69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 25. Juni 2017

Kommentar: Glauben - Moral
Von der CIG-Redaktion
Das christliche Glaubensbekenntnis ist „un-moralisch“. In ihm findet sich nicht ein Satz über ethisches Verhalten. Diesen „Missstand“ hat die Tradition mit viel Belehrung ausgeglichen, mit Beichtspiegeln, den Zehn Geboten, mit Katechismen, Andachtsbüchern und einer Unmenge an moralisch triefenden Predigten. Die liberalen evangelischen Kirchen haben dafür besonders die Sozialmoral entdeckt?- von der „Willkommenskultur“ für Flüchtlinge bis zum Klimaschutz.

Das Hoheitsgebiet der Katholischen war bisher die Individualmoral. Jetzt deuten sich Änderungen an. Die deutsche Bischofskonferenz hat beschlossen, im Arbeitsrecht Verletzungen von Loyalitätspflichten bei schwächerem Verbindlichkeitsstatus nicht mehr zu bestrafen, wenn sich kirchliche Angestellte scheiden lassen und wieder heiraten oder wenn sie eine homosexuelle Lebenspartnerschaft eingehen. Das Katholiken-Zentralkomitee, die vermeintliche Laienvertretung, wünscht sich sogar, homosexuelle Beziehungen zu segnen. Das Dilemma ist unübersehbar: Wie soll sich Kirche verhalten, wenn sie sich in ihren - etwa caritativen - Unternehmen als größter privater Arbeitgeber der Bundesrepublik in die babylonische Gefangenschaft der Wirtschaft und der Gesellschaft begeben hat; wenn sich die Getauften der Allerwelts-Verweltlichung anpassen, ihr religiöses Credo aber anscheinend aufrechterhalten? Was ist zu tun, wenn von Jesus zwar klare Weisungen gegen die Scheidung überliefert sind, wenn aber nichts darüber ausgesagt ist, falls der Fall eintritt, nicht nur als Einzelfall? Was ist, wenn Bußregelungen keine Rezeption mehr finden? Folgt zwangsläufig der Rückzug auf den puren Glauben, auf ein Dogma ohne Moral, auf ein aseptisches Für-wahr-Halten des ewigen Lebens ohne Verbindlichkeit fürs sterbliche Leben?

Die katholische Tradition war einst in den Grundsätzen streng, im Beichtstuhl dagegen weich. Der Protestantismus machte auch die indivdualethischen Prinzipien weich, urteilt über gesellschaftliches Fehlverhalten jedoch „sozialdemokratisch“ umso härter. Den Glaubensabbruch hat das nicht aufgehalten. Der Neoprotestantismus in den aufblühenden pfingstlerischen Gemeinden versucht sich wiederum mit strengster Individualmoral; er hat damit im katholisch-moralisch laschen Lateinamerika Riesenerfolg. Zumindest optisch. Vielleicht sollte in Zeiten der Christen-Anpassung an die „Welt“ und angesichts kirchen-arbeitgeberischer Kompromisse Paulus doch nicht ganz in Vergessenheit geraten: „Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch… Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist.“


CIG 20/2015


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