69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 23. April 2017

Das Testament der Reformation
Von Thomas Söding
Die Lutherbibel ist überarbeitet worden - und erzeugt einen Spannungsbogen zwischen sprachgewaltiger Tradition und heutigem Deutsch.

Am 31. Oktober, dem Reformationsfest 2016, beginnt das lang angekündigte Lutherjahr, das Jubiläum von 500 Jahren Reformation. Was aber soll gefeiert werden? Der Thesenanschlag, den hunderte heroische Bilder vor Augen stellen, hat (wahrscheinlich) gar nicht stattgefunden. Die Ablasskritik, die Luther 1517 formulierte, ist (wahrscheinlich) gar nicht reformatorisch, sondern reformkatholisch. In den vergangenen zehn Jahren ist von Seiten der Evangelischen Kirche in Deutschland, aber auch der Bundesregierung, die ein gemeinsames Kuratorium „Luther 2017“ ins Leben gerufen haben, so getan worden, als ob alle Errungenschaften der Neuzeit auf die Reformation zurückzuführen seien, von der Bildung bis zur Kultur, von der Vielfalt bis zur Freiheit, vom Rechtsstaat bis zur Toleranz. Einer nüchternen Prüfung hält keine dieser Ideen stand.

Deshalb braucht aber niemand ernüchtert zu sein. Die Reformation ist ein religiö­ser Aufbruch, der eine aufgeschlossene katholische Antwort verdient hätte. Für diesen Aufbruch gibt es kein deutlicheres Zeichen als die Lutherbibel. Sie ist zwar nicht schon 1517 herausgekommen; sie ist aber der wichtigste Beitrag der Reformation zu einer Reform der Kirche bis heute. Sie lässt den frischen Ton eines begnadeten Dolmetschers hören, der sich auf seine profunden Bibelkenntnisse und sein brillantes Deutsch verlassen konnte. An der Leidenschaft, der Tiefe und Treffsicherheit der Lutherbibel lässt sich am besten ablesen, welcher Geist der Reform in der katholischen Kirche damals hätte wehen können und heute wehen müsste: ein Feuer des Glaubens, das Erstarrtes auftaut, ein Ernst der Religion, der vom Anfang des Evangeliums inspiriert ist, eine Fähigkeit, sich auszudrücken, die nicht „Perlen vor die Säue“ wirft (Mt 7,6), sondern das Heilige in die Welt trägt.

Die Evangelische Kirche in Deutschland setzt ein Zeichen, wenn sie an diesem Sonntag ihr Jubeljahr mit der Vorstellung der revidierten Lutherbibel beginnt. Schauplatz ist Eisenach, unweit der Wartburg, auf der Martin Luther 1521/22 die erste Version des Neuen Testaments erstellt hat. Das hat Stil: Die evangelische Kirche besinnt sich auf ihre Kernkompetenz. Das nötigt von katholischer Seite Respekt ab. Dass auch die Einheitsübersetzung frisch renoviert worden ist, wird längst nicht so gefeiert.

Eine schwierige Aufgabe

Die Lutherbibel ist ein Markenzeichen des deutschen Protestantismus. Das macht den Umgang mit ihr nicht leichter. Einerseits kann heute, von Experten abgesehen, niemand mehr die Lutherbibel im Original lesen, weil sich die deutsche Sprache in einem halben Jahrtausend stark verändert hat. Andererseits ist es aber gerade das Lutherdeutsch, das sie attraktiv und faszinierend macht, jedenfalls für die große Mehrzahl der Evangelischen, während die meisten Katholiken bis heute fremdeln. Wie aber soll beides zusammengehen: Treue zu Luther einerseits und Verständlichkeit heute andererseits?

