69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 20. August 2017

Heilige Nacht in unheiliger Zeit
Von Saskia Wendel
In dieser nacht
liefen die rosen der erde davon
und fingen das blühen an
im schnee
Dorothee Sölle


Zu den zentralen christlichen Überlieferungen gehört die Erzählung von der einen, heiligen, „geweihten“ Nacht, der Geburt des „starken Retters“ (Lk 1,69) und des Kommens Gottes in die Welt. Diese Nacht, so die Überzeugung, ist der Beginn von Heil und Befreiung. Sie ist die Chiffre für die Vision dessen, was der, der in ihr geboren ist, Reich Gottes nannte. Es geht um die Hoffnung darauf, dass das Unmögliche möglich werden, der „u-topos“ („Nicht-Ort“) doch einen Ort haben kann.

Wie eine Gegenerzählung zu dieser „Heiligen Nacht“ erscheint das, was Elie Wiesel einst schrieb: „Nie werde ich diese Nacht vergessen, die erste Nacht im Lager, die aus meinem Leben eine siebenmal verriegelte lange Nacht gemacht hat. Nie werde ich diesen Rauch vergessen. Nie werde ich die kleinen Gesichter der Kinder vergessen, deren Körper vor meinen Augen als Spiralen zum blauen Himmel aufstiegen. Nie werde ich die Flammen vergessen, die meinen Glauben für immer verzehrten. Nie werde ich das nächtliche Schweigen vergessen, das mich in alle Ewigkeit um die Lust am Leben gebracht hat. Nie werde ich die Augenblicke vergessen, die meinen Gott und meine Seele mordeten, und meine Träume, die das Antlitz der Wüste annahmen. Nie werde ich das vergessen, und wenn ich dazu verurteilt wäre, so lange wie Gott zu leben. Nie.“

War der Preis zu hoch?

Diese Gegenerzählung lässt die Erzählung einer „Heiligen Nacht“, in der sich umfassendes Heil ereignet, in der Rettung und Befreiung geschieht, schal erscheinen. Es scheint geradezu zynisch anzumuten, angesichts der ungezählten, nie enden wollenden unheiligen Nächte die Botschaft der alle Not wendenden Heiligen Nacht zu verkünden. „Auschwitz“ ist das Zeichen für eine zutiefst unheile Welt geworden, auch wenn es „nur“ für das von Menschen verursachte Leid steht. Die „siebenmal verriegelte lange Nacht“ symbolisiert auf ewig den „Riss in der Schöpfung von oben bis unten“, wie es der Schriftsteller Georg Büchner formulierte.

Das Empfinden dieses Risses kann zu Verzweiflung und Resignation führen, zumindest zum Hadern mit dem anderen wie dem eigenen Schicksal und zu einer grundlegenden melancholischen Stimmung. Daraus folgt oft auch eine betont religionskritische Einstellung, motiviert durch die klassische Frage der Theodizee. Hier geht es dann allerdings weniger um die Frage, weshalb Gott das Leid in der Welt zulässt und nicht eingreift - wenn er doch allmächtig, allgütig und allwissend sein soll -, sondern es geht darum, warum dieser Gott überhaupt eine Welt geschaffen hat, in der die „lange Nacht“ kein Ende hat. War der Preis für diese Schöpfung nicht zu hoch? Ist Sein tatsächlich besser als Nichts? Entweder existiert dieser Gott nicht, oder es wäre zumindest besser für ihn, er existierte nicht. Denn dies wäre womöglich, so der französische Schriftsteller Stendhal, seine einzige Entschuldigung.

In den zutiefst unheiligen Nächten regiert die Gottverlassenheit, das Schweigen Gottes. Mystische Traditionen benennen dies als Moment der „Gottesentfremdung“ - so Mechthild von Magdeburg - beziehungsweise als die „dunkle Nacht der Seele“, so Johannes vom Kreuz. Bestimmend ist hier das in nächtlicher Stille und Einsamkeit empfundene Sinken in einen endlosen Abgrund, in eine Leere, letztlich das Versinken im Nichts.

Weihnachten mit Passion

Angesichts der Nacht Elie Wiesels mag das „mystische Dunkel“ zunächst als pure Innerlichkeit anmuten, als Verharmlosung des Grauens. Doch im Motiv der dunklen Nacht der Seele drückt sich genau jenes Empfinden aus, das andere angesichts konkreter Unheils- und Leiderfahrungen formuliert haben: das Empfinden von Melancholie, von tiefer Verzweiflung, von Gottverlassenheit bis hin zur Anklage, ja gänzlichen Verneinung Gottes. Dorothee Sölle sprach daher auch von der Verbindung der „dunklen Nacht der Seele“ mit der „dunklen Nacht der Welt, deren Gottesfinsternis in verschiedenen Akzentuierungen, unter verschiedenen Namen der Ausweglosigkeit“: „Dem deus absconditus, dem verborgenen stummen Gott in den Gaskammern zum Beispiel, entspricht der homo abyssus, der im Abgrund gefangene Mensch. Und der dunklen Nacht der Seele entspricht … die dunkle Nacht der Welt, in der wir heute leben.“

