69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. März 2017

Die Revolution der Stille
Von Gotthard Fuchs
Zum hundertsten Geburtstag des Gottsuchers Thomas Merton.

Autobiografien sind - das ist den meisten nicht mehr bewusst - wesentlich eine Entdeckung des Christentums: Hier lernt der Mensch „Ich“ zu sagen wie nirgends, jedenfalls im Prinzip. Hier darf und soll er seine eigene Lebensgeschichte gestalten und sich als Ort wie als Partner von Gottes Wirken anschauen und sogar veröffentlichen. Die „Bekenntnisse“ des Augustinus setzten am Ende der Antike Maßstäbe. Ebenso Peter Abaelards „Geschichte des Unglücks“ (12. Jh.) und nicht zuletzt die bewegende Lebensbeschreibung von Teresa von Ávila (16. Jh.), die auch eine Edith Stein auf ihren Weg gebracht hat.

In dieser Linie steht für das 20. Jahrhundert groß „Der Berg der sieben Stufen“ des Trappistenmönchs Thomas Merton (1915-1968). Schon sieben Jahre im Kloster, veröffentlicht er auf Wunsch seines Abtes 1948 dieses Werk. „Am letzten Tag des Januar 1915, im Zeichen des Wassermanns, in einem Weltkriegsjahre und im Schatten französischer Berge nahe der spanischen Grenze kam ich zur Welt. Frei von Natur, ein Ebenbild Gottes, war ich doch der Gefangene meiner eigenen Heftigkeit und Selbstsucht, nach dem Bilde der Welt, in der ich geboren wurde.“ Diese Welt ist chaotisch, „voller Menschen wie ich, die Gott liebten und ihn doch hassten; geschaffen, ihn zu lieben, lebten sie stattdessen in Angst, hoffnungslosen Widersprüchen und Begierden.“ So heißt es da gleich zu Beginn.

Ein vielfarbiges, wildes Leben

Früh und frühreif wuchs der Sohn zweier bildender Künstler in durchaus etablierten Verhältnissen auf, aufgrund von Verwandtschaft und Begabung ungemein vielsprachig, intellektuell wach und von hoher Kreativität. Nach Schule und Studium in Europa und Amerika, „wo ich zwei Abschlüsse in Dummheit erwarb“, wurde er Englisch-Lehrer, literarisch höchst produktiv in Romanen und Gedichten, stets im Tagebuch. Er führte ein vielfarbiges und durchaus wildes Leben, ließ kaum eine Gelegenheit aus (einschließlich der Zeugung eines Kindes in London), geriet aber aufgrund des frühen Tods der Mutter, dann des geliebten Vaters und auch der Großeltern in tiefe Sinnkrisen. So fragte er immer intensiver nach Gott und seiner Berufung.

Evangelisch getauft, wurde er 1938 katholisch. Mit 27 Jahren trat Merton in einen der strengsten katholischen Orden ein, den der Trappisten, also der reformierten Zisterzienser. Just am selben Tag 27 Jahre später starb er, am 10. Dezember, durch das tragische Missgeschick eines Stromschlags in Bangkok, mit gerade mal 53 Jahren. Bezeichnenderweise geschah dies während einer Dialog-Reise zu den Religionen und Religiösen Asiens und nach drei überaus wichtigen Gesprächen mit dem jungen Dalai Lama.

So spannungsreich sein Leben auch blieb, Merton war ein durch und durch kontemplativer Mensch, lebte zuletzt als Einsiedler und suchte experimentierfreudig nach Neuland im authentischen Christsein - was im vom Vatikan ausgerufenen „Jahr der Orden“ jetzt besonders bedeutsam wäre. Nicht zuletzt aufgrund seines friedenspolitischen Engagements angesichts der Atomfrage, des Vietnamkriegs, der Rassenproblematik und aufgrund seiner weitverzweigten Korrespondenz etwa mit Boris Pasternak, Erich Fromm und vielen anderen war er längst eine weltweit bekannte Stimme geworden.

