69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 30. Juli 2017

Unsere "bösen" Gefühle
Von Johannes Röser
"Hass" war bisher noch nicht zum "Unwort des Jahres" gekürt worden. Aber es ist momentan in aller Munde. Und gehört seit jeher zum Leben, zum Menschenleben.


Deutsche Sprache - schwere Sprache. Am schwersten anscheinend für die Deutschen. „Nafri“ - ein böses Wort. Darf man nicht sagen! Beleidigt angeblich eine ganze Personengruppe, grenzt an Rassismus. Dabei werden dank der Verniedlichungsform des „i“ viele Namen und Begriffe in Kosewörter verwandelt. Der Mini bezeichnet den sympathischen Ministranten, der Pasti den engagierten Pastoraltheologen. Mit Bibi, Benni, Claudi, Steffi, Klausi, Basti, Evi, Gabi, Pippi, Uli, Oli, Albi, Karli, Babsi, Mami, Papi, Omi ist das Repertoire unserer Liebsten noch lange nicht erschöpft. Zudem sollte man Schweini, Klinsi und Jogi bitte nicht vergessen. Sogar die chaotisch überteuerte Hamburger Elbphilharmonie kommt nun als Elphi zu Ehren. Vom Wessi, Ossi, Ösi und Ötzi wollen wir mal schweigen.

Inzwischen sollen wir mit unserer Sprache aber auch unsere Gefühle verbiegen. Ja wir sollen sie uns sogar verbieten, bemerkte der „Spiegel“-Kolumnist Jan Fleischhauer zu den Reaktionen auf das vorweihnachtliche dschihadistische Attentat in Berlin: Dass uns Politiker mitteilen, wie wir reden sollen, das kennen wir. Dass man uns sagt, was wir zu denken haben: Auch das kommt gelegentlich vor. Aber dass einem vorgeschrieben wird, was man fühlen soll, das ist neu… Sogar Kollegen, die eben noch die Furcht vor amerikanischem Hühnerfleisch fest im Griff hielt, erklären nun, wie wenig sie der Terror beeindrucke… Ich weiß, das ist jetzt nicht besonders christlich gedacht: Aber aus meiner Sicht sind Wut und Empörung als Reaktion auf den Anschlag mindestens so naheliegend wie Trauer und Mitgefühl.“

Dürfen wir Wut, Ekel, auch Hass nicht mehr empfinden - oder allenfalls abgeschirmt im stillen Kämmerlein „ausleben“? Nichts Böses denken, immer schön lieb, nett, anständig, sauber sein? Und müssen wir nach jedem Mord extremistischer Muslime eigentlich immer gleich dazusagen, dass die vielen anderen Muslime selbstverständlich keine Mörder sind? Dann wäre es konsequent, das gleichberechtigt auch auf die Christen anzuwenden, sonst täte man ihnen unrecht. Einige Getaufte früher waren nämlich Kreuzzügler und Hexenverbrenner. Also sollten die entsprechenden Kirchenkritiker bitteschön ebenfalls immer gleich betonen, dass die allerallermeisten Christen natürlich keine Kreuzzügler und keine Hexenverbrenner waren und sind, vielmehr fromme Leute und Gottesfürchtige.

„Ich liebe euch alle!“

Ach, unsere armen Gefühle, unsere „bösen“ Gefühle. Wie sollen wir damit bloß zurechtkommen? Etwa mit dem Hass auf den aggressiv-drängelnden Autofahrer, der uns scharf geschnitten hat und den wir für Sekunden, ja Minuten in den Straßengraben wünschen, oder mit dem Hass auf besagte „Gotteskrieger“, die wir als Lohn für ihre Verbrechen in der Dschahannam-Feuergrube verglüht wissen wollen.

„Ich liebe euch alle!“ Wer das behauptet, dem schlägt für seine Lüge besonders viel Hass entgegen wie dem DDR-Stasi-Chef Erich Mielke, dem dieser Ausspruch nachgesagt wird. Schwer fällt es uns auch, mit dem Hass umzugehen, der uns als „Westlern“, Christen, „Ungläubigen“ entgegenschlägt - von Leuten, die uns wegen unseres Glaubens oder auch nur wegen der Arroganz und Überlegenheit unseres politischen wie ökonomischen Systems verachten.

