69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 25. Juni 2017

Kommentar: Zementierte Kultur
Von der CIG-Redaktion
Eine Gemeinde in Deutschland will Windräder aufstellen. In Zeiten der Energiewende ist das ein löbliches Vorhaben, wenn die Gemeinde nicht die Verbundsgemeinde Loreley wäre und inmitten des Welterbes „Oberes Mittelrheintal“ läge. In diesem Fall muss jede Veränderung der UNESCO vorgelegt werden. Die Kommission hat jetzt angekündigt, der Region den Welterbestatus wieder zu entziehen, wenn die Anlagen an der Loreley wirklich gebaut werden. Begründet wurde der Schritt damit, dass die Windräder die Sicht auf das Welterbe verstellen. Eine ähnliche Drohung hatte die UNESCO 2009 wahr gemacht und Dresden nach dem Bau der Waldschlösschenbrücke über die Elbe den Status als Weltkulturerbe aberkannt.

In Dresden und an der Loreley haben Menschen versucht, sich den Herausforderungen der Zeit zu stellen. Autofahrer müssen die Elbe queren und auch der Strom für das Mittelrheintal muss erzeugt werden. Brücke und Windkraftanlage sind naheliegende Lösungen, wenn auch nicht so schön anzuschauen. Die Politik der UNESCO verhindert aber gerade eine Anpassung an die Wirklichkeit. Es scheint, als dürften die Menschen, die in den Weltkulturerbestätten zu Hause sind, nichts verändern. Sie müssen sich damit abfinden, in einem Museum zu leben, das vergangene Zeiten zementiert. Das darf aber nicht Kerngedanke des Weltkulturerbes sein. Das Siegel zeichnet Orte aus, die besonders schützenswert sind, etwa weil sie „ein Meisterwerk der menschlichen Schöpferkraft“ darstellen. In der Zeche Zollverein - auch deutsches Weltkulturerbe - arbeiten heute keine Bergleute mehr. Der Kohleabbau würde sich auch nicht mehr lohnen. Trotzdem steht die Zeche noch und erfüllt weiter eine wichtige, wenn auch andere Aufgabe: Sie tradiert einen Teil der deutschen Industriekultur und gibt die Erinnerung an kommende Generationen weiter. Das ist die Aufgabe von Weltkulturerbe. Die UNESCO hat das Obere Mittelrheintal für die besondere, von Menschen gestaltete Landschaft ausgezeichnet. Der Bau von Windrädern zerstört nicht die zu vererbende Kultur, sondern signalisiert, dass die Kultur im Mittelrheintal lebendig ist und die Menschen ihren Lebensraum gestalten können.

Auch die Kirchen tun sich schwer mit dieser Veränderung. Landauf landab stehen große Gotteshäuser leer. Der Unterhalt ist teuer, vor allem bei schwindenden Kirchenmitgliedszahlen. Eine Umwidmung wird meist nicht gewünscht, denn vielleicht würde dann im ehemaligen Kirchenraum Kunst ausgestellt oder es fänden Konzerte statt. Statt sich an alte Traditionen zu klammern, sollten die Menschen, allen voran Denkmalschutz und Kirchen, sich an veränderte Lebensbedingungen anpassen und das Lebensumfeld entsprechend gestalten.

34/2015


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