69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. März 2017

Kommentar: Erste, letzte Nähe
Von der CIG-Redaktion
Kein Beruf bringt so viel Nähe mit sich, wie der soziale Dienst an Menschen, sei es bei der Kindererziehung oder in der Pflege. Die Nähe zeigt sich auch in Sätzen wie „Sag der Tante noch Tschüss!“ oder „Schwester, ich brauch’ eine Decke!“ Was in Kindertagesstätten, Krankenhäusern oder Pflegeheimen harmlos klingt, zeigt jedoch ein Problem: In den sozialen Einrichtungen wird eine familiäre Situation hergestellt, obwohl keine Familie im Spiel ist. Ganz im Gegenteil: Es sind nicht (mehr) Familienangehörige, Schwestern und Tanten, die ihre hilfebedürftigen Angehörigen betreuen. Das übernehmen Menschen, die die Pflege zu ihrem Beruf gemacht haben und die Familienersatz sind. Ihre verantwortungsvolle Tätigkeit und große Leistung müssen anerkannt werden - gerade in einer alternden Gesellschaft, die Pflege an professionelle Dienstleister abgibt, die ihren Dienst allerdings gerade nicht nur als Job verstehen, sondern als Ausdruck ihrer humanistischen Gesinnung.

Zu einem menschenwürdigen Leben in Alter, Krankheit und Kindheit gehört mehr als „satt, sauber, trocken“. Gute Pflege braucht Gespräche und Menschen, die sich auf ihr Gegenüber einlassen, die nahe sind. Zu der Arbeit der Pflegekräfte gehört aber auch mehr, als mit Kindern zu basteln, Kranken das Mittagessen zu bringen und Alten in den Lehnstuhl zu helfen. Die Pfleger sind häufig mit Schicksalen konfrontiert, mit Menschen in unbekannten Situa­tio­nen, die Angst haben und hilflos sind. Pfleger begleiten beim Nachlassen der körperlichen und geistigen Kräfte, bei ausweglosen Diagnosen und schließlich auch in den Tod. Gerade die Pflege ist kein Beruf wie jeder andere. Menschen sind kein Werkstück, das bis Montag wartet, und auch kein Meeting, das man über sich ergehen lässt. Umso schwerer ist es, das richtige Gleichgewicht zwischen Nähe und schützender Distanz zu finden, um in der freien Zeit abschalten zu können. Die Sorge um Menschen zehrt aus, körperlich und seelisch. Trotzdem machen die meisten Pflegekräfte ihre Arbeit leidenschaftlich gern, weil sie wollen, dass es denjenigen, die ihnen anvertraut sind, gut geht.

Rund 2,6 Millionen Menschen sind allein in Deutschland pflegebedürftig, brauchen also auf Dauer Hilfe im Alltag. Im Jahr 2050 werden schätzungsweise doppelt so viele Menschen auf Pflege angewiesen sein. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass uns die Frage nach guter Pflege einmal persönlich betreffen wird. Nur: Der Respekt vor den Pflegenden, die Anerkennung ihrer Leistungen - auch durch ein entsprechend höheres Gehalt - ist weit geringer als das, was unsere Gesellschaft an Beachtung etwa den TV-Stars und -Sternchen entgegenbringt. Dabei bedeuten diese doch nur wenig, gemessen an dem, was an den Grenzen des Lebens, an erster und letzter Nähe und Fürsorge geleistet wird.

CIG 26/2015


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