Seit Monaten wird über Hass debattiert, der sich in unseren westlichen Gesellschaften auftürme wie noch nie und über Facebook und Co. seine Publikationskanäle verschafft, vom Fremdenhass über Glaubenshass und Politikerhass bis zum Eigenhass. Ein schwerwiegender Verdacht drängt sich auf: Wie es zwischen Nächstenliebe und Selbstliebe einen Zusammenhang gibt, scheinen ebenso Nächstenhass und Selbsthass einander zu bedingen, gesteigert durch Sinnlosigkeit, Orientierungsverlust, Bindungsverlust und einen Überdruss am Leben, verschärft überdies durch den Glaubensverlust. Der Hass um des Hasses willen verheißt dann anscheinend einen Ausweg, „Sinn“. Die Dschihadisten-Konvertiten, die plötzlich in einem radikalisierten Islam Sinn gegen ihre geistige Ödnis oder ihr bisheriges Versagertum entdecken, sind den atheistischen Fremdenhassern, die meinen, sich plötzlich zu Rettern des christlichen Abendlandes stilisieren zu müssen, erstaunlich geistesverwandt.

Hass ist angeblich zu einem bedeutenden Kennzeichen unserer friedliebenden, behüteten, manchmal spießig-provinziellen Mittelschichtskultur sogar der „Progressiven“ geworden. Er versteckt sich überhaupt nicht mehr verschämt, sondern zeigt sich öffentlich unverschämt. Nach den - in der allgemeinen Einschätzung - guten „Empörten“ und den guten „Wutbürgern“ gegen ein schamlos sich bereicherndes Establishment, gegen kapitalistische Verrohung und schamlose Übergriffigkeit einer aus den Fugen geratenen Finanz- und Managementwelt hat nun der ziellos um sich schlagende böse Hassbürger Konjunktur. So jedenfalls der Eindruck, der medial vermittelt wird. Alle reden vom Hass, sogar die Kirchenprediger wittern da den ärgsten Feind unserer Zivilisation.

Hassen - das darf nicht sein, obwohl es sich beim Hass im Paarlauf mit der Aggression um eines der natürlichsten Gefühle handelt. Tiere können aggressiv sein, hassen anscheinend jedoch nicht, jedenfalls nicht nachhaltig. Aber „kaum jemand mag öffentlich zugeben, dass er oder sie des Hasses fähig, zum Hass bereit, von Hass erfüllt ist“, bemerkt Ute Frevert, Direktorin des Forschungsbereichs „Geschichte der Gefühle“ am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, in der „Neuen Zürcher Zeitung“. Selbst diejenigen, die zum Hass aufhetzen, sprechen nicht von Hass, „sondern von Abneigung, Verachtung, Abwehr“, von Selbstbehauptung zum Selbstschutz. Hass macht angeblich hässlich. Selbst die Hassenden würden das nicht bestreiten. Trotzdem hassen die Menschen, kommen sie davon bei bestem Willen nie los.

Soft mit Freiherr von Knigge

Demokratische, rechtsstaatliche Gesellschaften meinten jedoch, den Hass im Wesentlichen verbannt zu haben, jedenfalls als kollektive Erscheinung. Man gibt sich zivilisiert. Bereits im 18. Jahrhundert wurde eine Kultur der „emotionalen Mäßigung“ propagiert, stellt Ute Frevert fest. Der schottische Moralphilosoph, Aufklärer und Begründer der Nationalökonomie Adam Smith hatte schon 1759 das „Loblied der wohltemperierten Gefühle gesungen“. Nur diese seien erlaubt. Wer allzu leidenschaftlich und temperamentvoll liebe, trauere oder grolle, verschrecke seine Mitbürger und grenze sich aus dem Kreis derjenigen aus, die einander in taktvoller Freundlichkeit zugetan seien. Zuerst waren es die gehobenen Kreise, die sich diesem Dünkel persönlicher Zivilisiertheit hingaben, hoch erhaben über dem Hass des niedrigen Volkes. Der Freiherr von Knigge setzte sich mit seinen Ratschlägen ab von den als roh und vulgär empfundenen Gefühlsausbrüchen und Umgangsformen der Unterschichten. Hassen - das tun die anderen, die Primitiven, so die Illusion der Sich-besser-Fühlenden. Hass gehörte nach dem „Universal-Lexicon“ von 1732 zu den unangenehmen Emotionen, die die Gefühlsruhe stören und zerstörerische Energien freisetzen.

