69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 13. August 2017

Symphonie aus der Neuen Welt
Von Johannes Röser
Die Begegnung von Papst Franziskus und Patriarch Kyrill in Havanna dauerte nur wenige Stunden, doch sie hat in der Inflation der angeblich historischen Ereignisse in christlicher Sicht eine echte historische Dimension.

Es war ein Jahrtausendereignis der Kirchengeschichte, doch die Welt hat es nicht erkannt. Selten wurde in der hiesigen Presse derart abfällig, ja gehässig über christliche Persönlichkeiten und Geschehnisse geschrieben wie über die Begegnung von Papst Franziskus und Patriarch Kyrill. Oder diese wurde ganz „niedriggehängt“. Die „Frankfurter Allgemeine“ klassifizierte bereits im Vorfeld Kyrill als „Marionette“ Putins. Das Treffen sei ein Versuch, „Papst Franziskus im ‚great game‘ zur Spaltung Europas und der westlichen Welt als ganzer auf die Seite Russlands zu ziehen“. Wenn dann beide „das Hohelied des Friedens und der Völkerverständigung anstimmen werden, bekommt Moskau sogar auch noch die Bilder, die ihm im Kampf für eine ‚pax sovietica‘ in Syrien und anderswo fehlen“.

Im Übrigen ließ sich die FAZ unter „Gebt dem Kreml, was des Kremls ist“ darüber aus, wie regimehörig die russische Kirche sei, wie protzsüchtig, geld- und machtgierig der Patriarch, wobei auch Verschwörungstheorien über eine „konservative Interna­tio­nale“ aus christlichen Gruppierungen des Westens in Eintracht mit reaktionären Kreisen um Putin bedient wurden, eine Verbindung, „die sich auch gegen Washington und die EU“ richte. Das Treffen mit Papst Franziskus komme dafür „gerade recht“.

Die „Süddeutsche Zeitung“ suchte süffisant nach einer Alliteration und fand drei Ps: „Papst, Patriarch, Putin“. Der Kommentar belehrte Franziskus I. zu berücksichtigen: „Wo Kyrill draufsteht, ist auch Putin drin.“

Ins gleiche Horn der Dämonisierung des russischen Patriarchen stieß die „Zeit“: „Er liebt Macht und Pracht.“ Ansonsten wurde nichts ausgelassen, was der Orthodoxie den Stempel des Reaktionären aufdrückt, zum Beispiel die „Göttliche Liturgie“: „Drei Stunden lang beobachtet die Gemeinde stehend das heilige Spiel der Hierarchen und Priester um die Ikonostase, die Wand mit den geweihten Bildern. Sie … sollen die Gläubigen in die Welt des Heiligen entführen. Diese Göttliche Liturgie ist übrigens fast 1200 Jahre älter als die Alte Messe der katholischen Traditionalisten … Frauenordination ist … tabu … In Russland fallen die alten Frauen noch vor dem Bischof nieder und küssen ihm den Ring. Widerspruch gegen Traditionen ist verpönt. Orthodoxe glauben mit Gefühl, beten vor Ikonen. Weihrauch und Kerzen sind wichtig, Predigten nicht so sehr. Dafür werden Heilige inbrünstig verehrt.“ Man reibt sich über einen solchen „Sextaner-Schüleraufsatz“ die Augen und wundert sich, welche Klischees eine liberale Zeitung bedient, die ansonsten den Dialog der Kulturen fordert, was die Tiefe der östlichen Spiritualität betrifft jedoch völlig ahnungslos zu sein scheint.

Die „Bild“-Zeitung aber „schoss den Vogel ab“: „Der große Bluff mit dem ‚Heiligen Putin‘ … Wer Kyrill I. die Wange küsst, der hat in Wahrheit Putin an der Backe.“

Staatsnähe - nicht nur in Moskau

Natürlich gibt es viele Missstände, die man bei den auf Hierarchie, Status, Autonomie und Autorität bedachten orthodoxen Natio­nalkirchen - nicht nur der russischen Kirche - kritisieren kann und muss. Vielerorts - auch in Moskau - sind die geheimdienstlichen Verstrickungen und Machenschaften von Personen in der obersten Kirchenleitung - auch von Patriarchen - immer noch nicht aufgeklärt. Das belastet die Glaubwürdigkeit und ist nicht zu beschwichtigen. Von manchen undurchsichtigen Finanz- und Immobiliengeschäften ganz zu schweigen. Die manchmal fast unterwürfige Nähe des Moskauer Patriarchats zur zusehends autokratischen Staatsführung ist auch in dieser Zeitschrift oft angesprochen worden.