Ernesto Cardenal war zwei Jahre sein geistlicher Schüler. Martin Luther King wollte bei ihm Exerzitien machen, wurde aber, bevor es dazu kam, ermordet. Papst Johannes XXIII. erkannte seine Bedeutung für das Konzil und schickte ihm in hoher Wertschätzung eine Priesterstola. 15000 Briefe sind von Father Louis - so sein Ordensname - erhalten geblieben, mehr als sechzig Bücher schrieb er. Lebenslang blieb er ein selbstkritischer Tagebuchschreiber.

„Es ist ein Sehnen tief in uns“

Seit der Zeit des Kalten Krieges, seit militantem Kapitalismus und unbekümmertem Fortschrittsdenken damals hat sich vieles verändert, auch seit dem Konzil und dem damals hierzulande noch selbstverständlichen Christentum. Aber wie viel hat sich auch verschärft: Umweltzerstörung, Finanzkrise(n), Medienexplosion, Weltspaltung zwischen Arm und Reich, Brutalisierung in Folter und Terror, aber auch das wachsende Bedürfnis nach Religion, nach Kontemplation, nach Alternativen zum Bestehenden. Warum also eines Mönchs und Einsiedlers gedenken, der nur relativ kurze Zeit wirken konnte?

Viele von Mertons Büchern sind längst klassische Vollwertkost in Sachen Spiritualität, interreligiöser Dialog und Kontemplation. Sie sind viel nahrhafter als das Meiste, was auf dem Erbauungsmarkt auch der Kirchen derzeit angeboten wird. Aber vielleicht ist das Entscheidende doch dies: Er war ein typisch moderner Mensch, voller Spannungen und Möglichkeiten, stets auf der Suche nach intellektueller und spiritueller Redlichkeit, mit großem Feinsinn für das Schöne und für die Lust am Dasein. Er war rastlos und (über)reflektiert, ständig im (Selbst-)Experiment zum wahren Leben: „Wer versucht, sich für andere oder die Welt einzusetzen und in ihrem Sinne zu handeln, ohne sein eigenes Selbstverständnis, seine Freiheit, Ganzheit, Liebesfähigkeit zu vertiefen, wird nichts haben, was er anderen geben könnte… Es gibt nichts Tragischeres in der modernen Welt als den Missbrauch der Macht und des Handelns, zu dem Menschen durch ihre eigenen faustischen Missverständnisse und Urteile verleitet werden. Wir haben heute mehr Macht zu unserer Verfügung als jemals zuvor, aber wir waren noch nie so entwurzelt und im inneren Grund des Sinnes und der Liebe so entfremdet wie heute. Das Ergebnis liegt auf der Hand…“

Es ist also, gut jesuanisch, ständige Umkehr nötig, wörtlich: ständiges Um- und Darüber-hinaus-Denken auf das Geheimnis göttlicher Liebe hin. Das fängt bei jedem selbst an. Vier Jahre vor seinem plötzlichen Tod notierte er: „Ich brauche diese ständige Selbst-Berichtigung, das Wachsen, das Hinter-mir-Lassen, die Abkehr von gestern und doch in Kontinuität mit allem Gestern…“ Tief im Raum der Mystik und gerade deshalb sozial und politisch engagiert, am liebsten als Einsiedler lebend und doch lebhaft im Dialog - solche Spannungsfelder machen Merton zu einem der großen Gottsucher der jüngeren Gegenwart: das Leben als Suchprozess und offenes Kunstwerk.

Mertons Leben wirkt wie eine Jahrhundert-Werkstatt, in der all die Fragen vorbereitet und ausgearbeitet, durchgedacht und erbetet werden, die noch die Gegenwart bestimmen: Wie mit dem wachsenden Gewaltpotenzial umgehen? Wie Frieden finden und schaffen? Wie mitmenschlich erfüllend und interreligiös bereichernd miteinander leben und die Welt gestalten?

Alles fängt beim Einzelnen an. „Wenn wir achtsam sind, uns aus unserem Schlaf der Verzweiflung aufwecken, unsere Herzen ohne Rückhalt dem Gott öffnen, der zu uns spricht genau in der Wildnis, in der wir uns jetzt befinden, dann können wir mit der Arbeit anfangen, die er von uns will“: Ordnung wiederherstellen und Frieden bringen. Dass gerade ein Amerikaner selbstkritisch die Widersprüche einer wild gewordenen Ego-, Fortschritts- und Raffgier-Mentalität analysiert und das Gespräch mit Asien aufnimmt, ist zudem nicht unwichtig. Gelten doch die USA immer noch als supermächtiger Unterstützer und Vorreiter im Guten wie im Bösen.

