69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. März 2017

500 Jahre Reformation - der Versuch einer Rechtfertigung
Von Thomas Söding
Eine Denkschrift der Evan­gelischen Kirche in Deutschland wirft Fragen auf.

Kein Grund zum Jubeln? 500 Jahre Reformation werden 2017 gefeiert - aber noch weiß niemand so recht, was eigentlich genau gefeiert wird und wer schließlich hingeht zum Fest. Selbstverständlich ist die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hoch motiviert. Sie sieht die Chance, über das Jubiläum wieder ins öffentliche Gespräch zu kommen - mit positiven Nachrichten über Gott und über den guten Einfluss von Gläubigen auf die Geschichte. Sie hat starke Unterstützung in der Politik gefunden. Die Bundesregierung hat sich die Sache zu eigen gemacht. Viele Reformationsgedenkstätten wurden und werden renoviert. Große Ausstellungen werden geplant - in Berlin, Torgau, Wittenberg und auf der Wartburg. Sie kosten viel Geld und sollen viele Besucher anlocken. Ein ganzer Zehnjahresplan ist erstellt worden, mit Themenjahren zu „Bekenntnis“, „Bildung“, „Freiheit“, „Musik“, „Toleranz“ und „Politik“ - wer erinnert sich noch? „Bild und Bibel“ (2015) sowie „Eine Welt“ (2016) werden folgen. Die Grundlinie ist klar: Martin Luther ist modern (er hat es nur selbst nicht gewusst), und die Moderne ist lutherisch (sie hat es nur leider vergessen).

Nur mit Luther?

Aber bei der Antwort auf die Frage, wer mitmacht, wird es eng. Schon auf evangelischer Seite: Jede Marketingstrategie verlangt nach Personalisierung. Also gibt es eine „Lutherdekade“. Es gibt witzige Lutherplastiken, die den Reformator vom Sockel holen - als überdimensionierten Gartenzwerg, der dem heroischen Bild des 19. Jahrhunderts verhaftet bleibt. Aber war die Reformation nur das Projekt von Martin Luther? Was ist mit den Reformierten, den „Calvinisten“ und den „Zwinglianern“? Mit den Baptisten und den Mennoniten, den Anglikanern und den Methodisten? Was ist mit den protestantischen Kirchen, die nicht zur EKD gehören? In Deutschland sind diese Gruppen klein, aber weltweit sind sie oft sehr groß. Müssen sie sich jetzt auch auf Martin Luther konzentrieren? In Deutschland gibt es zwar die „Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen“, in der sie alle vertreten sind. Doch ihre Kräfte sind schwach. Sind sie nur Zaungäste bei all den Feierlichkeiten, die geplant sind?

Und die katholische Kirche? Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel hat mit leichter Ironie bemerkt, dass die Katholiken nicht mitjubeln, sondern des Beginns der Reformation nur „gedenken“ wollen. Der Namensstreit ist zum Politikum geworden. Zwar steht auch im Evangelischen Gesangbuch unter dem Datum des 31. Oktober „Gedenktag der Reformation“. Im biblischen Sinn gehört zum Gedenken die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die genaue Vergewisserung über ihre gegenwärtige Bedeutung und die differenzierte Einschätzung, welche Zukunft sie hat. Auch die Feier gehört zur Erinnerung - wenn man sich mit der Vergangenheit versöhnt hat.

Aber genau da liegt der Hase im Pfeffer. Was gibt es aus katholischer Sicht an der Reformation zu feiern? Ganz früher hätte man gesagt: gar nichts. Denn Luther ist ein entsprungener Mönch, der sein Zölibatsversprechen gebrochen hat, und die Reformatoren sind Spalter, die dem Leib der Kirche schreckliche Wunden zugefügt haben. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich allerdings durch die katholische Reformationsforschung die Lage erheblich verändert. Joseph Lortz (1887-1975) und Erwin Iserloh (1915-1996) waren die Pfadfinder. Sie bauten einen steilen Spannungsbogen auf.