Aber damit nicht genug: Luther will ja die Bibel selbst zu Wort kommen lassen. Er hat - zuerst allein, dann im Team - aus den Originalsprachen Griechisch und Hebräisch übersetzt. Der Protestantismus kennt ein Schriftprinzip, das nicht der Tradition, sondern der Bibel selbst die entscheidende Rolle zumisst. Was aber heißt dann eine „Durchsicht“ der Lutherbibel? Was ist, wenn Luther nicht nur unverständlich geworden ist, sondern falsch übersetzt hat? Was ist, wenn er gar nicht den ursprünglichen Text der Bibel als Basis genommen hat, sondern eine Fassung, die zu seiner Zeit gut war, heute aber überholt ist, weil sie sich als spätere Überlieferungsform herausgestellt hat? Für die evangelische Kirche ist die Lutherbibel wichtig. Aber wird sie jetzt zur normativen Überlieferung, mächtiger als jedes Lehramt in der katholischen Kirche? Soll man nicht besser die alte Übersetzung ins Museum stellen und, so wie Luther es heute getan hätte, eine neue, moderne Übersetzung direkt aus den biblischen Quellen erstellen? Die EKD hält an Luther fest - und muss sich dann viel Mühe geben, ihn verständlich zu machen, ohne ihn zu verfälschen.

Selbstvergewisserung

Die Geschichte der Lutherbibel ist auch die Geschichte immer neuer Revisionen. Luther selbst hatte bereits damit begonnen. Aber der Umgang mit seiner Ausgabe letzter Hand von 1545 zeigt das Dilemma: Je nach Zeitgeschmack wurde mehr „geluthert“, mehr am Urtext kontrolliert oder mehr modernisiert. In den sechziger und siebziger Jahren schien die Lutherbibel erstarrt zu sein. In dieser Zeit entstand auf evangelischer Seite das Interesse, sich an der ursprünglich katholisch entworfenen Einheitsübersetzung zu beteiligen und sie zu einer echten ökumenischen Bibel zu machen, zumindest in den Psalmen und beim Neuen Testament. Doch die Gemeinden wollten bei Luther bleiben.

So kam 1984 eine neue Version heraus, mit einem überarbeiteten Neuen Testament und einem Text des Alten Testaments, der zuletzt 1964 revidiert worden war. Diese Version hat die evangelischen Gemeinden ziemlich überzeugt. Vor dem ersten Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin wurde die Vereinbarung gekündigt, bei gemeinsamen Gottesdiensten die Einheitsübersetzung in den ökumenisch übersetzten Teilen zu verwenden. Der Ausstieg der EKD 2005 aus der Revision der Einheitsübersetzung war die vorhersehbare Konsequenz. Eine römische Übersetzungsinstruktion („Liturgiam authenticam“, 2001) wird offiziell als Grund angeführt.

Seit der letzten Revision der Lutherbibel sind mehr als dreißig Jahre, beim Alten Testament mehr als fünfzig Jahre vergangen. Die Sprache ändert sich, der Geschmack auch. So sollte ein neuer Anlauf gemacht werden. Die Initiative ging von der evangelischen Deutschen Bibelgesellschaft aus. Das Reformationsjubiläum bietet eine gute Gelegenheit, die neue Lutherbibel ins Schaufenster zu stellen und die Reformation zurück zu den Quellen zu führen. Der Neutestamentler Christoph Kähler, früher Landesbischof von Thüringen und stellvertretender Ratsvorsitzender der EKD, hat das Projekt „Lutherbibel 2017“ im Auftrag des Rates der EKD koordiniert. Im Kern standen drei Herausforderungen: Erstens sollte die Lutherbibel konsequent am Urtext kontrolliert werden, so streng, wie das früher noch nie getan worden war; das war die wichtigste Aufgabe. Zweitens mussten die unabhängig voneinander erstellten Bearbeitungen des Alten und des Neuen Testaments besser miteinander verzahnt werden. Drittens sollte für den Gebrauch im Gottesdienst, in der Katechese und im Unterricht wieder so viel Luther wie möglich zu Gehör gebracht werden, entgegen dem Trend der letzten Versionen.

