69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 25. Juni 2017

Dem Hirten vertrauen
Von Egbert Ballhorn
Es mag überraschend sein, aber im Antwortpsalm des vierten Adventssonntags (Ps 80) lassen sich alle Motive finden, mit denen auch der Evangelist Lukas die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus deutet. Die biblischen Lesungen der Advents- und Weihnachtszeit treten in einen Dialog miteinander. Das Hirtenmotiv aus dem Weihnachtsevangelium ist nicht allein ein Verweis auf die Armen, denen die Frohe Botschaft gilt, sondern ebenso Hinweis auf den machtvollen Herrscher, der sich hingebungsvoll um sein Volk kümmert. Das Hirtenmotiv ist immer zugleich ein Königsmotiv gewesen, in dem der Herrscher seine Macht als Fürsorge für die ihm Anvertrauten einsetzt. Die Lesung aus dem Buch Micha stellt diese Verbindung ebenfalls her und spricht erwartungsvoll vom „Hirten in der Kraft des Herrn“, der sein Friedensreich bis an die Enden der Erde ausbreitet.

Der Psalm 80 führt diese Linie weiter. Gott selbst wird als Hirte seines Volkes Israel angerufen. Auch hier sind Hirten- und Herrschaftsmotiv miteinander verbunden. Gott ist der, der in der Höhe thront, derjenige, der Macht über die ganze Welt hat. Und zugleich ist er der, der in die Tiefe geht, der sich um sein geschundenes Volk kümmert. Die Größe und Macht Gottes ist die Voraussetzung, um Souverän und Retter zu sein. Gott muss die Macht haben - damit nicht Menschen sich im eigenen Namen zu Herrschern aufschwingen, Völker unterdrücken und Chaos, Krieg, Vertreibung und Tod über die Erde bringen. „Biete deine gewaltige Macht auf und komm uns zu Hilfe“ ist der uralte Schrei der Unterdrückten, der Gott bei seinem Wesen nimmt. „Du Hirte, höre, strahle hervor, komm!“ Es braucht die Macht Gottes, um die Schwachen zu schützen, um den Weinstock Israel zu pflegen. „Wir werden nicht von dir weichen. Erhalte uns am Leben, und wir werden deinen Namen ausrufen“ (Ps 80,19).

Der Evangelist Lukas spricht die gleiche Sprache. Nach der Begegnung mit Elisabet jubelt Maria über ihren Gott, den Gott Israels, der die Mächtigen vom Thron gestürzt und die Niedrigen erhoben hat. Die Macht Gottes dient der Rettung der Unterdrückten. Der Mächtige hat Großes getan. Auch das Weihnachtsevangelium bleibt in dieser Spur. Es sind die himmlischen Heerscharen (Lk 2,9.13; Ps 80,15), umstrahlt von Glanz, die von der Macht Gottes über alle menschlichen Dimensionen hinaus künden. Von der Höhe Gottes kommt die Rettung für die Niedrigen. Die Herrlichkeit und Ehre Gottes in der Höhe und der Friede auf der Erde hängen zusammen. „Lass dein Angesicht leuchten, so ist uns geholfen“ (Ps 80,4).

Die Hirten hören diese Botschaft, sie sind selbst Zeichen dieser Botschaft und tragen sie weiter. Am Ende der Weihnachtserzählung steht nicht der staunende Besuch in Betlehem, sondern das Lob der Taten Gottes. „Wir werden nicht von dir weichen. Erhalte uns am Leben, und wir werden deinen Namen ausrufen.“


Vorschlag: Ich lese den Psalm: Wo finden sich Dimensionen der Höhe und Dimensionen der Niedrigkeit? In welcher Verbindung stehen sie zueinander? Der Psalm liest mich: Welchen Vers will ich mir zu eigen machen? Was ist der Name, unter dem ich meinen Gott anrufen will?

Egbert Ballhorn, Dr. theol., Professor für Altes Testament, Dortmund.

CIG 51/2015


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