69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 24. September 2017

Kommentar: Salon-Revoluzzer
Von CIG-Redaktion
Politischer Widerstand ist heutzutage einfach geworden. Das Einfärben des Profilbildes bei Facebook mit den Farben der Trikolore zeigt Solidarität mit Frankreich, ein „Gefällt mir“ bei kritischen Äußerungen zur Flüchtlingspolitik signalisiert den eigenen Unmut, und ein „Teilen“ macht deutlich, was man insgeheim schon lange vor allen anderen auch gedacht hat. Anstatt mit selbst gemalten Transparenten demonstrierend im kalten Nieselregen stehen zu müssen, genügt heute ein Klick an der richtigen Stelle, um sich als mündiger Bürger an der Demokratie zu beteiligen. Ein gutes Gefühl.

Es ist aber vor allem ein trügerisches Gefühl. In den sozialen Netzwerken, bei Facebook oder Twitter, werden die Aufreger-Themen des Tages dem Bürger in mundgerechten Happen serviert - eigenes Informieren, Abwägen oder auch nur Nachdenken ist unnötig geworden. Bei der Auswahl wichtiger gesellschaftlicher Themen verlässt man sich heute auf den undurchsichtigen Algorithmus eines Großrechners, der „denkt“ und ausfiltert, welche Beiträge für den je „individuellen“ Nutzer interessant sein könnten. Den Journalisten, gebrandmarkt als „#lügenpresse“, wird kein überlegtes Urteil mehr zugetraut, lieber verlässt man sich darauf, was der Freund eines Freundes dazu beim Warten auf den Bus kommentiert hat. Protestbewegungen wie „Occupy“, deren Anhänger in vielen westlichen Staaten nach der Finanzkrise auf die Straßen gingen, nutzen die sozialen Netzwerke zwar intensiv - vor allem, um sich zu organisieren. Aber zu politisch-inhaltlichen Diskussionen kam und kommt es dort selten, auch Lösungsvorschläge werden kaum erarbeitet. Stattdessen erschaffen „Salon-Revoluzzer“ und „Wohlfühlaktivisten“ eine Illusion politischer Beteiligung und täuschen damit sowohl sich selbst als auch die Aktivisten. Das ergab eine Studie der Hildesheimer Politikwissenschaftlerin Marianne Kneuer. Diese bloß „gefühlte“ Beteiligung bleibt indes ohne Wirkung. Dagegen fand der arabische Frühling - der in den Diktaturen mit Hilfe des Internet erst einmal eine kritische politische Masse zusammenbringen musste - in „echt“ und keineswegs nur rein virtuell statt. Obwohl die sozialen Netzwerke dort eine wichtige Rolle bei den Aufständen und Protesten spielten, fand die echte Revolution auf der Straße statt.

Protest erfüllt in Demokratien eine wichtige Rolle. Es geht darum, den Politikern auch jenseits der Wahljahre zu denken zu geben, was nicht wenige Bürger denken, selbst wenn sie in der Minderheit sind. Diese Beteiligung muss lautstark und unmissverständlich sein - aber auch sachlich fundiert und ausgewogen. Über Facebook und Twitter geht das kaum. Zu leicht verleiten diese Medien zu unüberlegten Schnellschüssen, und zu sehr verengen sie die Diskussion auf Parolen, die allenfalls zum „Gefällt mir“ reizen.

6/2016


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