69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 26. März 2017

Nicht mehr mit Rache
Von Christian Frevel und Thomas Söding
Näher am Urtext und doch gegenwartsorientiert: Jetzt haben auch die Katholiken eine erneuerte deutschsprachige Bibelausgabe. Die revidierte Einheitsübersetzung überzeugt - trotz einzelner Schwächen.

Zu Beginn des Kirchenjahres, im Advent, wurde die neue „Einheitsübersetzung“ der Bibel veröffentlicht. Sie heißt so, weil sie eine katholische Bibel für den gesamten deutschen Sprachraum sein sollte, für Gottesdienst, Religionsunterricht, Katechese und die persönliche Schriftlesung. Mehr als dreißig Jahre hatte die Erstausgabe gute Dienste geleistet. Doch die Sprache hat sich gewandelt, die Bibelforschung ist nicht stehengeblieben, und es galt auch, eine Reihe von Fehlern zu beseitigen. Deshalb hat die deutsche Bischofskonferenz schon vor Jahren eine „moderate Revision“ der Übersetzung in Auftrag gegeben. Weiterhin sollte der Bibeltext verständlich und verlässlich, die übersetzte Textfassung kirchlich anerkannt sein - aber auch auf dem freien Büchermarkt bestehen können. Vor allem sollte die deutsche Wiedergabe an den Urtexten überprüft werden: ob sie genau genug ist. Manche hatten an der alten Einheitsübersetzung kritisiert, dass sie zuweilen zu frei, zu abstrakt, zu alltäglich geraten sei. Für eine Fundamentalkritik gab es keinen Grund, aber im Detail konnte viel verbessert werden, so dass sich auch der Gesamteindruck verändert hat: Die Einheitsübersetzung ist kerniger, griffiger, spannender geworden. Etwas mehr als vierzig Exegetinnen und Exegeten waren beteiligt. Die Leitung der Arbeit lag zuerst bei Bischof Wilhelm Egger von Bozen-Brixen und nach seinem Tod 2008 beim heute emeritierten Bischof von Erfurt, Joachim Wanke.

Die ökumenischen Irritationen

Ursprünglich sollte auch die evangelische Kirche beteiligt werden, die bei der früheren Ausgabe die Psalmen und das Neue Testament mit verantwortet hatte. Schon früh hatte sie sich jedoch aus dem Überarbeitungsprozess zurückgezogen. Zum einen hatte sie ihre Liebe zur Lutherbibel wiederentdeckt, die gerade gleichfalls in überarbeiteter Form neu herausgekommen ist (vgl. CIG Nr. 44/2016, S. 485) Zum anderen war sie nicht damit einverstanden, dass die Übersetzung, um für den katholischen Gottesdienst verwendet werden zu können, nach einer zwischenzeitlich vollzogenen Regeländerung in Rom offiziell anerkannt werden musste.

Jetzt ist Deutsch die einzige Weltsprache ohne eine ökumenische Bibelübersetzung. Zu einem aufgeregten Gegeneinander jedoch gibt es keinen Anlass: Die neue Lutherbibel ist so wenig antikatholisch wie die neue Einheitsübersetzung antiprotestantisch ist. Einer wechselseitigen Anerkennung für ökumenische Gottesdienste steht nichts im Weg. Dem muss eine Selbstverpflichtung folgen, bei künftigen Bearbeitungen eine ökumenische Zusammenarbeit verbindlich vorzusehen, vielleicht auch eine neue gemeinsame Übersetzung ins Auge zu fassen. Es wäre eine Blamage, wenn ausgerechnet in Deutschland, wo die ökumenischen Beziehungen in den Bibelwissenschaften so gut wie sonst kaum je in der Welt sind, eine solche Verabredung nicht möglich sein sollte.

