69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. Februar 2017

"Der Papst hat moralisch versagt"
Von Alexander Schwabe
Die katholische Kirche und der Faschismus - der amerikanische Historiker David Kertzer hat in den Archiven des Vatikan deren Verhältnis untersucht. Dabei stellte der Pulitzer-Preisträger fest: Benito Mussolini und Pius XI., wie auch Pius XII., haben eng kooperiert.

CHRIST IN DER GEGENWART: Herr Kertzer, Sie haben im Vatikan bisher nicht zugängliche Dokumente eingesehen, die aus den zwanziger und dreißiger Jahren stammen. Was haben sie über die Beziehung von Papst Pius XI. zu Benito Mussolini erfahren?

David Kertzer: Johannes Paul II. hatte 2002 angekündigt, Wissenschaftlern den Zugang in die Archive für das Pontifikat von Pius XI. zu ermöglichen, 2006 war es dann so weit. Ich stieß auf viele Unterlagen, die zeigen: Das Verhältnis zwischen dem Vatikan und dem faschistischen Regime von 1922 bis zum Tod Pius’ XI. 1939 war kompliziert.

CHRIST IN DER GEGENWART: Sie entwickeln daraus die These, die faschistische Diktatur in Italien wäre ohne die Unterstützung des Vatikan nicht möglich gewesen.

David Kertzer: Besonders in der Anfangsphase von 1922 bis 1924 war Mussolini ganz wesentlich auf die kirchliche Unterstützung angewiesen. Ihm stand die Katholische Partei politisch im Weg. Wenn der Vatikan diese nicht fallengelassen hätte, wäre es für ihn sehr schwierig gewesen, eine Diktatur zu errichten. Zudem verbot Pius XI. jedem Katholiken, die Sozialisten zu unterstützen - die einzige echte Alternative zu Mussolini.

CHRIST IN DER GEGENWART: Es gab also sehr früh eine enge Kooperation zwischen dem Heiligen Stuhl und den italienischen Faschisten. In Ihrem Buch „Der erste Stellvertreter“ führen Sie aus, Mussolini und der Papst seien sich darin einig gewesen, Faschismus und Kirche stellten beide jeweils eine Form von Totalitarismus dar. Verstanden Mussolini und Pius XI. darunter dasselbe?

David Kertzer: Erstaunlicherweise sagt der Papst, es gebe nur eine wahrhaft totalitäre Organisation - das sei die römisch-katholische Kirche. Man war der Ansicht, dass es nur eine Kirche gebe, die in der Wahrheit sei. Wer das nicht erkenne, müsse zu dieser Wahrheit bekehrt werden. Und Mussolini berichtet, der Papst habe ihm gegenüber geäußert: „Ich sehe in dem Komplex der faschistischen Lehren, die die Prinzipien von Ordnung, Autorität und Disziplin betonen, nichts, was den katholischen Lehren zuwiderläuft.“ Beide hielten nichts von Demokratie und Parlamentarismus.

CHRIST IN DER GEGENWART: Warum war das so?

David Kertzer: Man sah Italien als durch und durch katholisches Land, regiert durch die Vorschriften der Kirche. Warum also sollte es da Religionsfreiheit geben oder die Freiheit, die Kirche zu kritisieren? Pius XI. brandmarkte sogar streng, wenn sich katholische Gruppen mit protestantischen trafen. So blieb es weitgehend bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil.

CHRIST IN DER GEGENWART: Überraschenderweise sah der Vatikan in der geringen Anzahl von Protestanten in Italien eine große Gefahr - ebenso im Judentum. Die Jesuitenzeitschrift „La Civiltà Cattolica“ sang damals nicht nur ein Loblied auf die faschistische Regierung, sie war auch voller antisemitischer Hetze. Wieso hat sich der Vatikan lieber mit Mussolinis nichtkirchlicher Ideologie gemeingemacht, als ein gedeihliches Verhältnis zu evangelischen und jüdischen Glaubensbrüdern anzustreben?

David Kertzer: Weil Mussolini der Kirche entgegenkam, um sich ihre Unterstützung zu sichern: In den Schulen garantierte er den katholischen Religionsunterricht. Das Kreuz hing in den Klassenzimmern, und er ließ Geistliche als Militärseelsorger zu. Seine erste Regierung ließ er 1922 bei ihrem Antritt niederknien, um zu beten. Auch achtete er darauf, regelmäßig zur Messe zu gehen, um gefallener Faschisten zu gedenken. In Mussolini sah die Kirche außerdem ein Bollwerk gegen den Bolschewismus.

CHRIST IN DER GEGENWART: Stufte man Adolf Hitler ebenso ein wie Mussolini?

David Kertzer: Die Haltung des Vatikan gegenüber Italien und Deutschland unterschied sich. In den Augen des Papstes war Hitler ein Heide, der seiner eigenen häretischen Religion anhing - was nicht alle deutschen Katholiken erkannten. Im italienischen Faschismus hingegen sah er eine Kraft, die die Position der Kirche stärkte.

CHRIST IN DER GEGENWART:Realpolitik war also wichtiger als Glaubensinhalte und christliche Werte?

David Kertzer: Ja, der Kirche ging es in erster Linie darum, ihren institutionellen sozialen Einfluss abzusichern. Daher kam es 1933 zum Reichskonkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich. Pius XI. stimmte dem zu, weil er sich Vorteile für die Kirche versprach, nicht etwa weil er Sympathien für Hitler hatte.

