69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 28. Mai 2017

Kommentar: Wo wohnst du?
Von der CIG-Redaktion
Campen. Das bedeutet, der Natur ganz nah zu sein: Nur die Isomatte trennt noch von der Erde mit ihren natürlichen Unebenheiten, die aufgehende Sonne scheint durch die Ritzen, und wenn der Regen auf die Plane prasselt, breitet sich das behagliche Gefühl aus, im Trockenen zu sitzen und dennoch den Naturgewalten - zumindest ein bisschen - ausgesetzt zu sein. Millionen Urlauber genießen dieses sommerliche Erlebnis, anders, ursprünglicher zu wohnen und zu leben. Wenigstens für einige Wochen im Jahr den steinernen vier Wänden entfliehen, die mit ihrer unverrückbaren Stabilität auch für Unbeweglichkeit und Enge stehen. Einfachheit lautet auch bei der ökumenischen Brüdergemeinschaft von Taizé das Motto, die den 100. Geburtstag ihres Gründers Frère Roger Schutz und ihr 75-jähriges Bestehen mit einer Jubiläumswoche feiert. Zurück zu den Quellen des christlichen Glaubens mit einfachen Gesängen, gemeinsamer Stille, auf dem Boden sitzend und mit (Bibel-)Gesprächen über Sprach-, Religions- und Kulturgrenzen hinweg in Baracken, Zelten oder unter freiem Himmel - eben ganz ohne den Ballast der Wohlstandsgesellschaft.

Für eine Million Menschen, die in Burma vor den schlimmsten Überschwemmungen und Erdrutschen fliehen, oder für die 160 000 Chinesen, die ihr Obdach durch den Wirbelsturm Soudelor verloren haben, stehen Zelte dagegen dafür, alles verloren zu haben, einer ungewissen Zukunft entgegenzuschauen, den Gewalten der Unwetter schutzlos ausgeliefert zu sein. Auch in Europa entstehen Zeltlager, um - so die offizielle Begründung - die steigende Zahl Flüchtlinge aufzunehmen, die vor allem aus den Kriegsregionen der Welt über das Mittelmeer oder aus Osteuropa kommen, wo sie keine Zukunftsperspektive sehen. Die Zelte, die nicht nur im Fall von Dresden auch in Städten aufgebaut werden, in denen gleichzeitig zahlreiche Wohnungen leer stehen, signalisieren: Nur mit den äußersten Nothilfen des Katastrophenschutzes ist die Lage überhaupt noch zu bewältigen. Aber auch der Vorschlag, Asylsuchende in den Regionen anzusiedeln, die von den Einheimischen verlassen wurden, weil auf die fehlenden Arbeitsplätze die gesellschaftliche Auszehrung folgte, provoziert nur, dass sich an den Rändern all die Ausgeschlossenen sammeln - und früher oder später aufeinander losgehen, weil einer den anderen zum Sündenbock für den eigenen sozialen Abstieg macht.

Es zeigt sich, dass die touristischen und spirituellen Einfachheits-Erlebnisse nicht zu echten Erfahrungen verarbeitet werden. Denn das würde zu einer Umkehr im alltäglichen Leben führen, die inmitten der Gesellschaft Platz für die von einer gnadenlosen Wachstumslogik des Immer-Mehr Ausgebeuteten schafft, die wahrhaft mitfühlend fragen lässt: Wo wohnst du?

33/2015


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