69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 30. April 2017

Nicht nur kurz die Welt retten
Von Stephan U. Neumann
Zu einer gesellschaftlichen Umkehr in der ökologischen und der sozialen Frage ruft Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Lautdato si’“ auf. Er schätzt die naturwissenschaftliche Analyse und denkt Mensch und Welt in Beziehung. Teilweise verfällt er jedoch in kulturpessimistisches Klagen.

Katholisch, im ursprünglichen Sinne allumfassend, allgemein, ist die von Papst Franziskus vorgelegte Enzyklika „Laudato si’“ („Gelobt seist du“). Mit dem lange angekündigten und von verschiedenen Seiten bearbeiteten ersten Lehrschreiben eines Papstes, das den Schutz der Umwelt - oder religiös gewendet: die Bewahrung der Schöpfung - in den Mittelpunkt stellt, wendet der Papst sich nicht nur an die Christen „seiner“ Kirche, sondern „an jeden Menschen, der auf diesem Planeten wohnt“. Denn die Lösung der einen komplexen sozio-ökologischen Krise ist nur möglich, wenn ein allumfassender, grenzenloser Dialog „über die Sorge für das gemeinsame Haus“ - so der Untertitel - stattfindet.

Franziskus I. stellt sich in die Tradition von Papst Johannes XXIII., der 1963 seine Friedens-Enzyklika „Pacem in terris“ („Über den Frieden auf Erden“) an „alle Menschen guten Willens“ richtete. Der heutige Bischof von Rom weiß sich aber auch auf einer Linie mit weiteren Vorgängern: So sprach sich Paul VI. bereits 1971 für einen radikalen Wandel im Verhalten der Menschheit aus, da der Mensch sonst infolge einer rücksichtslosen Ausbeutung der Natur Gefahr laufe, „sie zu zerstören und selbst Opfer dieser Zerstörung zu werden“. Johannes Paul II. beklagte, dass die Natur nur als Gebrauchs- und Verbrauchs-Gegenstand missverstanden werde, und Benedikt XVI. forderte, „Wachstumsmodelle zu korrigieren, die allem Anschein nach ungeeignet sind, den Respekt vor der Umwelt … zu garantieren“.

Die Umwelt-Enzyklika steht ebenfalls in einem weltpolitischen Zusammenhang. Wenn auch anders geplant, ist sie kurz nach dem G7-Gipfel auf Schloss Elmau erschienen. Dort haben sich die Staatschefs von sieben führenden westlichen Industrienationen auf Ziele geeinigt, welche die weitere Erderwärmung bremsen sollen. Ob es sich um einen voreilig gefeierten Erfolg handelt, wird sich erst bei den Klimaverhandlungen im Dezember in Paris zeigen. Der Papst hat sich in die große Gruppe von Wissenschaftlern, Umweltschützern und Entwicklungshelfern eingereiht, die für eine nachhaltige globale Entwicklung und für eine neue Politik der reichen Staaten zugunsten der Umwelt und der ärmeren Länder beim Weltklimagipfel eintreten.

Ökologie bewegt Kirche

Wie sehr die soziale und ökologische Gerechtigkeit die Kirche seit Jahrzehnten weltweit bewegt, belegt Papst Franziskus, indem er zahlreiche Bischofskonferenzen zu Wort kommen lässt. Südafrikas Bischöfen zufolge bedarf es „des Engagements aller, um den durch den menschlichen Missbrauch der Schöpfung Gottes angerichteten Schaden wiedergutzumachen“. Die Bischöfe der Philippinen fragten 1988: „Wer hat die wunderbare Meereswelt in leb- und farblose Unterwasser-Friedhöfe verwandelt?“ Australiens Bischöfe regten an zu prüfen, „auf welche Weise wir die Schöpfung Gottes durch unser Handeln und unsere Unfähigkeit zu handeln geschädigt haben“. Und die Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik sprachen sich 2009 dafür aus, „dass bei den Eingriffen in die natürlichen Ressourcen nicht die Interessen von Wirtschaftskreisen den Vorrang haben dürfen, die … auf irrationale Weise die Quellen des Lebens vernichten“. Franziskus weitet den Blick auch ökumenisch und zitiert den griechischen orthodoxen Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I.: „Ein Verbrechen gegen die Natur zu begehen, ist eine Sünde gegen uns selbst und eine Sünde gegen Gott.“