Der Name Gottes

Was bei der neuen Bibel sofort ins Auge fällt, sind die Kapitälchen - Großbuchstaben in der Druckbildgröße der Kleinbuchstaben - in denen an vielen Stellen im Alten Testament der Gottesname HERR steht. Wo im Hebräischen das Tetragramm JHWH geschrieben wird, stand in der alten Fassung an vielen Stellen (ca. 140 Mal) „Jahwe“. Im Hebräischen liest man aber Adonai. Dem entspricht auf Griechisch Kyrios, auf Lateinisch Dominus und auf Deutsch eben „Herr“. Damit im Druckbild erkennbar wird, wo der unaussprechliche Name Gottes in der Bibel steht, werden die Kapitälchen gewählt. Der Hintergrund ist der Respekt vor der jüdischen Praxis, den Gottesnamen nicht auszusprechen und ihn mit besonderer Ehrfurcht zu behandeln. Die revidierte Einheitsübersetzung geht damit einen wichtigen Schritt im interreligiösen Dialog. Sie weiß sich dabei an der Seite der meisten jüngeren Bibelübersetzungen, in denen das Tetragramm kenntlich gemacht wird und die Wiedergabe durch HERR erfolgt.

Die Einheitsübersetzung ist an dieser empfindlichen Stelle aber nicht ganz konsequent. Wenn im Hebräischen Adonai JHWH oder ähnliche Verbindungen stehen, steht in der revidierten Fassung nicht Herr HERR, sondern „GOTT, der Herr“, „Herr und GOTT“ oder „Herr, der GOTT der Heerscharen“. Dagegen steht „Gott“ (hebräisch meist: El oder Elohim; griechisch: Theos) fast durchgängig in Normalbuchstaben. Nur an wenigen Stellen ist auch GOTT in Kapitälchen wiedergegeben (zum Beispiel Gen 15,2; Dtn 3,24). Auch in den deuterokanonischen Büchern Tobit, Judit, Jesus Sirach, Weisheit Salomos, Makkabäerbücher, deren jeweilige griechische Fassung zum Kanon gehört, und im Neuen Testament sucht man die Kapitälchen vergebens, weil hier bereits Kyrios stand.

Es lässt sich nicht leugnen, dass Gott in der neuen Version durch das HERR noch männlicher auftritt, als es bislang schon erschien. Aber es bleibt dabei, dass Gott auch mit einer „Mutter“ verglichen wird (Jes 66,13) - und dass ihm weder das Bildnis eines männlichen noch eines weiblichen Wesens entspricht (Dtn 4,16).

Die Brüder und Schwestern

Was beim Lesen aus der neuen Einheitsübersetzung - hoffentlich kommen bald die neuen Lektionare für den Gottesdienst heraus - am meisten aufhorchen lassen wird, ist die Anrede „Brüder und Schwestern“, die sich jetzt in den Briefen des Neuen Testaments oft findet. Paulus und die anderen Verfasser haben, im Stil der Zeit, direkt nur die Brüder (griechisch: Adelphoi) angesprochen, aber nicht lediglich die Männer, sondern ebenso die Frauen gemeint, die in der Geschichte der frühen Kirche eine ausgesprochen wichtige Rolle gespielt haben und sie bis heute spielen (müssen). Wenn im Bibeltext direkt die Adelphoi angesprochen werden, steht jetzt in der Einheitsübersetzung: „Brüder und Schwestern“. Die doppelte Anrede entspricht der Praxis in den neueren Lektionaren.