Genau besehen kehrt das Motiv der „dunklen Nacht“ auch in der Überlieferung der Passion des am Kreuz Gefolterten und Ermordeten wieder. Es ist enthalten in der Überlieferung des Schreis Jesu am Kreuz im Moment seines Todes (Mk 15,37). In diesem Schrei hallen die Schreie des Schmerzes, des Zornes, der Verzweiflung, der Trostlosigkeit, letztlich der Gottverlassenheit aller Leidenden und Sterbenden wider. Diesen Schrei kann auch die Musik der „Heiligen Nacht“ nicht gänzlich übertönen. Im Gegenteil: Er klingt ja immer schon in der Grundmelodie der Weihnacht mit. Beispielhaft begegnet dies in Bachs Oratorien, etwa in der bekannten, sowohl im Weihnachtsoratorium wie auch in der Matthäuspassion begegnenden Melodie: „Wie soll ich Dich empfangen“/„O Haupt voll Blut und Wunden“.

Angesichts der Feier der „Heiligen Nacht“ die „dunkle Nacht der Welt“ anzusprechen, hat nichts mit Pessimismus oder Masochismus zu tun, sondern es geht schlichtweg darum, die Wirklichkeit, in der wir leben, wahrzunehmen. Gerade in diesem Jahr feiern viele Menschen Weihnachten mitten in zutiefst unheiliger Zeit: Menschen in Kriegsgebieten, Opfer von Gewaltherrschaft und Terror, Menschen auf der Flucht, Hinterbliebene der Toten. Menschen, die in Furcht und in einem permanenten Gefühl der Bedrohung leben, sowohl im Hinblick auf den fundamentalistischen Terror als auch mit Blick auf das Anwachsen rechtspopulistischer und rechtsextremer Kräfte in den Gesellschaften Europas. Es wäre pure Vertröstung und eine Verfestigung des Bestehenden, würde man dies ausblenden bei der Verkündung der Botschaft der „großen Freude“ darüber, dass „in der Stadt Davids der Retter geboren“ ist.

Darin würde zudem auch ausgeblendet, dass die Weihnachtsevangelien alles andere sind als die erbaulichen Geschichten, zu denen sie das Brauchtum oft verkitschend entstellt hat. Denn sie schreiben die Realität des Unheils stets in dieses Evangelium ein, gerade auch angesichts des Endes auf Golgota. Die erzählten Momente des Unheils sind hoch aktuell: Das Kind wird nicht in der Sicherheit und in der wohligen Umgebung einer Herberge geboren, sondern in einer Krippe, „weil in der Herberge kein Platz für sie war.“ Die „Heilige Familie“ ist eine Familie auf der Flucht vor den Mördern des Herodes. Und die Kehrseite der Verkündigung der großen Freude und des Jubelgesangs der Engel ist das Geschrei, das Weinen und das Klagen angesichts der Ermordung der Kinder in Bethlehem: „Rahel weinte um ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn sie waren dahin“ (Mt 2,18). Die Weihnachtsbotschaft wird Hirten verkündet, also Randständigen der damaligen Gesellschaft.

Kant: „Dogmatischer Schein“

Selbst der so abstrakte Johannesprolog kennt die Schattenseite der „Fleischwerdung des Wortes“: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,9-11). Dies bedeutet mehr als nur die Schilderung eines quasi schuldhaften Versagens menschlicher Erkenntnis. Es ist auch mehr als der Hinweis auf den Kreuzestod Jesu als grausamen Akt der Ablehnung. Die Aufnahme des göttlichen Wortes ereignet sich gerade in der Anerkennung und Aufnahme der Fremden, Schwachen und Armen: „Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen“ (Mt 25,35-36). „Menschwerdung Gottes“ vollzieht sich somit immer wieder neu im Geschehen der „Menschwerdung“ der Menschen füreinander. Findet diese „Menschwerdung“ nicht statt, bleiben diese Anerkennung und diese Aufnahme des konkreten Anderen aus, bleiben letztlich die Erkenntnis und die Aufnahme des „fleischgewordenen Wortes“ durch die Welt aus.

Kann man angesichts der „siebenmal verriegelten Nacht“ überhaupt noch die „Heilige Nacht“ feiern? Denjenigen, die sich gegen Gott empören, weil dieser Gott trotz des hohen Preises, den die Kreatur für ihre Existenz zu zahlen hat, nicht auf die Schöpfung verzichtet hat, und denjenigen, die angesichts eines leidvollen Universums nicht an die Existenz eines Gottes oder eines göttlichen Prinzips glauben können, gilt die „Heilige Nacht“ nur als Element der endlosen Kette der „dunklen Nächte“. Die Feier der Weihnacht könnte ihnen vielleicht noch in säkularisierter Form möglich sein, oder aus einer rein konventionellen Haltung heraus. Denkbar ist in Bezug auf die mit diesem Fest verbundene Kultur, etwa die Geistliche Musik, jedoch auch eine Haltung, die der Philosoph Herbert Schnädelbach diejenige des „frommen Atheisten“ genannt hat. Er hat dies am Beispiel des Bach’schen Passionswerks und Mendelssohns „Elias“ skizziert: „Was sich da einstellt, ist eine Mischung aus Trauer und Wut, dass das alles nicht wahr ist. Der Ausweg einer vollständigen Ästhetisierung solcher Werke ist ihm verschlossen, und weil er hier nicht nur seufzen kann ‚Wie schön!‘, verzichtet er lieber darauf, sie überhaupt anzuhören.“

