69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. März 2017

Missionar für die Seele
Von Jürgen Springer
Anselm Grün ist nicht nur der bekannteste Benediktinermönch und geistliche Autor sowie spirituelle Redner im deutschsprachigen Raum, er vermittelt auch auf einzigartige Weise die Tradition christlicher Mystik ins Heute hinein.

Es gibt nicht viele bekannte Christen, deren Worte selbst in weniger religiösen Gefilden mit Respekt aufgenommen werden. Der Benediktiner Anselm Grün, der am 14. Januar siebzig wird, gehört zu diesem kleinsten Personenkreis. Seine geistlichen Schriften sind in Millionenauflage verbreitet: bisher mindestens 300 Titel, die in rund dreißig Sprachen übersetzt wurden, auch ins Indonesische, Koreanische und in Kisuaheli. Grün gehört zu den meistgelesenen religiösen Autoren der Gegenwart. Er ist obendrein ein viel gefragter Vortragsreisender, Prediger, religiöser Lebensbegleiter - und Seelsorger. Die „Stuttgarter Zeitung“ hat ihn einmal plakativ als „Seelenmasseur zwischen Ora und Labora“ gekennzeichnet, also zwischen Beten und Arbeiten, dem Leitwort des Benedikt von Nursia.

Anselm Grün, der seit langem auch für den CIG religiöse Leitartikel verfasst, sucht eine verständliche Sprache. Er inspiriert eine Spiritualität des Herzens im Horizont der Moderne, mit theologischer und psychologischer Fundierung in der Bibel, historisch-kritisch geerdet. Viele Priesteramtskandidaten und Interessenten am Ordensleben der achtziger Jahre beispielsweise lernten die Grundlagen spirituellen Lebens durch die frühen Schriften Grüns kennen. Unbekannt ist, wie viele Menschen in den Büchern Grüns (überwiegend im ordenseigenen Vier-Türme-Verlag und bei Herder erschienen) Rat und Hilfe suchen. Darin verknüpft der Mönch die Tradition der Wüstenväter mit den Erkenntnissen der Tiefenpsychologie. Hinzu kommen seine Kenntnisse in Literatur, Philosophie und Musik, die fast wie beiläufig in seine Texte einfließen, voller Authentizität und Tiefenwirkung.

Der im fränkischen Junkershausen geborene Wilhelm Grün trat mit neunzehn Jahren bei den Missionsbenediktinern ein, um später als Missionar in Afrika oder Brasilien zu wirken. Er hatte vor, „was zu leisten für die Kirche“, wie er einmal bekannte. Doch die Ordensoberen durchkreuzten die Absichten. Er stürzte zunächst in eine spirituelle Krise, rieb sich unter anderem an der Sprachlosigkeit kirchlicher Verkündigung, durchlitt die Achtundsechziger-Revolte in enger Kutte, wähnte sich gar als Auslaufmodell.

Die Lektüre der psychoanalytischen Schriften Sigmund Freuds und C.G. Jungs, die theologische Promotion über die Kreuzestheologie Karl Rahners, das Kennenlernen der buddhistischen Zen-Meditation sowie des christlichen Zen über Karlfried Graf Dürckheim halfen ihm auf seinem monastischen wie geistigen Weg, ein „Übersetzer“ der religiösen Frage ins Heute zu werden. „Ich greife immer Themen auf, die Menschen mir bringen: Das ist oft der Umgang mit Angst, mit Depressionen, mit Ärger, mit negativen Gefühlen … Mit meinen Antworten möchte ich die Menschen mit der Weisheit ihrer eigenen Seele in Berührung bringen. Ich glaube, dass in jedem Menschen eine Ahnung von gelingendem Leben ist und jeder Mensch auch eine Ahnung von Gott und vom Geheimnis des Glaubens hat.“

So wurde der Missionsbenediktiner Anselm Grün zu einem „Missionar“ für die Seele. Allerdings haben Kritiker dem Priestermönch teilweise auch vorgeworfen, das Christentum als psychologische Lebenshilfe weichzuspülen und damit manche Wellness-Moden zu bedienen. Das müsse er aushalten, erwiderte Grün. Die „Stuttgarter Zeitung“ nannte dies „ein Leben im Klang der Revolte“.

Anselm Grün hat im letzten Herbst ein Vorwort zu einem Band über den Trappisten-Mystiker Thomas Merton verfasst, der vor hundert Jahren geboren wurde. Dieser Mönch mit seinen inneren Spannungen, sei ihm sympathisch. „Er ist Mystiker und Schriftsteller, Einsiedler und Gemeinschaftsmensch, Mönch und zugleich politischer Aktivist. Diese Spannung hat er ausgehalten, und darin kommt er mir nahe.“ In der Auseinandersetzung mit seinen eigenen Spannungen entwickelte Anselm Grün eine vielfältige aktive Seite des kontemplativen Mönchtums: Nach Abschluss seiner Studien - auch in Betriebswirtschaft - bekam der junge Pater die Verantwortung für die wirtschaftlichen Angelegenheiten des großen Klosters übertragen. Er wurde unter anderem zum Vorgesetzten von insgesamt 300 weltlichen Mitarbeitern. Aus dieser Stellung heraus übernahm er auch ein Mandat im kommunalen Gemeinderat. Dass er als Verwalter des Klosters, als Cellerar, auch Gelder an der Börse im Rahmen der Finanzkrise verspekuliert hatte, gab er seinerzeit unumwunden zu. Das Amt des Cellerars hat er inzwischen abgegeben, aber im Auftrag des Abts ist er weiterhin für die Geldgeschäfte des Klosters zuständig.

Weniger bekannt, wenn auch vom Zeitaufwand her mindestens genauso anspruchsvoll, ist Grüns Engagement für psychisch und körperlich ausgebrannte Ordensleute und Geistliche im 1991 gegründeten Recollectio-Haus. Die Gäste können an diesem von acht Diözesen getragenen Ort unter Mithilfe von Psychologen, Therapeuten und Theologen wieder zu Kräften kommen, heil werden.

Anselm Grün beschrieb den ganzheitlichen Weg aus der spirituellen Krise in der französischen Tageszeitung „La Croix“ einmal ganz im Sinne einer mystischen Theologie: als „Verlassen der innerlichen Dunkelheiten“ - hin zur Erleuchtung. Weihnachten und Ostern seien jene zwei christlichen Feste, in denen das Licht Christi am ausdrucksstärksten gefeiert wird, liturgisch mitten in der Nacht. „Wenn Gott Mensch wird, ist Licht da!“ Wer das göttliche Licht in seiner eigenen Existenz zulasse, um dem Leben Sinn zu geben, verjagt die Illusionen, empfängt Lebenskraft. In diesem Sinne hätten die Christen einst von der Taufe als „Illumination“ gesprochen, als Erleuchtung. Und: „Unter den Zeitgenossen ist die Sehnsucht nach dem Licht, wie mir scheint, sehr groß. Viele suchen es beharrlich, ohne es zu wissen. Unter denen, die depressiv zu uns kommen,… ist oft schon der Traum vom Licht der Beginn ihrer Heilung.“

CIG 02/2015


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