Es ist gut, dass die Frauen der Gemeinden jetzt sichtbarer sind. Und so wie heute die Texte aufgenommen werden, ist die Änderung eine Hilfe, die Bibel aufzuschließen. Allerdings hat man nicht alle „Brüder“ geschlechtsparitätisch verändert. Wenn es sich nicht um eine Anrede handelt, ist es bei der alten Praxis geblieben. Dadurch entsteht an verschiedenen Stellen eine Unwucht, so wenn nach der Anrede „Brüder und Schwestern“ im ersten Korintherbrief (15,1) ein paar Verse später von „fünfhundert Brüdern“ (15,6) gesprochen wird, denen der Auferstandene erschienen ist. Die Exegese ist sich sicher, dass Paulus auch an dieser Stelle nicht nur Männer gemeint hat. Aber dadurch dass man an der einen Stelle die Schwestern erwähnt, wird der Eindruck erweckt, an der anderen Stelle sei dies auszuschließen. Eine hundertprozentig überzeugende Lösung gibt es nicht. Eine Möglichkeit wäre gewesen, zwischen dem Bibeltext selbst, wo man die Sprechweise in Anmerkungen erläutern kann, und den Lesungstexten im Gottesdienst etwas stärker zu differenzieren. Aber das war nicht gewollt. So muss man mit dem Kompromiss leben.

Die wiedergefundene Apostolin

In den allgemeinen Messtexten zum Sonntag kommt das Schlusskapitel des Römerbriefs nicht vor. Es enthält aber inmitten vieler Grüße eine kleine Sensation. Denn jetzt steht dort: „Grüßt Andronikus und Junia …, sie ragen heraus unter den Aposteln“ (16,7). Jahrhundertelang stand hingegen der Männername „Junias“ in den Übersetzungen, nicht nur in den katholischen. Im griechischen Originaltext der ältesten Handschriften ist nicht zu unterscheiden, ob ein Mann oder eine Frau gemeint ist. Die gesamte Antike hat aber an eine Frau gedacht. Das ist auch grammatikalisch wahrscheinlicher. Erst seit dem Mittelalter konnte oder wollte man sich nicht mehr vorstellen, dass eine Frau zu den Aposteln gezählt wurde. Jetzt ist man wieder zur alten Praxis zurückgekehrt.

Andronikus und Junia könnten wie Priska und Aquila zu den missionierenden Paaren gehört haben, an denen die frühe Kirchengeschichte reich gewesen ist. Gewiss: Zu den Zwölf Aposteln gehören die beiden nicht. Aber bei Paulus ist der Apostelbegriff weiter gefasst. Banal ist er ganz und gar nicht. Wer sogar „herausragt“, muss zu den Führungsfiguren der römischen Gemeinde gehört haben. Beide sind geborene Juden, beide sind schon vor Paulus christlich geworden. Es wird Zeit, dass die römisch-katholische Kirche sich auf die Entdeckungsreise begibt, was es heißen kann, dass sie nicht nur Kirchenväter hat, sondern auch Kirchenmütter. Mit Junia ist eine von ihnen wieder namhaft geworden.

Die neue Einheitsübersetzung macht die Bibel nicht einfacher. Aber sie ist an vielen Stellen genauer und dadurch deutlicher. Sie ist eine bessere Übersetzung, weil sie den Text nicht willkürlich verbessert oder ergänzt und weil sie näher am Ausgangstext sein will. Das gilt nicht nur für Worte und Sätze, sondern auch für Themen. So kann sie zur Versachlichung der Diskussion beitragen.

Die schwierige Sühne

Ein heißes Eisen ist die Sühne. Ihr Kernanliegen ist im Alten wie im Neuen Testament Versöhnung. Das wird durch die Revision deutlicher. Sünde trennt von Gott. Gott muss nicht besänftigt werden - von ihm geht im Erbarmen die Versöhnung aus. Das im Kult verwirklichte Heilsgeschehen ist ein Akt der Barmherzigkeit Gottes. Die „Deckplatte“ der Bundeslade ist zwar nicht zum „Gnadenstuhl“ wie in der Lutherübersetzung geworden, aber doch zur „Sühneplatte“ aufgestiegen (Ex 25,16-22; Lev 16,2.13-15; Num 7,89), so dass der Zusammenhang von Blutritus und Sühne deutlicher wird. Wenn von Sühne die Rede ist, gilt es, das Missverständnis zu vermeiden, der Kult würde sozusagen automatisch das Heiligtum oder den Sünder „entsühnen“. Von „Entsühnen“ ist nur noch an wenigen Stellen die Rede. Viel häufiger heißt es jetzt: „Sühne erwirken“. Die Versöhnung durch Gott rückt in den Vordergrund. Treffend ist, wenn der Priester „Versöhnung erwirkt“ statt dass er „Sühne vollzieht“ (Lev 1,4; 7,7) und dass täglich nicht mehr ein Stier zur „Entsühnung“, sondern zur „Versöhnung“ dargebracht wird (Ex 29,36). Der Zusammenhang von Sündenvergebung und Versöhnung wird jetzt sichtbar (Lev 4,20.35).

