69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 23. April 2017

Theologie offensiv
Von der CIG-Redaktion
Ende der neunziger Jahre hatte der evangelische Pfarrer und Theologe Jörg Zink in Stuttgart die Karfreitagsliturgie der katholischen Pfarrei mitgestaltet: in der Sankt-Hedwigs-Kirche, die vom Maler Ben Willikens mit eigentümlichen Grautönen ausgemalt worden war. Die Liturgie stellte das Kreuz und den Tod Jesu in den Mittelpunkt - und Jörg Zink, der mit Pfarrerstalar und Beffchen bekleidet in einfachen Worten predigte, lenkte die Aufmerksamkeit auf die biblisch grundgelegte Hoffnung auf die Auferstehung. Zink hatte keine Berührungsängste, weder mit den „Andersgläubigen“ noch mit dem etwas spröden Kirchenraum noch mit der zeitgenössischen Kunst darin. Er feierte die Liturgie als Glaubender und Suchender, als Verkünder auf dem Weg.

Solche „öffentlichen“ geistlichen Persönlich­keiten fehlen der Kirche und der Gesellschaft immer mehr. Mit dem Tod des einstigen Fernsehpfarrers der württembergischen Landeskirche, dessen Publikationsliste mehr als 300 Einzeltitel aufweist und der jahr­zehntelang Besucher bei Kirchen- und Katholikentagen begeisterte, ist ein tiefer Einschnitt in der geistig-religiösen Landschaft verbunden. Es gibt sie nur noch selten, jene Vertreter der „Gottesgelehrtheit“, die warm­herzig, ernst und ehrlich, dabei gebildet und verständlich die Dinge des Lebens im Horizont der - (na­tur)wissenschaftlich ge­präg­ten - Moderne sowie im Angesicht Gottes einem breiten Publikum zu Gehör bringen. Die als starke Redner, theologisch innovativ und expressiv den Glauben auf der Grund­lage der Vernunft durchbuchstabieren, so dass es die Menschen in Kopf und Herz trifft, sie erschüttert und ergreift. Es waren so bedeutende Theologen-Persönlichkeiten wie Karl Rahner, Hans Küng, Dorothee Sölle, Eberhard Jüngel, Jürgen Moltmann und andere, die das vermochten: öffentliche Theologie als substanzielle Theologie, als Glaubensvertiefung und nicht als bloß moralisierende Appelliererei. Jörg Zink wirkte auf seine Weise „glaubensöffentlich“ offensiv. Wo sind die jungen Gelehrten, die das versuchen, nicht nur gebildet, sondern sprachmächtig?

1996 schrieb Zink im „Deutschen Evangelischen Sonntagsblatt“: „Ich wünsche mir eine Theologie und Kirche, in der frei und offen über all das gesprochen werden kann, was uns allen notorisch unklar ist.“ Die Unklarheiten, die Ungewissheiten und Unwissenheiten haben seither eher noch zugenommen. Beherztheit und Mut fehlen. Allzu oft ist das Verkündete schal, ohne Salz, ohne Licht, ohne die Kraft, die aufwühlt und zum Selberdenken des Religiösen anregt. Wie wird Gott einleuchtend?

Jörg Zink war sich sicher, dass man von den Beständen bisherigen Denkens nicht mehr werde zehren können. Wege in die Zukunft liegen nie als solche vor einem. Sie werden zu Wegen erst dadurch, dass man sie geht.

CIG 38/2016


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