69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 20. August 2017

Gottesentzug
Von Gotthard Fuchs
"Wenn ich versuche, meine Gedanken zum Himmel zu erheben, erlebe ich eine solch überzeugende Leere, dass diese Gedanken wie scharfe Messer zurückkehren und meine innerste Seele verletzen … Man erzählt mir, dass Gott mich liebt. Jedoch ist die Realität von Dunkelheit und Kälte und Leere so überwältigend, dass nichts meine Seele berührt.“ Jetzt, bei ihrer Heiligsprechung, spielten solche Sätze kaum eine Rolle. Mutter Teresa selbst waren sie offenkundig so wichtig, dass sie niemandem davon erzählte. Seit der Veröffentlichung ihrer Aufzeichnungen erscheint Teresas Glaubensprofil aber noch erstaunlicher - und womöglich hilfreicher für unsereinen in den Anfängen der Christwerdung.

Teresas Erfahrung des Gottesentzugs kann als herausfordernder Ausdruck von Glaubensreifung verstanden werden: Der gelernte, gedachte, gewünschte Gott entzieht sich und kommt abhanden - und der größere, der göttliche Gott kommt in seiner unfassbaren Andersartigkeit nahe. Zum erwachsenen Glauben gehört eben zentral die Nicht-Erfahrung Gottes. „Er ist nicht hier“, lautet ein Kern-Satz der Osterbotschaft.

Ist das nicht in jeder Beziehung unter Menschen vergleichbar? Je erwachsen(d)er sie wird, desto mehr wächst inmitten aller Verbundenheit auch das Bewusstsein des Unterschieds: Du bist du, nicht ich; du bist - leider, Gott sei Dank! - völlig anders, als ich dachte und vielleicht auch wünschte. Liebe und Freundschaft leben bekanntlich von der Lust und Last des Andersseins; sie haben etwas Verrücktes. Je passionierter die Beziehung ist, desto stärker auch der Doppelsinn von Passion: Leidenschaft und Leiden. Sollte nicht, wer es wirklich mit dem Geheimnis zu tun bekommt, das wir Gott nennen, ähnliche Erfahrungen machen?

Für Teresa gehörte die Erfahrung der Abwesenheit Gottes untrennbar zu ihrer Jesus-Bindung in den Ärmsten der Armen. Es ist, als entzöge sich der unsichtbare Gott, um in der Gestalt des armen Nächsten umso sichtbarer da zu sein: „Was ihr dem Geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt“ (Mt 25,40). Im Abschied vom kindhaft vorgestellten Alles-Könner-Gott taucht der bedürftige Gott auf im Angesicht des armen Nächsten. Indem Teresa die Entfernung zu Gott erleidet, erkennt sie umso tiefer seine verborgene Gegenwart hier und jetzt - im Sakrament des oft fremden und befremdlichen Nächsten.

Weg und Gestalt Teresas sind gewiss einmalig; dazu gehören auch deutliche Schattenseiten. Nobody is perfect. Heilige schon gar nicht, denn sie sind aufgeschlossene Sünder. Aber Teresas a-theistische Sehnsucht nach Gott ist wo­mög­lich typisch für viele Suchende heutzutage. Sie ist Ausdruck einer epochalen Nähe zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden. Auffällig viele im 20. Jahrhundert machen Nicht-Erfahrungen Gottes - angefangen bei Teresas Namenspatronin Therese von Lisieux, weitere bekannte Namen sind zum Beispiel Simone Weil, Madeleine Delbrêl, Edith Stein. Christlich entscheidend ist stets die Verbindung zwischen der Nicht-Erfahrung Gottes und der tatkräftigen Jesusinnigkeit, eben zwischen Gottes- und Nächstenliebe.

Die dunkle Nacht des Glaubens mag einer depressiven Erkrankung zum Verwechseln ähnlich sehen, ist aber davon zu unterscheiden. Denn mitten im Dunkel Gottes blieb Teresa ihm innigst verbunden - dankend für das, was er gibt und für das, was er nimmt. Auch der Karfreitag steht schon im Glanz von Ostern - und wird konkret an der Seite der Armen.

Gotthard Fuchs, Dr. phil., Priester und Publizist, Wiesbaden

CIG 37/2016


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