Nicht zuletzt bildet Franz von Assisi, dieser Kirchenerneuerer des 12. Jahrhunderts, auf den sich der Papst schon mit seiner Namenswahl berief, die spirituelle Grundlage: Franziskus „ist das Beispiel schlechthin für die Achtsamkeit gegenüber dem Schwachen und für eine froh und authentisch gelebte ganzheitliche Ökologie“. Entsprechend beginnt die Enzyklika mit den Worten des Sonnengesangs, in dem Franziskus die ganze Schöpfung als Brüder und Schwestern preist: „Gelobt sei…“

Glaube und Naturwissenschaft

Diese Verortung in der religiösen und lehramtlichen Tradition nutzt Papst Franziskus, um ein neues Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaften zu bestimmen. Damit greift er theologische Forderungen der vergangenen Jahrzehnte auf. Denn jahrhundertelang war die Beziehung von tiefer Skepsis, ja offensiver Ablehnung geprägt, die im „Syllabus errorum“ von Papst Pius IX. gipfelte, einem „Verzeichnis der Irrtümer“ aus Wissenschaft und Gesellschaft, denen abzuschwören sei. Dagegen erkennt Papst Franziskus die Forschungsergebnisse an. Er sucht den Dialog. Sichtbarstes Zeichen: Der Gründer des Potsdam-Instituts für Klimafolgenabschätzung und nun auch Papstberater Hans Joachim Schellnhuber stellte die Enzyklika im Vatikan mit vor.

Franziskus macht sich die „sehr starke wissenschaftliche Übereinstimmung“ zu eigen, dass sich das Klimasystem besorgniserregend erwärmt. Wörtlich heißt es: Dies sei „auf die starke Konzentration von Treibhausgasen (Kohlendioxid, Methan, Stickstoffoxide und andere) zurückzuführen …, die vor allem aufgrund des menschlichen Handelns ausgestoßen werden“. Die Folge sei „eine beispiellose Zerstörung der Ökosysteme“, wenn die Meere versauern und das Sterben kleinster Lebewesen die gesamte marine Nahrungskette bedroht, wenn der Anstieg des Meeresspiegels ein Viertel der Weltbevölkerung gefährdet, das an Küsten lebt, und wenn Wüstenbildung sowie der private Handel mit Wasser zu Trinkwasser-Knappheit führen. Diese Welt, so der Papst, „lädt eine schwere soziale Schuld gegenüber den Armen auf sich, die keinen Zugang zum Trinkwasser haben, denn das bedeutet, ihnen das Recht auf Leben zu verweigern, das in ihrer unveräußerlichen Würde verankert ist“.

Aus der wissenschaftlichen Analyse folgt für den Papst, dass die Industrienationen eine „ökologische Schuld“ für den Klimawandel und damit die existenzielle Bedrohung von Pflanzen, Tieren und Menschen weltweit tragen. Franziskus I. klagt aber nicht nur an, sondern er ermutigt, sich von einem lähmenden Fatalismus zu befreien. Was menschengemacht ist, kann von Menschen verändert werden. Der Papst lehnt es ab, den biblischen Schöpfungsauftrag, der Mensch solle sich die Erde untertan machen, als Begründung für den Raubbau an der Umwelt zu missbrauchen. Dass Gott eine Welt schuf, die der Entwicklung bedarf, versteht er als göttliche Anregung, „mit dem Schöpfer zusammenzuarbeiten“. Das verlangt jedoch eine umfassende Verantwortung.

Deshalb spricht sich der Papst für einen Produktions-, Konsum-, ja Kulturwandel aus. Neue Technologien auf Basis erneuerbarer Energien müssten den Verbrauch von Kohle, Öl und Gas drastisch verringern. Anstelle einer Agrarindustrie, die vor allem für den weltweit steigenden Fleischbedarf auf riesigen Flächen produziert und damit die Artenvielfalt und den Fortbestand der tropischen Regenwälder bedroht, sollten Kleinbauern gefördert werden, die vor Ort die hungernde Bevölkerung ernähren. Die Bilder von gigantischen Plastikmüll-Strudeln etwa im Pazifik bestätigen Franziskus, wenn er eine verbreitete Wegwerfkultur beklagt, welche die Erde „in eine unermessliche Mülldeponie“ verwandelt. Mit dem Vorschlag einer Kreislaufwirtschaft, die bereits vor der Entwicklung eines Produkts klärt, wie die einzelnen Bestandteile wiederverwertet werden können, macht sich der Papst die Antwort innovativer Techniker und Ökonomen zu eigen.

