69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 28. Mai 2017

Der ungläubige-gläubige "Thomas" Michel Houellebecq
Von Johannes Röser
Der Kirchenbetrieb hat die Intellektuellen verloren und damit die kritische Glaubensnachdenklichkeit.

An diesem Osterfest werden in Frankreich knapp 4000 Erwachsene getauft. Die Hälfte dieser religiös interessierten Personen ist zwischen 20 und 35 Jahre alt. Außerdem werden tausend Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren in die katholische Kirche aufgenommen. In den letzten zehn Jahren hat die Zahl der Erwachsenentaufen um ein Drittel zugenommen. Das ist eine erstaunliche Entwicklung im Land der Aufklärung und der Großen Revolution. Zwar kann die Zuwendung zum Christentum die Abwendung und Vernachlässigung in großen Teilen der Bevölkerung quantitativ nicht ausgleichen, qualitativ aber vielleicht doch einiges bewirken. Die religiöse Frage zumindest ist keineswegs erledigt, in Frankreich jedenfalls nicht.

Im Gegenteil: Gerade aus diesem Land kommen zusehends Meldungen, wonach im intellektuellen, geistigen Leben gerade Atheisten und Agnostiker die letzten Fragen von Leben und Tod unter dem Horizont des Ewigen neu stellen - offenbar angesichts der Herausforderungen eines radikalisierten Islam. Das nimmt die in Entmythologisierung erprobte Bevölkerung der „Grande Nation“ offenkundig sensibler und wachsamer wahr als etwa die der Bundesrepublik Deutschland. Bezeichnend dafür ist die Wendung des Schriftstellers Michel Houellebecq. Sein jüngster Roman „Soumission“ - „Unterwerfung“ - über eine fiktive politisch-kulturelle Machtübernahme des Islam im Frankreich des Jahres 2022 ist zum Bestseller geworden, mit anhaltender Diskussionswirkung unter den Gebildeten nicht nur in Paris (vgl. CIG Nr. 7, S. 75). Den Autor beschäftigt in diesem Werk allerdings weniger die bedrohliche Globalisierung des Dschihad, sondern vielmehr die Selbstaufgabe des Christentums, der Verfall der großen geistigen Ideen des Abendlandes, die Ermüdung und Erschöpfung des Intellekts und dessen, wofür unsere Zivilisation einmal einstand und kämpfte. Lethargie, Apathie, Langeweile und Geistlosigkeit beherrschen nicht nur die sexuellen Beziehungen, sondern alle Bereiche der Gesellschaft, die sich einem platten Materialismus, Säkularismus, ja öden, gedankenlosen Atheismus hingegeben hat. Man huldigt nicht mehr Idealen, sondern nur noch Idolen: Models, Modedesignern, Sportlern, Schauspielern, Popstars und Internetkreativen. Sie sind die bestbezahlten und am meisten bewunderten Heldinnen und Helden der Gegenwart.

Glauben nach der Aufklärung

Den Grundton des Romans gibt die Melancholie vor, eine fast stille Traurigkeit, die sich aus scharfen Beobachtungen des Geistes geistloser Zustände - inzwischen auch im Katholizismus - geistreich nährt. Über das schriftstellerische Werk hinaus besonders spannend ist, wie sich Houellebecq in letzter Zeit in zahlreichen Interviews zur Glaubensfrage selber ausführlich geäußert hat. Gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ erklärte er: „Die Aufklärung hat den Menschen die Religion genommen. Und es geht nicht ohne Religion … Das Leben ist ohne Religion einfach so über alle Maßen traurig.“ Voltaire, Diderot hätten nicht scharf denken können. „Viel zu viel Rhetorik, die sind eher Polemiker als Philosophen. Kant war schwer in Ordnung.“ Über die modischen esoterischen Wellen und eigene Versuche, als westlicher Mensch etwa im Buddhismus das Heil zu finden, erklärt der Schriftsteller schonungslos, bar jedweder politischen oder interreligiösen Korrektheit: „Buddhismus. Da saß ich rum, starrte die Wand an und habe mich furchtbar gelangweilt.“ Auf die Frage, ob er womöglich mal zum Katholizismus konvertieren wollte, folgt die fast lakonische Antwort: „Stimmt, aber es hat nicht geklappt.“ Ob er dennoch selber religiös sei? „Nein, das ist ja das Tragische. Ich versuche es immer wieder. Seit ich 13 bin, denke ich, das Universum ist so unfassbar - es kann doch nicht sein, dass das alles einfach so da ist. Aber es gelingt mir trotzdem nicht zu glauben.“

