69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 30. Juli 2017

Auferstehung? Ja, aber...
Von Ralf Meister
Die Auferstehung Jesu ist schwer zu glauben. Weil die Menschen zur Hoffnung fähig sind, ist Ostern trotzdem kein Fest der „Notlügen“. Aber wir müssen über Ostern reden!

In einer dänischen Zeitung verkündigte im vergangenen Jahr ein Kopenhagener Pastor, wenn er bei Beerdigungen über das Wiedersehen im Jenseits predige oder vom ewigen Leben spreche, dann sei das für ihn „so etwas wie eine Notlüge“. Kurze Zeit später solidarisierten sich drei weitere Kollegen mit dieser Ansicht. Das führte nicht nur innerhalb der Kirche in Dänemark, sondern auch in der säkularen Presse zu einer intensiven Debatte. Darf man das? Darf man sich als Pastor, also als eine Person, die den Auftrag hat, das Evangelium zu verkündigen, von einer zentralen Glaubenswahrheit lossagen? Dabei geht es nicht um eine ethische Haltung oder eine nebensächliche Bemerkung Jesu, sondern um das zentrale Stück unseres Glaubens: die Wahrheit der Auferstehung. Ohne das „Auferstanden von den Toten“ gäbe es keine Kirche. Die Kreuzigung Jesu wäre vermutlich eine historische Anekdote geblieben von einem aufrührerischen Wanderrabbi, der sich gegen die Ansprüche der römischen Besatzungsmacht aufgelehnt hatte. Was aber heißt es für einen Pastor, der ja seinen Glauben so formulieren sollte, dass er - durch den Heiligen Geist - eine „Glaubensanregung“ wird? Was also, wenn es nichts anzuregen gibt, weil der zentrale Wahrheitsbereich ausgelassen wird? Ist Ostern dann ein Fest für Notlügen?

Die Sache mit den Auferstehungsleugnern hat sich in Dänemark relativ schnell gelegt. Nun muss der Pastor mit den Notlügen eine halbes Jahr zur Nachschulung, es gibt ein paar Lehrgespräche, und er hat sich bei den Gläubigen entschuldigt.

Können wir das glauben?

Doch seien wir ehrlich, auch wir stehen am Ostersonntag erneut vor der gleichen Frage: Können wir das glauben? Wie denken, beschreiben und glauben wir den Satz: Auferstanden von den Toten? Die Antwort, die das älteste Evangelium dazu gibt, lautet: Ja, aber … Ja! Aber es ist nicht so einfach. Ja! Aber diese Nachricht verstört? Ja! Aber erst einmal nicht öffentlich machen. Ja! Aber …

So endet die Ostererzählung aus dem Markusevangelium: „Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.“ Furcht und Angst. Auferstehung erschüttert das Leben. Soll die Auferstehung keine Idylle sein, sondern eine Erfahrung, die das Leben ver­ändert, so bleibt sie eine Anfechtung. Eine Anfechtung für unser Lebenskonzept. Das Heil ist gekommen, so heißt es. Und mit ihm die größte Unordnung, die man sich vorstellen kann: ein leeres Grab. Was für ein Bild wird das gewesen sein? Ein fortgerollter Grabstein, der Leichnam verschwunden, ein Leichenhemd liegt herum, und voller Angst rennen Frauen auseinander. Das hat man vom Heil: Chaos, ein riesiges Durcheinander. Auch den ersten Jüngern erschien die Auferstehung Jesu unglaublich. All die versöhnlichen, beinahe harmonischen Geschichten zur Auferstehung entstehen erst später. Dieser Schluss im Markusevangelium ist der älteste. Mich fasziniert er. Es ist, als ob die Auferstehungsbotschaft am menschlichen Zweifel zerschellt. Die Frage, ob die Überlieferung von der Auferstehung Jesu glaubwürdig ist, stellt sich nicht erst für den „modernen“, „aufgeklärten“ Menschen, sondern - so wie es alle Evangelien widerspiegeln - bereits für die Zeitgenossen Jesu. Menschen fragen, ob das sein kann. Glaubend, suchend, ablehnend. Niemand bleibt unberührt.