Wie Amos und Paulus provozieren

Doch die Erziehung zum Stoischen, gegen archaische, ja atavistische Gefühlsaufwallungen, stieß stets an Grenzen, wenn es politisch wurde und aus höherrangigen Machtinteressen der militärisch-kriegerische Widerstand gegen den Feind gefordert war. Die Historikerin erwähnt, wie sich der Dichter Friedrich Rückert 1814 von deutschen Männern „einen gewaltigen Hass“ wünschte als „Gränzhut gegen den Feind, dass er davon erblasse“. Im Ersten Weltkrieg dichtete der Berliner Dramatiker, Publizist und Lyriker Ernst Lissauer seinen „Hassgesang gegen England“. „Hass zu Wasser und Hass zu Land, Hass des Hauptes und Hass der Hand, Hass der Hämmer und Hass der Kronen, drosselnder Hass von siebzig Millionen.“ Sie sollten „hassen mit langem Hass“. Sogar bei Schulfeiern sei dieses „Gedicht“ voller nationalem Pathos vorgetragen worden.

In der Phänomenologie des Hasses gibt es keine gezähmten Nischen. Nicht einmal die des Glaubens. Selbst Gott scheint nicht frei zu sein von Hass, jedenfalls wenn man den heiligen Schriften folgt. Laut dem alttestamentlichen Buch Deuteronomium (12,31) hasst Gott den Götzendienst der fremden Völker in Israels Umfeld. Der Prophet Amos verkündet: Gott hasst „eure Feste“, er verabscheut sie, kann die Feiern, die kultischen Brandopfer, die ihm zu Ehren dargebracht werden, nicht riechen. Gott hasst die Frevler und Hochmütigen, wie das Buch der Sprichwörter zu erkennen gibt. Mit Bezug auf das Buch Maleachi (1,2-3) erwähnt Paulus im Römerbrief (9,13), dass Gott Jakob geliebt, Esau aber gehasst habe. Auch im Koran finden sich viele Stellen vom Hass Gottes.

Allerdings hat das Neue Testament im Gefolge des - anderen - Geistes Jesu und seiner Bergpredigt die anstößige, anthropomorph gedachte Gefühlsseite Gottes geläutert, minimiert, faktisch getilgt. In der theologischen Tradition wurde darüber hinaus versucht, den als sehr anstößig, ja unpassend empfundenen biblisch bekundeten Hass Gottes zu Gottes Zorn zu mildern. Der „rationalisierte“ Zorn sei - im Gegensatz zur überschäumenden Wut und zum zerstörerischen Hass - dazu da, die Ordnung, Recht und Gerechtigkeit (wieder)herzustellen. Gott hasst demnach nicht, er zürnt bloß - und richtet gerecht nach seinem barmherzigen Urteil. Hassen bedeute lediglich, „einen nicht so sehr zu lieben als den andern“, versuchte einst schon der protestantische Gelehrte Johann Heinrich Zedler, Autor des „Universal-Lexicons“ von 1732, die entsprechende Esau-Jakob-Passage zu entschärfen. Gerechtigkeit müsse „ohne Hass und Bitterkeit, mehr wider das Laster und Bosheit selbst als wider den Menschen“ hergestellt werden. Immer wieder zitiert wird das geflügelte Wort, dass die Sünde, das Objekt, zu hassen sei, nicht jedoch der Sünder, das Subjekt.

Der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf verlangt, die Verhältnisse zwischen den biblischen Hass- und den Liebesaussagen richtig einzuschätzen. „Hass gilt in den alten heiligen Schriften als Gegenbegriff der Liebe. Gerade hier zeigt sich die innere Widersprüchlichkeit der normativen Texte von Judentum, Christentum und Islam. Geboten ist es, seinen Nächsten und selbst den eigenen Feind zu lieben, die Feindesliebe wird immer neu eingeschärft. Zugleich wird vom Frommen verlangt, sich den Hass Gottes gegen ‚die Ungläubigen‘, ‚Falschgläubigen‘ oder ‚Gottlosen‘ zueigen zu machen.“ Die heiligen Schriften wissen also um die Ambivalenz der Gefühlsregungen - und übertragen diese auf Gott. Trotzdem bleibt es für Graf wichtig, die Bilder vom hassenden Gott „zu neutralisieren“. Das verlange echte Denkarbeit. „Gott kennt, wie schon Augustinus“ wusste, keine Affekte. Er mag das Böse als den Inbegriff des ihm Widerwilligen hassen. Aber er ruft deshalb nicht zum Kampf gegen die Bösen auf. Denn seine Gnade und Güte gelten auch jenen, die sich von ihm loszureißen versuchen.

