69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 20. August 2017

Die Üblichen
Von der CIG-Redaktion
Die Überraschung blieb auch diesmal aus. Am Ende des WM-Fußballturniers haben sich erneut die Favoriten durchgesetzt - und nicht Geheimfavoriten. Seit Jahr und Tag werden die Außenseiter gelobt, weil sie mit unkonventioneller, frischer Spielweise die Großen in Verlegenheit, gar ins Straucheln bringen könnten und damit die schönste Nebensache der Welt spannend, unberechenbar machten. Doch behielt stets das „Berechenbare“ die Oberhand. Am Schluss sind es immer dieselben, die den Sieger unter sich ausmachen, wobei selbst „Helden“ wie Brasilien schockierend „untergehen“ können, so dass Mitleid manche Siegesfreude begleitet.

Besonders tragisch ist es für die Afrikaner. Ihnen wird nachgesagt, dass sie beim Fußball den Status eines Entwicklungslandes längst hinter sich gelassen hätten und bei den Besten mitmischen. Entgegen den Vorhersagen sind sie bisher jedoch nie wirklich weit gekommen. Das erinnert an Parallelen im kirchlichen Leben. Schon vor Jahrzehnten wurde für die „jungen“ Kirchen eine bedeutende Zukunft beschworen. Von aufblühenden afrikanischen Gemeinden erwartete die in Europa „müde gewordene“ katholische Weltkirche fruchtbare Impulse für eine wahrhaft universale und nicht nur „hellenistische“ Theologie. Das Heil kommt aus dem Süden? Diese Hoffnung war überzogen. Es liegt nicht nur am Bremsverhalten des Vatikan, wenn es nicht gelungen ist, die entscheidenden Herausforderungen in der Gottesfrage durch Entmythologisierung und Aufklärung mit Hilfe der „Süd“-Theologen und einer neuen neuen Theologie innovativ zu bewältigen. Die Erfolge der lateinamerikanischen Befreiungstheologie wiederum können nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese europäisch geprägt ist, was ihre philosophischen wie sozialwissenschaftlichen und kulturellen Zusammenhänge betrifft.

Im Fußball wie im richtigen Leben bestimmen die Starken den Kurs untereinander. Im globalen Betrieb bleiben die Mächtigen mächtig, allenfalls mit gewissen Schwankungen. „Er stürzt die Mächtigen vom Thron …“ - nur ein frommer Wunsch, ein Traum? Kein Traum ist die Hoffnung, dass diejenigen mit den größten Potenzialen auch die größte Verantwortung für Erneuerung und Fortschritt wahrnehmen. Das gilt für Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur ebenso wie für die Religion, den Glauben. Die oft als zu „eurozentrisch“ kritisierte „westliche“ Theologie kann ihre Aufgaben nicht an andere delegieren. Sie ist weiter in der Pflicht, selber für Reformen und Innovationen zu sorgen. Wenn dazu Anstöße von anderswoher kommen - umso besser. Geistige Wachheit jedenfalls ist und bleibt das beste Mittel gegen die Erstarrung, gegen das Routinierte, Übliche - im Spiel des Fußballs wie im Spiel des Glaubens.

28/2014


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