Es ist unmöglich, alle drei Aufgaben unter einen Hut zu bringen. Aber man hat einen Kompromiss gefunden. Ursprünglich war nur eine kurze Durchsicht geplant; jetzt ist es eine echte Neuausgabe geworden. An die siebzig Fachleute, vor allem Exegetinnen und Exegeten, sind gefragt worden. Letztlich hat in einem komplizierten Verfahren ein von der evangelischen Kirche eingesetzter Lenkungsausschuss die Entscheidung getroffen. Der Übersetzungstext, den er schließlich für richtig befand, wurde dem Rat der EKD vorgestellt, der ihn annahm. Von katholischer Seite war niemand beteiligt, anders als 1984, als der Neutestamentler Rudolf Schnackenburg einen Gaststatus hatte und jenseits der Geschäftsordnung gehört wurde. An die Loccumer Richtlinien, in denen die Schreibung von Eigennamen ökumenisch abgestimmt worden war, hat man sich nicht konsequent gehalten, sondern die liebgewordenen Eigentümlichkeiten mancher Schreibweisen, etwa Hesekiel, Kapernaum u. a., beibehalten. Die revidierte Lutherbibel ist das Produkt einer evangelischen Selbstvergewisserung.

2017 die App kostenlos

Ohne starkes Knirschen und internen Krach ist die intensive Arbeit nicht vonstattengegangen. Die meisten Voten aus der Exegese wurden aufgenommen, aber längst nicht alle, weil mehr Luther zu hören sein und größere Passgenauigkeit, zum Beispiel für die Liturgie, hergestellt werden sollte. Mehr als 800 000 Wörter hat die Lutherbibel, etwas mehr als 60 000 wurden verändert. Fast ein Viertel der Verse ist betroffen, und sei es nur durch Punkt- und Kommasetzung. Einen Sonderfall bilden die sogenannten Apokryphen, zum Beispiel das Buch Tobit, das erste wie das zweite Makkabäerbuch und Jesus Sirach. Luther war kaum an ihrer Übertragung beteiligt. Jetzt sind sie auf der Grundlage der Septuaginta, der griechischen Bibel des antiken Judentums, nicht nur revidiert, sondern teils ganz neu übersetzt worden, sprachlich auf die anderen Bibelteile abgestimmt und deshalb in so etwas wie in heutigem Lutherdeutsch. Im Ganzen ist die Lutherbibel aber die Lutherbibel geblieben - und wieder mehr geworden.

Die Standardausgabe der Lutherbibel ist schwarz. Der dunkle Bucheinband erinnert an den Talar protestantischer Geistlicher. Ein Beffchen oder eine Halskrause fehlen, aber im schimmernden Weiß prangt die Lutherrose. „Die Bibel“ steht auf dem Cover, mit dem Untertitel: „Lutherübersetzung“. „Nach Martin Luthers Übersetzung“ präzisiert das Titelblatt innen und fügt noch hinzu: „Lutherbibel. Revidiert 2017“. Deutlicher kann man das Dilemma und das Profil nicht kenntlich machen. Die Deutsche Bibelgesellschaft hatte ein Jahr Zeit, einen schönen Druck zu erstellen. 1115 Seiten hat das Alte Testament mitsamt den Apokryphen, 299 Seiten das Neue Testament - das mit einer neuen Seitenzählung beginnt, als ob die christliche Bibel nicht ein Buch aus vielen Büchern in zwei Hauptteilen wäre. Ein Anhang von gut hundert Seiten gibt Hinweise zur Ausgabe, zu Zahlen, Maßen und Gewichten. Er umfasst Sacherklärungen und Karten.

