69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 25. Juni 2017

Die Gotteskrise und die Lust zu lügen
Von Alexander Schwabe
Der Deutsche Historikertag hat gezeigt: Die Frage nach Gott ist in der Moderne nicht erledigt. Doch er gerät weiter aus dem Blick. Erst durch eine säkulare, neuheidnische Sakralität. Nun durch eine Kultur der Lüge.

Wenn sich Historiker auf ihrem wichtigsten Kongress schwerpunktmäßig mit dem Thema „Glaubensfragen“ befassen, ist die Sache mit Gott dann Geschichte?

Die Kirchen leeren sich. An kirchliche Weisungen, man denke an das Verbot des Sexualverkehrs vor der Ehe, hält sich kaum noch jemand. Verfassungen kommen ohne Gottesbezug aus, Eide werden ohne ihn gesprochen. Je weiter sich die Gesellschaft in der Moderne entwickelt, desto säkularer, weltlicher, scheint sie zu werden.
Haben jene recht, die dem Soziologen und Kulturwissenschaftler Max Weber (1864-1920) folgen, der annahm, die Religion werde durch die Moderne und ihr Projekt der „Entzauberung der Welt“ langfristig an Bedeutung verlieren? Statistiken scheinen es zu belegen: 1970 waren noch 96 Prozent der Bundesbürger Mitglied einer religiösen Gemeinschaft, heute sind es nur noch knapp sechzig Prozent. 1970 besuchten noch 37 Prozent der Katholiken regelmäßig die Messe, heute sind es nur noch gut zehn Prozent. Auf evangelischer Seite fällt die Bilanz noch schwächer aus.

Doch an diesen Zahlen allein lässt sich der Säkularisierungsgrad einer Gesellschaft nicht ablesen. Nicht nur ist unter Säkularisierung sehr Unterschiedliches zu verstehen: verfassungstheoretisch die Trennung von Staat und Religion - soziologisch die Abkehr von der Kirche, vom Glauben und von religiösen Normen. Auch ist die säkulare Gesellschaft „eine Gemengelage von höchst unterschiedlichen Einstellungen der Menschen zu Kirche und Religion“, so dass Mitgliedschaft und Gottesdienstbesuch nur eine begrenzte Aussagekraft haben.
Der Bochumer Geschichtstheoretiker Lucian Hölscher sagte jüngst auf dem 51. Historikertag in Hamburg: „Da gibt es die relativ kleine Minderheit expliziter Kirchen- und Religionsgegner, dann die große Masse der religiös Gleichgültigen, für die Kirche und Religion überhaupt keine Rolle spielen, weder im positiven noch im negativen Sinne; und schließlich die religiös ­Engagierten innerhalb und außerhalb der Kirchen, die sich für eine welt- und gesell­schaftsoffene, eine in diesem Sinne ‚säkulare‘ Religiosität einsetzen.“ Die säkulare Öffentlichkeit sei nicht nur ein Gegenüber zur kirchlichen Gemeinschaft, sondern auch ein Teil von ihr. Für sie stehe Religion nicht für eine dogmatische Position, sondern für „ein Verhältnis des Menschen zur Welt“.

Quasi-religiöse Rituale

Die Säkularisierung war von Anfang an ein vielschichtiger Prozess, dem die strikte Grenzziehung - „hier die Kirche, dort die Welt“ - nicht gerecht wird. Natürlich tobte ein erbitterter Kulturkampf um die Frage, wie viel Einfluss die Kirche in der Gesellschaft noch haben darf. Antiklerikale warfen ihr in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor, sich illegitim in Bereiche einzumischen, die sie nichts angingen: in die Privatsphäre, ins Schulwesen, in die Politik, Ökonomie und in die Wissenschaft. Doch zum Teil war selbst der Antiklerikalismus religiös motiviert: Es gab zwar die atheistische Position, doch daneben auch aufgeklärte Katholiken, liberale Protestanten, Deisten, Theisten und Spiritisten, die den Geltungsanspruch und die Machtausübung vor allem der katholischen Kirche zurückdrängen wollten. Viele Antiklerikale brachten Gott, Religion, ja sogar „den wahren Katholizismus“ gegen den verknöcherten, antimodernistischen Kurs in Rom in Stellung.

