69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 13. August 2017

Fremd im eigenen Haus - oder: Das Eigene ist das Fremde
Von Johannes Röser
Die Integrationsdebatte dreht sich im Kreis und bleibt oft oberflächlich. Dabei gäbe es noch Gewichtigeres zu bedenken.

Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst. Wie dich selbst! Jahrelang haben Theologen und insbesondere Theologinnen - untermauert durch psychologische Einsichten - die Gläubigen belehrt, dass der erste Teil des Satzes nicht funktioniert ohne den zweiten. Wer die Eigenliebe verachtet, kann auch den anderen nicht achten. Den reinen Al­tru­ismus gibt es nicht. Das gilt erst recht inmitten der kulturellen Umbrüche, die nicht erst von der jüngsten Migrationsdramatik ausgelöst wurden. Die sogenannte Willkommenskultur geht nicht ohne Liebe zur eigenen Kultur und zu dem, was diese Kultur für ein Staatswesen, eine Gesellschaft, ein Volk, ein Individuum bedeutet. Die Debatte beginnt von Neuem.

So hat der slowenische Psychoanalytiker, Philosoph und marxistische Theoretiker Slavoj Žižek neulich den eigentümlichen Hass Europas auf sich selber scharf kritisiert. Ähnlich wie einst der Publizist Henryk M. Broder in seinem Buch „Hurra, wir kapitulieren!“ die eigentümliche Lust der westlichen Kultur am Einknicken beklagte, bemängelt Žižek in der „Zeit“ (7. April) eine „mitleidsvolle Selbstgeißelung“. Ständig werde das Bild „vom allumfassenden und äußersten moralischen Verfall Europas“ gemalt, als ob man an allem Elend der Welt schuld sei. Wenn wir im Westen den versteckten und wirklichen Rassismus überwinden wollen, müssten wir jedoch „als Erstes die endlose politisch korrekte Selbstbezichtigung abschütteln“, vor allem im Hinblick auf die Dritte Welt oder den arabischen Raum.

Selbst wenn in einem Drittweltland schreckliche Verbrechen geschehen, belaste man nicht die dortigen Täter, sondern sich selbst. Oder man unterstellt, die neuen Herren der Ex-Kolonialländer würden ja nur nachahmen, was die Kolonialherren taten - und damit sind wieder nur wir die Übeltäter. Ähnliche Verhaltensmuster beobachtet Žižek auch bei der Flüchtlingsproblematik: In einer „endlosen Selbstbezichtigung“ werde so getan, als habe Europa „angeblich seine Menschlichkeit verraten“. Die Selbstbeschuldigung lautet: „Dieses mörderische Europa lasse die Leichen tausender Ertrunkener an seinen Grenzen anschwemmen.“ Indem der Westen sich ständig als „privilegierte Quelle des Bösen“ darstelle, behaupte er jedoch wieder nur eine Art moralische Überlegenheit über alle anderen. Im Sinne von: Seht, wie kräftig wir uns an die eigene Brust schlagen, wie vorbildlich wir sind!

Immer sind wir schuld?

Das permanente Schuldbekenntnis produziert eine seltsame Dialektik, in der sich der Westen schlussendlich als der eigentlich Bessere darstellt. Auf der anderen Seite, etwa in der Dritten Welt, versucht man wiederum trickreich, das zu nutzen und von der eigenen Schuld abzulenken. Das geht einher mit einer eigentümlichen Hassliebe gegenüber Europa und Nordamerika, schillernd und schwankend zwischen Bewunderung und Verachtung. Žižek sieht den wahren Grund, warum die Dritte Welt uns hasst, gar nicht so sehr in der kolonialen Vergangenheit und ihren Nachwirkungen, vielmehr „in dem selbstkritischen Geist, mit dem der Westen dieser Vergangenheit abgeschworen hat - mit der impliziten Aufforderung an andere, sich diesem selbstkritischen Ansatz anzuschließen“. Im Grunde handele es sich um eine Art Fortsetzung des Kolonialismus mit anderen - moralistischen - Mitteln. Denn die Dritte Welt oder die arabischen Staaten zwängt man damit in die ständige Opferrolle eines zur Bewältigung von selbstgemachten Krisen unfähigen Untertans.

Žižek legt die Absurdität dieses Verhaltens offen: „Wenn Linksliberale gebetsmühlenartig wiederholen, die Welle des Terrorismus sei die Folge westlicher kolonialer und militärischer Interventionen im Nahen Osten, so dass letztlich wir die Verantwortung für sie hätten, dann sticht an ihrer Analyse, so respektvoll anderen gegenüber sie sich auch geben mag, ein eklatanter, gönnerhafter Rassismus ins Auge. Sie reduziert den anderen auf ein passives Opfer und spricht ihm jede eigene Zielsetzung ab. Aus einer solchen Perspektive wird dann unsichtbar, dass beispielsweise Araber keineswegs nur passive Opfer europäischer und amerikanischer neokolonialer Machenschaften sind. Ihre Vorgehensweisen sind keine bloßen Reaktionen, sondern Formen eines aktiven Umgangs mit ihrer schwierigen Lage. Wenn sie eine expandierende und aggressive Islamisierung betreiben (etwa Moscheen im Ausland finanzieren) oder den offenen Krieg mit dem Westen suchen und so weiter, dann sind all dies Varianten einer aktiven Auseinandersetzung mit einer Situation, in der man ein klares Ziel verfolgt. Das emanzipatorische Erbe Europas muss also in erster Linie gegen die Europäer selbst verteidigt werden.“ Das heißt für Žižek: auch gegen das rechtsnationale Spektrum, „gegen jene einwanderungsfeindlichen Popu­lis­ten, die Europa von einer übertoleranten multikulturellen Linken bedroht sehen“.

