69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 30. Juli 2017

Gott - wie tragisch
Von Johannes Röser
Das Christentum ist keine Wohlfahrtsreligion und auch keine Morallehre für Bessermenschen. Es geht um Glauben, Zweifeln und um das große Drama zwischen Himmel und Erde.

Wer auch nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt.“ Dieser Spruch, der volkstümlich dem Talmud zugeschrieben wird, jener jüdischen Lehrschrift, die von der Auslegung der biblischen Gebote handelt, wird angesichts der grausamen Flüchtlingsdramen immer wieder zitiert. Eigentlich heißt es in der Version des „Jerusalemer Talmud“: „Wer eine einzige Seele zerstört, zerstört die ganze Welt. Und wer eine einzige Seele rettet, rettet die ganze Welt“.

Der Kölner Kardinal Rainer Maria ­Woelki hat beim Fronleichnamsfest über diese Aussage per Negativton einen Bezug zu Gott hergestellt: „Wer Menschen im Mittelmeer ertrinken lässt, lässt Gott ertrinken.“ Wer aber ist dieser „Wer“? Ist es das blinde Schicksal, der geldgierige Schlepper einer globalen Mafia, der skrupellose Bootsbauer oder Besitzer der „Seelenverkäufer“? Sind es korrupte Regierungen, die verzweifelte Menschen zur Auswanderung treiben, gewissenlose Rüstungslieferanten, machthungrige Kriegstreiber, radikalislamische Prediger, perverse IS-Kämpfer oder illu­sions­verhaftete Oppositionelle, die stabile autokratische Systeme im Namen angeblicher Demokratie destabilisieren? Oder sind es die Einwohner der Zielländer, die Deutschen, die innerhalb eines Jahres anderthalb Millio­nen Flüchtlinge - überwiegend junge muslimische Männer - aufgenommen haben, beherbergen und trotz aller kulturellen wie sozialen Fremdheiten und eigener Probleme zu beheimaten versuchen? Lässt jeder Einzelne Gott ertrinken? Oder ertränkt Gott sich selber im Sturm der Wellen, die er wie die gesamte Welt mit all ihren Turbulenzen so mysteriös unvollkommen erschaffen hat, mitsamt dem Tod als der vernichtenden „Krone“ seines Schöpfungswerks, in dem alles irgendwann, irgendwo, irgendwie dem Untergang geweiht ist? Der Tod jedenfalls war längst in der Evolution, noch bevor es den ersten modernen Menschen überhaupt gab, noch bevor überhaupt jemand sündigen, ja von Sünde etwas ahnen konnte. Die biologisch grundgelegte Drangsal, die so vieles und so viele zum schrecklichen Kampf ums Dasein, ums Überleben zwingt - wer ist für dieses Drama verantwortlich? Der Mensch? Oder doch Gott? Wie tragisch!

Das Universum kannte kein Paradies. Seine Entwicklung war nie eine harmonische Heilsgeschichte, sondern - wenn schon fromm gedacht - stets ein Drama voller Unheil und Katastrophen, im Lauf der 13,8 Milliarden Jahre seit dem „Urknall“ am allerwenigsten von Menschen gemacht, von Menschen zu verantworten. Im kosmisch gedachten Christusgeschehen spiegelt sich die gewaltige Unheils-Heilsdramatik wider: existenziell, bewegend, ergreifend, erschütternd.

Moral als Ablenkungsmanöver

Christsein war zu keiner Zeit ein Wellness­trip zur Erlangung moralischer Fingerfertigkeit oder ethischer Glückseligkeit, sondern stets ein unaufhörlicher Prozess des Überwältigtwerdens von bohrenden Fragen. Warum stellen Kirchenführer diese letzten Fragen, die auch jetzt so naheliegen, nicht? Warum weichen sie aus auf die trivialen „Antworten“ inflationärer (Sozial-) Moralappelle, in Simulationen, das Gute zu tun, statt die religiösen Erdbeben Sinn und Verstand in aller Härte treffen zu lassen? Die hehren ethischen Bekenntnisse wirken wie Ablenkungsmanöver, um den schonungslos heftigen Zweifel nur ja nicht hochkommen zu lassen: Wo war Gott, als er nicht da war? Wo war Gott, als ihn die menschlichen Gebete - islamisch, christlich, jüdisch, hinduistisch, naturreligiös oder sonstwie - nicht erreichten? Wo war Gott, als hetzende Geistliche und fromme Gotteskrieger, die sich im gerechten und wahren Glauben wähnten, meinten, unter Berufung auf von Gott angeblich geoffenbarte Schriften den Ungläubigen den Unglauben mit Terror austreiben zu müssen? Ist das alles nur ein Versagen des freien Menschen? Wie frei aber ist der freie Mensch wirklich?

