69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 25. Juni 2017

Anfragen zum Beten und Bitten
Von Magdalena Marx
Über die Gebetssprache und das Gottesverständnis - zur Diskussion.

Was ist Beten? Darauf antworten viele etwa folgendermaßen: Beten bedeutet, in das Kraftfeld Gottes zu treten. Beten bedeutet, vor Gott zu stehen, auf Gott zu hören. Der Theologe Eugen Biser (1918-2014) sagte einmal: ,,Beten ist die im Herzen gestellte Gottesfrage.“ Beten ist aber auch Bitten, Danken, Loben und Klagen.

Zu welchem Gott beten wir? Diese Frage ist nicht unerheblich. Die meisten Gebete der christlichen Liturgie sind meines Erachtens nicht an den Gott Jesu gerichtet, an den Gott, der die Liebe ist. Sie richten sich vielmehr an einen Hierarchen - die höchste Rangvorstellung der Antike -, der „gnädig“ ist oder nicht.

In einem katholischen Gottesdienst übernahm der Priester nach dem Fürbittenteil, den die Lektorin gesprochen hatte und in dem alles menschliche Elend der Welt aufgezählt wurde, die Bitte für die Toten: „Sie gehören mit unter unser Zelt, das wir weitmachen sollen (Jes 54,2). Und vielleicht macht Gott auch nochmal sein Herz weit.“ - Christus höre uns! Ich halte diesen Gedanken allerdings für eine Beleidigung Gottes. Sicher war das vom Vorsteher des Gottesdienstes nicht beabsichtigt. Es war vielleicht sogar aus großer Not gesprochen oder sollte Trost vermitteln. Aber es kann uns auch zum Nachdenken und Umdenken anregen.

Die vielen leeren Hülsen

Das Problematischste in diesem Zusammenhang, das ich je erlebt habe aus eines Priesters Mund, lautete: Gott möge Maria anhalten, weiter für uns Fürbitte zu tun. Der christliche Glaube geht davon aus, dass jeder Mensch eine unverlierbare Würde hat als Gottes Geschöpf. Ich frage mich, was unsere Würde ausmacht. Denn begnadet mit dieser Würde der Ebenbildlichkeit, sollen wir uns, folgt man diesem Bittgebet, vor diesem Gott jedoch wie leere, unwürdige Hülsen vorkommen, die pausenlos um den Segen flehen müssen. Wir können als Kinder Gottes, als seine Söhne und Töchter, an den uns geschenkten Segen in Fülle glauben, damit wir unsere Kraft zum Handeln entdecken.

Aus dem französischen Sprachraum einer christlichen Menschenrechtsorganisation, der Aktion der Christen für die Abschaffung der Folter (ACAT), stammt der Rat: „Das Gebet ist die Mitte im Kampf zur Abschaffung der Folter. Indem er bittet, will sich der Gläubige nicht dem Willen Gottes auf magische Art entziehen. Er stellt sich zur Verfügung, auf dass der Wille Gottes zuerst in ihm selbst und dann in der Menschheit geschieht… Gebet ist nicht aus leichtsinnigen Worten gemacht. Wir können nur dann beten, wenn wir voll verantwortlich sind für das, was wir sagen… Die Fürbitte ist kein Alibi für Passivität. Sie ist die Fortsetzung des Bemühens mit anderen Mitteln. Sie ist die unentbehrliche Verlängerung der politischen Aktion… Das Gebet ist das Bekenntnis zum Engagement, das wir auf uns nehmen wollen… Fürbitten, das heißt weder auf die tägliche Anstrengung verzichten noch auf die historische Hoffnung, das heißt über das eine und das andere hinausgehen in Richtung des wahrhaftigen Zieles allen Lebens: den neuen Himmel und die neue Erde, wo die Gerechtigkeit wohnen wird.“

Wir sollten unsere Gebetsarten sichten. Unsere gegenwärtige Form des Bittgebets ist eine Form des „Hinhaltens“, des Schleichens „um einen heißen Brei“. Das aber führt nicht in die Aktion. Wenn Er nicht hört, Pech gehabt, da ist nichts zu machen.

Es gibt sogenannte Lass-Gebete. So heißt es beispielsweise: „Lass uns deine Boten sein!“ Gott aber möchte doch nichts lieber als das. Wissen wir das nicht längst aus Jesu Mund?

Oder: „Lass uns als Christen zusammenstehen!“ Als wenn Er uns nicht ließe! Unsere Gebete hinsichtlich der Ökumene hören sich oft so an, dass wir wollen. Er aber nicht.

Oder: „Lass uns wach bleiben!“ Wenn ich so etwas höre, denke ich wenig liturgisch. Ich denke: Wieder so ein Quatsch, und das regt mich zunehmend auf. Alle Lass-Gebete sind auf diese Gedankenlosigkeit hin zu untersuchen. Ganz wenige sind stimmig.