So ist dann auch Jesus Christus in Röm 8,3 nicht mehr „zur Sühne für die Sünde“ gesandt, weil das nicht im Text steht, sondern „wegen der Sünde“, was im Kontext der Versöhnung mehr Sinn hat. Im vierten Lied vom Gottesknecht, das an Karfreitag gelesen wird, ist der Gottesknecht nicht mehr „Sühnopfer“, sondern, wie es dem hebräischen Text gemäßer ist, „Schuldopfer“ (Jes 53,10): Mit dem ascham wird stärker die bewusst gewordene Trennung von Gott und die Notwendigkeit der Versöhnung verbunden. Dass es hier um theologische Kernaussagen geht, macht auch die geänderte Übersetzung von Vers 25 im dritten Kapitel des Römerbriefs deutlich. Hatte Gott Jesus Christus zuvor „dazu bestimmt, Sühne zu leisten mit seinem Blut“, so ist er jetzt „aufgerichtet“ von Gott „als Sühnemal in seinem Blut“: Gottes Gnade wird im Kreuz - im Tod und seiner Überwindung - vor Augen gestellt.

Nichts ist so gut, als dass es nicht verbessert werden könnte. Im Buch Numeri (6,14) ist das „Sühnopfer“ stehengeblieben, wo im hebräischen Text das „Sünd­opfer“ steht. Im Buch Levitikus (5,18) entsühnt der Priester nach wie vor und erwirkt nicht - wie in den anderen Stellen - Versöhnung. Im ersten Buch der Makkabäer (13,50) hätte man das „Entsühnen der Burg von Befleckungen“ auch gut als „Reinigen“ wiedergeben können. Und wo die neue Lutherübersetzung im ersten Johannesbrief (4,10) dabei geblieben ist, Jesus als „Versöhnung für unsre Sünden“ zu bezeichnen, bleibt er in der Einheitsübersetzung die „Sühne für unsere Sünden“. Schließlich bleibt das „Sühnemal“ im Römerbrief (3,25) ein sprachlicher Einzelfall in der Einheitsübersetzung, wodurch der Bezug des Wortes zu der „Sühneplatte“ im alttestamentlichen Kult verdeckt wird.

Vergeltung

Dass der alttestamentliche Gott ein „Gott der Rache“ sei, ist ein tief sitzendes Vorurteil. Dass Gottes Vergeltung der Gerechtigkeit dient und nichts von blutrünstiger Willkür an sich hat, wird schnell übersehen. Die deutsche Übersetzung „Rache“ ist ohnehin unglücklich. In einem Drittel der Fälle hat man gegenüber der Version von 1979 einen anderen Ausdruck gefunden. Das ist immerhin ein Anfang.

