69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 30. April 2017

Der Sinn für den Sinn
Von Winfried Kretschmann
Was macht den religiösen Glauben für die Gesellschaft bedeutsam?

Zunächst einmal sind die Kirchen und die Religionsgemeinschaften wichtig für das kulturelle Gedächtnis der Gesellschaft. Wir können unsere heutige Kultur nur verstehen, wenn wir um ihre Entstehung und um ihre impliziten religiösen Signa­turen wissen. Denken wir zum Beispiel an die Kirchtürme. Sie sind zwar heutzutage zwecklos - wer braucht schon eine Kirchturmuhr? -, aber eben keineswegs sinnlos. Denn sie sind gewissermaßen Fingerzeige zum Himmel und erinnern uns durch ihr bloßes Dasein, dass es in unserem Leben noch etwas Größeres gibt.

Und dann repräsentieren die Kirchen und die Religionsgemeinschaften einen kulturellen Mehrwert, den nur die Religio­nen schaffen können. Das Religiöse überschreitet eine säkulare Fixierung auf das Hier und Jetzt. Als Beispiel nenne ich die Gottesdienste. Die Gläubigen versammeln sich jede Woche an einem festen Tag, um Gott für sein Heilshandeln zu danken und seine Größe zu loben. Jeder Gottesdienst ist somit eine radikale Unterbrechung, weil er unsere gesellschaftlichen Plausibilitäten und unsere persönliche Ichbezogenheit infrage stellt. Und wird gerade dadurch zu einem wertvollen Zeichen, zu einem Geschenk auch für diejenigen, die gar nicht mitfeiern oder daran glauben.

Nicht zuletzt braucht die Gesellschaft - so hat es Jürgen Habermas formuliert - die religiöse Artikulationskraft. Religiöse Sprache kann existenzielle Erfahrungen ins Wort bringen, die sich in säkularen Begriffen nicht adäquat ausdrücken lassen. Denken wir nur an die Kraft eines Klagepsalms, den Trost eines Gebets oder die Ermutigung eines Segenswortes. Was uns die Kirchen und die Religionsgemeinschaften geben können, geht also nicht nur ihre eigenen Gläubigen an. Die ganze Gesellschaft hat etwas davon - egal, ob und was die Menschen glauben. Denn das Religiöse kann uns „den Sinn für den Sinn“ bewahren, wie die Philosophin Jeanne Hersch es formulierte.

Unsere Gesellschaft braucht deshalb die Religionen, die nicht im Diesseitigen und in Tagesaktualitäten aufgehen, sondern tiefer bohren und nach dem „Dahinter“ fragen. Unsere Gesellschaft braucht Kirchen und Religionsgemeinschaften, die mit den Menschen zeitgenössisch und solidarisch sind, ihnen einen Sinnhorizont eröffnen und ihrem Leben eine Perspektive geben. Und unsere Gesellschaft braucht Menschen, die sich aus ihrem Glauben heraus für andere, für die Gesellschaft, für unsere Welt engagieren!

Winfried Kretschmann ist Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen und seit 2011 Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Der Text ist ein Auszug einer Rede beim Neujahrsempfang 2017 der Landesregierung.

CIG 7/2017


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