69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 30. Juli 2017

Wacht endlich auf
Von der CIG-Redaktion
Viele wollten es nicht wahrhaben: Doch die Amerikaner haben Donald Trump zum Präsidenten gewählt.

Ebenso wenig wollte man im Sommer mit der Möglichkeit eines Brexit rechnen. Doch die Briten haben ihn herbeigewählt. Wer hätte gedacht, dass braunes Gedankengut wieder jenseits der Stammtische in den gesellschaftlichen Diskurs Eingang findet? Doch Begriffe wie „Lügenpresse“, „Umvolkung“ und „völkisch“ sind für große Teile der Bevölkerung Ausdruck ihres Protestes.

Offenbar gibt es einen Realitätsverlust bei jenen, die sich nicht vorstellen können, dass das bisher Gültige, in dem sich die Konsensgesellschaft gemütlich eingerichtet hat, nicht mehr uneingeschränkt gilt. Was nicht sein darf, wird schon nicht werden. Unsere Demokratie, unsere gesellschaftliche Aufmerksamkeit und ihre Widerstandskraft scheinen zu erlahmen. Wovor hat das politische Establishment in den Vereinigten Staaten nur die Augen verschlossen, dass ein Populist wie Trump Präsident werden kann? Es wollte nicht sehen, dass der amerikanische Traum für zu viele in Mittel- und Unterschicht ausgeträumt ist. Es wollte nicht sehen, wie zerrissen die Nation ist, wie viele sich in der modernen Welt zu den Verlierern zählen und die bisherigen gemeinsamen Werte nicht mehr teilen. Das Problem: Die Wähler der nun obsiegenden Gegenbewegung sind genauso mit Blindheit geschlagen. Wie groß muss die Verzweiflung sein, dass sie ihre Zukunft in die Hände eines politischen Hasardeurs legen, der ihnen das Blaue vom Himmel verspricht?

Wir müssen endlich aufwachen! Uns aus unserer Behaglichkeit lösen! Es ist höchste Zeit. Die Anfänge, derer wir immer wehren wollten, haben wir längst hinter uns gelassen. Demokratie braucht die Beteiligung aller Bürger, jeden Tag neu. Sie verlangt Einsatz, das Ringen um die beste Lösung und auch manches Opfer. Dazu gehört, sich mit den politischen Inhalten zu befassen und nicht nur aus dem Bauch heraus für denjenigen zu stimmen, dessen Versprechungen wohlfeil sind - ob sie realistisch sind oder nicht. Dazu gehört, seine Meinung deutlich zu sagen im privaten und öffentlichen Kreis, in Wahlen, mit Petitionen und Demonstrationen. Dazu gehört, dass Politiker ihre Vorhaben nicht länger als alternativlos verkaufen. Wir müssen die Frustrierten und Abgehängten, die Ängstlichen und Besorgten ernst nehmen - und zwar bevor sie einem Volksverführer nachlaufen. Statt Sonntagsreden zu halten, statt Schwierigkeiten kleinzureden, statt einer billigen Popularität hinterherzuhecheln, müssen Politiker Probleme klar analysieren, unangenehme Wahrheiten schonungslos benennen. Sie müssen Haltung und Linie zeigen und den Streit um die Sache vor Parteiinteressen stellen. Gäbe es dann noch solche Protestwahlen, wie eben in den USA?

CIG 46/2016


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