69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 28. Mai 2017

Orthodoxes Trauerspiel: Kein Konzil
Von Johannes Röser
Es sollte ein großes Zeichen orthodoxer Einheit werden, mit geradezu euphorischen Vorankündigungen - nun gibt es ein Fiasko.


Was Skeptiker bereits vor Jahren ahnten, als wieder einmal ein gesamtorthodoxes Konzil angekündigt wurde, das schon seit Jahrzehnten nicht zustande kam, ist eingetreten: Erneut ist die große Versammlung aller vierzehn Nationalkirchen - es wäre die erste seit über einem halben Jahrtausend - gescheitert, bevor sie überhaupt beginnen konnte. Ein Trauerspiel, ein Armutszeugnis der betreffenden Kirchenführer: Wenige Tage vor Eröffnung des Treffens auf Kreta und bei Redaktionsschluss hatten etliche wichtige Kirchen ihre Mitwirkung aufgekündigt, darunter zuletzt die russische mit den weitaus meisten Gläubigen. Vorausgegangen waren Absagen beziehungsweise Bitten um ­Verschiebung von der bulgarischen, an­tioche­nischen, georgischen und serbischen Kirche.

Der Boykott, sofern er nicht in letzter Minute noch abgewendet werden konnte, ist ein klarer Affront gegen den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. von Konstantinopel. Er hatte lange versucht, die - wie sie genannt wird - „Große und Heilige Synode“ zu veranstalten und zu retten. Doch die internen Autoritäts-Streitereien und Macht-Zerwürfnisse, die zum Teil lange in die Geschichte zurückreichen, sowie Animositäten über die rechtmäßige sogenannte kanonische Hoheit über verschiedene Territorien waren zu heftig. So reagierte die russische Kirche empfindlich darauf, dass sich nach dem Ende der Sowjet­union manche Gläubige in verschiedenen Regionen lieber dem Patriarchat von Konstantinopel unterstellen wollten, statt bei Moskau zu bleiben. Während der Vorbereitungszeit traten zudem schwere Meinungsverschiedenheiten zutage zwischen ökumenisch gesinnten Bischöfen und solchen, die eine zur Verabschiedung erarbeitete Vorlage zugunsten der Ökumene nicht akzeptieren wollten und signalisierten, diesen Text abzulehnen. Von nicht wenigen orthodoxen Kirchenführern wird zum Beispiel die katholische Kirche nach wie vor als häretische Sekte betrachtet, nicht als Kirche anerkannt. Auch bei weiteren, eigentlich im Vorfeld bereits abgestimmten Vorlagen gab es Streit und nachträglich erhebliche Änderungswünsche. Es geht um kalendarische Ordnungen, um die Situation, den Status und die Rolle der von den nationalen Mutterkirchen abhängigen orthodoxen Kirchen im Ausland und deren Zusammenarbeit untereinander, um Probleme der Autokephalie, also den Wunsch oder sogar die Erklärung einzelner Kirchen, selbstständig zu sein, um Fastenvorschriften, liturgische Fragen. Verschiedene Meinungen gibt es aber auch über das aufrechterhaltene grundsätzliche Verbot von Mischehen mit einem nichtorthodoxen Partner, wobei die Möglichkeit einer Dispens von diesem Ehehindernis vorgesehen war, was manche Kirchenführer jedoch ablehnen, weil sie das strenge Verbot nicht verwässert sehen wollen. Als weiteres Thema war unter anderem die Missionsarbeit der orthodoxen Kirchen vorgesehen, aber auch das Verhältnis von Orthodoxie und moderner Welt.

Bei Redaktionsschluss war noch nicht klar, ob der Patriarch von Konstantinopel, dessen heftigster Gegenspieler der Patriarch von Moskau und der Ganzen Rus ist, trotzdem an einem - kleineren - Treffen festhält, das dann jedoch keinerlei bedeutende Autorität mehr hätte. Als Sprecher von Bartholomaios erklärte der Erzdiakon Joannis Chryssavgis dennoch mit einem gewissen Trotz: „Wenn eine oder auch einige Kirchen nicht anwesend sind oder ihre Teilnahme absagen oder nicht mit abstimmen, so werden alle getroffenen Entscheidungen trotzdem Kraft erlangen und für alle orthodoxen Kirchen verbindlich sein. Das Große Konzil ist höher als das Konzil oder die Synode jeder Teilkirche - und bleibt das auch beim Fehlen einer oder mehrerer Kirchen.“ Wenn eine Kirche nicht teilnehme, „so sollte für sie das zum Anlass werden zu überlegen, wie sie sich selbst marginalisiert“.

Allerdings ist allen Beobachtern der orthodoxen Kirchen klar, dass ohne die Russen alle Beschlüsse nur Schall und Rauch sind. Die Orthodoxie hat sich in einer Zeit schwerer Entchristlichung und Marginalisierung des Religiösen überhaupt wieder einmal „ins Abseits geschossen“. Die auf ihre jeweilige Autorität und ihren Status besonders bedachten streitbaren Kirchenführer finden gerade bei reformoffenen, aufgeschlossenen orthodoxen Gläubigen keinerlei Verständnis mehr für ihre weltfremde Haltung. Mit der Absage des panorthodoxen Konzils hat sich faktisch die Orthodoxie als Gesamtheit vor der Weltöffentlichkeit blamiert, ja lächerlich gemacht.

CIG 25/2016


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