69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. März 2017

Die Kraft aus der Schwachheit
Von Thomas Söding
Gibt es ein Leben nach dem Tod? Ostern im Blickwinkel des Apostels Paulus.

Die Aussichten sind grandios, aber die Skepsis ist gewaltig: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Gibt es eine Auferstehung? Gibt es Unsterblichkeit und ewiges Leben? Ist Ostern das Fest aller Feste oder religiöse Folklore voller Illusionen?

Die Fragen haben Gewicht. Im ersten Korintherbrief macht Paulus den Anspruch unmissverständlich klar: „Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist Christus nicht auferweckt. Wenn aber Christus nicht auferweckt ist, ist unsere Predigt leer, leer auch euer Glaube“ (15,13f). Die Zustimmung zu den einschlägigen Artikeln des Glaubensbekenntnisses ist aber schwach: „Am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten…“ Mythologischer geht es kaum. Was über die „letzten Dinge“ gesagt wird, ist demgegenüber ausgesprochen dürr: „Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben“. Am Ende des apostolischen Glaubensbekenntnisses steht lediglich eine hastige Aufzählung. Gibt es einen Zusammenhang? Einen Grund? Einen Anhaltspunkt?

Große Skepsis

Die Zweifel an der Auferstehung Jesu und der Auferstehung der Toten sind allzu verständlich. Der Tod ist nicht zu leugnen. Die Auferstehung lässt sich nicht beweisen. „Noch ist niemand zurückgekommen“, heißt es im Volksmund. Die Skepsis ist nicht neu. Sie ist älter als der Auferstehungsglaube selbst. Paulus setzt sich damit auseinander, dass in Korinth „einige“ der Gemeindemitglieder sagen: „Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht“ (15,12). Die Gründe für dieses Nein lassen sich nur erahnen. Hat man den Tod als unüberwindliche Mauer betrachtet, jenseits derer einfach nichts mehr ist oder gewusst werden kann? Konnte man sich eine Auferstehung, die etwas anderes wäre als das Aufgehen in einer göttlichen Unendlichkeit, einfach nicht vorstellen? Hatte man Pro­bleme mit der Auferstehung des Leibes - oder des „Fleisches“, wie es früher im Glaubensbekenntnis hieß? Meinte man, alles komme darauf an, schon hier und jetzt mit Gott versöhnt zu sein, so dass der physische Tod eine unbedeutende Angelegenheit wäre? Hat man mit Wiedergeburt gerechnet?

Im Alten Testament kommt die Auferstehungshoffnung nur zögerlich auf. Bei den Griechen hatten nur wenige klar ausgeprägte Jenseitsvorstellungen. Zwar wird oft ein Schattenreich des Todes beschrieben. Aber die Unterwelt ist alles andere als ein Sehnsuchtsort. Schaut man zum Himmel empor, wird die Sache nicht leichter. Widerlegt nicht jeder Blick in ein geöffnetes Grab den Glauben an die Auferstehung des Leibes? Muss die Hoffnung, wenn sie groß ist, nicht ein einziger Protest gegen den Tod sein? Darf er dann theologisch überhaupt ernst genommen werden?

Es ist gut, die Skepsis nicht zu übergehen. Sie ruft zur Ordnung und mahnt zur Nüchternheit. Wer feste Aussagen über das Jenseits treffen wollte, würde intellektuell übergriffig. Die Bibel kennt das Bilderverbot. Das Reich Gottes ist kein Schlaraffenland. Von einem Harem voller Jungfrauen, die auf die siegreichen Helden des Glaubens warten, steht in der Bibel nichts. Es gibt die apokalyptischen Bilder vom Weltuntergang, die von der Theologie wenig, von Hollywood aber sehr geschätzt werden, weil sie welterschütternde Katastrophen ausmalen und damit zeigen, dass nicht einfach alles immer nur weitergeht und immer besser wird, sondern dass die Welt endlich ist und ihr Ende nicht sanft, sondern hart. Es gibt die Bilder des Gastmahls, der Hochzeit - und in der Johannesoffenbarung das Bild der himmlischen Stadt, die aus dem Himmel niedergeht und die ganze Erde zu einem neuen Paradies macht. Aber diese Bilder sind eher Platzhalter, die Rachephantasien unterbinden und anzeigen sollen, dass es immer noch unendlich viel besser kommt, als man sich in den kühnsten Träumen auszumalen wagt - wenn es ein Ende aller Enden gibt, einen Tod des Todes, einen Tag, der keinen Abend kennt.