Jede Seite ist so gedruckt, dass es keinen Zweifel geben kann: So kommt nur die Bibel daher. Der Text ist eng gesetzt, aber in zwei Spalten gut lesbar. Fett gedruckte Überschriften gliedern den Text und drängen sich in den Vordergrund, obwohl sie nicht zum Bibeltext gehören. Die allermeisten sind treffend formuliert; einige sind neu gefasst worden, zum Beispiel um Antijudaismen zu vermeiden. Oben am Seitenrand werden die Bücher und Kapitel ausgewiesen. Fußnoten verweisen auf Parallelen und Querverbindungen zwischen Bibeltexten, zuweilen auf Abweichungen vom Luthertext. Anders als in der Einheitsübersetzung (und bei Luther) werden die biblischen Bücher nicht durch kurze Einleitungen historisch, literarisch und theologisch eingeordnet. Merkwürdig ist, dass Kernaussagen im laufenden Text fett gesetzt sind - so als ob die anderen Verse nicht so wichtig wären. Schon Luther hat damit angefangen. Bei vielen markierten Versen handelt es sich um Konfirmationssprüche, die man aber im Zweifel auch ohne die Hervorhebung finden würde.

Bei jeder Bibel steht das gedruckte Buch im Vordergrund. Aber die Revision 2017 ist die erste im digitalen Zeitalter. Auch bei der Einheitsübersetzung ist die Forderung laut geworden, den Text kostenlos im Internet zur Verfügung zu stellen. Die EKD hat mit einer App der Lutherbibel reagiert, die im Jubiläumsjahr 2017 kostenlos herunterzuladen ist. Das ist ein guter Anfang. Es muss noch mehr kommen, und die Katholiken müssen gleichfalls überlegen, wie sie die Arbeit der Bibelanstalt und der Verlage honorieren, gleichzeitig aber über die Bücher hinaus die Bibel vernetzen können.

Der wacklige Aufbau

Schon die Lutherbibel 1984 hatte im Alten wie im Neuen Testament einen dreiteiligen Aufbau: erstens „Geschichtsbücher“, zweitens „Lehrbücher und Psalmen“ beziehungsweise „Briefe“ und drittens „Prophetische Bücher“ beziehungsweise im Neuen Testament „Prophetisches Buch“, nämlich die Offenbarung des Johannes. Diese Parallelisierung von Altem und Neuem Testament ist gut. Aber die Dreiteilung überzeugt nicht. Gibt es kein besonderes Gewicht der fünf Bücher Mose und der Evangelien mehr, die faktisch unter die „Geschichtsbücher“ eingeordnet werden? In der jüdischen wie der christlichen Theologie wird seit alters die besondere Bedeutung der Tora beziehungsweise der Evangelien betont. Angemessener für die christliche Bibel ist, so wie in der Einheitsübersetzung, eine Vierteilung, die Tora und Evangelien an die Spitze stellt, dann die geschichtlichen Bücher, im Neuen Testament die Apostelgeschichte, folgen lässt und hier wie dort mit Weisheit und Prophetie endet.

Im Neuen Testament hat Luther aus theologischen Gründen den Hebräerbrief von der Paulusbriefsammlung gelöst und nach hinten gestellt, ebenso den Jakobusbrief von der ersten Stelle der katholischen Briefe weit zurückgedrängt. Beide Briefe waren (wie ein paar andere) seit der Antike umstritten, weil man Zweifel an der Verfasserschaft hatte, nicht aber an der Stellung im Kanon. Für Luther waren indes theologische Gründe für seine Umstellung maßgebend: zu große Strenge und zu viele Werke. Damit aber machte er sich - sola scriptura (allein die Schrift) hin oder her - die Bibel so zurecht, wie er es für seine Theologie brauchte. Die Revision hat das nicht revidiert. So wird der Unterschied zu katholischen und orthodoxen Bibeln verfestigt.

Altertümliche Sprache

Ein spezieller Fall sind die Apokryphen. In vielen evangelischen Bibeln werden sie aussortiert. Gewiss, sie gehören nicht in den hebräischen Kanon des Judentums; aber sie sind eine gemeinsame christliche Überlieferung, die das griechischsprachige Judentum würdigt. Wenn sie in Lutherbibeln aufgenommen werden, bilden sie eine Art Anhang zum Alten Testament. Damit zerstören sie aber den Aufbau der Bibel, die einen Spannungsbogen zwischen den beiden Testamenten aufspannt, indem sie eine große Geschichte in vielen kleinen Geschichten und Gebeten erzählt. Es ist gut, dass die Apokryphen jetzt zumindest in den meisten Versionen der revidierten Lutherbibel erscheinen und eine besondere Aufmerksamkeit bei der Bearbeitung gefunden haben. Es ist nicht so gut, dass sie immer noch ein Eigenleben als Anhängsel fristen.