Der eine Pol lässt sich so beschreiben: Die katholischen Bischöfe der Reformationszeit haben versagt. Verstrickt in die Politik und vor allem an der Häufung ihrer Pfründe interessiert, waren sie alles Mögliche, nur nicht das, was sie hätten sein sollen: Seelsorger ihrer Gemeinde, Lehrer des Glaubens, Hirten der Kirche.

Der andere Pol lautet: Martin Luther hat in sich einen Katholizismus niedergekämpft, der nicht katholisch war. Seine Kritik am Ablasshandel war ebenso berechtigt wie seine Kritik an der Ämterhäufung, an der Verquickung von Kirche und Politik, an der schlechten Ausbildung der Priester, an der Veräußerlichung der Frömmigkeit.

Hinter diesen Forschungsstand kann die katholische Kirche nicht mehr zurück. Kann sie aber darüber hinaus? Das wäre unbedingt nötig. Denn der Forschungsstand ist nicht ganz unproblematisch.

Der „Antichrist“ im Internet

Auf der einen Seite ist klar: Ohne die Übernahme historischer Verantwortung und das Eingeständnis eigenen Versagens kann die katholische Kirche nicht zur Reformation Stellung beziehen. Kardinal Kurt Koch, Präsident des vatikanischen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, hat 2012 zugespitzt formuliert: „Wir können keine Sünde feiern“ - und sich dabei ausdrücklich auch auf die eigene Kirche bezogen.

Dass es eine Schuldfrage gibt und dass sie nicht einseitig beantwortet werden kann, ist gleichfalls eine historische Wahrheit. Man darf sich der Vielfalt erfreuen. Aber spätestens wenn es um Verfolgung und Vertreibung, um die Diskriminierung von Andersgläubigen geht, gar um Religionskrieg, hört der Spaß auf. So maßlos die Denunzierung Luthers durch die katholischen Kontroverstheologen war, so maßlos war die Verunglimpfung des Papstes als „Antichrist“, die im Internet fröhliche Urständ feiert, sowie die grobschlächtige Kritik am angeblichen Aberglauben des Kirchenvolkes, dem die Marienfrömmigkeit und die Heiligenverehrung ans Herz gewachsen waren.

Ohne dass die Wunden verarztet werden, die durch den Streit der Konfessionen gerissen worden sind, ist jede gemeinsame Erklärung ein Lippenbekenntnis und jede Feier reine Show. Die evangelische Seite kann sich nicht, wie oft genug in der Vergangenheit, damit zufriedengeben, die Triumphe der Reformation zu feiern - früher die Befreiung vom römischen Joch, dann die nationale Einigung und die deutsche Kämpfernatur, heute die kulturelle Prägekraft. Die katholische Seite wiederum kann sich aber auch nicht in den Schmollwinkel zurückziehen oder so tun, als ob nichts geschehen wäre.

Aus diesem Grund haben die deutsche Bischofskonferenz und die EKD einen Prozess gestartet, den sie, nicht ohne Dramatik, „healing of memories“ nennen, „Heilung der Erinnerung“. Es geht darum, sich ehrlich zu machen. Es geht auch darum, aus der Sackgasse von Selbstgenügsamkeit und Unsicherheit herauszukommen. Bischof Gerhard Feige von Magdeburg, Ökumene-Sprecher der Bischofskonferenz, hat erklärt, es gehe darum, ein „Christusfest“ zu feiern, das nicht die Kirchen selbst in den Mittelpunkt stellt, sondern den, auf den sie sich berufen und ohne den sie nichts sind. Wenn ein solches Fest gefeiert und nicht ein weiteres Mal der Mythos von den Hammerschlägen an der Wittenberger Kirchenpforte erzählt wird, mit denen Luther die alte Welt zum Einsturz gebracht hat, kann sich die katholische Kirche schwerlich verweigern.