Dieser Bilder wegen gibt es Grund auch zur Skepsis gegenüber der Skepsis. Im Alten Testament bricht die Auferstehungshoffnung an der Frage der Gerechtigkeit auf: Wenn es Gott gibt, kann es nicht wahr sein, dass am Ende die Bösen über die Guten, die Täter über die Opfer, die Schuldigen über die Unschuldigen triumphieren. Wenn den leidenden Gerechten aber in dieser Welt nicht mehr zu helfen ist - dann muss es eine neue Welt geben, in der ihre Tränen abgewischt werden und der Tod nicht mehr sein wird (Jes 25,8; Offb 21,4).

Ist das nur eine Projektion? Auf jeden Fall ist es eine Folgerung, wenn Gott gut ist, wissend und mächtig. Wäre er anders, gäbe es ohnehin keine Hoffnung für die Toten und für das eigene Leben. Wenn es jedoch Hoffnung gibt, ist sie von Gott her immer eine Hoffnung nicht nur für das eigene Leben, sondern auch für die anderen - für alle, die der Gnade Gottes bedürfen und sich seiner Liebe nicht versperren.

Kleiner Glaube

Hier setzt die Verkündigung Jesu an. So wie er von Gott spricht und in seinem Namen handelt, kann es kein Ende der Gotteserfahrung geben, wenn es nur je einen Anfang gegeben hat. „Mein Sohn war tot und lebt wieder“, sagt der glückliche Vater, als er den zurückgekehrten Verlorenen in die Arme schließt, und wendet sich so seinem Ältesten zu: „Wir müssen fröhlich feiern, denn dein Bruder war tot und lebt wieder, er war verloren und ward wiedergefunden“ (Lk 15,11-32). Bei der Auferstehungshoffnung geht es um die Frage, ob ein solches Wort eine maßlose Übertreibung ist oder ein Liebesbeweis, der von Gott selbst bestätigt wird - glänzender, als der Vater und seine beiden Söhne glauben können.

Freilich ist Jesus selbst gestorben - am Kreuz von Golgota. Die Evangelien halten die Leidensgeschichte mit einer Eindringlichkeit fest, die bis an die Schmerzgrenze geht. Der Kreuzestod Jesu scheint die ganze Gottesgeschichte Jesu als eine einzige Lüge zu erweisen. Keiner war davon mehr überzeugt als Paulus - vor seiner Bekehrung. Er weiß aus eigener Erfahrung, was er den Korinthern schreibt: „den Juden ein Skandal, den Heiden Irrsinn“. Wer „am Holze hängt“, ist von Gott verflucht (Dtn 21,23), weil er offensichtlich ein Schwerverbrecher ist. Wie kann dieser sinnlose Tod mit Sinn erfüllt sein?

Nach seiner Damaskus-Erfahrung hat Paulus nichts von dem geleugnet, was er - als Kenner der jüdischen heiligen Schriften - vor seiner Bekehrung gedacht hat. Aber er hat es in einem ganz neuen Licht gesehen: im Licht der Auferstehung. Deshalb hat er den Verfluchten als den Gesegneten und Segnenden verkündet (Gal 3,13), den Stein des Anstoßes als Fels des Glaubens (Röm 9,32f), die Torheit als Weisheit (1 Kor 1,18-25), die Schwäche als Stärke (2 Kor 13,4). Denn er hat den Tod Jesu als echtes Leiden und wahre Liebe erkannt, die von Gott selbst kommt und zu ihm führt.

Für Paulus gibt es kein Ostern ohne Karfreitag - so wie ihm erst die Offenbarung der Auferstehung die Augen für das geöffnet hat, was in der neunten Stunde des Todestages Jesu passiert ist. Da geschieht nicht etwa die Exekution heiligen Eifers, sondern ein Justizmord. Der aber lässt das Unrecht nicht triumphieren, sondern setzt es ins Unrecht und macht allen Hoffnung, die Unrecht leiden, aber auch Unrecht tun - weil Jesus von den Toten auferweckt worden ist.

