69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 17. September 2017

Mythos Kontinuität
Von der CIG-Redaktion
Das Lehramt der katholischen Kirche besteht darauf, dass es in der Glaubensgeschichte des Christentums, genauer: in der Dogmengeschichte, keinerlei Brüche gebe. Vielmehr habe sich die Glaubenslehre von den Anfängen der Apostel bis zur Gegenwart stets kontinuierlich entwickelt. Allenfalls werde noch nicht Erkanntes harmonisch ergänzend aus dem Bisherigen gewonnen und präzisiert. Die Kirche habe weder das Recht noch die Möglichkeit, in wichtigen Fragen die Ansichten früherer Generationen zu korrigieren oder gar radikal neue Wege zu gehen, sondern müsse dafür sorgen, dass das „Depositum fidei“, der kostbare Glaubensschatz, unverändert an die nächste Generation weitergegeben wird. Fachtheologisch ist die Rede von einer „Hermeneutik der Kontinuität“.

Doch diese Vorstellung ist ein Mythos, eine Fiktion und historisch nicht haltbar. Das erläuterte der Münsteraner Kirchengeschichtler Hubert Wolf in der „Süddeutschen Zeitung“. Als Beispiel nannte er den „Syllabus errorum“, eine Liste von Irrtümern, die vor 150 Jahren von der Kirche „ein für alle Mal“ als unvereinbar mit dem katholischen Glauben erklärt wurden. Heute jedoch gehören die damals als „irres und albernes Geschwätz“ beziehungsweise als „Wahnwitz“ verurteilten „Irrtümer“ wie etwa das Recht auf Gewissens- und Religionsfreiheit selbstverständlich zur Lehre der Kirche oder werden wenigstens von ihr akzeptiert. Wolf zeigt darüber hinaus, dass es trotz dieser massiven, durch höchste päpstliche Autorität eingeschärften und im kirchlichen Binnenbereich machtpolitisch durchgesetzten Denk- und Glaubensvorgaben stets auch andere, alternative Glaubensdenkmodelle gab. „Aus dem Fundus dieser Tradition konnte das Zweite Vatikanische Konzil schöpfen, als es am 7. Dezember 1965 seine Erklärung über die Religionsfreiheit ‚Dignitatis Humanae‘ verabschiedete und feststellte, ‚dass die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat‘ und in ‚religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln.‘“.

Diese Lehre kann man nicht „harmonisch“ von den Vorgängerdokumenten her entwickeln. Sie ist eine kopernikanische Wende im Denken der Kirche, ein Paradigmenwechsel mit enormen Folgen. „Damit erweisen sich alle Kontinuitätsbemühungen als Fiktion. Die Lehre der katholischen Kirche hat sich nicht nur entwickelt, sondern in einem zentralen Punkt sogar in ihr Gegenteil verkehrt.“ Dass die Kirche in der Lage ist, das Glaubensverständnis weiterzuentwickeln und notfalls radikal zu korrigieren, sei ein hoffnungsvolles Zeichen „im Blick auf die anstehenden umfassenden Reformen der katholischen Kirche“, meint Wolf.

CIG 50/2014


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