Echtes ist echt

Trotzdem darf und soll sich der Mensch seine ehrlichen Gefühle eingestehen, diese nicht unterdrücken, nicht vergewaltigen. Das gilt auch für die „bösen“, nach allgemeiner Meinung zu ächtenden Gefühlsregungen. Die Gerichtspsychiaterin Heidi Kastner, Chefärztin der Forensischen Abteilung der Landesnervenklinik in Linz, erklärte auf „faz.net“: Sie sei verärgert über die politische Korrektheit, dass Dinge heutzutage nicht mehr benannt würden, sondern dass sie „bis zur Unkenntlichkeit“ umschrieben werden müssen. „Wut ist da ganz an erster Stelle. Niemand darf mehr wütend sein!“ Eine Masse an Ratgebern legt einem nahe, wie man mit einem „bösen“ Gefühl wie der Wut umzugehen habe. „Da soll man irgendwelche Bälle drücken, und dann ist sie weg. Oder man öffnet das Fenster und lässt sie hinausfliegen.“ Wie lächerlich! Denn das echte Gefühl ist echt, in sich keineswegs böse, es ist nur nicht erwünscht. Es ist allenfalls ein sogenanntes Böses.

Der amerikanische Psychologe Paul Ekman rechnet die Wut, deren Steigerung in Hass mündet, zu den normalen Basisemotionen des Menschen wie Freude, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung. Unterdrückte und angestaute Gefühle können sich allerdings schädlich explosiv Ausdruck verschaffen. Dann wird der innere Hass nach außen abgeleitet zur Hetze. Die fundamentalistischen Hassprediger verschiedener Couleur sind gemeingefährlich, nicht weil sie persönlich, individuell Hass empfinden, sondern weil sie als Hetzprediger den Hass anderer kollektiv aufstacheln.

Der „religiöse Tiger“

Hass lässt sich jedoch sublimieren. Das heißt: Seine destruktive Energie kann umgewandelt werden in produktive Energie und positive Leidenschaft. Das kann über den Sport geschehen, über körperliche wie geistige Leistung. Leistungsverweigerung hingegen erzeugt Versagensängste, was wiederum Selbsthass und Fremdenhass gebiert. Der Bonner Kultur- und Literaturwissenschaftler Johannes Lehmann vermutet, dass der Mensch seine dunklen, bösen Gefühle ebenfalls über dramaturgische Akte zu läutern vermag. Internet, Fernsehen, Kino und Theater können eine „kompensatorische Funktion“ haben, ähnlich wie einst die Bühne für die antiken Tragödien. Die eigene Emotion - bis hin zur Rache - wird stellvertretend auf schauspielende Figuren projiziert. Mit diesen identifiziert sich der Zuschauer. Seinen Hass überträgt er auf „die Schurken“ wie auf einen Sündenbock, um sie geistig „in die Wüste zu schicken“. Problematisch wird es erst, wenn plötzlich reale Menschen im realen und nicht bloß virtuellen, imaginierten Raum als Sündenböcke des eigenen Hasses herhalten müssen, wenn die persönlichen Versagensängste und Schuldgefühle als kollektive Schuld und kollektives Versagen auf andere ausgelagert werden.

