69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. März 2017

Das nukleare Damoklesschwert
Von Amelie Tautor
Als der Zweite Weltkrieg in Europa schon beendet war, gingen die Kämpfe im Pazifik noch weiter. Um Japan zur Kapitulation zu zwingen, befahl der amerikanische Präsident Harry S. Truman den Einsatz der kurz zuvor erstmals „erfolgreich“ getesteten Atomwaffe. Am 6. August 1945 zerstörte die Bombe mit dem Namen „Little Boy“ große Teile der japanischen Stadt Hiroshima. Drei Tage später traf eine zweite Nagasaki. Rund 65 000 Menschen starben unmittelbar nach den beiden Explosionen, weitere 150 000 an den Folgen, schätzt Alex Rosen, Vorstandsmitglied der Organisation „Internationale Ärzte zur Verhütung eines Atomkrieges - Ärzte in sozialer Verantwortung“.

Ein Jahr später zündete auch die Sowjet­union „erfolgreich“ eine Atombombe. Damit begann der atomare Rüstungswettlauf zwischen den beiden Großmächten, auf dessen Höhepunkt 1986 etwa 86 000 Nuklearwaffen hergestellt worden waren, wie Götz Neuneck vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg erklärt. Mochte die amerikanische Bombe im Zweiten Weltkrieg zu einem Ende der Kämpfe geführt haben, so zeigten die internationalen Krisen um Berlin und Kuba sowie im Koreakrieg nach Ansicht des Physikers, dass Atomwaffen in einer Welt, die von zwei rivalisierenden Mächten beherrscht wird, letztlich nicht eingesetzt werden können: „Ein globaler Atomkrieg hätte das Ende der modernen Zivilisation bedeutet“. Im Kalten Krieg bewahrte ein „Gleichgewicht des Schreckens“ zwischen Amerika und Russland einen labilen Frieden?- allerdings mit vielen Stellvertreterkriegen. Ein nuklearer Angriff einer Seite hätte automatisch einen Vergeltungsschlag der anderen Seite nach sich gezogen. Deswegen bemühten sich die beiden Supermächte, ihre Waffenarsenale zu kontrollieren und eine weitere Verbreitung zu verhindern. Präsident John F. Kennedy erklärte 1961 vor den Vereinten Nationen: „Jeder Mann, jede Frau und jedes Kind lebt unter einem nuklearen Damoklesschwert, das an einem seidenen Faden hängt, der jederzeit zerschnitten werden kann durch Zufall, Fehlkalkulation oder Wahnsinn.“

1968 verpflichteten sich die „offiziellen Atommächte“ Amerika, Russland, China, Großbritannien und Frankreich mit dem Atomwaffensperrvertrag, keine Nuklearwaffen weiterzugeben, die eigenen Arsenale abzurüsten und bei der zivilen Nutzung der Atomkraft zusammenzuarbeiten. Die faktischen Atommächte Israel, Nordkorea, Indien und Pakistan haben den Vertrag noch immer nicht unterzeichnet.

Die heutigen Atombomben haben nach Ansicht des Physikers Neuneck die jeweils tausendfache Zerstörungskraft der Hiroshima-Bombe. Bei der Explosion entstehen Hitze, eine Druckwelle und tödliche Gammastrahlung, gegen die es?- anders als bei konventionellen Waffen?- keine direkte Verteidigung gibt. Auch der radioaktive Niederschlag über große Flächen hinweg hat eine enorme Zerstörungskraft - und das auf lange Zeit.

Zwar hält es der Wissenschaftler auch heute nach dem Ende der Blockkonfrontation für unwahrscheinlich, dass ein Staat eine Atomwaffe einsetzt, doch für ihn sind verschiedene Szenarien einer nuklearen Explosion denkbar. Neben einem Unfall oder einem „Nukleareinsatz aus Versehen“ könnten Terroristen eine primitive Atomwaffe bauen oder zwei verfeindete Staaten?- etwa Pakistan und Indien?- einen regionalen Atomkrieg beginnen.

Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut geht davon aus, dass die neun Atommächte zusammen über etwa 4300 einsetzbare Atomwaffen verfügen, 1800 davon sofort abschussbereit, weitere 12 000 als Reserve. Der weitaus größte Teil der Bomben befindet sich in amerikanischem und russischem Besitz.