In der „Zeit“ greift Michel Houellebecq diesen Gedanken auf, der auch in einer Szene der „Unterwerfung“ Plausibilität - dort allerdings zugunsten des Islam - zu wecken versucht: „Es gibt Leute, die an Gott glauben, weil sie die Kirchenmusik so schön finden … Ich bin das weniger. Mich überzeugt die Harmonie des Kosmos. Ich halte es mit Kant, den hat auch der gestirnte Himmel überzeugt. Das ist kein Argument, aber ein starker Eindruck.“ Ein für Houellebecq besonders erschütternder Eindruck ist der Tod. „Jedes Mal, wenn ich auf eine Beerdigung gehe, spüre ich, dass der Atheismus unserer Gesellschaften unerträglich geworden ist.“ Der Tod sei nicht auszuhalten ohne Glauben. Houellebecq wagt sich mit einer Prognose dann sogar weit vor: Er vermutet, dass das Zeitalter der Revolution und der Aufklärung von einem neuen religiösen Zeitalter abgelöst werde. „Eine Gesellschaft ohne Religion ist nicht überlebensfähig. Der Laizismus, der Rationalismus und die Aufklärung, deren Grundprinzip die Abkehr vom Glauben ist, haben keine Zukunft.“ In vielen seiner Romane fänden sich „Entwürfe einer neuen Religion“, erläutert der Autor.

Noch deutlicher wird Houellebecq im jüngsten „Spiegel“-Gespräch, in dem er sogar - anders als in den vorangegangenen Interviews - eine erstaunliche persönliche Nähe zum Glauben erkennen lässt. Auf die Frage des Redakteurs, ob er selber gern an Gott glauben würde, reagiert er mit einem Zwei-Buchstaben-Wort: „Ja“. Nur gelinge es ihm „nicht oft“. „Ich sage mir, es wäre besser, einfach zu glauben und aufzuhören, darüber nachzudenken. Aber das schaffe ich nicht. Das geht wahrscheinlich den meisten so. So gesehen ist der Agnostizismus ein Tribut an die intellektuelle Ehrlichkeit. Ich will Ihnen etwas sagen, das Ihnen sonderbar vorkommen mag: Es fällt mir leichter, an Gott zu glauben, wenn ich auf dem Land bin … In der Stadt sind wir nicht so intensiv in Berührung mit der Schöpfung, wie das am Anfang vorgesehen war. Die Erfahrung der Einsamkeit im Angesicht der Schöpfung führt uns auf eine ganzheitliche Betrachtung des Universums und auf eine theistische Vision der Welt zurück.“

Wenn am Tod der Atheismus stirbt

Erneut verweist Houellebecq auf Todeserfahrungen: Zwar sei das Staunen vor dem Kosmischen das „eindrücklichste Gottesargument“. Das „ergreifendste indes ist die Teilnahme an einer Beerdigung … Der Tod ist den meisten Menschen unerträglich, sie würden gern an ein Leben danach glauben. Nach dem Tod eines nahen Angehörigen suchen sie Trost im Gedanken an Gott.“ Von sich selber bekennt er: „Es ist schon etwas dran, dass mein Atheismus die Todesfälle in meiner Umgebung nicht überlebte.“ Eine irritierende Bemerkung, weil üblicherweise der Tod das Hauptargument für den Abfall vom Glauben ist. Houellebecq sinniert: „Vielleicht war ich auch nie ein wirklicher Atheist, nur ein Skeptiker, ein Agnostiker.“

Schließlich lässt sich Michel Houellebecq sogar auf eine erstaunlich positive Aussage über die katholische Kirche ein, in ökumenischer - konfessioneller - Hinsicht allerdings befremdlich und sehr provokativ: „Persönlich bin ich überzeugt, dass noch viel Kraft im Katholizismus steckt. Ich glaube, er hat Zukunft, obwohl sich die Entwicklung im Buch anders darstellt. Der Protest gegen die gleichgeschlechtliche Ehe brachte in Frankreich ungeheure Menschenmengen auf die Straße, darunter eine neue Generation junger Katholiken, modern, offen, sympathisch, brüderlich, leuchtend, wie ich sie nie gesehen hatte. Ganz anders als die alten Traditionalisten oder die Progressisten, die in Wahrheit verkappte Protestanten sind. Der Protestantismus als Geist der Aufklärung ist der Niedergang des Katholizismus, in der Kunst wie im Glauben.“

Besondere Probleme, bekennt Houellebecq, habe er allerdings mit der Kreuzestheologie: „Die Menschwerdung des Gottessohns, und damit die Existenz einer Mutter Gottes, mehr noch der Opfertod Christi am Kreuz, der Triumph des Gekreuzigten - das alles missfällt den Muslimen in hohem Maße. Sie verstehen es nicht. Ehrlich gesagt, ich verstehe es auch nicht.“