Die große Umwälzung zu Beginn der Moderne war für die amtliche Kirche traumatisch. Sie büßte einen Großteil ihrer Güter ein und verlor viele Privilegien, zum Beispiel das Bildungsmonopol, das sie über Jahrhunderte innehatte. Zunehmend entglitt ihr auch der Zugriff auf den Einzelnen, denn religiöse Kollektive hielten der Individualisierung so wenig stand, wie die bisherige Regulierung des Glaubens und des Verhaltens durch die Kirche den fortschreitenden Rückzug ins Private aufhalten konnte.

Jedoch: Religion und Kirche dürfen nicht in eins gesetzt werden, sagte Simone Lässig, Direktorin des Deutschen Historischen Instituts in Washington. Die Zahl der Kirchenaustritte nehme zwar zu, doch nehme Religion an Bedeutung auch zu. Andere Referenten wiesen darauf hin, Religion sei nach wie vor sinnstiftend, sei es im Sinne eines Kulturprotestantismus - man hört Bach und pilgert zu den Luther-Stätten - oder eines Kulturkatholizismus, wie ihn der Philosophiehistoriker Kurt Flasch repräsentiere, der in seinem Bestseller „Warum ich kein Christ bin“ zwar gegen den Kern der christlichen Botschaft anschreibt, doch in Argumentation und Leidenschaft ganz und gar vom Christentum geprägt ist.
Die säkulare Welt ist durchsetzt von quasi-religiösen Ritualen. Namensweihen und Jugendweihen in atheistischen, kommunistischen Regimen hatten eine Funktion, die die eigentliche Ideologie überstieg und von ihr auch nicht gedeckt war. Weihnachten wurde gefeiert, auch wenn Nikoläuse ebenso wie Osterhasen Schokoladenhohlkörper genannt werden sollten und Engel, die den Christbaum schmückten, Jahresendflügelfiguren. Oft schon wurden gänzlich profane Sportgroßereignisse mit religiösen Hochämtern verglichen (vgl. CIG Nr. 25, S. 280). Diese Art der Inkulturation des Religiösen hat das Jenseits zur Kraft des Diesseits werden lassen, wie der evangelische Theologe und Kulturphilosoph Ernst Troeltsch (1865-1923) formulierte.

Der entzauberte Gott

Religion wurde so sehr verdiesseitigt, dass der deutsch-amerikanische Politikwissenschaftler Eric Voegelin (1901-1985), in den fünfziger Jahren Inhaber des Max-Weber-Lehrstuhls in München und nach seiner Emeritierung im kalifornischen Stanford weiterhin tätig, so weit ging, Faschismus, Nationalsozialismus und Bolschewismus als neue - politische - Religion im 20. Jahrhundert zu sehen. Voegelins Menschenbild knüpfte an Vorstellungen des antiken Griechenland an. Der Mensch existiert in unterschiedlichen Seinsstufen, die sich vom rein Vegetativ-Sinnlichen bis zum Transzendenten erstrecken. Der Mensch, ein Zwischenwesen zwischen Tier und Gott.

Wie es den platonischen Eros, auch ein Zwischenwesen - zwischen Hässlichem und Schönem, Endlichem und Unendlichem -, immer vom Vorläufigen, Vergänglichen weg hin zum Ewigen zieht, so strebt der Mensch danach, die conditio humana, die menschliche Grundverfasstheit, zu sprengen, und läuft dabei Gefahr, in einem Akt der Selbsterlösung und Selbstvergottung Gott gleich zu werden. Er entzaubert somit Gott. Damit kehrt sich alles um: In der Gottvergessenheit, wenn Gott hinter der Welt unsichtbar geworden ist, werden die Phänomene der Welt zu neuen Göttern.

