69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. März 2017

Kommentar: Gesprächsfäden
Von der CIG-Redaktion
Russland verweigert europäischen Politikern die Einreise. Beim G7-Gipfel auf Schloss Elmau ist Wladimir Putin ausgeschlossen. Der Gesprächsfaden ist bereits vor einem Jahr gerissen - ein Rückfall in Zeiten des Kalten Kriegs.

Russland verweigert fast hundert europäischen Politikern die Einreise. Europa gibt sich scheinbar empört - die Liste existiert seit dem vergangenen Herbst. Russische Außenpolitiker halten dagegen: Man reagiere nur auf die Einreise-Verbote der Europäischen Union gegen russische Parlamentarier und Unternehmer. Der Gesprächsfaden ist jedoch bereits vor mehr als einem Jahr abgerissen. Damals hatten die führenden Industrienationen des Westens den G8-Gipfel im russischen Sotschi wegen der Ukrainekrise abgesagt. Unabhängig davon, wie man zu einem exklusiven Kreis einiger weniger Regierungschefs der angeblich wichtigsten (Wirtschafts-)Nationen steht, symbolisiert die Rückkehr zur G7-Runde, wie aktuell auf Schloss Elmau, den Rückfall in längst überwunden geglaubte Zeiten des Kalten Kriegs. Das ist nicht nur brandgefährlich, weil sich etwa russisch-stämmige Bürger in den baltischen Staaten aufgefordert fühlen könnten, ähnlich wie in der Ostukraine, den Anschluss an Russland mit Waffengewalt durchzusetzen. Es bestätigt vor allem Russlands Präsident Wladimir Putin, der vor einer einseitig, ausschließlich westlich beherrschten Welt warnt, um so tatsächliche und gefühlte Verlierer einer globalisierten Welt hinter sich zu scharen.

Dem Auswärtigen Amt zufolge soll Russland ausgeschlossen bleiben, „bis ein Umfeld hergestellt ist, in dem sinnvolle Gespräche im Rahmen der G8 wieder möglich sind“. Wie soll ein solches Umfeld hergestellt werden, wenn nicht durch Gespräche? Der Eiserne Vorhang fiel, weil Willy Brandt bei seiner Ostpolitik unter der Überschrift „Wandel durch Annäherung“ ebenso auf Gespräche über fest zementiert scheinende Grenzen hinweg setzte wie später Helmut Kohl und Michail Gorbatschow. Selbstbewusst haben europäische Politiker auf die Geschichte der Integration ihres Kontinents auf einem Kongress über die konfliktreichen Gebietsansprüche Chinas und anderer asiatischer Staaten im südchinesischen Meer hingewiesen. Dem schenkten chinesische und amerikanische Vertreter, also die „führenden“ Konfliktparteien, durchaus Beachtung. Doch auch Europa sollte seine Erfahrungen achten.

Wer Gespräche verweigert, kann den anderen und seinen Blick auf die Wirklichkeit nicht wahrnehmen. Damit fehlt aber die grundlegende Voraus­setzung, um das Verhältnis zueinander zu verändern, ja zu verbessern. Der Kirchentag in Stuttgart ist eine Feier des Glaubens und ein Fest des Gesprächs. Über Religions-, Weltanschauungs- und politische Grenzen hinweg diskutieren bei solchen - ob nun evangelischen oder katholischen - Großveranstaltungen alle Menschen guten Willens. Das Verhältnis zwischen den Kirchen, den Religionen, aber auch zu Staat und Gesellschaft hat sich auch dadurch gewandelt. Und im Anfang war dabei immer das Gespräch.

CIG 23/2015


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