Nicht nur äußerlich präsentiert sich die Lutherbibel im Retro-Look. Auch die Sprache ist altertümlich: Traditionsbewusste Kirchgänger werden es begrüßen, wenn sie im Weihnachtsevangelium wieder hören: „Da machte sich auf auch Josef …, darum dass (statt: weil) er von dem Hause und Geschlechte Davids war“ (Lk 2,4). Auf die Partikeln und Pronomina ist sehr geachtet worden. Mit Luther liest man wieder „desto“ statt „umso“, „etliche“ statt „einige“, „auf dass“ statt „damit“ und oft „da“ statt „als“. Das ist mehr als Nostalgie. Es verändert den Ton und öffnet den Sinn - bei denen, die genau lesen und zuhören.

Die Lutherbibel ist ohnedies reich an „geflügelten“ Worten. „Staub bist du, und zum Staub kehrst du zurück“, heißt es jetzt (Gen 2,28), wie in der Aschermittwochsliturgie, statt „Erde“ in der früheren Lutherbibel oder gar „Erdboden“ in der revidierten Einheitsübersetzung. Die Lutherbibel hat einen starken Sprachfluss: Wer in der revidierten Version noch einmal die Geschichte von David und Goliat liest (1 Sam 17), wird von einem literarischen Meisterwerk gefangen, das mit Luther den Rhythmus des Textes trifft, während die alte Fassung im Vergleich hölzern klingt.

Allerdings ist man nicht selten übers Ziel hinausgeschossen. Maria ist immer noch Josefs „vertrautes Weib“ (Lk 2,5). Immer noch liest man: Hagar „ward schwanger“ (Gen 16,4). Immer noch wird beteuert, kein „Mohr“ könne seine Hautfarbe ändern (Jer 13,23). Immer noch kann man sich nicht entschließen, die Doxologie, den Lobpreis, nach dem Vaterunser („Denn dein ist das Reich …“) als Zusatz aus dem Haupttext zu verbannen (wo er in Klammern steht). Es wird sogar noch nachgelegt: „Und hätte der (statt: die) Liebe nicht“, heißt es jetzt wieder im Hohenlied 1 Kor 13 - was angeblich aus gnadentheologischen Gründen angezeigt sei. Denn niemand „habe“ die Liebe Gottes; jeder habe nur Anteil an ihr, so als ob Gottes Liebe nicht Überfluss schaffe. Tatsächlich sind es Manierismen, die nicht das Verständnis fördern, sondern den Eindruck, die Bibel sei veraltet.

Auch typische Übersetzungsfehler sind stehengeblieben, aus Gründen protestantischer Identitätspflege: Immer noch steht im Römerbrief, dass „allein“ der Glaube rechtfertige, nur weil dieses „Allein“ (sola fide), das Luther in seinem „Sendbrief vom Dolmetschen“ 1530 wortreich verteidigt, den Evangelischen ans Herz gewachsen ist. Im Urtext steht das Wort nicht (Röm 3,28). Es bleibt auch dabei, dass in der ganzen Luther­bibel das Wort „Kirche“ nicht auftaucht, sondern dass, wie bei Luther, durchweg von „Gemeinde“ die Rede ist. Wie sich dieser Sprachgebrauch zum neu erhobenen Anspruch der EKD, „Kirche“ zu sein, verhält, muss wohl noch einmal geklärt werden. Die Altertümlichkeiten sind gewollt. Hoffentlich schrecken sie Leute von heute nicht ab. Das wäre schade. Es gibt ja auch eine Liebe auf den zweiten Blick.

Warum „fehlen“ die Diakoninnen?