Dieses funktionale und nicht mehr (christlich) inhaltlich gefüllte Religionsverständnis ohne echte Transzendenz ist laut Voegelin eine Folge der Säkularisierung. Der Auflösung des echten Religiösen folgte eine Sakralisierung der Politik: Die Totalitarismen verschiedener Couleur versprechen das Heil, der Führer erscheint als Messias, Feste und Rituale stiften Identität. Folgt man Voegelin und anderen Säkularisierungstheo­retikern, so setzte die Säkularisierung auch auf anderen Gebieten eine neuheidnische Sakralisierung der Welt frei: Die Wissenschaft wurde zur Offenbarung, liberale politische Ideen wurden zum Evangelium.

„Entweltlichung“ der Kirche

Wie hat die katholische Kirche auf diese tiefgreifenden Transformationen reagiert? Lange kämpfte sie gegen die Säkularisierung an. Strikt fuhr sie einen antimodernistischen Kurs, der erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil korrigiert wurde. Während seines Deutschlandbesuchs pries Papst Benedikt XVI. gar die Wohltaten der „Säkularisierungen“. Sie hätten die Kirche von materieller und politischer Last befreit. Die Welt hatte sich entkirchlicht, nun forderte der Papst im Freiburger Konzerthaus eine „entweltlichte“ Kirche. Dies bedeute allerdings nicht, die Kirche müsse sich aus der Welt zurückziehen, vielmehr sei es ihre „missionarische Pflicht“, sich der Welt zu öffnen, um die Menschen „zu sich selbst zu führen, … indem sie zu dem führt, von dem jeder Mensch mit Augustinus sagen kann: Er ist mir innerlicher als ich mir selbst“, und die Kirche müsse „über die gegenwärtige Welt“ hinausweisen. Benedikt XVI. räumte „einen Rückgang der religiösen Praxis“ ein, „eine zunehmende Distanzierung beträchtlicher Teile der Getauften vom kirchlichen Leben“, doch daraus folgerte er nicht, dass die Kirche ihre „Ämter und Strukturen der Gegenwart anpassen“ müsse, sondern, dass der „Änderungsbedarf“ beim Einzelnen liege: „Jeder Christ und die Gemeinschaft der Gläubigen sind zur stetigen Änderung aufgerufen.“

Wie aber soll die Kirche ihre „missionarische Pflicht“ erfüllen, wenn sie die Gegenwart nicht mehr erreicht? Wie kann sie zugleich dem fortschreitenden Säkularisierungsdruck standhalten, eingedenk der Tatsache, dass die religiöse Dimension der Säkularisierung eine diffuse, profane Sa­kra­lisierung mit sich bringt? Die Göttinger Historikerin Hedwig Röckelein sprach von „Resilienzstrategien im Angesicht der Moderne“, etwa die Frage: „Braucht Bildung Religion, und braucht Religion Bildung?“ Ein drängendes Problem angesichts eines weltweit erstarkenden Fundamentalismus (ein Thema, das auf dem Historikertag leider zu kurz kam) vom Hindunationalismus in Indien über den Islamismus bis zu christlichem Fundamentalismus und zum aufkeimenden Nationalismus in westlichen Ländern. Ist es der Mangel an Religion, ist es der Mangel an Wissen, der Fundamentalismus und Nationalismus fördert?

