69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 28. Mai 2017

Für ein Prozent
Von der CIG-Redaktion
Für 1 140 000 000 000 Euro werden die Europäische Zentralbank und die nationalen Zentralbanken Wertpapiere und Staatsanleihen aufkaufen. Mit dieser Ankündigung hat EZB-Präsident Mario Draghi Banken und Finanzmärkte in Hochstimmung versetzt, während die Ersparnisse, Lebens- und Rentenversicherungen von Millionen Arbeitnehmern, die allein von ihrem Lohn abhängen, dahinschmelzen. Um die Dimension klarzumachen: Wer eine Million Euro besitzt, kann drei Jahre lang täglich tausend Euro ausgeben - rechnet man der Einfachheit halber mit 333 Tagen pro Jahr. Eine Milliarde Euro ermöglicht diesen Lebensstil ab Christi Geburt bis zum Ende des erst begonnenen Jahrtausends. Wer eine Billion Euro - in Tausender gestückelt - Tag für Tag ausgeben wollte, hätte damit bereits vor drei Millionen Jahren beginnen müssen - dem Anfang der Entwicklung unserer Vorfahren der Gattung Homo.

Bei der Klage, die EZB-Entscheidung gehe zulasten der einfachen Sparer, handelt es sich um eine Nebelkerze. An Sparbüchern, Lebens- und Rentenversicherungen verdienten schon immer nur die Banken und Versicherungen. Denn die Zinsen waren stets deutlich niedriger als die Inflationsrate. Der Wert des Ersparten schrumpfte also von Jahr zu Jahr. Die extrem niedrigen Zinsen verdeutlichen dies nur drastisch. Während sich die Bürger aber mit diesem Randthema beschäftigen, beglücken die politisch und wirtschaftlich Mächtigen mit der astronomischen Euroschwemme die Spekulanten an den Finanzmärkten und die multinationalen Konzerne - und keineswegs mittelständische Betriebe, die vor Ort tätig sind. Dank des fallenden Eurokurses können sich außereuropäische Kunden noch mehr hier hergestellte Waren leisten. Der Aufkauf von Anleihen europäischer Krisenländer spült Geld in deren Staatskassen, das wieder bloß zu öffentlichen Staatsausgaben auf Pump mit weiterer Verschuldung genutzt wird. Die Banken werden mit den Milliarden wieder nicht ihrer eigentlichen Aufgabe nachkommen, der Realwirtschaft Kredite zu günstigen Bedingungen zu gewähren, sondern diese als Wetteinsatz an den Börsen nutzen.

Vor Spekulationsblasen an den Finanz- oder Immobilienmärkten wurde schon gewarnt. Doch die Finanzakteure fürchten dies kaum. Die gewieften Zocker vergolden selbst das Platzen der Blasen noch, indem sie darauf wetten. Die übrigen Spekulanten werden von den Staaten, also den Bürgern als Steuerzahlern, aufgrund der vermeintlichen Systemrelevanz der Banken wie schon 2007 gerettet. Am Ende bezahlen wieder die 99 Prozent der Weltbevölkerung dafür, dass das eine Prozent, das so viel besitzt wie der Rest, noch reicher wird. Dieser börsengetriebene Finanzkapitalismus zugunsten des einen Prozents muss von einer globalen sozialen und ökologischen Marktwirtschaft für die 99 Prozent abgelöst werden.

CIG 5/2015


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