69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 25. Juni 2017

Kommentar: Frieden ohne Recht
Von der CIG-Redaktion
Das kolumbianische Volk hätte nicht abstimmen müssen, aber es hat abgestimmt: über einen zwischen der Regierung und der größten Guerilla-Gruppe ausgehandelten Friedensvertrag. Groß ist die Überraschung, der Schock: Eine knappe Mehrheit der 37 Prozent, die zu den Wahlurnen gingen, hat das Abkommen abgelehnt. Wollen die Kolumbianer nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs etwa keinen Frieden? Das nicht, aber es war ein Misstrauensvotum: gegenüber der Regierung, den Untergrundbewegungen und der Kirche, die maßgeblich die Beschlüsse unterstützt.

Abgelehnt wird die zugesicherte großzügige Amnestie für Verbrechen - und dass den Kämpfern der FARC, der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens, sichere Plätze im Parlament reserviert werden, unabhängig davon, ob sie die Sperrhürde überwinden. Zwar sollen schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit Freiheitsentzug geahndet werden, allerdings nur in der Höhe zwischen fünf und acht Jahren, falls die Täter geständig sind und die Opfer entschädigen. Die Guerilleros würden sogar in Freiheit bleiben, wenn sie gemeinnützige Arbeit verrichten. Bezweifelt wird, ob sich eine einst für soziale Gerechtigkeit gebildete Untergrundbewegung in die Gesellschaft integriert oder integrieren lässt, nachdem aus der Guerilla ein Verbrechersyndikat geworden war, das Geschäfte mit Drogen und Entführungen machte und ein sich selbst erhaltendes Wirtschaftsimperium aufgebaut hat, eine Ökonomie innerhalb der Ökonomie. Außerdem gibt es weitere Guerilla-Gruppen, die sich nicht an die Abmachungen gebunden fühlen. Offen bleibt auch, ob alle FARC-Kämpfer ihren Anführern gehorchen oder weitermachen. Unklar ist ebenfalls, ob die rechtsgerichteten Milizen zerschlagen werden, die sich im Kampf gegen die FARC organisiert und als Staat im Staate gefestigt haben.

Auch die Kirche scheint nicht das Vertrauen zu besitzen, das man für Lateinamerika gemeinhin annimmt. Die Rede von Papst Franziskus über Barmherzigkeit, die auch der Guerilla gelten möge, verhallt, wenn das Recht für Gerechtigkeit bei schlimmsten Verbrechen ausgesetzt wird. Ohnehin gibt es in Kolumbien seit der Unabhängigkeitsbewegung eine starke bürgerlich-liberale laizistisch und antiklerikal eingestellte Schicht, die kirchenfeindlich ist. Diese Bürger sprechen der Kirche jegliche Autorität ab, in weltlichen Dingen kompetent mitzureden. Zudem ist „La Violencia“, die institutionalisierte Gewalt, sprichwörtlich für Kolumbien, wo sich in der Geschichte Liberale und Konservative heftig bekriegten. Alle Beteiligten haben nach dem Desaster betont, am Friedensbeschluss festzuhalten. Frieden ist möglich? Dahinter steht bisher nur ein großes Vielleicht.

CIG 41/2016


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