflationsrate noch zwei Prozent.

Sichtbar wird der Unterschied zwischen Glauben und Wissen. Wer wissen will, wie viel Geld er in einem Jahr hat, muss Wertverluste hinnehmen. Glaubt man dagegen an ein innovatives Produkt, eine neue Dienstleistung und gewährt dem Unternehmer einen Kredit (credere - glauben), kann dieser Glaube Berge versetzen. Allerdings mit dem Risiko der Enttäuschung, dem Verlust des angelegten Geldes, das - trotz gegenteiliger Rede - von sich aus nicht arbeitet. Seit der Bankenkrise von 2008 stecken Kapitalismus und Marktwirtschaft in einer Glaubenskrise, die zeigt, wie sehr sich die Finanzwirtschaft von ihren Wurzeln entfernt hat. Der Sinn von Aktien - Anteilsscheinen an einem Unternehmen, dem der Gläubige(r) für Innovationen sein Kapital zur Verfügung stellt - ist vom Zocken an den Börsen zur Bereicherung einiger weniger zerstört worden. Werte und Vertrauen entstehen erst wieder, wenn das Kapital den Kreativen und Innovativen dient, die sich der Entwicklung einer globalen, gerechten Welt verschreiben.

CIG 24/2014


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