Was uns verbindet

Aber die kritischen Fragen reichen weiter: Wenn es nur ein unkatholischer Katholizismus war, den Luther in sich nieder­gerungen hat, gäbe es keine echte Herausforderung der katholischen durch die evangelische Theologie. Das anzuerkennen, fällt der katholischen Seite notorisch schwer. In 500 Jahren Reformation ist aber etwas gewachsen, was theologische Substanz hat. Man braucht nur an Luthers grandiose Bibelübersetzung und an die wunderbaren Kirchenlieder von Paul Gerhardt zu denken - und muss dann aber fragen, woher diese poetische wie spirituelle Kraft kommt.

Das genau ist der Ernstfall der Ökumene: entdecken, was die anderen besonders klar sehen und besonders gut machen, zugleich die eigenen Grenzen erkennen und den wechselseitigen Austausch fördern. Keine „Ökumene der Profile“ ist dann angezeigt, die Wolfgang Huber 2005 als EKD-Ratsvorsitzender bei einer Begegnung mit Papst Benedikt XVI. in Köln ausgerufen hatte, sondern eine Ökumene der Stärken. Beispiel Liturgie: Die Volkssprache ist eine Morgengabe der Reformation, die Zeichensprache ein Schatz der katholischen Kirche.

In den ersten Jahrzehnten ihres modernen Aufschwungs hat sich die Ökumene auf die Entdeckung der Gemeinsamkeiten konzentriert. „Das, was uns verbindet, ist viel stärker als das, was uns trennt.“ Dieser Ausspruch von Papst Johannes XXIII. gab die Richtung vor - im Vorfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils. Ist dieses Wort etwa falsch? Dennoch herrscht bei einigen Professoren und Bischöfen der Verdacht, die Ökumene sei ein theologischer Weichspüler, der die realen Probleme nicht wahrhaben wolle. Das Kirchenvolk denkt anders. Und gilt nicht mehr der alte römische Rechtsgrundsatz: audiatur et altera pars - man muss auch die andere Seite hören?

Symptomatisch ist das Schicksal der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“. Am 31. Oktober 1999 feierlich in Augsburg unterzeichnet, hat sie einen Meilenstein der Ökumene gesetzt. Aber auf evangelischer Seite hat sie den Protest sehr vieler Theologieprofessoren ausgelöst, woraufhin auf katholischer Seite die Erklärung der Glaubenskongregation mit dem schönen Titel „Dominus Jesus“ („Herr ist Jesus“ - 1 Kor 12,3) veröffentlicht wurde. Sie enthielt das barsche Urteil, die evangelischen „Gemeinschaften“ seien nicht „Kirchen im eigentlichen Sinn“, weil sie kein richtiges „Amt“ hätten und deshalb keine ordentliche Eucharistie feierten.

Vielfalt bewahrt vor Monotonie

Die „Gemeinsame Erklärung“ war aber theologisch weiter als viele der kritischen Reaktionen, die sie ausgelöst hat. Denn sie hat ja gerade nicht den Eindruck erweckt, nachts seien alle Katzen grau. Sie hat vielmehr die genauen Unterschiede zwischen typisch evangelischen und typisch katholischen Formen der Rechtfertigungslehre bestimmt und dann geurteilt, diese Unterschiede seien nicht „kirchentrennend“. Das aber heißt: Sie lassen sich von der jeweils anderen Seite als charakteristische, profilierte und respektable Ausprägungen eines gemeinsamen Grundverständnisses erkennen. Man kann von ihnen lernen. Man sollte es dann aber auch. So kann die Vielfalt der Einheit dienen und sie vor Monotonie bewahren.

Auf 2017 bezogen, heißt das: Die Ökumene ist heute so weit, dass sie jenseits von Vereinnahmungen und Abweisungen fragen kann: Was haben Katholiken und Evangelische in 500 Jahren einander angetan? Und was haben sie aneinander? Ohne die Bereitschaft zur Umkehr, zum Bekenntnis der eigenen Sünden und zum Aufbruch in eine bessere Zukunft, ist das nicht möglich.