Die wohlfeile kirchliche Sozialrede, die das große Pathos mit subtilen Pauschalverdächtigungen und Pauschalunterstellungen nicht scheut, produziert durch ihre Verschleierung der religiösen Problematik geradezu den Glaubensverlust, dem sie zu entrinnen sucht. Statt Glauben: Gebote. Statt Gottesfrage: Weisungen. Statt Theologie: Soziologie. Wehe dann dem, der meint: „Ich bin nicht schuld am Unheil in Syrien, im Irak, in Somalia, in Nigeria…“ Und der zustimmt: „Nichts ist gut in Afghanistan.“ Denn: „Ich bin dafür nicht verantwortlich und erst recht nicht für alles Elend der Welt.“ Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt. Wenn man aber viele andere Leben nicht retten kann, weil die Verhältnisse und die Möglichkeiten trotz besten Willens nicht so sind? Des Menschen Geist und Kraft sind begrenzt. Ebenso begrenzt sind die emotionalen Ressourcen, die man in einer strukturell begrenzten Schöpfung auch der menschlichen Seele nicht unendlich ausbeuten kann. Selbst bestgemeintes Moralisieren überfordert.

Die menschliche Tragik legt sich gerade für gläubige Menschen ebenso über das Göttliche, über Gott. Caritas ist gut, eine natürliche Konsequenz der Christus-Nachfolge. Die natürliche Humanität und Spontaneität des helfenden Herzens, der Barm-Herz-igkeit, sollen aber das Widerborstige, Absurde im Glauben nicht entsorgen. Das Sozial-Diakonische soll und kann das Tragische nicht auslöschen: den Zweifel an dem, wie wir Gott landläufig, womöglich dogmatisch korrekt, zu sehen gelernt haben, aber wie ihn viele aus guten Gründen nicht mehr sehen (können).

Der Mensch ist Mensch

Allzu oft fehlt dem Kirchenbetrieb und seinem zu öffentlichen Stellungnahmen aller Art neigenden Lehramt das religiöse Pro­blembewusstsein für das, was jenseits menschlicher Machbarkeit und göttlicher Mächtigkeit liegt. Es fehlt das Verständnis für die der Welt eingestifteten Irrationalitäten bei allen Rationalitäten, für die Willensschwäche bei aller Willensstärke, für das Unbewusste bei allem Bewussten. Es fehlt trotz „katholischen“ Naturrechtsdenkens die Sensibilität für die biologisch-naturalen Warnsignale, die Leben und Überleben steuern, etwa für die Ängste, für die ganz normalen Gefühle von Fremdheit und Befremden. Diese aber sind wichtig und positiv für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung von klein auf und für die leistungsfähige Entwicklung eines Gemeinwesens. Es fehlt der Sinn für die dazu notwendigen Abgrenzungen und Grenzen, auch die der Sprache(n). Wer dies leugnet, wird der inneren Verfasstheit des Menschen nicht gerecht. Ohne Grenzen kann der Mensch nicht gesund existieren, er wird krank. Er ist kein je nach Situation anzupassender Roboter, keine lenkbare Maschine, sondern ein lebendiger Organismus aus Geist, Seele, Körper - hineingesetzt in die Welt in einer konkreten Zeit an einem konkreten Ort: Heimat. Der Mensch ist Mensch, kein Übermensch. „Die Gnade setzt die Natur voraus“, lautet ein theologischer Lehrsatz. Gnade also mit dem Menschen, gerade mit dem schwachen Menschen!

Und Gnade auch Gott! „Geduld mit Gott“, wie der Prager Theologe und Religionssoziologe Tomáš Halík in einem bewegenden Buch wünscht. Denn selbst Gott ist nicht „frei“. Auch Gott ist kein „Übermensch“, sondern Gott - verwickelt in die Tragik seiner offenbar so gewollten Geschichte mit dem Universum und dem Leben darin. Daher sollten Bescheidenheit und Nachdenklichkeit einkehren in die christliche Verkündigung, die im Kern doch angeblich das Heilsdrama von Leiden und Sterben Christi bezeugt. Und dazu die Hoffnung auf Auferstehung, auf eine Vollendung, die Menschen trotz bester Anstrengung, anständig sein zu wollen, nicht möglich ist: der Tod des Todes.