Zu den wichtigsten Resilienzfaktoren, die die Widerstandskraft des Christentums stärken können, gehört traditionell das Wort, das heißt heute, eine Sprache, die die Scharen der Gleichgültigen erreichen kann. Sie ist wohl das wichtigste Instrument für das Überleben des Glaubens. Dabei genügt es nicht, das latente religiöse Bedürfnis jener, die die Kirche verlassen haben, zu befriedigen, indem man einzelne Begriffe austauscht und statt von Schöpfung von Natur spricht und statt von Caritas von Solidarität. Und es hilft nicht weiter, wenn von Gott noch immer wie von einem Gegenstand geredet wird, obwohl der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) in einer Vorlesung längst erklärt hat: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ In einem seiner letzten Briefe aus der Wehrmachtshaft in Berlin-Tegel hat er zudem zur nichtreligiösen Interpretation biblischer Begriffe aufgerufen.

Die Frage, wie das Christentum anderen Religionen in ihren verschiedenen Ausprägungen Paroli bieten kann und zugleich die Herausforderungen der Moderne ohne anhaltende Beeinträchtigung überstehen soll, wäre vordringlich eine Frage der Kirchen und Theologen. Es sind allerdings die Historiker, die das brisante Thema in Hamburg ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt haben. Sie sind sich bewusst: Der Komplex Glaube und Wissen hat eine hohe gesellschaftliche Relevanz, besonders in Zeiten des Umbruchs und der Verunsicherung. Es geht letztlich um das Selbstverständnis des Abendlandes, das viele just von jenen bedroht sehen, die vorgeben, es retten zu wollen.

Insofern passte die Podiumsdiskussion „Von Haider bis Brexit - Populismus in Europa“ gut ins Hamburger Historiker-Programm. Der Befund ist besorgniserregend. Sven Tetzlaff von der Körber-Stiftung gab ihn verkürzt und verdichtet wieder: „Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass in Deutschland historisch kontaminierte Begriffe wie ‚Altparteien‘, ‚Lügenpresse‘ oder ‚völkisch‘ jemals außerhalb der NPD wieder Eingang in eine Sprache finden, mit der immer mehr Menschen Kritik an der Demokratie üben.“ Das Erstarken populistischer Bewegungen mit Pegida und AfD sei nicht nur in Deutschland zu erleben. Drei der vier osteuropäischen Visegrad-Staaten (Polen, Slowakei, Ungarn) werden von Rechtspopu­listen regiert oder bestimmt. In Westeuropa hat der Front National mit Marine Le Pen großen Zulauf, in den Niederlanden der Popu­list Geert Wilders, in der Schweiz ist es die SVP, und in Österreich kandidiert ­Norbert Hofer von der rechtspopulistischen FPÖ fürs Bundespräsidentenamt.

Alles wird zerhackt

Schaut man über Europa hinaus, sieht es nicht besser aus: In den USA will der fremdenfeindliche Choleriker, Rassist und Sexist Donald Trump Präsident werden. Der „Spiegel“ schreibt, damit würden Lügner mehrheitsfähig. Das Magazin berichtet, siebzig Prozent von 168 untersuchten Trump-Aussagen seien falsch gewesen laut einer Erhebung des Instituts PolitiFacts, das Äußerungen von Politikern auf ihren Wahrheitsgehalt hin untersucht. Nie zuvor habe ein Politiker in so vielen Wortmeldungen so viele Lügen platziert. Und auch Gegenkandidatin Hillary Clinton hielt mit der Wahrheit immer wieder hinter dem Berg. Dazu komme eine Entwicklung in den Medien, die es Politikern leicht mache, Lügen statt Wahrheit zu verbreiten: Recherchen seien teuer, und Wut sei kostengünstig und werde vom Publikum goutiert. „Alles wird in der öffentlichen Arena zerredet und zerhackt, alles gebogen, benutzt, missbraucht. Nicht einmal Statistiken oder ganz und gar eindeutige Daten zählen noch etwas.“

Durch die unkontrollierte Form der Verbreitung aller möglichen Botschaften im Internet zeige sich, „dass Medien die Fähigkeit verlieren können, Lüge und Wahrheit im öffentlichen Bewusstsein zu unterscheiden“. Václav Havel, der tschechische Aufrechte, Dissident im Kommunismus, Humanist und spätere Staatspräsident sah das als wichtigsten Gesellschaftsfaktor: „In der Wahrheit leben.“ Doch nicht nur im Kommunismus, auch in den kapitalistischen Regimen scheinen sich Lügensysteme auszubreiten, vielleicht doch mangels einer aufklärenden, kritischen, Widerstand erzeugenden Religion?