Es gibt auch Marionetten-Gebete. Da heißt es: Bekehre uns! Öffne unsere Augen! Öffne unsere Ohren. Zum Beispiel: „Öffne unsere Ohren, damit wir die Schreie und Klagen der Verzweifelten hören. Öffne unseren Mund, damit wir in der Hoffnungslosigkeit von deiner Hoffnung Zeugnis geben. Öffne unsere Herzen damit wir in die Dunkelheiten des Lebens dein Licht der Liebe tragen.“ Das ist doch das verhängnisvolle Ergebnis einer religiösen Erziehung, dass wir selbst gar nichts tun können, noch nicht mal unsere Augen und Ohren öffnen. Hier ist der Glaube an die Gottesebenbildlichkeit des Menschen kleingestampft. Denn wenn einer schon sagen kann, ,,Öffne meine Augen“, dann hat er doch schon etwas gesehen oder gehört, was vor Gott zu bedenken ist. Dann kann er doch ehrlicherweise höchstens beten: ,,Hilf mir den Ort zu finden, wo ich mithelfen kann in deiner Kraft gegen das Unrecht aufzustehen.“ Dass Gott Augen werden ließ, ist bereits der Impuls hinzusehen. Man könnte höchstens sagen: Ich bin etwas faul, oder: Ich traue mich nicht, das anzusehen, wofür Du mir Augen gabst.

Es gibt auch Handels-Gebete, dass Gott dies oder das tun soll, ,,damit wir Dich preisen“. Aber wir stehen doch mit Gott in keiner Handelsbeziehung. Die Christen machen keine gute Reklame für ihren Gott mit dieser Art des Betens. Das kann keine Einladung zum christlichen Glauben sein. Diese Bitten sind immer noch an einen launischen König der Antike gerichtet, der den einen gnädig ist und den anderen nicht. Muss man denn immer noch dieses menschlich missbrauchte Wort Gnade mit Gott verbinden? Jeden Suchenden kann es doch nur wieder aus der Kirche heraustreiben. Wir haben Besseres, es lässt sich nicht mehr übertreffen: „Gott ist die Liebe.“ Es wäre schön, könnten wir überall, wo das Wort „Gnade“ auftaucht das Wort „Liebe“ setzen.

Wenn aber Gott die Liebe ist, brauchen wir ihn nicht um Dinge zu bitten, die ihm selbst ein Anliegen sind. Dann brauchen wir ihm nicht zuzurufen, dass er bitte doch hinhören möchte. Und das in unserer Zeit. Solche Gebete können die Kirche nicht mehr füllen.

Ich sehe durchaus die Problematik in einem Gottesdienst. Das Fürbittgebet dort soll ein Gemeinschaftsgebet sein. Alle sollen es sprechen. Und da ist ein Gebet, das Gott bittet zu handeln. Das geschieht freilich unverfänglicher, als die je einzelnen Beter in die Aktion, in den eigenen Aufbruch „einzuladen“, den sie vielleicht in dieser Art nicht wollen oder wovon sie glauben, es nicht zu können. Und doch lässt uns der Humanist und Christ Albert Schweitzer (1875-1965) Folgendes bedenken: „Gebete verändern die Welt nicht, Gebete verändern den Beter, und Beter verändern die Welt.“
Statt flehen: Wir hören hin
Die Frage bleibt: Wie muss ein Gebet aussehen, das den einzelnen Beter verändert? Vielleicht sollten wir anstelle der Fürbitten ein Hinhören einführen. Vielleicht, wenn das bittende Anliegen genannt ist, die Frage formulieren: Was können wir tun? Und anschließend eine Stille einlegen mit der Aufforderung: Wir hören hin, was Gott uns sagt. Die Antwort wird für jeden etwas anders lauten. Aber ich möchte glauben, dass jeder Kirchgänger nach wie vielen Lebensjahren auch immer etwas hören wird. Oder wir könnten als „Zwischenlösung“ auch beten: Wir wollen Deiner Hilfe trauen und unsere Füße auf den Weg Deines Friedens, deiner Gerechtigkeit, deines Erbarmens setzen.

Wir sollten auch aufhören, um Dinge zu bitten, die längst versprochen und gegeben sind. Oder unterliegt ein priesterlicher Segen einer Inflation? ,,Schenk’ uns deinen Frieden“ - ,,Bleibe bei uns“- ,,Nun bitten wir den Heiligen Geist“. Zugegeben, solche Worte lassen sich gut in einem Kanon singen. So kommt aber kein Beter an seine Kraft, an die Kraft, die helfen soll, die immer unmenschlichere, friedlosere Welt in Richtung „mehr Leben für alle“ zu verändern. Wie erreicht unsere Fürbitte die Geschundenen unserer Welt? Das ist und bleibt doch die große Frage für uns Christen

CIG 41/2015


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