Hiob hält den Schrecken wach

Die Gottesfinsternis, die Erfahrung des Nichts, des Nicht-Gottes, des Todes Gottes, hat die Geistesgeschichte der Menschheit immer wieder erschüttert. Sie erschüttert viele Menschen guten Willens und begrenzter Möglichkeiten weiterhin in den Tragödien. Die Grausamkeiten religiös angezettelter Gotteskriege, des Dschihadismus, sowie das Erschrecken über die Tragik Gottes lassen sich nicht mildern durch noch so viel Appellieren und - für die Kontingenz der Schöpfung blindes - Moralisieren.

Der alttestamentliche Hiob hält den Schrecken wach. Auch die Kehrseite von Liebe und Lebenslust ist Gottesoffenbarung. Wie soll man Gott sonst ernstnehmen können? Der bloß liebe, aseptische Gott eines romantisch verzärtelten Gottesbildes ist harmlos, banal. Es gab Zeiten, da die Menschen meinten: Not lehrt beten. In der Verlierer- und nicht in der Siegergeschichte breche Gott ins Dasein ein. Die christliche Hoffnung bleibt als reli­giö­se Hoffnung politisch - in einem weiten Sinn: dass sie die Leidensgeschichten der Menschen wachhält, dass sie immer neu gefährlich an die Tragik des Scheiterns erinnert, dass sie den Schrei nach einer Gerechtigkeit, welche diese Welt sich nicht geben kann, immer neu zu Gehör bringt. Die Kehrseite des Religiösen, der Zweifel, die Nacht des Todes, gehört zu einem zeitgemäßen Glauben.

Der verstorbene polnische Philosoph Leszek Kolakowski vermutete, dass sich die Bedeutung des Christentums an diesem Punkt entscheidet: Die heutige Zivilisation beruhe auf der nicht ausgesprochenen Übereinkunft, dass das Vergnügen das höchste, wenn nicht das einzige Gut ist. „Doch das kann das Christentum auf keinen Fall hinnehmen, wenn es sich nicht den Todesstoß versetzen will.“ Papst Innozenz III. habe vor seinem Tod (1216) einen Traktat „Über das Elend des menschlichen Schicksals“ verfasst: „Heute scheint die Kirche dieses Thema vergessen zu haben.“ Sie solle Innozenz III. folgen und „vom Elend des menschlichen Schicksals sprechen, selbst auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen oder sich dem dummen Vorwurf auszusetzen, die Kirche kenne das Leben nicht“.

Der Publizist und ehemalige Kulturstaatsminister Michael Naumann sagte einmal, Hauptaufgabe der Kirche sei es, die Gottesfrage in der säkularen Gesellschaft wachzuhalten, sie wieder zu wecken. Allein dadurch könne das Christentum für moderne Menschen attraktiv werden, dass es die Fähigkeit hat, „die Sehnsucht nach dem Numinosen, Rätselhaften, Unerklärbaren zu stillen“. Die Kirche sei leider viel zu sehr „zu einer sozialen Dienstleisterin des in einer entfremdeten Gesellschaft lebenden Menschen geworden“. Soziale Hilfe und Moralappelle sind nicht unwichtig. Doch so­zia­le Dienstleistung sei nicht die zentrale Aufgabe des Christseins, vielmehr - so Naumann mit einem theologischen Ausdruck: „die Vorbereitung auf das Eschaton“, also die Vorbereitung auf das Reich Gottes, auf das ewige Leben.

Jakobs Kampf

Hier - in der Hoffnung auf ewiges Leben bei Gott, auf die Auferstehung von den Toten - liegt der Kern des Christlichen. Dann ist Christsein vielleicht nichts anderes als ein lebenslanges Ringen darum, den Gottesglauben nicht aufzugeben. Es ist wie bei Jakob ein ständiges Ringen mit Gott, ein Kampf um Gott. Das minimiert nicht die Gottestragik und auch nicht der Menschen Tragik. Aber es ist keine aussichtslose Tragik im großen Drama zwischen Himmel und Erde. In der christlichen Tragik steckt Hoffnung: auf Befreiung, Erlösung, Rettung. Oft genug nicht für diese, wohl aber für eine andere Welt. Und für Gott. Wer auch nur eine einzige Seele rettet, rettet ein bisschen Glauben an Gott.

CIG 24/2016


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