Im internationalen Dialog zwischen den Katholiken und den Lutheranern hat man diese Chance genutzt: „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“ (2013) ist eine programmatische Schrift überschrieben, die im Auftrag des Lutherischen Weltbundes und des Päpstlichen Einheitsrates entstanden ist. Sie beschreibt offen die unterschiedlichen Erzählungen desselben Geschehens in den beiden Konfessionen und bahnt eine gemeinsame Erinnerung an, die von der Aufgabe inspiriert ist, heute, im Zeitalter der Globalisierung und der Säkularisierung, die Gottesfrage zu stellen und aus der Quelle des Glaubens, so gut es geht, gemeinsam zu beantworten.

Auf nationaler Ebene tut sich der ökumenische Dialog schwerer. In Deutschland, dem Mutterland der Reformation, ist alles besonders kompliziert. Deshalb ist es gut, dass die EKD jetzt die Karten auf den Tisch legt und in einer Denkschrift erklärt, was sie an der Reformation heute wichtig findet. „Rechtfertigung und Freiheit“ ist das Dokument überschrieben. Es konzentriert sich auf die Theologie. Es greift mit der Rechtfertigung den Glaubensartikel auf, mit dem nach Luther die Kirche steht und fällt. Und es greift mit der Freiheit ein Zauberwort der Neuzeit auf, das vielfach als Emanzipation von der Kirche verstanden wird, nun aber als Geschenk der Reformation an die Leute von heute präsentiert wird.

Der Text hat allerdings sofort eine kontroverse Debatte ausgelöst. Einerseits haben Heinz Schilling, der bekannte Luther-Biograf, und der evangelische Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann aus Göttingen, ein ausgewiesener Reformationsfachmann, in der „Welt“ den Vorwurf einer heilsgeschichtlichen Ideologisierung erhoben: Alles drehe sich nur um die - tatsächlichen oder vermeintlichen - theologischen Entdeckungen Martin Luthers, während von der Breite der reformatorischen Bewegungen, von den kulturellen und politischen Umwälzungen der beginnenden Neuzeit und von anderen europäischen Reformbewegungen keine Rede sei. Andererseits hat Kardinal Walter Kasper bemängelt, dass von der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ so gut wie keine Rede sei. Dass Christoph Markschies, evangelischer Kirchenhistoriker in Berlin, vormals Präsident der Humboldt-Universität, als Vorsitzender des Autorenteams erklärte, dies sei geschehen, um die Studie nicht zu „belasten“, brachte das Fass zum Überlaufen.

Wolfgang Thönissen, Direktor des renommierten Adam-Möhler-Instituts für Ökumene in Paderborn, forderte in der Katholischen Nachrichten-Agentur daraufhin, die Katholiken sollten keine Einladungen zu Reformationsfeiern annehmen, bis die offenkundige Absage an die Gespräche der letzten Jahre vom Tisch sei.

Schwächen…

Tatsächlich sind die Schwächen des Papieres unübersehbar. Es versucht eine evangelische Selbstvergewisserung, die selbstbewusst sein soll, aber selbstbezüglich ist. Beim Lesen gewinnt man den Eindruck, alles Wesentliche habe sich in Deutschland abgespielt und sei am besten von einem deutschen Standpunkt aus zu beurteilen. Auch wenn einleitend die mittelalterlichen Reformbewegungen erwähnt werden, ohne die Luther gar nicht zu verstehen ist, wird im Kern der Studie so getan, als ob Luther eine neue Welt erschaffen habe und als ob man Theologie heute nur aus diesem Schöpfungsakt heraus gestalten könne. Der Reformator wird dadurch auf ein Podest gestellt, das er selbst wohl nie betreten hätte.

