69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 20. August 2017

Kommentar: Taubheit
Von der CIG-Redaktion
Mehr als eine halbe Million Tote in Indonesien - der Staat ist dabei, die Gräuel unter General Suharto aufzuarbeiten. Etwa zwei Millionen Tote durch die Roten Khmer unter Pol Pots Terrorregime in Kambodscha - ein Tribunal hat mehrere Verantwortliche zu lebenslanger Haft verurteilt. Bis zu einer Million Tote beim Genozid in Ruanda - Dutzende hochrangige Täter wurden von einem internationalen Gerichtshof zur Rechenschaft gezogen. Zehntausende Tote bei sogenannten ethnischen Säuberungen während der Jugoslawienkriege - Verurteilungen vor internationalen Gerichtshöfen. Bis zu 45 Millionen Tote in China durch verheerende wirtschaftspolitische Entscheidungen während der Kampagne „Großer Sprung nach vorn“ - nichts! Zig Millionen Tote während der Kulturrevolution - nichts! Mehrere Tausend Tote beim Massaker 1989 auf dem Tiananmen-Platz in Peking - nichts!

Vor fünfzig Jahren begann die Schreckenszeit der Kulturrevolution (vor vierzig Jahren endete sie), und die kommunistischen Alleinherrscher in China denken nicht im Traum daran, der Millionen Toten zu gedenken, die Untaten der Partei einzugestehen, Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und einen Aussöhnungsprozess anzustoßen. Statt Archive zu öffnen, wissenschaftliche Untersuchungen zu fördern und behutsam eine gesellschaftliche Debatte über die Verbrechen am Volk zuzulassen, fährt der zu seinem Amtsbeginn als Hoffnungsträger eines freieren Chinas geltende Präsident Xi Jinping eine immer härtere Linie. Er drangsaliert Menschenrechtler und deren Anwälte, lässt Journalisten schikanieren, Kritiker wegsperren, und die Übergriffe auf Christen und Glaubende anderer Religionen nehmen erheblich zu. Kritik an Mao Zedong? Kritik an Deng Xiaoping? Fehlanzeige! Mao hat zu siebzig Prozent alles richtig gemacht, heißt es offiziell. Die paar Fehler: Schwamm drüber.

Auch Staatsgäste haben kaum eine Chance, Einfluss zu nehmen. Peking führt sie hemmungslos vor: Fordern sie Menschenrechte ein, wird ihnen das wie im Fall von Joachim Gauck zwar eingeräumt - doch nur für dessen heimatliches Publikum, isoliert von der chinesischen Öffentlichkeit, die nichts erfährt. Das westliche „Pochen“ auf Menschenrechte ist zum Ritual geworden, über das die KP lächelt. Doch je länger China mit seiner Geschichte nicht ins Reine kommt, desto länger wird die Regierung in ihrem Absolutheitsanspruch Unruhen fürchten müssen, desto härter wird sie wiederum die politische und religiöse Freiheit unterbinden. Wer nicht zum Widerstandskämpfer geboren ist, dem bleibt in der verordneten Unfähigkeit, um die Toten der Vergangenheit zu trauern, ein Weg, den Millionen gehen: Sie fliehen in einen sinnentleerten Konsum, um den schlummernden Schmerz zu betäuben.

19/2016


Facebook icon Auf Ihre Anregungen und Kommentare freuen wir uns auf Facebook!
Wir freuen uns, wenn Sie CHRIST IN DER GEGENWART näher kennen lernen wollen. Die nächsten vier Ausgaben können Sie gleich hier kostenlos anfordern oder bei:
Verlag Herder, Kundenservice, D-79080 Freiburg
Fax 0761/2717-222, Telefon 0761/2717-200, E-Mail kundenservice@herder.de

Mit unserem Gratis-Newsletter informieren wir Sie über Neues.


Impressum