Göttliches Sterben

Der Auferstehungsglaube verdrängt nicht das Kreuz. Im Gegenteil: Er geht gegen jede Verdrängung an. Er lässt entdecken, dass der Tod Jesu nicht nur ein schreckliches Missverständnis gewesen ist, das dann Gott sei Dank bald aufgeklärt worden ist, sondern dass er das tatsächliche Ende des Lebens Jesu ist - und darin ein Ort der Gottesgegenwart in tiefster Verborgenheit. Der Osterglaube schärft deshalb auch, das zeigen die Evangelien, die Erinnerung an Jesus. Wie entscheidend sein Leben war, zeigt sich gerade daran, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat.

Das hat erhebliche Folgen für das Menschenbild. Paulus hat in fast schon brutaler Offenheit die Realitäten des Lebens aufgedeckt - mit dem Blick des Apostels, dem Gott selbst die Augen geöffnet hat: „Gesät wird in Vergänglichkeit, auferweckt in Unvergänglichkeit; gesät wird in Schande, auferweckt in Ehre; gesät wird in Schwäche, auferweckt in Kraft“ (1 Kor 15,42f). Wer sich irgendwelche Illusionen über den Glanz des irdischen Lebens machen wollte, wird hier eines Besseren belehrt - ebenso aber jeder, der meint, der Glaube überspringe das Leiden, die Niederlage, den Tod.

Das Ergebnis des Osterglaubens ist die Fähigkeit zu trauern - ohne an einer Depression zu ersticken, aber mit dem Mut, alle Masken abzulegen und der Wirklichkeit ins Auge zu sehen, auch wo sie weh tut. Der Glaube an die Auferstehung zeigt, wie wertvoll ein gelebtes Leben ist, wie empörend ein unschuldiges Leid, wie erbarmungswürdig eine erlittene Not. Deshalb braucht auch die Liturgie Zeit zum Trauern: am Karfreitag und am Karsamstag, wenn die große Generalpause im Kirchenjahr ist, bevor in der Osternacht wieder das Halleluja erklingen kann. Auch ein Requiem sollte nicht zu schnell in eine Auferstehungsfeier umgewandelt werden. Trauer ist menschlich - und sie wird von Jesus nicht verdächtigt, hat er doch selbst nach dem Johannesevangelium um seinen gestorbenen Freund Lazarus geweint (11,35) und nach dem Lukasevangelium über die Juden, die bei der Zerstörung Jerusalems (70 n. Chr.) ihr Leben lassen würden (19,41).

Den Christen von Korinth musste Paulus nicht nur beibringen, an die Auferstehung zu glauben, sondern auch den Tod ernst zu nehmen. Ohne ein Leben vor dem Tod gibt es kein Leben nach dem Tod. So wie im Licht der Auferstehung das Leben und das Sterben Jesu in ihrer unendlichen Bedeutung erkannt werden, so wird auch im Licht der Auferstehungshoffnung deutlich, wie unendlich wertvoll jeder Mensch und die ganze Schöpfung in Gottes Augen sind.

Menschliches Leben

Die Auferstehung Jesu hat die schönen Evangelien hervorgebracht, die vom leeren Grab und von den Erscheinungen des Auferstandenen handeln (vgl. Robert Vorholt, „Die Osterevangelien“, Freiburg 2013). Diese Geschichten machen in immer neuen Facetten deutlich, wie unglaublich die Auferstehung ist: unglaublich gut. Es sind Geschichten voller Trauer und Freude, voller Blindheit und Erkenntnis, voller Zweifel und Glauben. Es gibt sie, die Skepsis der ersten Zeuginnen und Zeugen, die sich alles vorstellen können, nur nicht, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Es gibt sie aber auch, die Stunde der wahren Empfindung, in der nur noch „der lebendige und wahre Gott“ zählt (1 Thess 1,9), der geliebte Jesus, der Heilige Geist.