Luther selbst hätte nicht am alten Text geklebt, sondern eine neue Übersetzung gemacht. Er wäre ohne Zweifel auf­ge­­schlossen gewesen für die neuen Empfind­lichkeiten des Publikums und für die frischen Einsichten der Bibelforschung. Dem trägt die revidierte Lutherbibel an einer ganzen Reihe von Stellen Rechnung. Die wenigsten sind spektakulär. Aber im Ganzen können alle Leser sicher sein, dass sie eine zuverlässige Übersetzung vor Augen und in den Ohren haben. Jeder Vers ist genau angeschaut worden. Viele kleine Veränderungen dienen einer größeren Treue nicht nur zu Luther, sondern auch zum Urtext. Genauigkeit tut gut: „Sie werden hören“, heißt es jetzt wörtlich am Ende der Apostelgeschichte von den „Heiden“, ohne ein „es“, das zu sehr die Bedeutung der kirchlichen Predigt hervorhebt (Apg 28,28).

Die meisten Neuerungen gehen auf neue Einsichten in die ursprüngliche Textgestalt zurück: So darf die Apostolin Junia wieder, wie in der gesamten Antike, eine Frau sein (Röm 16,7). Freilich gibt es ein paar Zugeständnisse an den heutigen Sprachgebrauch. In den Briefen des Neuen Testaments werden jetzt „Bruder und Schwester“ angesprochen, auch wenn das griechische Wort (adelphoi) grammatikalisch männlich ist. Das ist eine sachliche Erschließung, die viele freuen wird. Eva ist für Adam nicht mehr eine „Gehilfin“ (1984), sondern nun eine „Hilfe“ (Gen 2,18). Der Patriarchalismus der Bibel bleibt; aber er wird durch die Übersetzung weniger als früher verstärkt. Freilich ist die Lutherbibel nicht konsequent: Phoebe ist immer noch nicht „Diakon(in)“, wie für Paulus, sondern steht „im Dienst“ der Gemeinde (Röm 16,1). Immer noch erklärt die Lutherbibel im Ersten Timotheusbrief, dass die Frauen männlicher Diakone („ihre Frauen“) bestimmte Kriterien erfüllen müssen (1 Tim 3,11), während der griechische Urtext offen für weibliche Diakone ist („Frauen ebenso“). Die Einheitsübersetzung ist hier besser - was Unruhe im katholischen Lehramt auslösen, aber auch die evangelische Kirche nachdenklich machen sollte.

Ein Lesebuch

Nach der Revision ist vor der Revision. Die neue Lutherbibel wird ihren Weg machen. Sie wird sich einer zunehmenden Konkurrenz stellen müssen, aber gut behaupten können. Es wird Zustimmung und Kritik geben, die beide von der Lebendigkeit der Bibel Zeugnis ablegen.

Gleichzeitig mit der revidierten Lutherbibel erscheint die revidierte Einheitsübersetzung. Einen Probedruck gibt es bereits. Anfang Dezember folgt eine erste Auslieferung. Im neuen Jahr werden die Ausgaben in großen Mengen zu erwerben sein. Beide Bibeln können gut und gerne nebeneinander existieren. Aber beide verfestigen auch den betrüblichen Umstand, dass es ausgerechnet in Deutschland keine ökumenische Bibelübersetzung gibt, anders als in den meisten anderen großen Sprachen. Gäbe es eine wechselseitige Anerkennung für ökumenische Gottesdienste, wäre schon etwas gewonnen.
Wichtiger ist, dass alle Anstrengungen unternommen werden, die Bibel auch zu einem Lesebuch zu machen, das die große Liebesgeschichte Gottes mit der Geschichte des eigenen Lebens verknüpft. Die beiden Bibelwerke arbeiten jetzt schon eng zusammen. Aber die Neuausgabe der beiden führenden Bibelübersetzungen muss der Bibelarbeit Auftrieb geben. Jede Bibel ist nur so gut, wie gut sie gelesen wird.

CIG 44/2016


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