Aber Staatsnähe an sich ist keine Besonderheit des obersten Klerus in Russland. Auch in Deutschland fallen die Bischöfe - wenn auch unter völlig anderen, demokratischen Bedingungen - wenig darin auf, oppositionell zur jeweiligen Regierung zu stehen. Bei Zusammenkünften politischer und kirchlicher Honoratioren wird in „Sonntagsreden“ stets das gute Zusammenwirken gelobt, also das, was die Orthodoxie als „Symphonia“ bezeichnet. Kardinäle wie Landesbischöfe haben sich zum Beispiel in der Flüchtlingsdebatte recht uniform hinter die Bundeskanzlerin gestellt und dann deren leichte Schwenks mitvollzogen, als sie verlautbarte, dass es doch eine Reduzierung und teilweise Abschiebung der Zuwanderer brauche. Ebenso haben die Kirchenführer in Polen, Ungarn, Tschechien, der Slowakei die Haltung ihrer Regierung vertreten, dort das genaue Gegenteil der Merkel’schen Linie.

In Syrien betrachten kirchliche Führer den Diktator Assad als das kleinere Übel, während sie die Machtübernahme einer vom Westen hofierten Chaos-Opposition fürchten, weil dies letztlich auf eine Kapitulation vor dem „Islamischen Staat“ hinauslaufen würde. Soll Syrien nach der verhängnisvollen Illusions-Interventionspolitik der westlichen Verbündeten in Afghanistan, Irak und Libyen das vierte Opfer sein - geködert mit demokratischen Versprechungen, die reine Luftblasen sind angesichts der Normativität des Faktischen in der islamischen Welt? Jedenfalls ist Kyrills Staatsnähe keine Ausnahme von der Staatsnähe vieler Kirchen in vielen Ländern. Selbst in Lateinamerika hatte die höhere Amtskirche, bis auf wenige rühmliche Ausnahmen, nie gegen die Kolonialregime opponiert und auch später nicht gegen totalitäre Militärs. Die Befreiungstheologie setzte sich von unten durch und erreichte nur wenige Bischöfe. Es waren Theologen, Laien, Ordensleute und einfache Geistliche, die Widerstand gegen die diktatorische Staatsmacht leisteten und dafür manches Martyrium in Kauf nahmen.

Protz-Kult überall

Und wenn es um Insignien der Macht geht, ist in Rechnung zu stellen, dass nicht nur kirchliche, sondern auch weltliche Hierarchen aus Politik wie Unterhaltung bei ihrem je eigenen hoheitlichen Denken mit Status-Inszenierungen nicht geizen. Welche Zeitung hat eigentlich bei der „Berlinale“ den Protz der affektierten männlichen wie weiblichen Superstars auf dem roten Teppich kritisiert - oder gar die albernen hysterischen Anhimmelungsbekundungen eines Publikums, das stundenlang stehend ausharrt, um einen Blick auf die Promis zu erhaschen? Die Politik denkt überhaupt nicht daran, den Kult der Erhabenheit preiszugeben. Das pompöse Zeremoniell jedes Staatsempfangs belegt das. Der „königliche“ Staatspräsident des nachrevolu­tio­nären Frankreich steht da dem amerikanischen Präsidenten in nichts nach. Dieser lässt sich bei Auslandsbesuchen sogar von einer gigantischen Entourage der Sicherheit begleiten, was mit realistischer Gefahrenabwehr nicht mehr das Geringste zu tun hat. Solcher Protz gehört institutionell zum Image der Macht des obersten Dieners der größten Großmacht der Welt.

30 Punkte für Ost und West

„Bei euch aber soll es nicht so sein.“ Es wird wohl noch lange dauern, bis die Kirche des dritten Jahrtausends in Ost wie West dieses Jesus-Wort verinnerlicht und begreift, was eine Kirche der Armen und für die Armen verlangt. Papst Franziskus zumindest hat in dieser Beziehung schon hoheitliche Zeichen der Bescheidenheit gesetzt. Vielleicht war genau dieses Unprätentiöse nach jahrzehntelangen Verhandlungen zwischen Rom und Moskau schlussendlich der Auslöser dafür, dass die Begegnung der „Brüder“ nach bald tausend Jahren Trennung überraschend jetzt zustande kam. Und auch das nicht in noblem Ambiente, sondern recht schlicht in einem ganz und gar nicht repräsentativen Flughafengebäude, in einem Land, dessen touristischer Charme seltsamerweise in den Spuren des „Verfalls“ einstiger architektonischer Schönheit und Größe liegt.

