69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. März 2017

Kommentar: Alles wird Staub
Von der CIG-Redaktion
Mit Schaudern mussten wir anschauen, wie islamische „Heilige Krieger“ im Irak kulturelle Überreste aus frühen Phasen der Menschheit - zum Beispiel in Nimrud oder Ninive oder auch in Museen - mit Hämmern zertrümmerten. Die Reinheit des Glaubens - so die vom Heiligkeitswahn Besessenen - vertrage nicht die Zeugnisse einer Kultur vor der Allah-Verehrung. Alles Damalige gilt den Leuten des Islamischen Staats im Irak und in Groß-Syrien als Götzendienerei, als falsches Bewusstsein.

Dass die Fanatisierten mit ihrem Vernichtungsfeldzug Gott, dem Einen und Einzigen, selber ein schlechtes Zeugnis ausstellen, weil er die Gattung Homo sapiens so lange - über Jahrtausende - im „Irrtum“ gelassen hat, scheint den Barbaren-Aktivisten kein gedankliches Problem zu bereiten. Auch nicht, dass es lange vor Menschengedenken so viele Offenbarungen, gottgewollte Glaubenswege und religiöse Vorstellungen gab, die allesamt im Dunkel der Geschichte versanken. Nur mit höchster archäologischer oder paläoanthropologischer Spekulationskraft können sich die Nachgeborenen aus materiellen Überbleibseln ein Versuchsbild erstellen davon, was die Ur-Ahnen eventuell dachten, glaubten, hofften, liebten. Niemand weiß es wirklich. Die steinernen Bildnisse sprechen nicht, sie bleiben stumm. Aber sie ergreifen die Seele, das Gemüt sensibler Zeitgenossen, die - ob staunend gläubig oder ungläubig - vor dem weiten Weg einer Schöpfung stehen, deren Woher im Nebel der Vergangenheit ebenso verschwindet wie der Nebel der Zukunft deren Wohin umhüllt.

Es tröstet nicht, dass andere Glaubenswelten - einschließlich des Christentums - ebenfalls fremdreligiöse Zeugnisse ausgelöscht oder über ihnen neue Kultstätten errichtet haben, um das Einstige dem Vergessen preiszugeben. Die Menschheit hat erst in neuerer Zeit ein historisches Bewusstsein entwickelt dafür, dass das, was einmal war, in sich ehrwürdig ist, weil es - selbst wenn wir es nicht mehr deuten können - etwas bewahrt vom Reichtum, den der Geist den Menschen eingab. Deshalb berührt und rührt es uns, wenn wir Bilder oder Filme aussterbender oder ausgestorbener Sprachen und Völker sehen, ein Erbe, das in Sackgassen des Weltenlaufs endete. Wird es uns einmal genauso ergehen, in tausend, zehntausend, hunderttausend Jahren? Die Vorstellung ist erschütternd, weil wir meinen, in einem ewig gültigen Jetzt zu leben. Doch wie im Zweistromland werden auch die Zeugnisse des Menschengeistes von heute einmal zu Staub werden, sei es durch Menschenhand oder durch Auflösung ins große Vergessen. Staub ist alles, und zu Staub kehrt alles zurück, tröstlich-untröstlich. Der Herr aber wird es/uns auferwecken am Jüngsten Tag? Wo alles sich auflöst, bleibt einzig die Hoffnung auf den letzten Geist, der nicht vergisst, sondern rettet, birgt und schafft. Siehe, ich mache alles neu!

CIG 11/2015


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