Deutlich größer ist der Kreis der Staaten, die Atomkraft für zivile Zwecke nutzen, etwa zur Energiegewinnung. Nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) betreiben derzeit rund dreißig Staaten Kernkraftwerke. Neuneck geht davon aus, dass fünfzig weitere Staaten Interesse an der Entwicklung eines eigenen Atomprogramms haben. Das Isotop Uran-238, das für Atomkraftwerke wie auch Atomwaffen benötigt wird, kommt in der Natur nur in sehr geringer Konzentration vor. Das abgebaute Uranerz?- eine Verbindung von verschiedenen Uran-Isotopen?- muss deswegen angereichert werden, die Uran-238-Isotope müssen also künstlich gesammelt werden, erklärt Axel Rosen. Für Atomwaffen ist viel stärker angereichertes Uran nötig als für die Verwendung in Reaktoren. Der Vorgang der Herstellung ist aber grundsätzlich der gleiche. Daher lässt sich zwischen ziviler und militärischer Nutzung der Atomkraft kaum trennen und ist „eine vollständige Überprüfung schwierig“, urteilt Neuneck. Der ehemalige Chef der IAEO, Mohammed el-Baradai, geht sogar von zehn bis zwanzig weiteren, „virtuellen Nuklearstaaten“ aus, also Nationen, die in kurzer Zeit Nuklearwaffen herstellen könnten. Wie konfliktreich dies ist, zeigt auch der Streit um das iranische Atomprogramm, vor dem sich nach dem jetzigen Abkommen Israel besonders fürchtet.

Nach Neuneck gab es spätestens seit 2003 konkrete Anhaltspunkte, dass der Iran ein militärisches Programm zum Bau von Nuklearwaffen verfolgt. Der Iran berief sich dagegen stets auf sein Recht, Uran für die eigene zivile Brennstoffproduktion anreichern zu dürfen. Mitte Juli hat sich der Iran verpflichtet, sein Atomprogramm deutlich zu reduzieren und von der IAEO überprüfen zu lassen. Die zivile Nutzung bleibt erlaubt, die Herstellung von Atomwaffen soll mit dem Abkommen dagegen verhindert werden. Der Iran darf zwar weiterhin Uran anreichern, aber nicht so stark, dass es waffenfähig wird. Hält der Iran sich an die Bedingungen, sollen auch die Sanktionen wieder aufgehoben werden.

Doch unabhängig vom ökologischen Sinn oder Unsinn der Stromerzeugung mittels Kernspaltung wirft die zivile Nutzung der Atomkraft schwere sicherheitspolitische Fragen auf. Sind die Nuklearanlagen vor Terroristen hinreichend geschützt?- sowohl gegen Attentate als auch gegen Diebstahl spaltbaren Materials für atomare Anschläge? Nach wie vor nicht wirklich gelöst ist, wie der strahlende Atommüll sicher entsorgt werden kann für alle Zeiten. Zudem sind durch überirdische sowie unterirdische Atomtests und mancherlei Unfälle in Atomanlagen längst große Landflächen verseucht.

Trotz der bekannten Risiken ist ein Ende des Atomzeitalters nicht in Sicht. Die Atommächte modernisieren weiter ihre Waffen­arsenale, „weisen also den Nuklearwaffen auch in Zukunft eine entscheidende Rolle zu“, so Neuneck. In der Hand dieser Staaten liegt aber vor allem der Schlüssel zu einer atomwaffenfreien Welt. „Nur wenn die Nuklearstaaten größtmögliche Zurückhaltung üben, werden Staaten, die sich bedroht fühlen, von ihren Nuklearambitionen ablassen.“ Das Ziel, eine Welt ohne Nuklearwaffen zu schaffen, ist angesichts der realen Gefahren und der nach wie vor bestehenden Bedrohung „alternativlos“.

In diesem Sinne äußerte sich jetzt auch, aus Anlass des siebzigsten Jahrestags der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, der deutsche Zweig der katholischen Friedensbewegung Pax Christi. Nicht nur der Einsatz, sondern bereits der Besitz von Atomwaffen sei unmoralisch, schreibt deren Präsident, der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen. Denn der Besitz von Atomwaffen, „droht den massenhaften Tod von Menschen an und nimmt ihn billigend in Kauf“. Hingewiesen wird zudem auf die „enormen Summen“, die darauf verwendet werden, die Arsenale zu modernisieren. „Dieses Geld könnte viel besser verwendet werden, Not und Elend zu verhindern, die Situation von Menschen in Krisengebieten zu verbessern und so eine Politik zu betreiben, die Frieden in Gerechtigkeit ermöglicht“, so Algermissen. Aus diesen Gründen kommt Pax Christi zu dem Schluss: „Wir fordern, das im Atomwaffensperrvertrag gegebene Versprechen nach Abrüstung der gefährlichen Atomwaffen endlich einzulösen. Wir appellieren an die politisch Verantwortlichen, diese Massenvernichtungswaffen abzuschaffen und damit der Bedrohung durch Atomwaffen ein Ende zu setzen.“


32/2015


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