Was befreit die Sklaven?

Außerdem sei zu bedenken, dass die einst von Europas Kolonialmächten Unterdrückten ja ebenso von den europäischen Emanzipationserfolgen profitiert haben. Zum Beispiel: „Die Franzosen kolonisierten Haiti, doch schuf die Französische Revolution auch die ideologische Grundlage für den Aufstand, der die Sklaven befreite und Haiti zur Unabhängigkeit verhalf. Der Prozess der Entkolonialisierung kam in Gang, als die kolonisierten Nationen dieselben Rechte forderten, die der Westen für sich in Anspruch genommen hatte. Man sollte also nie vergessen, dass der Westen überhaupt erst die Standards definiert hat, an denen er selbst und seine Kritiker seine kriminelle Vergangenheit bemessen … Wenn ein Kolonialland Unabhängigkeit fordert und ‚zu seinen Wurzeln zurückkehrt‘, dann ist die Form dieser Rückkehr selbst (die eines unabhängigen Nationalstaats) westlich.“

Viel geredet, wenig gewusst

Diese historischen und wesentlich auch kulturellen Tatsachen sind in den aktuellen Transformationsprozessen, die der Westen im Zuge der Globalisierung der Migrations­bewegungen erlebt, zu beachten. Der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse erklärte in der „Frankfurter Allgemeinen“ (11. April), diese Veränderungen sollten „ohne Beschönigungen, aber auch ohne Dramatisierungen und ohne Hysterie“ diskutiert werden. „Das heißt vor allem zu begreifen, dass eine pluralistischer werdende Gesellschaft keine Idylle ist, sondern voll von sozialem und kulturellem Konfliktpotenzial. Das heißt auch zu begreifen, dass Integration eine doppelte Aufgabe ist: Die zu uns Gekommenen sollen, sofern sie hier bleiben wollen, heimisch werden im fremden Land - und den Einheimischen soll das eigene Land nicht fremd werden.“

Allerdings bleibt die Frage, was das Eigene denn ist und wie sehr das Eigene überhaupt noch verstanden, gepflegt, weiterentwickelt, ja ernstgenommen wird. Thierse verweist unter anderem auf die in diesen Debatten häufig unterschlagene „christlich-jüdische Prägung unserer Kultur“. Es sei dringend notwendig, sich darüber zu verständigen, „welchen (nicht nur historischen) Rang und welche Gegenwärtigkeit“ dieses Religiöse „beanspruchen darf und soll“. Diese Frage erzeuge oft „Reaktionen zwischen Irritation und Unsicherheit, zwischen Trotz und Verschämtheit. Als sei schon der Hinweis etwas Unziemliches und Integrationsfeindliches, dass unsere Kultur (nicht allein, aber doch wesentlich) christlich geprägt ist. Man dient aber der Integration nicht, wenn man sich selbst verleugnet und nur noch ‚Interkultur‘ für zeitgemäß und legitim hält.“ Thierse widerspricht energisch einer Art Selbstamputation, als sei einzig der Laizismus oder gar eine Art distanzierter Atheismus die Antwort darauf, wie eine Gesellschaft friedlich mit sich auskommen kann.

Was aber ist, wenn das Interesse am wesentlichen Kulturfaktor Religion schwindet, nicht nur öffentlich, sondern auch privat - wenn also Religion nicht einmal mehr Privatsache ist? Der Historiker Michael Wolffsohn hat aus der Perspektive seiner jüdischen Identität auf diese Problematik aufmerksam gemacht. In der Zeitschrift „Die Politische Meinung“ der Konrad-Adenauer-Stiftung (Januar/Februar 2016) stellt er provokativ fest: „Wiederholten Unkenrufen zum Trotz: Untergegangen ist weder das Abendland noch Deutschland. Christlich sind beide längst nicht mehr. Christlich-jüdisch erst recht nicht, und der Zusatz ‚jüdisch‘ war ohnehin weitgehend der wiedergutmachenden bundesdeutschen, teils westeuropäischen Nachkriegsgesinnung geschuldet. Stichwort ‚schlechtes Gewissen‘.“ Der Verlust des Christlichen sei außerdem überhaupt nicht „migrationsbedingt fremdbestimmt“, sondern „selbstbestimmt durch Geburtschristen“ verursacht, denen faktisch am Christsein und am Christentum nichts mehr liegt.