Die Nach-Wahrheits-Periode

Die Gründe für den Erfolg der Populisten waren von den Geschichts- und Soziologie-Analysten schnell benannt: die politische Alternativlosigkeit in Zeiten einer großen Koalition; das Gefühl vieler Menschen, abgehängt zu werden; die Verunsicherung der Mittelschicht; der Verlust von Überschaubarkeit angesichts einer sich immer schneller wandelnden Welt; die schwindende Möglichkeit, sein Leben in der Globalisierung selbst zu steuern; die Überkomplexität vieler Probleme, einhergehend mit einer Orientierungslosigkeit, die durch digitale Medien verstärkt wird, die die Filterfunktion der klassischen Medien nicht erfüllen; der sozio-ökonomische Abstieg vieler, der in die gesellschaftliche Isolation führen kann; das Fehlen des Konservativismus - stattdessen streben fast alle Parteien in eine alles neutralisierende Mitte; die strukturelle Krise der Volksparteien, die das Volk nicht mehr erreichen; regionaler Unmut und Protest gegen die örtliche Politik.

Der Journalist Adam Krzeminski vom polnischen Wochenmagazin „Polityka“ führte den Erfolg der rechtsnationalen, regierenden PiS (Recht und Gerechtigkeit) in seinem Land unter anderem auf die Schwäche der politischen Bildung zurück. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sei nicht genügend in sie investiert worden. Der polnische Populismus sei schon sehr früh ein „zynischer Populismus“ gewesen. Die Spin-Doktoren der PiS, also jene, die den Regierungsbotschaften den „Dreh“ geben, wie sie positiv verstanden werden sollen, hätten die fehlende Bildung der Bevölkerung für ihre Zwecke „postfaktisch“, also ohne Rücksicht auf die Fakten, ausgenutzt. Das „Wir sind das Volk“ rufende Volk sei zwar das Volk gewesen, „doch war das Volk auch mündig?“, fragte Krzeminski. Nicht die Tatsachen hätten verfangen, sondern die von den Manipulateuren verbreitete Meinung (vor allem in Form von Verschwörungstheorien). Ähnlich analysierte Kiran Klaus Patel, Professor für Europäische und Globale Geschichte in Maastricht, die Situation in Großbritannien vor der Brexit-Entscheidung. Lügen und Unwahrheiten der EU-Austrittsbefürworter hätten die Debatte bestimmt, Tatsachen seien gar nicht mehr zu Gehör gekommen.

Höchste Repräsentanten der Europäischen Union werden nicht müde, darauf hinzuweisen, dass sie die Demokratie von innen bedroht sehen (vgl. CIG Nr. 20, S. 215). Besonders kritisch schätzen sie die Lage in Polen und Ungarn ein, wo liberal denkende Mitarbeiter in Justiz und Verwaltung einfach entlassen werden und wo versucht werde, kritische Journalisten mundtot zu machen. Heidemarie Uhl von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien beobachtet in ihrem Land „einen qualitativen Unterschied im politischen Diskurs seit den Haider-Jahren“. Damals habe es im Land einen Aufschrei gegeben, die EU habe Sanktionen gegen Österreich verhängt, als der FPÖ-Chef im Jahr 2000 mit der konservativen ÖVP unter Kanzler Wolfgang Schüssel eine Koalitionsregierung bildete. Inzwischen herrsche weithin ein Klima der Diffamierung und des vorauseilenden Gehorsams. Und in Deutschland kommt es zu der Absurdität, dass die seriöse Presse, die sich der Wahrheit verschrieben hat und um Objektivität bemüht ist, ausgerechnet von den Postfaktischen als „Lügenpresse“ verunglimpft wird.