Woraus und wofür lebst du?

Geschichte und Gegenwart christlichen Mönchtums sind grundlegend verbunden mit dem Taufversprechen. Was veranlasst einen Menschen, Christ zu werden und zu bleiben? In jedem erwachenden Menschenleben stellt sich irgendwann die Grundsatzfrage: „Woraus und wofür lebst du im Letzten (und damit auch wogegen)? Ist das Leben im Universum Unglück oder Geschenk?“ Merton: „Meine Bekehrung zum christlichen Glauben, genauer, meine Bekehrung zu Christus, habe ich stets als radikale Befreiung von den Täuschungen und Lehren unserer modernen Welt betrachtet. Ich glaube bis heute, dass der Glaube an Gott der einzig wirkliche Schutz ist gegen den Verlust an Freiheit und Urteilskraft, wenn man sich töricht und gedankenlos den Parolen der modernen Massengesellschaft fügt.“ Voller Solidarität ging Merton entschieden auf Distanz zu der „Welt“ oder besser zu der vorherrschenden Lebensart. „Ich sage mich davon los, weil ich darin Ursprung und Ausdruck jener geistigen und seelischen Hölle sehe, die der Mensch aus seiner Welt gemacht hat: die Hölle, die in zwei totalen Kriegen voll unsagbaren Grauens alles in Flammen gesetzt hat, die Hölle geistiger Leere und unmenschlicher Brutalität, in der Verbrechen wie Auschwitz und Hiroshima möglich wurden… Jeder vernünftige Mensch versucht das. Doch die Frage ist, wie kann man sich ehrlicherweise gegen eine Situation wenden, mit deren Ursachen man sich weiterhin arrangiert?“

Man muss auch dieses Protestative und Widerständige der monastischen Lebensentscheidung mitvollziehen, um nicht in einem bloß gemütlichen Verständnis von Spiritualität hängenzubleiben. Unermüdlich betonte Merton, dass Mönch-Sein das absolute Gegenteil von Weltflucht ist. „Dadurch, dass ich im Kloster lebe, nehme ich erst wahrhaft Anteil an den Kämpfen und Leiden der Welt … Meine Ordensgelübde und meine Existenz als Mönch sind ein ständiges Nein zu Konzentrationslagern, Bombenflugzeugen, politischen Schauprozessen, Justizmorden, Rassendiskriminierungen, zur Diktatur ökonomischer Systeme … Mein Schweigegelübde mache ich zum Protest gegen die Lügen von Politikern, Propagandisten und Agitatoren, und wenn ich doch rede, dann um gegen die zu protestieren, die behaupten, dass sich christlicher Glaube und meine Kirche allen Ernstes mit den Mächten von Unrecht und Zerstörung verbünden könnten. Dennoch ist wahr, dass der Glaube, den ich bekenne, auch von vielen beschworen wird, die Kriege, Rassendiskriminierung, Selbstgerechtigkeit und alle verkappten Formen von Tyrannis rechtfertigen.“ Dieses entschiedene Nein lebt aus einem rückhaltlosen Ja zu Gott und zur Wirklichkeit.

Den Mönch in sich entdecken

Die Ordensgelübde - wie auch das Taufversprechen! - sollen das Leben „immer tiefer an das Endgültige, an das ‚eine Notwendige‘, an den in seinem Wort und Verhalten gegenwärtigen Gott führen und darin einen“. Es geht um die Abenteuerstruktur des Glaubens, die Risikobereitschaft und Lebenslust im Entdecken des Neuen, Offenen, Größeren. In den nachgelassenen Texten „Im Einklang mit sich und der Welt“ (1971) heißt es dazu lapidar: „Das Ziel des monastischen Lebens besteht aber eigentlich darin, einem Menschen die Kraft zu geben, der Wirklichkeit in ihrer nackten, beunruhigenden, möglicherweise düsteren und enttäuschenden Tatsächlichkeit zu begegnen, ohne Ausflüchte, nutzlose Erklärungen und Vorwände.“ Wohlgemerkt: Der Ordenschrist bringt verdichtet auf den Punkt, was für jeden Getauften gilt. Mönch-Sein, von Lateinisch monachus, heißt, gottgeeint sein - und insofern gilt es für jeden Menschen, den Mönch oder die Nonne in sich zu entdecken und das innere Selbst als jene Klosterzelle zu verstehen, ohne deren Aufräumung und Bewohnung alles äußerlich bleibt.