Wer mit Weihnachten dagegen noch eine „Heilige Nacht“ verbindet, könnte versucht sein, sowohl den empörten Rebellen gegen Gott als auch den „frommen Atheisten“ zu entgegnen, dass doch im Dunkel ein Licht aufleuchte. Oder gar den Durchgang durch die dunkle Nacht beziehungsweise das Sinken in den Abgrund als notwendigen Weg hin zum rettenden Grund markieren. Doch diese Pädagogisierungs- und Beschönigungsstrategien von Leid und Übel in der Welt verstricken sich in Zynismen und in, wie es Immanuel Kant nannte, „dogmatischem Schein“. Er gibt die Gewissheit vor, dass sich hinter dem Dunkel ein Licht, hinter dem Abgrund ein Grund, hinter dem Nichts ein Sein verbirgt.

Metz: Gerechtigkeit vom Ende her

Wer so argumentiert, hat den Zweifel nicht besiegt, sondern nur verdrängt. Und mit ihm verdrängt er die Einsicht, dass über das, was sich doch gerade dem Wissen entzieht, über Unverfügbares also, keine sichere Gewissheit zu erlangen ist. Auch diejenige Gewissheit gibt es nicht, dass die „Heilige Nacht“ wirklich, zweifelsfrei, das Durchbrechen der endlosen Kette unheiliger Nächte symbolisiert. „Kein vom Hohen getöntes Wort, auch kein theologisches, hat unverwandelt nach Auschwitz ein Recht.“ Diese Einschätzung Theodor W. Adornos gilt auch hinsichtlich der theologischen Rede über die „Heilige Nacht“. Sie ist zwar nicht unmöglich geworden angesichts der „langen Nacht“, die Elie Wiesel bezeugt hat. Aber sie kann nur dann noch bestehen, wenn sie sich wandelt. Sie muss „theodizeesensibel“ die alte Frage „Warum leide ich?“ durch die Frage „Warum leiden die anderen?“ perspektivisch erweitern. Diese Fragen müssen in das Zentrum der Rede von Gott gestellt werden - auch und gerade an Weihnachten.

Was das bedeutet, hat Johann Baptist Metz am Beispiel des Adventsliedes „O Heiland reiß die Himmel auf“ gezeigt. Advent und Weihnachten stehen nicht in erster Linie unter dem Zeichen einer allem Zweifel entzogenen Heilsgewissheit, sondern einer Heilserwartung und einer Sehnsucht nach der „großen Gottesgerechtigkeit“. Nur vom Ende, von der zugesagten Erfüllung her hat die Rede von der „Heiligen Nacht“ überhaupt einen Sinn. Und nur in Verbindung mit der „gefährlichen Erinnerung“ an die Opfer und mit einer Haltung des Mitleidens mit den Leidenden.

Christinnen und Christen vertrauen darauf, dass in der Geburt, im Leben und Sterben Jesu tatsächlich schon die große Gottesgerechtigkeit angebrochen ist, die allen verheißen ist, aber noch der Vollendung harrt. Sie hoffen, dass die „siebenmal verriegelte Nacht“ ein Ende hat - auch für diejenigen, für die es ganz konkret kein Morgen mehr gibt. Wer auf das „Leben in Fülle“ hofft, leugnet keineswegs das Leid. Er verkennt auch nicht, dass die Realität der endlos erscheinenden unheiligen Nächte den Glauben an den Durchbruch der „Heiligen Nacht“ oft illusionär erscheinen lässt.

Für die Botschaft, dass „mitten im kalten Winter ein Ros’ entsprungen ist“, gibt es keine Gewähr. Wohl aber kann sie gute Gründe für ihre Geltung in Anspruch nehmen - auch für die mit ihr verbundenen Überzeugungen, dass in einem Einzelnen das Heil für alle aufscheinen kann, dass auch den Toten Leben zugesagt ist, dass in zutiefst Bedingtem Unbedingtes sich ausdrücken kann, dass Gott Mensch werden kann. Das zu zeigen ist die Aufgabe theodizeesensibler Theologie.

Vielleicht fordert gerade eine unheile Zeit wie die gegenwärtige zur Feier der „Heiligen Nacht“ heraus und auf - eben weil die „frohe Botschaft“ dieser Nacht alles andere als behaglich ist, weil sie etwas erzählt und verkündet, das sich nicht im festlich geschmückten familiären Wohnzimmer abspielt, sondern in einer unbequemen Notunterkunft irgendwo auf freiem Feld. Eine Erzählung, die denjenigen gilt, die zutiefst in Unheil und Leid verstrickt sind, den Opfern und Randständigen, nicht zuletzt den Toten - auch und gerade dieses so unheilig anmutenden Jahres 2015.

CIG 52/2015


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