Der langweilige Kirchenbetrieb

Warum aber werden solche intellektuellen Dispute über Glauben und Unglauben, wie sie Michel Houellebecq führt, nicht mehr in den Kirchen, nicht einmal mehr in den Kirchenleitungen geführt? Oder so gut wie nicht. Man muss sich nur einmal die tagtägliche Nachrichtenlage aus dem Kirchenbetrieb anschauen, wie sie nicht nur auf Journalisten einströmt: Ein Altbischof fordert die Rücknahme der Fußball-WM-Vergabe an Katar. Die Caritas mahnt, den Rassismus im Alltag zu bekämpfen. Der Papst mahnt eine gerechtere Verteilung des Wassers an. Ein Ratsvorsitzender verteidigt Waffenlieferungen an die Kurden im Irak. Ein anderer Bischof appelliert, in der Griechenland-Krise zusammenzustehen. Mehrere Kirchenleitungen fordern ein bundesweit einheitliches Verbot von Genpflanzen. Beklagt wird die skandalöse Nahrungsungerechtigkeit in der Welt. Evangelische und orthodoxe Kirchen kritisieren die Bilderflut im Internet. Und permanent „warnen“ die einen und „fordern“ die anderen bis zum Überdruss dieses oder jenes. Dabei mischen die Laienverbände mit dem Ruf nach sakramentaler Zulassung der wiederverheirateten Geschiedenen mit. Beliebt ist die Kritik an übergroßen Seelsorgeeinheiten, an der Auswahl von Amtsträgern, am Zölibat und so weiter und so fort. Alles wie gehabt, tausendmal gehört. Kirchenappell-Routine bei ansonsten bleierner Beharrlichkeit.

Nur das Eigentliche, der Kern des Christseins - das Österliche, die Auferstehung Jesu Christi und die Hoffnung auf die Auferweckung der Toten, auf das Reich Gottes, das jetzt und hier schon beginnt, mitten im eucharistisch-sakramentalen Feiern und Leben?- scheint in der Dauer-Geschäftigkeit, Dauer-Geschwätzigkeit und Dauer-Behäbigkeit unterzugehen. Ist für die letzten Fragen kein Platz mehr in der selbstproduzierten religiösen Vernebelung, durch die ein Thema nach dem anderen - und stets sind es nur dieselben Themen - im Propagandaton getrieben wird? Wobei das Ernsthafteste, Erschütterndste, Ergreifendste und Bewegendste angesichts der eigenen Sterblichkeit und Endlichkeit vertagt wird? Kirche, Kirche über alles. Aber es geht doch ums Christsein, um das Gottesverständnis, um Gott!

Osterpredigt, mal anders

Wann beginnt man in der Glaubensgemeinschaft wieder zu begreifen und zu erkennen, was nachdenkliche, kritische Leute in Wirklichkeit umtreibt, jene Gebildeten, die keinerlei Interesse (mehr) an der Alltäg­lichkeit des Statement-Kirchentums und an den zugehörigen provinziellen Binnensichten haben? Der „Spiegel“ beschrieb neulich in einer Titelgeschichte den in allen Teilen der Gesellschaft inzwischen vorherrschenden Ablenkungs- und Zerstreuungsaktivismus, der die Konzentration aufs Wesentliche blockiert. „Mind-Wandering“ nennen Psychologen das Phänomen: wandernder Geist. Das sei dann der Fall, „wenn man gedanklich nicht bei dem ist, was man gerade macht“. Geistesabwesenheit ist eine neue Volkskrankheit, eine schwere Krankheit auch in der Kirche. Hier als „Heiliggeistabwesenheit“. Dabei folgt auf Ostern Pfingsten, das Fest der Nachdenklichkeit über den Glauben und über das Glauben. Die interessantesten österlich-pfingstlichen Gedanken und Gestalten unserer Tage scheinen eher von außerhalb der Religion, des kirchlich verfassten Christentums zu kommen, wenn auch nicht allzu weit weg von ihm.

Die diesem Personenkreis entsprechende Gestalt der biblischen österlichen Erzählung ist der „ungläubige“, skeptische, aber dennoch irgendwie gläubige Thomas. Eine der eindrücklichsten literarischen Gestalten der religiösen Erzählungen der Gegenwart ist der ungläubige-gläubige „Thomas“ Michel Houellebecq. Wird es irgendwo eine Osterpredigt über ihn geben? Und mit ihm eine Reflexion zur Lage des Geistes, auch zur religiösen Diffusion und Ablenkungssucht im Kirchenunterhaltungsbetrieb? Die „Spiegel“-Titelseite zur „Spiegel“-Titelgeschichte hätte auch da etwas zu sagen: „Konzentrier dich!“ Nicht nur zur Osterzeit.

CIG 14/2015


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