Die Ohnmacht der Politik

Der Papst hört, wie schon seine Vorgänger, eben auch auf Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, die erkannt haben, dass Wachstum um des Wachstums willen im Desaster mündet und auf einen Systemkollaps hinausläuft (vgl. CIG Nr. 25, S. 275). Die aktuelle Ausrichtung des Wirtschaftens begünstigt den Profit von wenigen, indem diese die Produktionskosten durch den Abbau von Arbeitsplätzen senken. Für Franziskus I. lautet das große Ziel dagegen, den Armen und Ausgeschlossenen „mittels Arbeit ein würdiges Leben zu ermöglichen“. Die „Frankfurter Allgemeine“ bemängelt zwar - ähnlich wie schon beim apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ („Freude des Evangeliums“) - „die klassisch-katholischen Vorbehalte gegen eine ordo-liberale Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung“. Bereits in der katholischen Soziallehre seien „moralische Intuitionen und Sozialprinzipien wie Personalität, Solidarität, Subsidiarität… regelmäßig mit tendenziösen Beschreibungen und unterkomplexen Analysen der Wirklichkeit“ einhergegangen. Doch ist es hier die FAZ, die unwissenschaftlich argumentiert und nicht der Papst. Denn gerade die ordo-liberale Wirtschaftstheorie besteht auf dem Vorrang der Politik und ihrer Regelungsverantwortung zu sozial verträglichem Wirtschaften und einem entsprechend „eingebetteten“ Markt. Innerhalb eines staatlichen Ordnungsrahmens können sich die Unternehmer mit ihren Ideen und Produkten im Wettbewerb auf dem Markt messen. Da dieser Rahmen weltweit fehlt, werden die nationalen Gesetzgeber und Regierung zum Spielball ökonomischer Global Player.

Für den Papst ist das 21. Jahrhundert der „Schauplatz eines Machtschwunds der Nationalstaaten, vor allem weil die Dimension von Wirtschaft und Finanzen, die transnationalen Charakter besitzt, tendenziell die Vorherrschaft über die Politik gewinnt“. Franziskus I. spricht sich für ein globales Gemeinwohl aus, indem er erneut auf seinen Vorgänger Benedikt XVI. und dessen Enzyklika „Caritas in veritate“ („Die Liebe in der Wahrheit“) von 2009 zurückgreift: „Um die Weltwirtschaft zu steuern, die von der Krise betroffenen Wirtschaften zu sanieren, einer Verschlimmerung der Krise und sich daraus ergebenden Ungleichgewichten vorzubeugen, um eine geeignete vollständige Abrüstung zu verwirklichen sowie Ernährungssicherheit und Frieden zu verwirklichen, den Umweltschutz zu gewährleisten und die Migrationsströme zu regulieren, ist das Vorhandensein einer echten politischen Weltautorität, wie sie schon von meinem Vorgänger Papst Johannes XXIII., angesprochen wurde, dringend nötig.“

Franziskus I. entlässt aber auch die Politik keineswegs aus ihrer Steuerungs-Verantwortung: „Wenn die Politik nicht imstande ist, eine perverse Logik zu durchbrechen, und wenn auch sie nicht über armselige Reden hinauskommt, werden wir weitermachen, ohne die großen Probleme der Menschheit in Angriff zu nehmen.“ Die Umwelt-Gipfel seit Rio de Janeiro 1992 sind für ihn Beispiele politischen Versagens. Sie hätten bis heute „aus Mangel an politischer Entscheidung … keine wirklich bedeutungsvollen und wirksamen globalen Umweltvereinbarungen erreicht“.

Der Papst spricht sich für eine Umkehr aller und des ganzen Menschen aus - nicht nur der politischen oder gesellschaftlichen „Eliten“, wie Kritiker eines angeblich zu politischen Papstes behaupten. Seiner eigenen Generation stellt er ein denkbar schlechtes Zeugnis aus: „Während die Menschheit des post-industriellen Zeitalters vielleicht als eine der verantwortungslosesten der Geschichte in der Erinnerung bleiben wird, ist zu hoffen, dass die Menschheit vom Anfang des 21. Jahrhunderts in die Erinnerung eingehen kann, weil sie großherzig ihre schwerwiegende Verantwortung auf sich genommen hat.“ Einige Jugendliche in den reicheren Ländern hätten „ein neues ökologisches Empfinden und eine großzügige Gesinnung“ und kämpften bewundernswert für den Umweltschutz.