Ostern - jedes Jahr anders

So fragen wir am Ostermorgen: Wie klingt diese Botschaft für uns? Ich glaube, die Nachricht der Auferstehung klingt jedes Jahr anders. Ich will deshalb Ostern nicht vorschnell in die Weltlage einbauen oder leichtfertig an aktuelle Tragödien heften. Denn wie schal klingt Ostern, wenn es als Hilfspaket zur Schmerzbehandlung verordnet wird. Ostern ist kein Trostpflaster, sondern ein existenzieller Lebensgrund. Und wenn die Osterbotschaft nur eine dogmatische Behauptung, eine statische Wahrheit bleibt, hilft sie wenig. Erst wenn sie eine Erfahrung wird, wenn sie emotionalen Raum bekommt, wenn sie das Herz berührt, können wir uns aus dem Zittern oder der Ablehnung befreien. Es gibt eine Sprache, die ignoriert diese Erfahrung und wird dann schnell zynisch. Denn die Auferstehung, so schreibt der katholische Theologe Otto Hermann Pesch, „kann ja nur mühsam überdecken, dass Gottes enttäuschendes Handeln weitergeht. Denn auch alles Unheil dieser gequälten Erde geht weiter.“

Auferstehung klingt jedes Jahr anders. Warum? Weil mein Leben sich verändert. Jedes Leben wandelt sich durch die Jahre. Und so wie die Erfahrung meiner Endlichkeit zunimmt, so verändert sich auch die Sichtweise über das Lebensende hinaus. Die Erfahrung der Auferstehung ist ja nicht eine abstrakte Veränderung, sondern sie geschieht an uns, in unserem endlichen, sterblichen Dasein.

Wie verändert sich die Osterbotschaft mit zunehmendem Alter? Wird sie mir aktueller? Rückt sie mir näher, je näher ich dem Tode komme und je deutlicher ich meine eigene Endlichkeit spüre von Jahr zu Jahr; mit Sorge und Angst? Oder wird sie mir darin gerade unrealistisch und erscheint mir als billiger Trost, den ich nicht brauche?

Doch es verändert sich nicht nur mein Lebensalter. Ich frage mich auch: Wie oft habe ich im vergangenen Jahr die Osterbotschaft, also die Nachricht von der Auferstehung Jesu, gehört? Das heißt auch: Auf wie vielen Beerdigungen bin ich gewesen, auf denen von dem neuen Leben in Jesus Christus erzählt wurde? Wirkt das nach? Wirkt es vielleicht sogar stärker nach, als wenn es mein eigenes Leben betrifft? Was mir selbst noch rätselhaft und unendlich fern erscheint, wenn es mein eigenes Leben betrifft, ergreift mich das sofort schmerzhaft, wenn es für meinen verstorbenen besten Freund, meinen Ehepartner, meinen Vater gilt? Vor dem Tod der Nächsten ist mir bang, weil ich mich frage: Wohin gehen sie? Wer begleitet ihre Reise? Sind sie bei Gott?

In ein Tagebuch schrieb ich vor vielen Jahren einmal: „Hilft es, fortwährend über den Tod nachzudenken, damit man die Auferstehung glaubt?“ Öffnet also das Gedenken an die Endlichkeit die Tür zur Auferstehung? Heute - so erlebe ich es - wird diese Tür schnell zugeschlagen. Viele kennen diese Öffnung des Lebens überhaupt nicht. Die „Zeit“ ließ einmal unter der Überschrift: „Ostern - Vom Wert des Lebens“ den Eindruck entstehen, dass aus der Auferstehung Jesu vor allem nichts anderes als ein „Carpe diem“ wird, „genieße den Tag“. Doch wie beschränkt ist dieser Blick, wie kurzatmig diese Haltung. Alles was über unser Leben im Hier und Jetzt hinausgeht, was übrigens auch mit dem Begriff der Ewigkeit aufgenommen wird, verunsichert. Die Auferstehung greift in den Raum hinein, der uns unzugänglich bleibt. Alle wissenschaftlichen Präzisierungen können das Geheimnis nicht lüften. Sie verweigern die Frage. In diese Leere menschlicher Erklärungen zeichnet das leere Grab ein neues Bild, ein tiefes religiöses Bild.