Zum monastischen Dasein gehört die Erfahrung göttlicher Liebe in allem. Das bedeutet absolute Distanz zu allem, was Welt ist, und gerade dadurch eine neue, aus Gottes Freiheit und Liebe erwachsende, kreative Zuwendung zu allem, was Welt ist. Alles hat ein Verfallsdatum und einen Verheißungsvermerk (die Theologie spricht vom „eschatologischen Vorbehalt“): Die notwendige Spannung zwischen Inkarnation und Eschatologie bildet sich im Leben des Mönchs ab. Diese Wahrnehmung des Letzten im Vorletzten aus der Erfahrung des Endgültigen heraus wird konkret auch durch „die monastische Dialektik von Schweigen und Sprechen“. In dieser Lebensform wird im Besonderen deutlich, worauf es für alle ankommt: „Eine innere Freiheit, ein tiefes inneres Schweigen, die Befreiung von inneren Sorgen, die aus der Überreizung der Begierden und der Einbildungskraft entstehen.“ Kloster ist keine Sonderwelt, in der sich die Widersprüche und Absurditäten der Welt nur fromm abbilden. Es ist Kontrastprogramm, eine Art Laboratorium zur Ausarbeitung der wahren Perspektiven und Fragen.

Kontemplativ beten und leben

Nicht jeder Mönch lebt im engeren Sinn kontemplativ. Die sogenannte apostolische Lebensform ist nur die andere Seite derselben Medaille. Aber ohne Gebet geht nichts. Dazu gehört die Haltung des Hörens, Empfangens, Betrachtens - bis hin zum kontemplativen, übergegenständlichen Herzensgebet der Sammlung und Einung. Im bewegenden Brief an einen Muslim gab Thomas Merton Einblick in sein Meditieren: „Eigentlich praktiziere ich eine sehr einfache Art des Betens. Sie ist ganz ausgerichtet auf die Achtsamkeit für die Präsenz Gottes, Seinen Willen und Seine Liebe … Es gibt in meinem Herzen einen großen Durst, ganz das Nichts von all dem zu erkennen, was nicht Gott ist. Mein Gebet ist also eine Art von Lobpreis, der aufsteigt aus dem Zentrum des Nichts und der Stille.“ Hier ahnt man, wie sehr Mystik und Kontemplation zusammengehören und die heilige Kommunion im Geheimnis göttlicher Gegenwart meinen. „Man darf wohl sagen, dass der Kontemplative oft weniger ein Berufsvisionär ist, der im Geistlichen den Durchblick hat, als viel mehr einer, der um die Krisen und Prüfungen des Geistes aus eigener Erfahrung weiß. Seine Erfahrung führt ihn nicht zu einem klareren Begreifen Gottes, sondern zu einem tieferen Vertrauen, einer reineren Liebe und einer ganzheitlicheren Hingabe an einen, von dem er weiß, dass er alles Begreifen übersteigt.“

Immer wieder kam Merton auf dieses Zentralthema seines Lebens und Wirkens zu sprechen. „Das kontemplative Leben muss einen Raum vorsehen, einen Freiraum, Stille… Das sollte ein neues Zeiterlebnis schaffen, nicht als Unterbrechung, Stillstand, sondern als temps vierge (jungfräuliche Zeit; d. Red.), nicht als eine freie Fläche, die gefüllt werden muss, als unberührtes Land, das erobert und verletzt werden soll, sondern als ein Raum, der sich seiner eigenen Möglichkeiten und Hoffnungen erfreuen kann - und sein Für-sich-selbst-Dasein, die eigene Zeit. Aber nicht beherrscht vom eigenen Ego und seinen Forderungen. Also offen für andere - Zeit zum Mitleiden, verwurzelt im Gefühl für gemeinsame Illusionen und deren Kritik“.