Paulus hat solche Geschichten in seinen Briefen nicht erzählt. Aber er hat seine eigene Ostergeschichte erlebt - viel zu spät, aber mit großer Wirkung. Hätte er den auferstandenen Jesus früher erfahren, wäre er nicht zum heiligen Krieger geworden, der die Christen verfolgt hat. Aber dass er ihn erfahren hat, macht ihn zum Friedensapostel. Er spricht von einer „Offenbarung“, um zu sagen, dass er sich nichts eingebildet hat, sondern dass Jesus selbst in sein Leben getreten ist, um ihm eine Wende zu geben: vom Todesboten zum Auferstehungszeugen.

Weil Paulus den Weg in die Kirche gefunden hat, finden sich in seinen Briefen die ältesten Ausdrucksformen des Osterglaubens. Er hat sie nicht erfunden, sondern in der Verkündigung der Apostel gefunden und sich dann zu eigen gemacht, um mit ihnen zu arbeiten. Die Grundworte sind Bildworte: Gott „hat ihn auferweckt“ (1 Thess 1,10) - so, als ob er nur geschlafen hätte und nun ein neuer Tag begönne. Er ist „auferstanden“ (1 Thess 4,14) - so, als ob er sich nur hingelegt und dann erhoben hätte. Gott hat ihn „erhöht“ (Phil 2,9) - so, als ob er nur einen Karrieresprung gemacht hätte.

Diese Bildworte machen anschaulich, was jede Vorstellung sprengt, aber doch ausgedrückt werden soll. Sie sind von großer Genauigkeit: Der Osterglaube ist immer zuerst Glaube an den totenerweckenden Gott. Er ist Glaube, dass Jesus vom Tod nicht besiegt wird, sondern den Tod besiegt. Er ist Glaube, dass wahr ist, was Jesus sagt: „Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Mt 23,12; Lk 14,11; 18,14).

Paulus hält sich an diese Urworte des Glaubens. Er spekuliert nicht über das Was und Wie der Auferstehung Jesu. Aber mit Blick auf das Kreuz lotet er aus, was die einfachen Sätze des Glaubens besagen. Gottes Liebe ist stärker als der Tod - nicht, weil er von Schwäche, Leid und Tod Abstand nehmen würde, sondern weil Gott gerade dort gegenwärtig ist, wo er am wenigsten vermutet wird: in der Verlassenheit eines verurteilten und gedemütigten Menschen. Jesus hat den Tod dadurch besiegt, dass er ihn nicht geleugnet, sondern erlitten hat - weil das Wesen der Heiligkeit nicht Unantastbarkeit ist, sondern Hingabe. Der Erhöhte nimmt an der Macht Gottes selbst teil - und übt sie in derselben Absicht aus, wie sie Jesus von Nazaret in seiner irdischen Sendung zum Ausdruck gebracht hat.

In der Deutung der Auferstehung Jesu als Erhöhung liegt ein Schlüssel für die Auferstehungshoffnung der Menschen. So wie Jesus für andere gelebt hat und gestorben ist, so ist er auch für sie von den Toten auferweckt worden. Den Römern schreibt Paulus: „Christus, der gestorben, mehr noch: der auferweckt worden ist - er sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein“ (8,34). Die Auferstehung ist also nicht nur die Rehabilitierung Jesu. Es geht auch nicht einzig darum, dass Jesus mit seiner Verkündigung recht gehabt hat. Die Auferstehung Jesu ist ein Dienst an den Menschen: Sie werden alle sterben. Aber auch wenn sie sich von Gott verlassen fühlen, werden sie im Tod nicht gottverlassen sein - und deshalb können sie durch den Tod hindurch von Jesus ins ewige Leben geführt werden: zu Gott selbst.

Starke Bilder

Die Verbindung zwischen der Auferstehung Jesu und der Toten prägt Paulus mit einem Bild: Jesus ist „auferweckt worden als Erstling der Entschlafenen“ (1 Kor 15,20). „Erstling“ heißt im jüdischen Erntedankfest die erste Garbe eines Weizenfeldes, die geschnitten wird, bevor die Ernte eingebracht wird, damit sie Gott als Ausdruck des Danks und der Hoffnung auf eine gute Ernte dargebracht wird (Ex 23,19).