Im Buch Jesaja (1,28) steht jetzt „Genugtuung“. Meistens wird als Alternative „Vergeltung“ verwendet. Beides nimmt dem Text nichts von seiner Härte, klärt aber, worum es geht. Gott fragt im Buch Jeremia (5,9.29; 9,8) nicht mehr, ob er das Volk bestrafen und an ihm „Rache“ nehmen soll, sondern ob er es „heimsuchen“ und an ihm „Vergeltung üben“ soll. Jeremia bittet auch (in 15,15) nicht mehr „Nimm für mich Rache!“, sondern „Schaffe mir Vergeltung!“. Rache üben im Jeremiabuch jetzt nur noch die fremden Völker (20,10; 25,12). Der „Tag der Rache“ (in Jes 34,8 und 63,4) wurde jetzt zu einem „Tag der Vergeltung“. Allerdings ist dieser Ausdruck ebenfalls schwierig, zumal wenn man an „Vergeltungsschläge“ des Militärs denkt. Aber man kann mit etwas Sprachgefühl auch heraushören, dass es um einen gerechten Ausgleich und nicht um blutige Rache geht.

Rache übt Gott selbst nur noch an jenen Stellen im Buch Ezechiel (25,14), wo Edom angedroht wird, dass jenes Volk von Feinden Israels seine „Rache kennenlernen wird“ und wo die Philister die „gewaltige Rache“ Gottes erfahren (25,17). Auch im Buch Nahum (1,2) ist die Rache Gottes an den Gegnern sprachlich nicht der Vergeltung gewichen.

Vergeltung statt Rache zeigt an, dass es nicht um anlasslose Gewalt, sondern um einen gerechten Ausgleich geht. Von daher hätte man sich gewünscht, dass der Wechsel noch konsequenter durchgeführt worden wäre. Durch diese mangelnde Konsequenz ist zudem im Neuen Testament noch ein Problem geschaffen worden. Das „Mein ist die Rache“ ist im Römerbrief jetzt ausgefallen (12,19: „Mein ist die Vergeltung“), im Hebräerbrief aber stehengeblieben (10,30: „Mein ist die Rache, ich werde vergelten“). Hier hat es offenkundig an einer Abstimmung gefehlt.

Die laute Musik

Oft sind es nur Kleinigkeiten, die die Übersetzung näher an den Ausgangstext gebracht haben, so zum Beispiel bei den Musikinstrumenten. Man stößt in Tekoa zum Signal nicht mehr in die Trompete, sondern in das Widderhorn (Jer 6,1), und auch die Posaunen (Ps 81,4) sind dem Widderhorn gewichen. So wird der hebräische Begriff Schofar am besten übersetzt.

Die Zitherspieler werden protestieren: Denn Jubal ist im Buch Genesis (4,21) nicht mehr der Stammvater aller Zither- und Flötenspieler, und auch David spielt vor Saul nicht mehr das alpenländische Zupfinstrument, sondern die Leier (1 Sam 16,16.23) und „schlägt mit der Hand in die Saiten“ (1 Sam 19,9). Das ist die richtige Übersetzung.

Auch tanzt die Tochter Jiftachs (Ri 11,34) nicht mehr zur Pauke, sondern kommt ihrem Vater mit „Handtrommeln“ entgegen. Das passt besser, weil „Pauke“ heute nahezu ausschließlich für stehende Kesselpauken verwendet wird, der hebräische Begriff tof aber eine mit der Hand geschlagene Rahmentrommel meint.

Doch die Übersetzung kann auch bei den Musikinstrumenten noch besser werden, denn Mirjam schlägt (Ex 15,20) weiterhin die Pauke und die Männer im Feuerofen (Dan 3) hören nach wie vor anstelle der Leiern auch den Klang der Zithern. Die „Zehnsaitige“ ist mal eine Laute (Ps 94,4) und mal eine Harfe (Ps 33,2; 144,9), wobei man zugestehen muss, dass es über die Existenz von Bogenharfen außerhalb von Ägypten überhaupt keine Einigkeit gibt und die Unterscheidung von kinnor und naebel in den Übersetzungen zum Schwierigsten gehört, was die Saiteninstrumente in der Bibel zu bieten haben. Die „liebliche Laute“ (Ps 81,3) ist zwar jetzt richtiger „die liebliche Leier“, doch hat es die Leier gar nicht ins Neue Testament geschafft. Dort wird die Harfe gespielt, wobei man zu Recht fragen kann, ob „Harfe“ die richtige Übersetzung für das griechische kithara ist. Denn die griechische Bibel setzt kithara für das meist kinnor genannte Instrument, das in der neuen Einheitsübersetzung eine Leier und nur noch selten (etwa Ijob 21,12; 2 Chr 9,11; Ps 71,22) eine Harfe ist.