Das Tuch der Hoffnung

Der Schriftsteller Elias Canetti schrieb, bezogen auf den Tod: „Ich begreife die Religion, wie ich sie nie begriffen habe, ein Gefühl, das man nur als religiöses bezeichnen kann, beherrscht mich jetzt ganz und gar. Religion ist das Gefühl einer Verbindung mit den Toten. Vielleicht war in manchen Menschen dieses Gefühl so stark, dass es die Toten wirklich belebt hat. - Christus?“ Lassen wir, nur weil wir uns fürchten vor den gewagten Sätzen der Auferstehung, unsere Verstorbenen allein? Das Prinzip des Lebens scheint das Prinzip der Angst zu sein. Angst vor den vielen kleinen und großen Verlusten. Fürchtet Euch sehr - das ist die Botschaft in den Medien. Wir sind mit unserer ängstlichen Absicherung so beschäftigt, dass wir darin absterben. Verzweifelt klammern wir uns an Bestehendes. Das raubt uns die Freiheit. Durch die schiere Angst vor der Verarmung, der Erkrankung, dem Verlassenwerden, durch das starre Festhalten an eigenen Bedürfnissen und alten Ordnungen schleicht sich der Tod ins Leben. Ein Tod, der mitten in aller Geschäftigkeit Besitz ergreift.

Beim Suchen nach letzten Einsichten gegen diese Angst helfen irdische Gesetzmäßigkeiten nicht weiter. Die größte Sünde - sagte die französische Philosophin Simone Weil - ist der Gehorsam gegenüber der Schwerkraft. Wir brauchen eine andere Gravitation gegen unsere Furcht. Wir brauchen Erzählungen und Bilder von dem, der auferstand, damit wir leben. Die Auferstehung ist der größte Hoffnungsspeicher für uns Christen. Und unser Glaube daran ist eine ungeheure Schubkraft für ein verantwortliches Handeln. Unsere Hoffnung verbindet sich mit all jenen, die in der gleichen Zuversicht leben wie wir. Wir denken an die verfolgten und vertriebenen Glaubensgeschwister in Syrien, die diskriminierten Glaubensgeschwister in fast allen islamischen Ländern, die ermordeten Glaubensgeschwister in Nigeria.

Die Auferstehung Jesu, die wir heute feiern, ist kein Trost, sondern ein Trotz. Wir sind Protestmenschen gegen den Tod. Wir trotzen dieser Wirklichkeit des Leidens und der Verfolgung den Glauben ab, weil es eine Zuversicht gibt, die Gott uns verheißen hat. Und wir werden tun, was wir können. Dauerhaft und laut, um uns für Gerechtigkeit und Religionsfreiheit auf der ganzen Welt - und vor allem in den islamischen Ländern - einzusetzen. Es ist eine Schande, dass die Verweigerung von Grundrechten, wie der Religionsfreiheit, in vielen Ländern politisch wie eine Marginalie kommentiert und wirtschaftspolitisch vollständig ignoriert wird.

Was machen wir zu Ostern, wenn wir von dieser Geschichte erzählen. Keine Notlügen! Wir erzählen, was es schon gibt an Himmel, an Zukunft, an Ewigkeit in dieser Welt. Wir machen die Möglichkeiten eines erfüllten Lebens sichtbar, das nicht gefangen bleibt in den paar Sommern, die Gott uns schenkt auf dieser Welt. Wir bleiben nicht haften an dem Möglichen, sondern sind bereit für das Unmögliche. Jeder weiß, dass diese Welt nicht in der Wirklichkeit aufgeht. Wenn es aber den Sinn für die Wirklichkeit gibt, und niemand wird bezweifeln, dass er seine Berechtigung hat, dann muss es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann. Wir sind solche Möglichkeitsmenschen und leben in einem feineren Gespinst. In einem Gespinst von Verheißung, Zuversicht und Träumerei. Wir legen über die graue Oberfläche dieser Welt ein Tuch der Hoffnung. Und das Mögliche umfasst dabei nicht nur menschliche Träume, sondern vor allem die Absichten Gottes.

Wir leben nicht mehr in Zeiten, in denen es eine selbstverständliche Rede von der Überwindung des Todes in Jesus Christus gibt. Wir müssen reden. Und das in einer Sprache, die sich nicht hinter Formeln oder gar Notlügen versteckt, sondern die die Faszination und das Wunder des Glaubens spiegelt. Ein Abglanz muss spürbar sein in unseren Worten, mit denen wir die Geschichten von Auferstehung und Heil erzählen. Wir haben kein Recht zu schweigen. Wir leben aus der Lebensauffassung und der Schönheit jener Überlieferungen, und unsere Kinder werden sie nicht mehr kennen, wenn wir uns in der eigenen Sprachlosigkeit bescheiden.

Der Ostermorgen bricht herein. Er bricht herein inmitten allen Leidens, aller Ängste, aller Trauer. Ostern bricht herein und trotzt der Wirklichkeit. Und wir, wir reden. Von der größten Hoffnung, die in uns ist: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden!

CIG 13/2016


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