Es beginnt beim Ich

Christen, welche die „Umweltsorgen bespötteln“ oder in Passivität verharren, können sich nicht auf den Papst berufen. Er will eine umfassende Umwelterziehung, die alle Ebenen des ökologischen Gleichgewichts zurückgewinnt: „das innere Gleichgewicht mit sich selbst, das solidarische mit den anderen, das natürliche mit allen Lebewesen und das geistliche mit Gott“. Das oft belächelte Bei-sich-im-Kleinen-Anfangen würdigt er als großherzige und würdige Kreativität, die das Beste des Menschen an den Tag legt. Einen bedeutenden Einfluss auf den Umweltschutz habe „die Vermeidung des Gebrauchs von Plastik und Papier, die Einschränkung des Wasserverbrauchs, die Trennung der Abfälle, nur so viel zu kochen, wie man vernünftigerweise essen kann, die anderen Lebewesen sorgsam zu behandeln, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen oder ein Fahrzeug mit mehreren Personen zu teilen, Bäume zu pflanzen, unnötige Lampen abzuschalten“. So verändert sich die Welt. Nicht nur, weil ein heilsamer Druck auf die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft ausgeübt wird, sondern weil diese Handlungen Gutes in der Gesellschaft verbreiten, „das über das Feststellbare hinaus immer Früchte trägt, denn sie verursachen im Schoß dieser Erde etwas Gutes, das stets dazu neigt, sich auszubreiten, manchmal unsichtbar“.

Kultur des Relativismus?

Die große Stärke der Enzyklika, sich der globalen Problemlagen umfassend anzunehmen und die individuelle Würde des Menschen von seinem Ursprung bis zum Lebensende anzumahnen, kippt in eine kulturpessimistische Grundhaltung, wenn der Text in einer Art Rundumschlag verschiedene soziale, ökonomische Fehlentwicklungen auf eine einzige, alles durchdringende Kultur des Relativismus zurückführt. Diese treibe Menschen an, „einen anderen auszunutzen und ihn als ein bloßes Objekt zu behandeln, indem er ihn zu Zwangsarbeit nötigt oder wegen Schulden zu einem Sklaven macht. Es ist die gleiche Denkweise, die dazu führt, Kinder sexuell auszunutzen oder alte Menschen, die den eigenen Interessen nicht dienen, sich selbst zu überlassen. Es ist auch die innere Logik dessen, der sagt: Lassen wir die unsichtbare Hand des Marktes die Wirtschaft regulieren … Wenn es weder objektive Wahrheiten noch feste Grundsätze gibt außer der Befriedigung der eigenen Pläne und der eigenen unmittelbaren Bedürfnisse - welche Grenzen können dann der Menschenhandel, die organisierte Kriminalität, der Rauschgifthandel, der Handel mit Blutdiamanten und Fellen von Tieren, die vom Aussterben bedroht sind, haben? Ist es nicht dieselbe relativistische Denkweise, die den Erwerb von Organen von Armen rechtfertigt, um sie zu verkaufen oder für Versuche zu verwenden, oder ‚Wegwerfen‘ von Kindern, weil sie nicht den Wünschen ihrer Eltern entsprechen? Es handelt sich um die gleiche Logik des ‚Einweggebrauchs‘, der so viele Abfälle produziert, nur wegen des ungezügelten Wunsches, mehr zu konsumieren, als man tatsächlich braucht.“

Kapitalisten mit Kinderschändern, Einwegverpackungs-Käufer mit Sklavenhaltern und der organisierten Kriminalität in eine Reihe zu stellen, fördert Empörung und verhindert den Dialog vermutlich gerade mit denen, die der Papst zu Umdenken und Umkehr bewegen will. Ähnlich pauschal fällt an mehreren Stellen die Kritik am technischen Fortschritt aus. So fordert er etwa eine Spiritualität des Widerstands gegen das technizistische Verstehensmodell. Dabei ist er sich bewusst, dass sich die menschliche Kreativität nicht zurückhalten lässt, ja dass die Fähigkeit, wissenschaftliche und technologische Entwicklungen hervorzubringen, von Gott geschenkt ist und zum Wohle der anderen eingesetzt werden muss.