Unterschätzt wird die eigentliche, die religiöse Bedeutung des Treffens von römischem Papst und russischem Patriarchen aus der größten orthodoxen Nationalkirche. Gemessen an den journalistischen Meinungsführern, waren es erstaunlich wenige - eher regionale - Zeitungen, die größere Wirkung andeuteten. Zum Beispiel die „Neue Osnabrücker Zeitung“: Aus kirchenpolitischer Sicht könne die Zusammenkunft „nicht hoch genug veranschlagt werden. Es ist ein diplomatischer Erfolg. Sicherlich war die Begegnung nur ein Anfang auf dem Weg zur Versöhnung. Und vielleicht können der Papst und der Putin-nahe Patriarch auch politisch zum Frieden beitragen und im Syrien-Konflikt Brücken bauen.“ Nicht so hoffnungsvoll äußerte sich die „Badische Zeitung“, meinte aber: „Was die zwei älteren Herren sagen? Nicht so wichtig. Was sie in zwei Stunden auf Kuba miteinander bereden? Kaum relevant. Wesentlich ist vor allem eines: diese eine Handreichung zwischen Papst Franziskus und dem Patriarchen Kyrill. Wenn zwei nach einem so langen Streit wieder zueinanderfinden, so die Botschaft der beiden Religionsvertreter, ist das ein starkes Zeichen an die Welt, die von einem Konflikt in den nächsten zu stolpern scheint.“

Nahezu unbeachtet blieb die für einen amtlichen Konsenstext recht emotionale Erklärung, die von Papst und Patriarch in Havanna unterzeichnet wurde und heikle Punkte verständnisvoll ansprach. Gleich zu Beginn setzen Franziskus I. und Kyrill I. einen theologischen Akzent. Sie danken Gott „für diese Begegnung, die erste in der Geschichte“. „Mit Freude sind wir als Brüder im christlichen Glauben zusammengekommen, die sich treffen, um persönlich miteinander zu sprechen, von Herz zu Herz.“

Warum ausgerechnet Kuba? Es sei ein „Kreuzungspunkt von Nord und Süd sowie von Ost und West“. Diese Insel sei ein „Symbol der Hoffnungen der ‚Neuen Welt‘ und der dramatischen Ereignisse der Geschichte des 20. Jahrhunderts“. So wolle man das Wort von hier aus „an alle Völker Lateinamerikas und der anderen Kontinente“ richten. Außerdem sei man an diesem Ort „weit weg“ von „den alten Auseinandersetzungen der ‚Alten Welt‘“. Es gehe jetzt darum, dass Katholiken und Orthodoxe gemeinsam „mit Sanftmut und Respekt der Welt Rede und Antwort … stehen über die Hoffnung, die uns erfüllt“.

In dem 30 Punkte umfassenden Dokument folgen Passagen, die an die Wunden, die Konflikte der Vergangenheit erinnern, an Gegensätze, die man von den Vorfahren ererbt habe. Beklagt wird der Verlust kirchlicher Einheit. Beschworen wird dagegen die Hoffnung, die Gemeinschaft in Christus wiederherstellen zu können. Die Gläubigen müssten lernen, ein einmütiges Zeugnis für die Wahrheit zu geben in Bereichen, „wo es möglich und notwendig ist“.

Der Text wendet sich dann zuerst den verfolgten Christen im Nahen und Mittleren Osten und in Nordafrika zu. Die internationale Gemeinschaft wird gebeten, „dringend zu handeln“. Zugleich erklären die beiden Kirchenführer ihr Mitgefühl für das Leiden der „Angehörigen anderer religiöser Traditionen“, die ihrerseits Opfer von Bürgerkrieg, Terror, Chaos geworden sind. Der interreligiöse Dialog sei unerlässlich. „Die Unterschiede im Verständnis der religiösen Wahrheiten dürfen die Menschen unterschiedlicher Glaubensüberzeugungen nicht davon abhalten, in Frieden und Eintracht zu leben.“ Die leitenden Persönlichkeiten der Religionsgemeinschaften hätten eine „besondere Verantwortung, ihre Gläubigen in einem respektvollen Geist gegenüber den Überzeugungen derer, die anderen religiö­sen Traditionen angehören, zu erziehen“. Kriminelle Handlungen dürften nicht „mit religiösen Slogans“ gerechtfertigt werden.

