69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. März 2017

Kommentar: Wir
Von der CIG-Redaktion
Wir sind Weltmeister - zumindest für einige Stunden, ein paar Tage, bis der Freudenrausch abgeklungen ist. Beim Lesen dieser Zeilen gilt für die meisten bereits: Wir waren Weltmeister. Der Alltag hat uns wieder. Zuvor jedoch sahen wir, dass Soziologen, die eine individualistische Gesellschaft verkünden, nicht ganz recht haben. Auch in Zeiten der Vereinzelung ist das Vergemeinschaftungsbedürfnis nicht verflogen. Je weniger Milieus, Parteien, Konfessionen und Religionen die Zugehörigkeit bestimmen, umso mehr wächst die Sehnsucht, sich anderswoher als Gemeinschaftswesen zu konstituieren, sich eine kollektive Identität wenigstens einmal zu borgen. Daher umarmen sich Wildfremde im Freudentaumel beim Public Viewing, suchen Massen die Wärme der Fanmeile. Das tröstet gegen Einsamkeit, das erlaubt, Gefühle mit „Gleichgesinnten“ zu teilen, die sonst nicht gleichgesinnt sind.

Eine Fußball-WM ist etwas Besonderes, Einzigartiges. Im Gegensatz zu Weltmeisterschaften, die jährlich stattfinden, gibt es dieses Turnier nur selten, bloß alle vier Jahre. Es dauert womöglich Jahrzehnte, bis eine Ländermannschaft wieder einmal die Chance hat, nach dem Pokal der Pokale zu greifen. Und wann je schaut wieder einmal ein farbenfroh leuchtender segnender Christus zu wie über Rio, der Stadt so vieler erfüllter und geplatzter Träume? Die Fußball-WM widersetzt sich jedenfalls noch, solange die Fifa nicht andere geldgierige Pläne hegt, der Nivellierung durch die Inflation der Events, die austauschbar sich gegenseitig auslöschen. Die Erinnerung an ein WM-Turnier bleibt in der Seele ein Leben lang haften. Weißt du noch, damals...? Das melancholische Verwehen der Zeit erhält im Fußball dichtesten Ausdruck, einen existenziellen Ankerpunkt.

Vor allem aber war es diesmal die Leichtigkeit des Spielerischen nach dem Spiel, die berührte. Früher wäre es bei diesem „bierernsten“ Männersport undenkbar gewesen, dass Freundinnen, Frauen und Kinder der Athleten sich unmittelbar nach Abpfiff auf dem Rasen versammeln, sich herzen, küssen, miteinander flachsen, Späße machen. Die herrlichste Nebensache der Welt hat jenseits der Milliarden-Beträge, um die sich alles dreht, plötzlich etwas ganz schlicht Menschliches gewonnen. Sinnbild dafür war die Szene, wie ein beliebter Stürmer ganz allein mit sich und seinem kleinen Sohn in der bedeutendsten Arena der Welt, dem Maracanã, kickte, Elfmeterschießen „übte“, als wäre vorher nichts gewesen, während alle anderen in der Kabine feierten oder Interviews gaben. Die große Welt wird plötzlich ganz einfach und klein. Das ist das wahre Leben, in dem Wir uns wiederfinden als Zuschauer und Beteiligte - auf Zeit.

CIG29/2014


Facebook icon Auf Ihre Anregungen und Kommentare freuen wir uns auf Facebook!
Wir freuen uns, wenn Sie CHRIST IN DER GEGENWART näher kennen lernen wollen. Die nächsten vier Ausgaben können Sie gleich hier kostenlos anfordern oder bei:
Verlag Herder, Kundenservice, D-79080 Freiburg
Fax 0761/2717-222, Telefon 0761/2717-200, E-Mail kundenservice@herder.de

Mit unserem Gratis-Newsletter informieren wir Sie über Neues.


Impressum