An drei Punkten muss die Kritik besonders pointiert werden. Erstens wird in „Rechtfertigung und Freiheit“ zwar das „allein die Schrift“, eine der wichtigsten Parolen der Reformation, zitiert. Aber die Bibel schnurrt auf zwei, drei Paulusstellen zusammen. Es fehlt jeder Ansatz, die Reformation selbst kritisch von der Bibel her zu sehen und sich mit Stellen auseinanderzusetzen, die nicht so genau ins vorgefertigte Schema passen. Wo bleibt das Alte Testament mit seiner Freude am Gesetz? Wo die Bergpredigt mit ihrem Plädoyer für die guten Werke? Wo bleibt der Paulus der Mystik?

Zweitens wird zwar versucht, die moderne Freiheitsgeschichte als Wirkungsgeschichte der Reformation darzustellen. Aber Luther kann sich - wie Paulus - nur eine Freiheit vorstellen, die durch Gott geschenkt wird, aber nicht eine, die unabhängig von Gott wäre. Weil der gravierende Unterschied zum modernen Freiheitsverständnis nicht diskutiert wird, wird weder die neue Herausforderung deutlich noch die bleibende Bedeutung des biblischen Ansatzes. Der Versuch, die Moderne zu vereinnahmen, ist ein Schlag ins Wasser.

Drittens gibt es in „Rechtfertigung und Freiheit“ zwar ein paar freundliche Formulierungen, die den guten Vorsatz erkennen lassen, nicht auf Kosten der Katholiken oder mit dem Rücken zu ihnen zu feiern. Aber es bleibt beim guten Vorsatz. An einer ganzen Reihe von Stellen muss die katholische Kirche den Pappkameraden abgeben, den man ohne sehr viel Mühe abschießen kann. Ist es wirklich ausgeschlossen, dass bei einem evangelischen Dokument dieses Zuschnitts so etwas wie einen katholischen „controller“ gibt? (Umgekehrt muss man allerdings genauso fragen.)

…und Stärken

Noch schwerwiegender ist, dass es in „Rechtfertigung und Freiheit“ auch nicht den Ansatz einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der katholischen Theologie gibt. Um nur das Freiheitsthema aufzugreifen: In den Turbulenzen der Reformationszeit war sie es, die den freien Willen verteidigt hat, also die Verantwortung der Menschen für ihr Heil, ihre einsichtsvolle Zustimmung zum Wort Gottes, ihre kreative Mitwirkung an seinem Heilswirken. Eine direkte Linie von der protestantischen Rechtfertigungslehre zum demokratischen Rechtsstaat zu ziehen, ist, vorsichtig gesagt, ziemlich kühn. Eine Nebenbemerkung zur Bedeutung des katholischen Kirchenrechts und der bürgerlichen Emanzipationsbewegungen, der Aufklärung und der „weltlichen“ Menschenrechtsbewegungen hätte nicht geschadet.

Freilich muss man bei aller Kritik die Kirche im Dorf lassen. „Rechtfertigung und Freiheit“ enthält zahlreiche Passagen, die ausgesprochen gelungen und herausfordernd sind, auch für die katholische Kirche, etwa über die prägende Kraft des Glaubens oder über die kritische Orientierung der Kirche an der Heiligen Schrift. Im Übrigen muss sich die katholische Kirche fragen, ob sie bei ihren eigenen Jubiläen nicht auch der Gefahr der Selbstbeweihräucherung erliegt. Oder wo wird öffentlich gewürdigt, welch positiven Einfluss beim Zweiten Vatikanischen Konzil die evangelische Theologie auf die Kirchenreform ausgeübt hat? Kardinal Karl Lehmann, Bischof von Mainz, ist einer derjenigen, die es regelmäßig machen, aber es gibt nicht viele, die an seiner Seite stehen.

Es ist wichtig, dass die EKD einen theologischen Zugang zur Reformation öffnen will. Die Reformation war im Kern ein religiöser Aufbruch. Gelingt es nicht, diesen Ansatz und seine Folgen zu verdeutlichen, führt jede Begegnung mit der Reformation ins Museum, nicht aber in die Kirchen und auf die Gesprächsforen, die heute geöffnet sind. Freilich fordert dies erheblich mehr Aufwand, als das Dokument erkennen lässt.