Auch in der Sensibilität für die Nichtglaubenden ist Merton lehrreich. „Wir sind überzeugt, dass viele, die sich für Atheisten halten, in Wirklichkeit Menschen sind, die mit einer naiven Vorstellung von Gott als einem ‚Gegenstand‘ oder ‚Ding‘ oder ‚Person‘ im bloß endlichen und menschlichen Sinne nicht einverstanden sind.“ Wenn es um das Geheimnis geht, das wir Gott nennen, werden alle Vorstellungen gesprengt. Diese „Erfahrung der Nichterfahrung“ gehört zum Wesen des kontemplativen Wegs. Das Erfahrungswissen negativer Theologie ermöglicht tiefe Solidarität zwischen den Religionen, zwischen Atheisten und Gottglaubenden. „Aber der Unterschied zwischen dem apophatischen (sprachlos ergriffenen; d. Red.) Kontemplativen und dem Atheisten liegt vermutlich darin, dass die Erfahrung des Atheisten rein negativ ist, die des Kontemplativen aber sozusagen in negativer Weise positiv… Die ‚Abwesenheit‘ Gottes ist paradoxerweise auch seine Anwesenheit, sofern er nicht nur transzendent, sondern auch immanent ist.“

Thomas Merton war mehr als zehn Jahre Novizenmeister und kannte die „Musik“ zeitgenössischer Sinnsuche: „Die Erfahrung des kontemplativen Lebens in der modernen Welt zeigt, dass der kritische Punkt der Einübung in Kontemplation, Meditation und Gebet für viele Menschen genau in diesem Gefühl der Abwesenheit, Verlassenheit und anscheinenden ‚Unfähigkeit zu glauben‘ liegt.“

Im Fortgang seines Mühens, vom unsagbaren Geheimnis doch zu sprechen, wurde für Merton asiatische Religiosität, besonders der Buddhismus, immer wichtiger. Ist hier ja das ergreifende und ergriffene Wissen um die Unbegreiflichkeit sozusagen strukturbildend: Das „Göttliche“ ist Nichts - von allem und in allem. Dabei erfuhr und bezeugte Thomas Merton inmitten tiefster Gemeinsamkeit doch die Unterschiede, etwa mit dem japanischen Zen-Gelehrten Daisetz Teitaro Suzuki (1870-1966): als „übereinstimmend im Nichtübereinstimmen“. Ähnlich wie Pierre Teilhard de Chardin betonte Merton das Geheimnis des Personalen auch in der Einheit mit dem Göttlichen, das Geheimnis also von Liebe und Freiheit. „Im Zen scheint es bedeutungslos zu sein, hinter das Innere Selbst zu gelangen. Im Christentum ist das Innere Selbst nur die Stufe zum Gewisswerden von Gott. Der Mensch ist Bild Gottes; sein Inneres Selbst gleicht einem Spiegel, in dem nicht Gott sich selbst, sondern wir Gott sehen können. Wir können im dunklen, durchlässigen Geheimnis unseres eigenen Inneren Seins ‚wie im Spiegel‘ sehen. Diese Metapher drückt aus, dass unser Sein irgendwie unmittelbar mit dem Sein Gottes, der in uns lebt, verbunden ist.“ Ein geheimnisvoller, letztlich geschenkter Vorgang.

Diese Achtsamkeit für Unterschiede nicht nur in Sprache und Vorstellung ist das genaue Gegenteil von besserwisserischer Ausgrenzung und Absetzung gegenüber anderen. Sie ist, ganz im Gegenteil, tiefe und wachsende Freundschaft mit ihnen im Bewusstsein universaler Zu(sammen)gehörigkeit. Auf die Frage, ob im personalen Gottesverständnis nicht doch Dualismus steckt, antwortete Thomas Merton tastend: „Eigentlich nein und doch ja. Man muss den eigenen Willen und Gottes Willen lange Zeit dualistisch betrachten. Man muss Dualität lange Zeit erfahren, bis man sieht, sie ist nicht da … Jeden Augenblick können wir zur tiefsten Einheit durchbrechen. Das ist Gottes Geschenk in Christus. Am Ende wird uns klar: Der Lobpreis lobpreist; die Dankbarkeit dankt. Es ist Christus, der in uns betet. Bereitschaft ist alles.“

Hagia Sophia

Merton war ein vitaler, lebensbejahender Mensch und durchaus ein Erotiker. Das zeigt vielfarbig die erste Hälfte seines Lebens. Das zeigt vor allem sein immer tieferes Hineinwachsen in die Erfahrung und Entdeckung göttlicher Liebe, die alles durchströmt und die innere Dynamik des kontemplativen Wegs ist.