Auf Jesus übertragen bedeutet das: Er ist der Stellvertreter aller Menschen; er verbindet sie mit Gott. Er ist bereits gestorben und auferstanden, während die allgemeine Auferstehung noch aussteht. Aber er ist nicht nur der Erste einer langen Reihe - mit ihm beginnt sie, durch ihn beginnt sie, in ihm ist sie begründet. Wer auf Jesus schaut, kann Hoffnung für das eigene Leben angesichts des sicheren Todes haben - und für das Leben aller, für die Jesus in die Welt gekommen ist. Durch seine Auferstehung ist endgültig ein Prozess in Gang gesetzt, der mit dem vollkommenen Sieg über den Tod enden muss, wenn Gott bei Jesu Tod und Auferstehung seine Hand im Spiel hatte.

Paulus sagt: Es herrscht eine klare Ordnung - die Ordnung des Reiches Gottes. Die Alternative wäre Chaos. Aber der Auferstandene erhält von Gott, dem Vater, die Macht, alles auszuschalten, was gegen Gott ist, vor allem die Sünde und den Tod - und wird am Ende die Herrschaft, die Gott ihm verliehen hat, ganz in den Dienst des Vaters stellen, sodass Gott ist: „alles in allem“ (1 Kor 15,28).

Schwache Worte

Wäre Jesus kein wahrer Mensch, der wirklich gestorben ist, könnte auch seine Auferweckung den Menschen nichts bedeuten. Er ist „Adam“, nicht der alte, sondern der neue, weil er kein Todgeweihter, sondern ein Lebensretter ist. Das Geheimnis der Erlösung heißt Anteilnahme. Jesus hat, von Gott gesandt, am Leben und Sterben der Menschen teilgenommen, damit sie an seinem Leben und Sterben teilnehmen können, um mit Gott vereint zu sein. Deshalb richtet sich die christliche Hoffnung nicht einfach auf ein Weiterleben nach dem Tod, sondern auf die Teilhabe am Leben Gottes selbst: „Wir werden allezeit mit dem Herrn sein“ (1 Thess 4,17).

In der Paulustradition kann von der „Wiedergeburt“ gesprochen werden - aber nicht so, dass man ein zweites oder drittes oder tausendstes Mal den Bedingungen des irdischen Lebens ausgesetzt wird, sondern so, dass schon diesem, dem einmaligen Leben, das ewige Leben zugesagt und vermittelt wird. Mit Anspielung auf die Taufe heißt es: „Er hat uns gerettet durch das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung durch den Heiligen Geist“ (Tit 3,5). Deshalb gehört zur Osterfeier die Taufe - und jede Taufe ist ein Osterfest.

Und wie soll man sich das Leben in der Auferstehung vorstellen? Am besten gar nicht. Paulus spricht von der leiblichen Auferstehung - so wie Jesus leibhaftig auferstanden und denen erschienen ist, die er ins Apostelamt berufen wollte. Aber er redet von einem „geistlichen Leib“ (1 Kor 15,44). Es gibt einen wesentlichen Gegensatz und einen wesentlichen Zusammenhang zwischen dem „irdischen“ und dem „himmlischen“ Leib. Der Zusammenhang besteht darin: In der Auferstehung geht es um dich und mich, um uns und euch und alle - nicht um etwas. Und der Gegensatz: Es geht so um die Menschen, dass sie durch den Heiligen Geist in einer Weise sie selbst, also Menschen sein können, wie sie es im Schatten der Sünde und des Todes nie sein konnten, geprägt vom Bild Jesu Christi, der Ikone Gottes (1 Kor 15,49).

Wenn das so sein kann, besteht aller Grund zur Hoffnung. Sie umarmt alle Bedenken. Sie überstrahlt alle Projektionen. Über der Freude, die dieser Glaube macht, wird Paulus zum Sänger, indem er sich - in griechischer Übersetzung - ein altes Prophetenlied (Hos 13,14), das von geradezu herausfordernder Zuversicht ist, zu eigen macht: „Verschlungen ist der Tod vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ (1 Kor 15,54f).

Thomas Söding, Dr. theol., Professor für Neues Testament an der Ruhr-Universität in Bochum

CIG 14/2015


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