69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 30. April 2017

Bedrängte Christen in Hassake
Von Bodo Bost
Das ewige Morden in Syrien: Jetzt sind die Christen dort auch von Kurden bedroht.

In der Region Dschesireh im Nordosten Syriens leben knapp 300 000 Christen. Je eine halbe Million sunnitischer Kurden und Araber bilden dort die Bevölkerungsmehrheit. Am höchsten ist der Christen-Anteil in Syriens nordöstlichster Provinz Hassake mit der gleichnamigen Hauptstadt. Dort ist jeder fünfte Einwohner getauft, überwiegend aramäischer oder armenischer Herkunft. Sie waren erst vor wenigen Generationen meistens als Flüchtlinge in das seinerzeit unter französischem Mandat stehende Syrien gekommen. Einige wie zum Beispiel die Khabur-Assyrer stammen ursprünglich aus Hakkari in der Osttürkei. Sie wurden mit Hilfe des Völkerbundes in den zwanziger Jahren in Syrien angesiedelt. Die Gründung der Großstadt Hassake, auf Aramäisch Gozarto, geht auf eine Initiative christlicher Siedler zurück. Kurden und beduinische Araber waren ursprünglich Landbewohner und sind erst nach dem Aufbauwerk der Christen zugezogen.

Nach Beginn des Aufstands gegen Präsident Baschar al-Assad konnten Christen unter kurdischem Schutz zunächst ein bescheidenes religiöses Leben weiterführen. Allerdings hatten die Regierungssoldaten in Qamischli und Hassake, den zwei größten Städten der Region, bis vor kurzem noch einige Kasernen und einen Flughafen in ihrer Gewalt. Obwohl auch der Nordosten Syriens schon bald vom sogenannten Islamischen Staat bedrängt wurde, waren dessen Milizen nie bis nach Qamischli vorgedrungen. Einzelne Selbstmordattentäter gelangten dennoch in die Grenzstadt und führten ihr Terrorhandwerk mit Schrecken aus.

Gezielte Einschüchterung

Anders ist es bei der Provinzhauptstadt Hassake. Die Metropole mit ihrem hohen Christenanteil liegt rund hundert Kilometer von der Türkei entfernt. Seit 2013 war sie umkämpft zwischen den Truppen Assads, dem IS und den kurdischen Milizen. Im Juli 2015 war es den Kurden, den Truppen Assads und christlichen Schutzeinheiten gelungen, die radi­kal­islamischen Milizen aus der Stadt zu vertreiben. Im August nun konnten die Kurden unter Vermittlung Russlands mit den Truppen Assads einen Vertrag unterzeichnen, der den Kurden die gesamte Stadt zuspricht - mit Ausnahme ihres Zentrums. Damit haben Kurden faktisch die Kontrolle über eine Stadt gewonnen, in der sie historisch nie die Mehrheit bildeten. Denn in Hassake waren Christen, Araber und Kurden seit jeher etwa gleich stark vertreten.

Direkt nach diesem Erfolg dehnten die Kurden ihren Einfluss auf die ganze Stadt aus - mit schlimmen Folgen für die christliche Bevölkerung. Gleich zu Beginn war das Viertel der „Sechs Kirchen“, wie das Christenviertel in Hassake genannt wird, unter besonderer Beobachtung. Aufgrund jüngster Flüchtlingsbewegungen leben dort heute mehr Christen als vor dem Bürgerkrieg. Genaue Zahlen gibt es aber nicht.

Der syrisch-katholische Erzbischof ­Jacques Behnan Hindo berichtete von zahlreichen Brandanschlägen und Einschüchterungsversuchen, die Teil einer gezielten Strategie zur Vertreibung der Christen seien. „Jedes Mal, wenn die kurdischen Milizen aktiv werden, um die eigene Vorherrschaft über die Stadt zu sichern, ist das Zentrum ihrer Aktionen das Christenviertel. In vielen Fällen haben sie die Christen mit Waffengewalt aus ihren Wohnungen vertrieben, die sie danach plünderten.“ Auch er selbst sei Opfer eines solchen Übergriffs geworden. Als Milizionäre auf ein Fenster seiner Wohnung schossen, verfehlten die Schüsse nur knapp seinen Kopf. Der Erzbischof schloss ausdrücklich aus, dass die Schüsse von radikalislamischen Kämpfern abgegeben worden sein könnten, denn deren nächster Stützpunkt befinde sich mehr als zwanzig Kilometer von Hassake entfernt. Allerdings hätten unmittelbar nach dem Vordringen der Kurden, was mit amerikanischer Hilfe geschah, viele ehemalige Dschihadisten einfach die Fronten gewechselt und sich den Kurden angeschlossen. Diese hätten vielleicht ihre Uniformen gewechselt, jedoch nicht ihre innere Einstellung.