Statt Atheismus: Säkularismus

Mit der Forderung nach Religionsfreiheit wird an die historische Unterdrückung des christlichen Glaubens in Russland und den osteuropäischen Ländern unter atheistischen Regimen erinnert. Gott sei zu danken: „Heute sind die Ketten des militanten Atheismus zerbrochen, und die Christen können an vielen Orten ihren Glauben frei bekennen.“ Innerhalb bloß eines Vierteljahrhunderts seien Hunderte von Klöstern und Zehntausende neue Kirchen gebaut, theologische Schulen eröffnet worden. Die christlichen Gemeinschaften engagierten sich in caritativer und sozialer Arbeit und entwickelten diese weiter.

Gleichzeitig zeigen sich Papst und Patriarch besorgt angesichts eines neuen „oft sehr aggressiven Säkularismus“. Die hoffnungsvolle Integration Europas sei „wie eine Garantie für Frieden und Sicherheit“ betrachtet worden. Doch müsse man wachsam bleiben und auf die religiöse Identität achten. Die Europäer sollten offen sein „für den Beitrag anderer Religionen zu unserer Kultur; aber ebenso wichtig sei es, „dass Europa seinen christlichen Wurzeln treu bleibt“. Hier wird auf den Islam angespielt, ohne ihn ausdrücklich zu nennen.

Die Erklärung beklagt die weltweite Armut, die Flüchtlingsschicksale, die wachsende Ungleichheit „in der Verteilung der irdischen Güter“, Ungerechtigkeit, ökologische Probleme, die aus einem „zügellosen Konsum“ entstehen.

Ein größerer Abschnitt befasst sich mit der hohen Bedeutung der Familie als „Weg zur Heiligkeit“, mit der Treue der Eheleute, der Solidarität zwischen den Generationen und der Verantwortung für den Nachwuchs. Die Kirchenführer bedauern die Verwässerung der Ehe, „dass andere Formen des Zusammenlebens mittlerweile auf die gleiche Stufe dieser Verbindung gestellt werden, während die durch die biblische Tradition geheiligte Auffassung der Vaterschaft und der Mutterschaft als besondere Berufung des Mannes und der Frau in der Ehe aus dem öffentlichen Bewusstsein ausgeschlossen wird“. Weitere Abschnitte wenden sich dem Recht auf Leben zu, das vielfach verletzt wird, sowohl zu Beginn als auch am Ende.

Heikelster Punkt: Uniertenfrage

Noch ausführlicher werden die aus der Geschichte erwachsenen Konflikte zwischen West- und Ostkirche angesprochen. Ein von orthodoxer Seite erhobener Vorwurf lautet, Katholiken würden auf dem kanonischen Territorium der Orthodoxie versuchen, Gläubige abzuwerben. Ob und inwiefern diese häufig recht plakativ vorgetragene Behauptung des sogenannten Proselytismus stimmt, erörtert das Dokument nicht. Doch wird klar - in diesem Fall besonders vom Papst - betont: Man dürfe nicht zulassen, „dass unlautere Mittel eingesetzt werden, um die Gläubigen zum Übertritt von einer Kirche zur anderen zu bewegen“.