So wie der Papst die Analyse den Wissenschaften überlässt, hält er sich auch mit Lösungsvorschlägen zurück. Er bietet eine geistige Grundlage, auf der das Gespräch aller Menschen guten Willens in der einen Welt möglich ist. Doch so schnell die ersten Berichte über das päpstliche Dokument erschienen sind, so schnell ist das Thema aus der medialen Öffentlichkeit auch schon wieder verschwunden. Das verwundert nicht. Anfang Juni hatte die „Zeit“ ein ganzes Dossier auf die Frage verwendet: Warum geschieht nichts, obwohl alle seit Jahren über Ursachen und Folgen des vom Menschen verursachten Klimawandels informiert sind? Gegen die pessimistische These, dass den Menschen die Natur egal sei, verweisen die Autoren auf Waldsterben und Ozonloch. 1983 kamen strengere Emissionsgrenzwerte für Kohle-, Gas- und Ölkraftwerke. Der Wald hierzulande erholte sich. Der 1987 beschlossene schrittweise Stopp der Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoff-Produktion führte dazu, dass das Ozonloch heute nicht weiter wächst, der Trend scheint umgekehrt.

Warum gelingt dies bei der Erderwärmung nicht? „Einen kranken Baum kann man anfassen …, das Ozonloch tötet Menschen. Beides erzeugt Angst“, so die „Zeit“. Dieser unmittelbare Ursache-Wirkungs-Zusammenhang ist beim Klimawandel nicht herstellbar. Einzelne Wetterextreme lassen sich nicht sicher auf ihn zurückführen. Die gab es schon immer. Es ist allein die Häufung katastrophaler Überschwemmungen, extremer Dürren und verheerender Wirbelstürme, die grundlegende Veränderungen anzeigt. Die Klima-„Katastrophe“ läuft in Zeitlupe ab. Entsprechend lässt sich auch nicht mal kurz die Welt retten.

Die Macht der Intelligenz

Die Zahl der Wissenschaftler und Institutionen, auf die sich sogenannte Klima-Skeptiker - zu Recht oder Unrecht - berufen können, sinkt. Wie die teils wütenden Proteste aus den USA zeigen, gehörte die Kirche für so manchen bisher dazu. Als vehementer Kritiker einer „Welt-Klima-Verschwörung“ galt auch der dänische Politikwissenschaftler Björn Lomborg. Er kritisiert zwar nach wie vor die Ineffektivität der Weltklimakonferenzen und die deutsche Energiewende. Doch „die Erderwärmung ist Realität, und sie ist ein Problem“, schrieb er kürzlich in der FAZ. Anstatt in Paris nun wieder auf eine einheitliche politische Weltlinie in Sachen Klima zu hoffen oder arme Länder mit Umweltprojekten zu beglücken, während wir ihnen die Hilfe zur Hungerbekämpfung verweigern, sollten Forschung und Entwicklung von erneuerbaren Energien gefördert werden, „um diese so günstig zu machen, dass sie fossile Brennstoffe im Wettbewerb hinter sich lassen“.

Am Beispiel der tropischen Regenwälder zeigt der Schweizer Biologe Claude Martin, dass allein schon die Ursachen der Entwaldung „ein hochkomplexer Prozess mit unterschiedlichen Grundursachen in verschiedenen Teilen der Erde“ sind. In seinem differenzierten Buch „Endspiel. Wie wir das Schicksal der tropischen Regenwälder noch wenden können“ (München 2015) macht er deutlich, wie widersprüchlich wissenschaftliche Erkenntnisse sein können und wie wenig sich aus Einzelergebnissen schlüssige Handlungsaufforderung zusammenfügen. Auch wenn Martin zufolge ein unfehlbares Wundermittel für die Lösung globaler Umweltprobleme fehlt, können wir ohne entschlossenes, gemeinsames Handeln alles verlieren. Papst Franziskus steht an der Seite der Engagierten für eine Hoffnung wider alle Hoffnung: Denn es ist „unwürdig“, auf „der Ausplünderung der Natur zu beharren, nur um neue Möglichkeiten des Konsums und der unmittelbaren Rendite zu bieten“. Dagegen ist es „würdiger… die Intelligenz einzusetzen, um … Formen nachhaltiger und gerechter Entwicklung zu finden“.


CIG 26/2015


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