69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 23. April 2017

Heimkehr erleben
Von Egbert Ballhorn
Die Antwortpsalmen in der Sonntags-Leseordnung der katholischen Liturgie sind eine Einladung, einen Standpunkt zu beziehen, von dem aus alle anderen biblischen Lesungen in den Blick genommen werden können.

Am zweiten Advent tritt Johannes der Täufer markant auf: „Kehrt um; bereitet den Weg; macht die Straßen eben.“ Die Botschaft ist so stark, dass sie zum Inbegriff adventlicher Theologie werden konnte. Sie bleibt jedoch nicht beim Aufruf zum Handeln stehen, sondern läuft auf ein ganz anderes Ziel zu: „Alle Menschen werden das Heil Gottes schauen“ (Lk 3,6). Gott handelt, Gott zeigt sich. Gott verwandelt. Der griechische Text ist noch deutlicher: „Alles Fleisch wird das Heil Gottes schauen.“ Der Mensch in seiner ganzen Vergänglichkeit wird in das Licht Gottes hineingeholt. Er bleibt nicht das todesverhaftete Wesen, er schaut hinein in die Herrlichkeit Gottes. Eine neue, weltverwandelnde Wirklichkeit wird offenbar.

Der Täufer im Evangelium leiht sich die Worte des Jesaja, um die große Wende in Worte zu fassen. Das Bild der gebahnten Straße hat einen klaren geschichtlichen Bezug: Es geht um die Heimkehr Israels aus dem Exil. Die Macht der Fremdherrschaft ist gebrochen, Gott kommt, Israel kehrt an seiner Seite heim. Die große Wende ist eingeleitet, der ersehnte Tag der Rückkehr in die lang verlassene Heimat, die nun wieder ein Ort des Friedens geworden ist. Welch politische Aktualität steckt in dieser Sehnsucht! Vierzig lange Jahre dauerte Israels Exil. Wo stehen die Völker der Welt heute?

Das Bild der Heimkehr verbindet die Lesung aus dem Buch Baruch, den Antwortpsalm und das Evangelium miteinander. Nach langen Jahren der Wüstenexistenz hat Gott endlich gehandelt. Wenn er kommt, verwandelt sich die Welt. Mutlosigkeit verwandelt sich in Handeln, Trauer in Freude.

Der Antwortpsalm (Ps 126) bindet alle Dimensionen zusammen: „Als der Herr das Los der Gefangenschaft Zions beendete“. Der Text spricht von Tränen und Jubel. Fröhlichkeit ist nicht die Voraussetzung für Rettung. Oft wird unter Tränen gesät. Diese Erfahrung hat wohl jeder schon einmal gemacht. Und dann wird Jubel geschenkt. Die zeitliche Abfolge im Psalm ist jedoch eigentümlich: Am Anfang steht der erlöste Rückblick auf die Heilswende, die bereits Geschichte geworden ist, in der Mitte die dringende Bitte um diese Wende und am Schluss ein Glaubensbekenntnis, dass aus Tränen Jubel werden kann. Die Zeiten kommen in die Schwebe. Der Psalm ist eine Einladung, alle Dimen­sio­nen zusammen zu lesen, am Gott der Verheißung fest dranzubleiben und den eigenen Ort zu finden.

Erlösung kann auch heißen: Es sind die Träumenden und die Lachenden, welche die Verwandlung der Welt erleben.

Vorschlag: Nehmen Sie die Bibel zur Hand und lesen Sie nach einem Moment der Stille Psalm 126. Nehmen Sie sich Zeit für ein Gespräch mit dem Text. Ich lese den Psalm: Wer handelt? Von welchen Bewegungen ist im Psalm die Rede? Der Psalm liest mich: Wohin zieht es mich? Wo ist meine Heimat? Habe ich schon einmal den Wandel von Trauer zu Freude erlebt? Worauf warte ich?


Egbert Ballhorn ist Dr. theol., Professor für Theologie und Exegese des Alten Testaments an der TU Dortmund.

CIG 49/2015


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