Die auf fehlende Abstimmung und vielleicht an manchen Stellen auch mangelnde Sorgfalt zurückgehende Unschärfe bei den Musikinstrumenten zeigt sich auch sonst bei der Orchestrierung im Neuen Testament. Denn dort erklingen zuhauf Posaunen, besonders wenn die letzten Dinge angekündigt werden. Aus dem Alten Testament jedoch sind Posaunen ganz verschwunden. Die Trompete hingegen leidet im Neuen Testament: Nach dem ersten Korintherbrief (14,8) ist sie es, die sich „unklare Töne“ nachsagen lassen muss, und nach der Johannesoffenbarung muss sie im untergehenden Ba­bylon verstummen, wo sie zuvor offenbar kräftig geschmettert worden war (18,22). Zwischen dem Alten und dem Neuen Testament hat aber keine musikalische Revolution stattgefunden. Man hat nur bei der Revision nicht genügend darauf geachtet, dass der Klangkörper zusammenpasst - anders als in der griechischen und der lateinischen Übersetzung des Altertums.

Das Beispiel der Musikinstrumente deckt eine der größten Schwächen der neuen Einheitsübersetzung auf: Man hat noch zu wenig darauf geachtet, gleiche Wörter möglichst gleich und Parallelen auch wirklich parallel zu übersetzen. Es wäre gut, wenn nicht für die nächsten dreißig Jahre Funkstille herrscht, sondern wenn die Bischofskonferenz ein geordnetes und transparentes Verfahren entwickeln würde, wo und wie Verbesserungsvorschläge gesammelt und ausgewertet werden können. Denn nach der Revision ist vor der Revision. Beim Gesangbuch hat es so etwas auch gegeben, bevor das neue „Gotteslob“ erschienen ist.

Das gute Ergebnis

Aber bei aller berechtigten Kritik: Die Einheitsübersetzung ist besser geworden, und sie kann sich in ihrem neuen Gewand sehen lassen. Sie braucht den Vergleich mit der vor zehn Jahren überarbeiteten „Zürcher Bibel“ und der durchgesehenen Neuausgabe der Lutherbibel nicht zu scheuen. Eher macht sie neugierig darauf, ihre Eigenheiten und Vorteile im Vergleich zu entdecken. Sie ist vollständig, einschließlich der deuterokanonischen Bücher; sie ist genau, nämlich so nahe wie möglich am Urtext; und sie ist verlässlich, nämlich auf dem Stand der bibelwissenschaftlichen Forschung. Sie fördert das Lesen der Bibel, weil ihre Sprache gegenwartsorientiert, aber nicht modisch ist. Sie ist ökumenisch aufgeschlossen. Sie dient dem jüdisch-christlichen Dialog, indem sie die christliche Einheit der beiden Testamente nicht auf Kosten des Zusammenhangs stärkt. Das zeigt sich innen wie außen: Alle Buchausgaben haben einen Lebensbaum als Symbol auf dem Umschlag, der das dominante Christussymbol der alten Ausgaben ersetzt. Durch die Anerkennung in Rom kann und soll die neue Übersetzung die katholische Welt durchdringen und prägen in Gottesdienst, Schule und privater Bibellektüre. Die revidierte Einheitsübersetzung hat aber auch das Zeug, im Ursinn des Wortes katholisch zu sein: eine Bibel für alle.

CIG 5/2017


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