Seit seiner Lebensmitte berichtete Merton von initiatischen Träumen, in denen eine Frau namens „Proverb“ wegweisend auftaucht. Er deutete diese inneren Begegnungen naheliegend im Sinne der biblischen Vorstellung von Gottes Heiliger Weisheit, die von Anfang der Dinge an schöpferisch mit im Spiele ist und letztlich das beziehungsstarke Leben Gottes, des Dreieinen, selbst ausmacht. In einem Gedicht besang er die „Hagia Sophia“, die alles durchströmende Weisheit und Liebe. Gegen eine „männliche“, gewaltbereite Täterwelt wird hier eine heilende „weibliche“ Gegenwelt der Liebe wachgerufen - von einem inzwischen zölibatär lebenden Mann, der allzu früh seine Mutter verlor und für Frauenliebe besonders empfänglich blieb.

Einzig in diesem Kontext wird man sinnvoll über Mertons Liebesgeschichte in späten Jahren sprechen können: für die einen nur eine spätpubertäre Affäre, für andere ein biografisch und spirituell „notwendiger“ Reifungsprozess. Er verliebte sich heiß in eine junge Krankenschwester, die ihn ihrerseits liebte. In seinem Tagebuch liest man: „Ich weiß nun, dass auch ich mit fruchtbarer Vollkommenheit lieben kann.“ Aus der Sicht von Mertons Geliebter ist freilich nichts bekannt. Ihre Briefe hat er vernichtet. Nach der baldigen Trennung verschwand sie vollends im Dunkel der Geschichte - und solch ein Frauenschicksal gehört seit Augustinus zu den Dramen in all den Suchbewegungen der Männerkirche: das Geheimnis göttlicher Liebe durchzubuchstabieren bis in die Konkretheit geschlechtlicher Prägung und sexuellen Verlangens hinein. Wie also unterscheidend von Liebe handeln, ohne in den einen Straßengraben sexistischer Engführungen zu geraten, und auch nicht in den anderen einer nicht evangeliumsgemäßen Verdrängung und Abspaltung?

Thomas Merton jedenfalls stellte sich auch hier den Spannungen seines Lebens und beanspruchte nie normative Vorbildlichkeit. Der offene Erfahrungsaustausch „vor Gott“ wie bei Merton tut gerade bei diesem Thema not, wie jetzt der Prozess zwischen den Weltbischofssynoden zeigt.

Konfliktstarke Gewaltfreiheit

„Der Fromme der Zukunft wird ein Mystiker sein“: Dieser Programmsatz von Raimon Panikkar und Karl Rahner wurde noch zu Mertons Lebzeiten formuliert. Ohne Kontemplation also, ohne erwachsenden Glauben und entsprechende Verantwortung keine heilsame Zukunft. „Es ist das sicherste Zeichen von Unreife, ganz von den Ideen und Idealen anderer beeinflusst zu sein und dies an die Stelle der eigenen unverfälschten persönlichen Erfahrungen und des Urteils des eigenen Lebens zu setzen“, schrieb Merton. Spirituelles Mündigwerden ist angesagt, gerade auch kirchlich. Denn „nur wenn wir volle Verantwortung für unsere Welt, für unser Leben und für uns selbst übernehmen, lässt sich von uns zu Recht behaupten, dass wir wirklich vor Gott leben.“

Die zentrale Herausforderung besteht wohl darin, wie wir mit dem gigantischen Gewaltpotenzial in uns und um uns umgehen. Das Einüben gewaltfreier Kommunikation, wie sie der kontemplative Weg Mertons und - daraus erwachsend - seine Friedensarbeit auszeichnen, gibt die Richtung an.

Gotthard Fuchs, Dr. phil., Priester und Publizist, Wiesbaden.

CIG 5/2015


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