69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 13. August 2017

Die Seele erheben
Von Egbert Ballhorn
Die biblischen Lesungen der Sonntage sind in ihrer Komposition ein guter Wegbegleiter durch den Advent. Wer sie als geistliche Schriftlesung, als Lectio divina, wahrnehmen möchte, ist eingeladen, dem Gespräch zwischen den Texten zu lauschen und den eigenen Ort darin zu finden. Die Antwortpsalmen der Adventssonntage bieten sich als besondere „Knotenpunkte“ der Texte an. Sie nehmen Motive der übrigen Lesungen auf und bringen sie in eine neue Perspektive.

Der Advent beginnt nicht mit Umkehr und Buße. Der Advent beginnt mit einem Versprechen Gottes. Er wird seinem Volk Israel Recht und Gerechtigkeit schaffen. Dem Haus Davids wird ein neuer Spross sprießen, dieser wird das Werkzeug der Verwandlung sein. Liest man das Sonntagsevangelium in der katholischen Liturgie von dieser Verheißung her (1. Lesung: Jer 33), verschwindet sein im Wortsinn erschütternder Unterton nicht, es tritt jedoch eine andere Linie als Hauptlinie hervor: „Erlösung naht“.

Nach diesem Verständnis der Liturgie kann „Advent“ bedeuten: auf Gottes weltverwandelnde Macht vertrauen. Je politischer man das denkt, desto gefährlicher werden die Aussagen - unbedingt so gewollt von der Bibel.

Der Antwortpsalm (Ps 25) greift das Erlösungsmotiv ebenfalls auf. Sein Kehrvers ist zugleich der Eingangsvers des ersten Advent: „Zu dir, Herr, erhebe ich meine Seele“. Es ist die Antwort auf das Heilsversprechen Gottes. Die Seele zu Gott erheben - was für eine schöne Vorstellung und welch ein schönes Bild für Vertrauen. Ein Vertrauen, das sich auf den erlösenden Gott ausrichtet und die sprechende Seele selbst aufrichtet.

Genau dazu ermutigt das Evangelium: „Hebt eure Häupter, denn eure Erlösung ist nahegekommen“. Der Psalmvers holt im Vorhinein schon ein, wozu das Evangelium aufrufen wird. Der Grundton des Vertrauens ist gelegt. Gerechtigkeit, Erlösung, Vertrauen und Aufrichtigkeit gehören zusammen.

Der Psalm des ersten Advent bindet jedoch nicht nur die verschiedenen Motive zusammen. Er fügt auch einen ganz eigenen Ton ein: das Ich. Was der Prophet über Israel verkündet und wozu Jesus seine Jünger aufruft, das hat der Psalmist sich schon zu Herzen genommen. Der Aufruf ist ergangen, und der Psalmist spricht daraufhin sein Bekenntnis „Zu dir, Herr, erhebe ich meine Seele“. Damit ist der Psalm eine Einladung an alle Liturgiefeiernden, sich das Vertrauen des Psalmisten zu eigen zu machen und in seine Aussage einzustimmen, nicht allein Hörer zu bleiben, sondern selbst Sprecher zu werden. Der Psalm der Liturgie kann ein Knotenpunkt werden, der die Elemente miteinander verknüpft und zum Einsteigen in die Botschaft der biblischen Texte einlädt.

Vorschlag: Lesen Sie nach einem Moment der Stille Psalm 25, den Psalm des ersten Adventssonntags. Nehmen Sie sich kurz Zeit für ein Gespräch mit dem Text. Ich lese den Psalm: Worin äußert sich Gottes Gerechtigkeit? Was wünscht sich der Psalmen-Beter? Was lehrt er? Der Psalm liest mich: Wie verändert sich meine Woche, wenn ich den Vers im eigenen Namen spreche: „Zu dir, Herr, erhebe ich meine Seele“?

Hinweis: Beim Katholischen Bibelwerk ist erschienen: „Zeichen erkennen“ (Lesejahr C Lukasevangelium. Bibel lesen im Advent. Das Lectio-Divina-Projekt des Bibelwerks, 34 S., 14,80 €).

CIG 48/2015


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