Ebenso absurd ist es, dass jene Ängste schüren und für komplexe Probleme einfache Lösungen anbieten, die selbst durch nichts je bewiesen haben, kompetent zu sein. Es ist einfach, vornehmlich an Gefühle zu appellieren und von den Details der Politik abzusehen. Geradezu erbärmlich ist es, wenn etablierte Politiker in die Nach-Wahrheits-Periode einbiegen, wenn sie etwa sagen: „In der Politik sind Gefühle Fakten.“ So bereiten sie den Populisten weiter den Weg.

Lug und Trug allerorten

Ins Bild der Faktenverdrehung, Desinformation und Verschwörungstheorie passt auch, dass ein mehrstündiger, nach allen Indizien von Moskau geführter Luftangriff auf einen Hilfskonvoi der Vereinten Nationen in Syrien von russischer Seite schlicht abgestritten wurde. Stattdessen gab es mehrere Versionen, wer den Transport sonst beschossen haben könnte. Sie alle hielten dem Abgleich mit der Realität nicht stand. „Russland leugnet die offenkundigsten Fakten“, schrieb der „Spiegel“.

Historiker betrachten Ereignisse und Pro­zesse gewöhnlich und am liebsten aus einer zeitlichen Distanz, wenn die von Hegel bemühte Eule der Minerva ihren Flug erst mit der einbrechenden Dämmerung begonnen hat. Trotzdem stellen sich Fragen: Sind wir dabei, die Errungenschaften der Demokratie aufs Spiel zu setzen? Sind wir Zeugen gewaltiger Verschiebungen von Paradigmen weg von den Grundwerten der Aufklärung und des Christentums hin zu einer totalen Beliebigkeit im gesellschaftlichen Diskurs? Sind die Abkehr von der Wahrheit und den Tatsachen und die Hinwendung zum Postfaktischen Folge einer Philosophie, die die Wahrheit schon seit längerem dekonstruiert hat? Ist das postmoderne „Anything goes“ (alles ist möglich) nun zeitverzögert in allen Bereichen des Alltags angekommen? Denn nicht nur der Rechtspopulismus belegt den Verrat an Wahrheit und Redlichkeit. Die gekaufte Sommermärchen-WM 2006 ist für den Deutschen Fußball-Bund zu einem Alptraum geworden. In der Wirtschaft hat VW nach außen Umweltschutz und Öko-Standards hochgehalten, diese intern jedoch betrügerisch unterlaufen. In der Wissenschaft ist es gang und gäbe, Statistiken so zu manipulieren, dass sie dem Geschäftsinteresse förderlich sind: in sogenannten Designed Studies. Lug und Trug allerorten.

Als Gott im Prozess der Säkularisierung in den Hintergrund trat, folgte laut Voegelin eine Sakralisierung der Politik. Jetzt scheint der Fragmentierung der Wirklichkeit und der Auflösung bisheriger Welterfahrung eine Destruktion der Wahrheit zu folgen. Nach dem vergessenen Gott heißt es nun: Die Wahrheit kann man auch vergessen. Stattdessen macht sich die Lüge breit. Die Sprache ist missbraucht und entwertet, das wahre Wort zur Ware verkommen, mit der populistisch Ängste geschürt werden, um dem verunsicherten Volk hernach ein billiges Heilsversprechen zu machen. Die Erscheinungsformen des Religiösen werden immer diffuser und wabern wild. Heilig ist das Vaterland, die Hölle sind die andern.

Es war nur ein Nebensatz, den der Göttinger Kirchengeschichtler Thomas Kaufmann auf dem Historikertag beiläufig fallen ließ: „Ich bin ein Freund der Domestizierung des Religiösen.“ Nicht Historiker, sondern Kirchen und Theologen sind gefordert!

CIG 40/2016


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