Wenn die verunsicherte westliche Bevölkerung plötzlich mehr über den Islam wissen wolle, hänge das weniger mit der Religion zusammen als damit, dass „die meisten Terroristen der Gegenwart“ Muslime sind, wobei selbstverständlich „nicht alle Muslime“ Terroristen sind, so Wolffsohn. Als Religion sei der Islam „den religiös ‚unmusikalischen‘ Deutschen allerdings ‚wurscht‘ oder, sagen wir es gewählter: Der Islam ist den meisten Deutschen mindestens so unwichtig wie das Christentum und das Judentum. Dieser Sicht zufolge gehört der Islam so wenig zu Deutschland (und dem heutigen Abendland) wie Christentum und Judentum, ja wie jede Religion.“

Allerdings bemerkt Wolffsohn hinsichtlich der religiösen Ernsthaftigkeit einen klaren Unterschied: „Der Großteil der in Deutschland lebenden Muslime praktiziert den Islam tatsächlich, während Christen und Juden weitgehend areligiös, antireligiös oder religiös indifferent sind. Ob jene Muslime ihren Islam auch besser kennen und verstehen als die einheimischen Christen ihr Christentum und die hiesigen Juden ihr Judentum, sei dahingestellt.“ Momentan werde über die Religionen „viel geredet und geschrieben, aber wenig gewusst“. Das erkläre auch das „theologisch sowie historisch niedrige Niveau der öffentlichen Debatten über jedwede Religion“. Christliche sowie jüdische Geistliche müssten inzwischen „in diesem Flachwasser schwimmen, weil ihre Zielgruppen im tieferen Wasser untergingen“. Vielfach habe man das religiöse Niveau dieser geistigen Oberflächlichkeit und Dürftigkeit angepasst.

Das ist eine vernichtende Kritik nicht nur an der religiösen Lage der Nation, sondern auch am Glaubensleben, an Seelsorge und Theologie. Steht es um das in Sonntagsreden vielbeschworene Eigene - zumindest was das Religiös-Kulturelle betrifft - viel schlimmer als gedacht? Oder wie kann das fremdgewordene Eigene uns als das Fremde vielleicht wieder neugierig machen, uns neu und reformiert zum Eigenen werden?

Slavoj Žižek verweist darauf, dass das Eigene, das man konservativ geordnet, verpackt und dauerhaft stabil glaubt sowie sicher zu kennen meint, als solches gar nicht existiert. Er verweist auf eine Beobachtung von Gilbert K. Chesterton in seinem Buch „Der unsterbliche Mensch“: „Die schlichteste Wahrheit über den Menschen lautet, dass er ein äußerst fremdartiges Wesen ist, fast wie ein Fremder auf Erden. Nüchtern betrachtet besitzt er mehr von der unirdischen Erscheinung eines Geschöpfes, das fremde Gewohnheiten aus einen anderen Land mitbringt, als von einem auf dieser Erde entstandenen Wesen … Als einziges unter den Tieren erschüttert ihn der herrliche Wahnsinn namens Gelächter, als hätte er Einblick getan in irgendein Geheimnis der wahren, dem Universum selbst verborgenen Gestalt des Universums.“

Innerlicher als mein Innerstes

Wenn man die eigene Religion ernstnimmt, ist sie freilich auch nichts anderes als etwas Fremdes, um das man sich ständig um Einsicht bemüht, das man sich als Eigenes einzuverleiben sucht, das sich im Letzten aber dennoch entzieht. Es bleibt so mysteriös fremd wie der Gegenstand der Religion selbst: Gott.

Der Mensch ist sich - in seiner vermeintlichen Identität - ebenfalls kein guter Bekannter, sondern immer wieder ein Fremder. Radikaler noch, als bei Žižek gedacht, sind wir Fremdlinge auf Erden bis zum Tod, erleben wir ständig, dass wir, so sehr wir an dieser Welt hängen, auf dieser Welt doch nicht ganz zuhause sind, nicht einmal in dem, was wir glauben, hoffen, lieben. Augustinus hat diese Fremdheit sich selbst gegenüber in seinen „Bekenntnissen“ unnachahmlich im Blick auf das Universum des Transzendenten, des Göttlichen, auf Gott formuliert: „Du aber warst (mir) innerlicher als mein Innerstes und höher als mein Höchstes.“

Ist die Zeit der Religion, des Christentums als einzigartiger Kulturträger in unserer Weltgegend abgelaufen? Oder kann der Christusglaube als etwas Fremdes, Entfremdetes womöglich gerade deshalb neu und frei begriffen werden, so dass man davon ergriffen wird - von etwas, das im Letzten fremd ist und fremd bleibt, das dem Menschsein in seiner eigenen Fremdheit aber gerade dadurch Tiefe gibt? Kultur entwickelt sich niemals nur mit Bekanntem, sondern stets mit der Intuition des Unbekannten, bleibend Fremden im eigenen Haus, im ständigen Ringen um Vertrautheit bei aller Entzogenheit, die Gott selber ist. Vielleicht beginnt man eines Tages ja doch wieder damit, das derart Eigene als das Fremdgewordene, Verfremdete auch des Christlichen wiederzuentdecken und wieder zu lieben. Es ist nur eine Hoffnung. Aber eine Hoffnung.

17/2016


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