Auch eine verniedlichende, beschwichtigende und vertuschende politisch korrekte Sprache trägt auf ungesunde Weise dazu bei, normale Gefühle zu unterdrücken, statt sie auszudrücken und damit greifbar zu machen; das heißt, diffus dräuenden Hass aufzuklären. Auch das gezähmte kirchliche Wohlfühl-Sprech-Gesäusel und betulich-mahnende Schönreden lenkt von den echten Konflikten und vom notwendigen Streiten ab, produziert Verdrängung und wirkt somit kontraproduktiv. Als ob es in dieser Schöpfung voller Unheils-Dramatik mit Gott und vor Gott nur lieblich, harmlos, gefällig und harmonisch zugehen dürfe. Dabei sollten zumindest die Christen die Heilsdramatik des Kreuzes, seine Anstößigkeit, sein Ärgernis, seine Torheit wahrnehmen. Ohne das Kreuz und all das, was - voller Hass auf den Gottessohn und Menschensohn Jesus Christus - das Kreuz provoziert hat, was aber mit ihm gekreuzigt ist, gäbe es keine Erlösung, keine Auferstehung, keine christliche Hoffnung. Die biblische Sprache und mit ihr die Sprache Jesu drücken sich am Drastischen nicht vorbei - bis hin zum Gericht, zur Androhung der Hölle, des Untergangs, der ewigen Verdammnis. Wer aber darf heute noch an einen strafenden Gerichtsgott erinnern, ohne dass ihm in theologisch-politischer Korrektheit ein gefühlsmäßig nur noch softer und gegenüber dem Hass der Welt belangloser Gott entgegengehalten wird? Alle sollen nur schön lieb, brav, pflegeleicht, gutnachbarlich sein. Wenn aber die Wirklichkeit nicht so ist?

Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff wünscht sich vom christlichen Glauben: „Ganz und gar zahnlos“ dürfe der „religiö­se Tiger“ nicht werden. Leider kriege das Christentum von heute das nicht mehr hin. Die Botschaft werde „immer flauer und flauer“, siedele sich bei einer „reinen Werbesprache“ an, „die den Glauben anpreist wie H&M seine Textilien“. In Bezug auf „das Jenseits und die damit verbundenen Vorstellungen von Sünde, Heil und Strafe“ müsse jedoch ein „einigermaßen vernünftiges Drohpotenzial“ aufrechterhalten werden, „ohne dabei aggressiv zu entgleisen“.

Sprache soll Sprache sein, sagen, was echt ist, was echt gefühlt wird - im Positiven wie im Negativen. Allein dadurch kann sie reinigend wirken, auch auf Hassgefühle. Als Charles Manson, angeblich im Sterben liegend, in eine Klinik eingeliefert wurde, fand „Bild.de“ eine total ehrliche Schlagzeile, noch dazu mit einem für ein Massen-Boulevardblatt eher ungewöhnlichen religiösen Beiklang, bildhaft treffend: „Massenmörder am Tor zur Hölle?“ Warum dürfen wir so etwas nicht über die Dschihadisten sagen, zum Beispiel über Anis Amri, der in Berlin so viele Menschen umbrachte und dann nach einem langen Fluchtweg in Mailand erschossen wurde? Er kommt in den Himmel, in den Paradiesgarten Dschanna? Nein, sprechen wir doch ohne falsche Scheu aus, was wir als Gläubige ehrlich meinen: Er kommt in die Hölle Dschahannam. Wir machen aus unserem Herzen keine Mördergrube. Diesen Hass dürfen wir empfinden und ohne schlechtes Gewissen redlich offenbaren, um unser Gefühl zu reinigen - und alles andere Gott zu überlassen.

Wie lächerlich

Vergebung wiederum kann nur über aufrichtige Reue, Sündenbekenntnis und den klaren Willen zur Umkehr funktionieren. Die Verankerung im Glauben an den einzig wahren Gott bleibt weiterhin die beste „Waffe“ gegen den Hass, um ihn zu verwandeln in Treue zum Leben, zum Recht, zur Gerechtigkeit, in Furcht vor Gott, der das Leben will, nicht den Tod, nicht den Untergang.

Der französische Publizist André Glucksmann schrieb schon vor gut zehn Jahren in seinem Buch „Hass“ über die Rückkehr einer elementaren Gewalt: „Hasse ich den Hass? Kein bisschen. Ich habe festgestellt, wie hartnäckig und gewalttätig er ist, vor allem aber, wie rücksichtslos er seinen ihm ursprünglich innewohnenden Willen verfolgt, sich Gott gleichzumachen. Er entscheidet über das Alpha und das Omega der Schöpfung, er glaubt, ihm sei alles erlaubt, er quakt und hüpft wie ein Frosch, der sich für einen donnernden Jupiter hält. Die anständigen Menschen, die aufrichtigen Geistlichen und illusionslosen Realisten kennen ihre Grenzen. Sie brauchen den Hass nicht zu hassen, um sich seinem tödlichen Wahn zu widersetzen und über seine Lächerlichkeit zu lachen.“

CIG 3/2017


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