69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. März 2017

Hurra, Olympia!
Von der CIG-Redaktion
Vier Jahre mussten wir warten, bis wir wieder Sportarten zu sehen bekommen, die uns so gefehlt haben. Gebannt sitzen wir vor den Apparaten und bekommen Atemnot, wenn wir auf die zugeklemmten Nasen der Synchronschwimmerinnen starren. Erinnerungen an Ritter- und Piratenfilme, die Türkenkriege oder satisfaktionshungrige Adelige und Burschenschaftler werden wach, wenn wir den Säbelfechtern zuschauen. Wir bestaunen, wie biegsam Wirbelsäulen von kindhaft wirkenden Turnerinnen sind. Wenn wir stämmigen Männern zusehen, wie sie mit geschwollenem Hals und auf wackligen Beinen zigzentnerschwere Gewichte heben, spüren wir förmlich wie auch unsere Bandscheiben zuhause im Fernsehsessel platt gepresst werden. Den Vogel unter den olympischen Disziplinen schießen die Tontaubenschützen ab: Hier darf man herzerfrischend ballern, und wer trifft, setzt wie bei einem Feuerwerk einen Farbtupfer an den Himmel - wenn das kein vorbildlicher Umgang mit Waffen ist!

Wir verfolgen die Medaillenspiegel, schauen, welche Nation die meisten Plaketten holt, und schließen daraus, ja was? Dass Russland mehr Athleten stellt als Zypern? Dass in einem Land effektiver gedopt wird als in einem anderen? Dass Diktaturen besser sind als Demokratien oder umgekehrt? Dass eine Goldmedaille etwas über die Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft aussagt? Medaillenspiegel sind so schwachsinnig, wie von der Zahl produzierter Autos in einem Land auf die Schönheit seiner Bewohner zu schließen.

Wir erfreuen uns an Spielen, die jedes reelle Maß übersteigen. Die Winterspiele 2014 im subtropischen Sotschi waren mit gut 50 Milliarden Dollar so teuer wie alle vorherigen Winterspiele zusammen. China investierte 2008 rund 40 Milliarden Dollar in die Sommerspiele von Peking. Und die Verantwortlichen für die Wettkämpfe in Rio sind von der Realität offensichtlich völlig entkoppelt, wenn sie für die Spiele in einem Land, in dem weithin bittere Armut herrscht, mit rund 13 Milliarden Dollar so viel Geld ausgeben wie die Finanzmetropole London 2012.

Sportlich scheint die Ruhmessucht der Athleten, Funktionäre und besonders die von Autokraten (Stichwort Staatsdoping) den Übermenschen schaffen zu wollen. Spitzensportler sind zu hochgetunten Leistungsmaschinen geworden. Dank absoluter Selbstbeherrschung, eiserner Selbstdisziplinierung, höchstmöglicher Selbstoptimierung übertreffen sie die Werte eines gut durchtrainierten, weit überdurchschnittlichen Amateursportlers um Welten. Sie verkörpern ein Menschenmodell, das jedes christliche, soziale oder demokratische Konzept als zurückgeblieben und schwächlich erscheinen lässt. Dabei sollten wir mehr daran arbeiten, dass der Mensch lernt, seine Endlichkeit, Ohnmacht und Fehlbarkeit anzunehmen.

CIG 33/2016


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