Es folgt die besondere Problematik des sogenannten Uniatismus: dass sich im Lauf der Geschichte Bistümer beziehungsweise ganze Kirchenregionen, vorwiegend aus politischen Herrschaftsgründen, von der Orthodoxie getrennt und unter Beibehaltung ihrer byzantinischen Liturgie wie sonstigen kirchenrechtlichen Regelungen dem Papst unterstellt haben. Die Unierten, die auch als Griechisch-Katholische bezeichnet werden, wurden immer wieder schwer verfolgt. Stalin hatte die griechisch-katholische Kirche der Ukraine verboten und in die Orthodoxie zwangseinverleibt, mit heftiger Verfolgung der Gläubigen, die an der ursprünglichen Zugehörigkeit festhielten, und Liquidierung der Geistlichkeit. Auf die vielen diffizilen Punkte, gegenseitige Verletzungen und fortdauernde Spannungen, geht der Text nicht im Einzelnen ein, betont aber aus oberster Lehrautorität an einer Schlüsselstelle: „Wir hoffen, dass unsere Begegnung auch dort zu Versöhnung beitragen möge, wo Spannungen zwischen Griechisch-Katholischen und Orthodoxen bestehen. Heute ist klar, dass die Methode des ‚Uniatismus‘ aus der Vergangenheit, der als Vereinigung einer Gemeinschaft mit der anderen durch ihre Loslösung von ihrer Kirche verstanden wurde, nicht eine Weise ist, die es ermöglicht, die Einheit wiederherzustellen. Dennoch haben die kirchlichen Gemeinschaften, die unter diesen historischen Umständen entstanden sind, das Recht zu existieren und alles zu unternehmen, was notwendig ist, um die geistlichen Ansprüche ihrer Gläubigen zu befriedigen, bei gleichzeitigem Bemühen, mit ihren Nachbarn in Frieden zu leben. Orthodoxe und Griechisch-Katholische haben es nötig, sich miteinander zu versöhnen und Formen des Zusammenlebens zu finden, die beiderseitig annehmbar sind.“ An diesem Punkt gab es schon bald nach Bekanntwerden des Textes Kritik, unter anderem aus Sicht der Unierten, die sich in ihren Anliegen vom Papst nicht ausreichend genug gewürdigt fühlen. Aber auch auf orthodoxer Seite gibt es weiter Bedenkenträger, die da schon zu viel Kompromiss am Werk sehen.

Bedauert werden die politischen Ausein­andersetzungen in der Ukraine, die ihre religiösen Facetten haben. Die Kirchen der Ukraine werden gebeten, zusammenzuarbeiten und sich nicht an den politischen Konflikten parteiisch zu beteiligen. Erwähnt wird ebenfalls die Kirchenspaltung unter den orthodoxen Gläubigen in der Ukraine, die sich einerseits weiterhin dem Moskauer Patriarchat zugehörig fühlen, während sich andererseits größere Teile der Bevölkerung nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion einem neugegründeten Kiewer Patriarchat zugewandt hatten, das jedoch gesamtorthodox nicht als autokephal, also als eigenständig kirchenrechtlich gültig, anerkannt ist. Franziskus I. und Kyrill I. wünschen, „auf der Grundlage der bestehenden kanonischen Regelungen“ zu Eintracht und Frieden zu finden. Offen bleibt, wie die kanonischen Regelungen interpretiert werden.

Ein Versuch neuer Hoffnung

Das Dokument versteht sich als Ermutigung der Christen in Ost und West, die Frohe Botschaft Jesu in Öffentlichkeit und Kultur weiterzutragen. „Diese Welt, in der die geistigen Grundpfeiler des menschlichen Lebens in zunehmendem Maß verschwinden, erwartet von uns ein starkes christliches Zeugnis in allen Bereichen des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens.“ In allem sei festzuhalten: „Christus ist die Quelle von Freude und Hoffnung. Der Glaube an ihn verwandelt das menschliche Leben und erfüllt es mit Sinn.“

Worte sind zwar oft nur Worte und Symbole manchmal nur Symbole. Trotzdem spricht aus der Begegnung von Papst Franziskus aus Rom und Patriarch Kyrill von Moskau und der ganzen Rus mehr als nur eine höfliche Bekundung guten Willens. Den Formulierungen ist anzumerken, wie viel jahrzehntelange akribische Arbeit zur Verständigung dem vorausgegangen ist. Die Christen in West und Ost sollte dies ermutigen, daraus Früchte wachsen zu lassen, alte Vorurteile übereinander und gegeneinander zu überwinden und tiefer zu schauen in die Freude und Hoffnung, aber auch Trauer und Angst der jeweils anderen Seite. Denn die religiöse wie die säkulare Welt ist nie nur so, wie wir sie durch unsere Brille sehen oder zu sehen meinen oder durch bestimmte Sichtweisen der jeweiligen Presse vorgespiegelt bekommen. Kritik ist richtig, wichtig und gut. Niemand sollte kleinreden, wie sehr die Kirche immer wieder in die babylonische Gefangenschaft des je eigenen Staates geraten ist. Trotzdem könnte von Zeit zu Zeit eine entmythologisierende Horizonterweiterung hilfreich sein, ein erweiterter und vertiefter Blick nicht nur nach Berlin, Washington, Paris, London, Brüssel oder Rom, sondern auch - nach Moskau. Vielleicht ist christentumsgeschichtlich das Treffen in Havanna doch der Grundakkord für einen künftigen Zusammenklang von Ost- und Westkirche, für die Harmonie einer neuen „Symphonie aus der Neuen Welt“.

8/2016


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