CHRIST IN DER GEGENWART: Um sich Hitler geneigt zu halten, war Pius XI. jedoch bereit, die kirchliche Unterstützung für die katholische Zentrumspartei zu beenden, die sich daraufhin auflöste.

David Kertzer: Richtig.

CHRIST IN DER GEGENWART: Er opferte also seine eigenen Glaubensüberzeugungen?

David Kertzer: Ja. Später allerdings begann er, dies zu erkennen, und er bereute es. Als er schon den Tod erwartete, lud er im Februar 1939 Italiens Bischöfe nach Rom, um ihnen eine letzte Botschaft mitzuteilen: Der genaue Inhalt dieser Ansprache, in der er sich gegen Rassismus und Antisemitismus wenden wollte, wurde nie bekannt. Am Tag, bevor er sie halten wollte, starb Pius XI. Sein Nachfolger, Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, der spätere Pius XII., tat im Interesse Mussolinis alles, um die bereits zur Verteilung unter den Bischöfen gedruckte Rede zu beseitigen. Auch die sogenannte Schubladen-Enzyklika „Humani generis Unitas“ wurde lange Zeit nicht veröffentlicht. Darin verurteilt Pius XI. die Idee, dass ein guter Christ Rassist sein könne, und fordert ein Ende der Judenverfolgung. Erst zwanzig Jahre später, vier Monate nach dem Tod Pius’ XII., gab Johannes XXIII. Auszüge der Enzyklika preis.

CHRIST IN DER GEGENWART: Immerhin veröffentlichte Pius XI. im März 1937 die Enzyklika „Mit brennender Sorge“. In dem päpstlichen Rundschreiben schildert der Oberhirte die bedrängte Situation der katholischen Kirche im Deutschen Reich und verurteilt die Politik und Ideologie des Nationalsozialismus.

David Kertzer: Der Papst war zunehmend beunruhigt, weil die Nazis den katholischen Einfluss an Schulen einschränkten. Deutsche Erzbischöfe forderten ihn auf, seine Stimme zu erheben. Er tat dies, aber nicht um den Faschismus zu verurteilen, sondern wegen der Diskriminierung der Kirche und weil Hitler den Vereinbarungen des Reichskonkordats von 1933 nicht nachkam.

CHRIST IN DER GEGENWART: Für Papst Pius XII., der Kardinalstaatssekretär war und davor Nuntius des Vatikan in München, dann in Berlin, läuft seit 1965 ein Selig- und Heiligsprechungsverfahren. Der Dramatiker Rolf Hochhuth dagegen warf ihm 1963 in seinem Werk „Der Stellvertreter“ vor, über den Holocaust beharrlich geschwiegen zu haben. In diesem Stück wird der Papst ein Verbrecher genannt.

David Kertzer: Verbrecher würde ich ihn nicht nennen, denn er hat gegen keine Gesetze verstoßen. Doch er hat moralisch versagt. Pacelli tat, was seiner Meinung nach am besten für die Kirche war. Irgendwann entschied er sich dafür, den Nazis gegenüber friedlich aufzutreten, anstatt die Konfrontation zu suchen. In Italien hielt auch er den Faschismus für das bestmögliche politische System.

CHRIST IN DER GEGENWART: Hielten Sie es für gerechtfertigt, wenn Papst Pius XII. zunächst selig- und dann möglicherweise heiliggesprochen würde, so wie die 1998 heiliggesprochene, in Auschwitz ermordete Edith Stein, die vom Judentum konvertierte Nonne? Sie hatte schon in den dreißiger Jahren vor den Nazis gewarnt und sich im Vatikan leidenschaftlich dafür eingesetzt, der Papst solle gegen die Judenverfolgung Stellung beziehen - und wurde ausgerechnet von Kardinal Pacelli im Namen von Pius XI. abgewiesen.

David Kertzer: Pius XII. zu kanonisieren, würde seine geschichtliche Rolle völlig falsch bewerten. Dass er versucht hat, die Kirche zu schützen, ist das eine. Aber zu sagen, er habe Millionen Juden das Leben gerettet, ist absolut lächerlich, ja sogar ketzerisch angesichts der Tatsache, dass er zum Holocaust geschwiegen hat. Doch wenn seriöse Geschichtswissenschaftler am heroischen Image kratzen, das kirchlich Konservative von Pius XII. zeichnen, dann fühlt sich der rechte Flügel der Kirche erst recht veranlasst, aus ihm einen Heiligen zu machen.

Das Interview führte Alexander Schwabe.

David I. Kertzer ist Professor für Sozialwissenschaft, Anthropologie und italienische Studien an der Brown University in Providence, Rhode Island.
David I. Kertzer
Der erste Stellvertreter
Papst Pius XI. und der geheime Pakt mit dem Faschismus (Theiss Verlag, Darmstadt 2016, 607 S., 38 €)

Es ist eine verbreitete Meinung, die katholische Kirche sei konsequent gegen den italienischen Faschismus gewesen. Die Päpste hätten sich gegen eine Diktatur gestellt, die die Menschen ihrer Bürgerrechte beraubt hatte. Die Kirche habe die faschistischen Rassengesetze und die Diskriminierung der Juden verurteilt. Doch dies „hat wenig mit der Wirklichkeit zu tun“, schreibt David I. Kertzer im Nachwort seines Buches. Kertzer hat daran zehn Jahre gearbeitet, hat in den vatikanischen Archiven, in der römischen Zentrale der Jesuiten und in den Unterlagen des faschistischen Regimes rund 25?000 Archivseiten gesichtet und das Verhältnis zwischen Papst
Pius XI. und Benito Mussolini rekonstruiert.


CIG 47/2016


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