Schutzmacht Russland?

Auch der Vorsitzende des Assyrischen Vereins Saarlouis, Charli Kanoun, dem es im letzten Jahr gelungen war, 21 assyrische IS-Geiseln aus der Khabur-Region freizubekommen und im Saarland aufzunehmen, bestätigt die Gewalt der kurdischen Milizen gegen Christen. Viele dieser Geiseln berichteten nun, dass kurdische Familien ihre Häuser im ehemals nur von Christen besiedelten Khaburtal in Besitz genommen haben. Die assyrischen Sutoro-Milizen, die einst zur Verteidigung der Christen aufgestellt worden waren, hätten die Bewachung dieser jetzt zum größten Teil unbewohnten Dörfer längst aufgegeben.

Die Kurden wehren sich mit Hilfe ihrer europäischen Netzwerke gegen diese Anschuldigungen. In ihrem Nachrichtenorgan verweisen sie gerne auf das Modell Tal Abyad, einer bereits seit langem eroberten Stadt in Nordsyrien, wo sie gemeinsam mit den Arabern, Turkmenen und Armeniern eine neue Stadtverwaltung aufgebaut haben. Im dortigen Rat seien sieben Araber, vier Kurden, zwei Turkmenen und ein Armenier vertreten. Es gibt aber auch eine ökumenische Äußerung zu den Vorgängen. Nach Auskunft von Amnesty International veröffentlichten achtzehn Organisationen aus verschiedenen Kirchen eine Erklärung. Darin beschuldigen die Christen die Regierung der Region Dschesireh sowie die Kurden-Milizen, christliches Privateigentum beschlagnahmt, in die Lehrpläne der kirchlichen Schulen eingegriffen zu haben und Christen zwangsweise zum Wehrdienst einzuziehen. Außerdem werfen sie den kurdischen Peschmerga-Kämpfern vor, den assyrischen Sutoro-Kommandanten David Jendo getötet zu haben.

Die Kurden wiederum verteidigten sich damit, dass durch die Frontsituation in Hassake gewisse Zwangsmaßnahmen notwendig gewesen seien, und versprachen baldige Besserung. Die Mörder von David Jendo seien schließlich doch gefasst und zu langen Haftstrafen verurteilt worden.

Die christliche Gemeinschaft in der Region Dschesireh, die historisch eine wichtige Rolle spielte und lange zwischen dem Assad-Regime und den Kurden eine Nische gefunden hatte, gerät in der sogenannten autonomen kurdischen Region Rojava in Nordsyrien immer mehr in Bedrängnis. Anders als im Nordirak, wo unter kurdischem Schutz Christen seit Jahren ein funktionierendes kirchliches Leben ausbilden konnten, überwiegen in Nordsyrien alte Feindschaften. Die syrischen Kurden waren unter Assad - anders als die Christen - unterdrückt. Im syrischen Bürgerkrieg gewann sie Assad allerdings mit großen Versprechungen zu Verbündeten gegen den sunnitischen Aufstand. Jetzt haben sich die Kurden offenbar von Assad losgesagt und Amerika als neuen stärkeren Verbündeten gegen den IS und Assad gefunden.

Der Einfluss der USA auf die Kurden geht so weit, dass diese sogar auf Wunsch Amerikas und der Türkei die erst im August eroberte Region von Manbij westlich des Euphrat, wo vorwiegend Araber leben, wieder aufgegeben haben. Die Christen, auch die Katholiken, sehen dagegen eher in Russland ihre Schutzmacht. Dies hatten der russische orthodoxe Patriarch Kyrill I. und Papst Franziskus bei ihrem Treffen in Kuba vereinbart. Amerika unter Präsident Barack Obama und auch Westeuropa mit der einstigen Schutzmacht Frankreich scheinen die Christen Syriens vergessen zu haben.


CIG 43/2016


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