Es mag verständlich sein, die berühmt-berüchtigten Exklusivartikel „allein Christus“, „allein aus Gnade“, „allein im Wort“, „allein aufgrund der Schrift“, „allein durch den Glauben“ ins Zentrum zu stellen. Aber das kostet einen hohen Preis. Diese Exklusiv-Aussagen werden weder historisch eingeordnet noch theologisch hinterfragt. Es wird so getan, als seien sie alternativlos und könnten ohne weiteres modernisiert werden. Mehr noch: Weil sie in Abgrenzung formuliert sind, brauchen sie immer ein Gegenüber, an dem sie sich abarbeiten können. Das ist im Zweifel der Gigant der katholischen Kirche - die „Altgläubigen“ oder die „Papisten“ wie sie, je nach Temperament, gern genannt werden.

Nur „Allein“?

Von ihrer Gattung her schließen die Exklusivartikel aus und nicht ein. Sie kritisieren, aber sie können nur dann etwas aufbauen, wenn sie gerade nicht „allein“ bleiben, sondern ihre Verbindungen stärken: Christus mit der Kirche, die Gnade mit der Freiheit, das Wort mit dem Sakrament, die Schrift mit der Tradition, der Glaube mit der Liebe. Die Ökumene hat all das genau beschrieben und dadurch das evangelische Charisma auch den Katholiken nahegebracht - aber diese Klärungen werden notorisch nicht einbezogen.

Freilich muss die katholische Kirche selbst dringend ihr Verhältnis zur Reformation klären. Die kulturellen Leistungen zu würdigen, wäre ein erster Schritt. Entscheidend ist die Theologie. Bei seinem Besuch 2011 in Erfurt, der leider ein zwiespältiges Echo ausgelöst hat, hat Papst Benedikt XVI. den entscheidenden Punkt genannt: die Frage nach dem gnädigen Gott, die Martin Luther umgetrieben hat. Und der Papst hat sie mit der Frage verbunden, welche Antworten Katholiken und Protestanten heute geben können. Katholiken können heute nicht guten Gewissens von der prägenden Kraft des Glaubens, von der Orientierungskraft der Bibel, von der verantwortlichen Beteiligung aller Getauften am Leben der Kirche sprechen, ohne dass sie die starken Impulse der Reformation anerkennen. Sie können positive Religions- und Gewissensfreiheit nicht überzeugend einfordern, ohne dass sie sich mit der Reichsacht und dem Kirchenbann gegen Luther, mit der Politisierung der Religion, mit dem Konformitätsdruck der Konfessionen kritisch auseinandergesetzt haben. Sie können nicht an Modellen der Kircheneinheit festhalten, die so tun, als habe es die Reformation nicht gegeben.

Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Bischofskonferenz, hat kürzlich vor der katholisch-theologischen Fakultät Bochum ausgeführt, dass durch die Reformation erstmals so etwas wie eine Wahlfreiheit in Sachen christlicher Religion greifbar geworden sei. Wer wollte leugnen, dass dies ein religiöser Gewinn und nicht ein religiöser Verlust ist? Und wer mag sich noch die Einheit der Kirche als eine geschlossene Gesellschaft vorstellen, in der es nicht eine legitime Vielfalt von persönlichen und kirchlichen Glaubenswegen gibt?
2017 ist und bleibt eine Chance, den Glauben ins Gespräch zu bringen. „Rechtfertigung und Freiheit“ ist immerhin ein Versuch. Die Kritik hat eine öffentliche Debatte in Gang gebracht. Es wäre gut, wenn sie nicht die Spaltung vertiefen, sondern die Einheit fördern würde. Noch ist Zeit. Es ist aber noch viel zu tun.

Thomas Söding, Dr. theol., ist Professor für neutestamentliche Exegese an der Ruhr-Universität in Bochum. Er gehört der internationalen Theologenkommission des Vatikan sowie der Akademie der Wissenschaften in Nordrhein-Westfalen an.


CIG 31/2014


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