69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 25. Juni 2017

Mission damals und heute
Von Thomas Söding
Bis ans Ende der Erde werden sie seine Zeugen sein. Das sagt der auferstandene Jesus seinen Jüngern voraus. Die weltweite Mission ist ein Markenzeichen des Christentums geworden. Ist sie aber nicht längst auch ein Problem? In der Neuzeit war Mission untrennbar mit der Eroberung Lateinamerikas und mit dem Kolonialismus des christlichen Abendlandes in Afrika und Asien verbunden. Kann man mit dieser belasteten Vergangenheit heute noch für Mission werben? Und wie muss dies dann in der Gegenwart aussehen? Angesichts der Glaubensnot, der massiven Säkularisierung in vielen Weltgegenden ist eine neue christliche Mission notwendig. Möglicherweise kann eine Erinnerung daran, wie Paulus einst den Heiden den Glauben brachte, helfen. Dem geht der Bochumer Neutestamentler Thomas Söding in der neuen biblischen Reihe über „Paulinische Mission“ nach. Die erste Folge lesen Sie hier. red

Aufbruch

„Ihr sollt meine Zeugen sein“ (Apg 1,8).

Darf man heute noch von Mission reden? Das Wort hat einen schlechten Klang. Es wird mit Bauernfängerei gleichgesetzt, mit Überredungskünsten und Expansionsgelüsten. Die Geschichte der christlichen Mission erscheint als eine Kette unaufhörlicher Übergriffe im Zeichen von Kreuz und Schwert. Der Mission der Kirche wird vorgeworfen, die Vielfalt der Kulturen zu zerstören; im Namen Gottes setze sie auf bedingungslose Unterwerfung.

Nicht wenige sagen deshalb, man solle nicht mehr „Mission“ treiben. Eine Verteidigung fiele leichter, wenn es die unselige Mischung aus Imperialismus und Mission nicht gegeben hätte. Wer aber mit Menschen aus Asien, Afrika oder Lateinamerika spricht, wird nachdenklich. Ohne Mission wäre dort das Christentum nicht heimisch geworden. Für Deutschland und Europa gilt das genauso. Die meisten, die zur Kirche gehören, wissen um die Schatten der Geschichte, sind aber dankbar für den Glauben. Es ist eine Befreiung, die Gebete an einen Gott richten zu können, den Jesus seinen Vater nennt. Es sind Hoffnung, Vergebung und Anerkennung bei Gott zu finden. Es ist ein Gewinn an Menschlichkeit, die eigene Person, aber auch jeden anderen Menschen als Gottes Ebenbild zu sehen, von unveräußerlicher Würde. Es ist beglückend, glauben zu dürfen, von Gott geliebt zu sein und diese Liebe weitergeben zu können. Es ist schön, zu einer Kirche der vielen Nationen, der vielen Sprachen, der vielen Gesichter und Geschichten zu gehören, einer Kirche mit dem einen Glauben, der einen Taufe und der einen Eucharistie für alle.

Vielleicht sollte man das Wort und die Sache der Mission doch nicht so schnell aufgeben. Außerhalb der Kirche hat das Wort einen guten Klang. Was gibt es Spannenderes als eine Weltraummission? „Mission impossible“ heißt ein Kultfilm mit Tom Cruise, der als Agent in einer schier aussichtslosen Situation obsiegt, weil er mutig, treu und ehrlich ist. Jedes Unternehmen, das etwas auf sich hält, hat heute eine „Mission“: eine eigene Idee, einen besonderen Service, ein attraktives Angebot - und eine starke Motivation. Die Idee soll Menschen erreichen, der Service soll effektiv werden, das Angebot eine echte Nachfrage befriedigen. Konzerne mit nachhaltigem Erfolg können in wenigen kurzen positiven Sätzen sagen, wer sie sind, was sie bewegt und was sie bewegen wollen. Sie wissen und sagen, für wen sie da sind und mit wem sie ihre Ziele erreichen wollen.

Sicher, vieles ist reine Show, und die Kirche ist kein Wirtschaftsunternehmen, jedenfalls nicht in erster, auch nicht in zweiter Linie. Aber wer wollte leugnen, dass sie sich neu auf ihre „Mission“ besinnen sollte? Sie müsste alles daran setzen, den religiösen Analphabetismus zu bekämpfen, der gegenwärtig herrscht. Sie müsste tief beunruhigt sein, dass es Christen im Gespräch untereinander, aber auch mit Menschen, die eine andere oder gar keine Religion haben, ausgesprochen schwerfällt, auszudrücken, woran sie glauben und wofür sie andere gewinnen wollen. Allenfalls redet man über Ethik: über Werte und Tugenden, über soziale Einstellungen und Aktionen.

Wo aber bleibt Gott? Wo bleibt die Frage nach ihm, die Suche nach ihm, das Leiden an ihm, das Schweigen vor ihm? Wo bleibt aber auch die Dankbarkeit für Gott, die Bitte an ihn, das Lob für ihn? Wo bleibt das Reden von ihm, das Handeln mit ihm, das Beten zu ihm, das Denken vor ihm?

Gottes- und Nächstenliebe gehören zusammen, sagt Jesus. Heute würde das niemand mehr wissen, wenn nicht von Anfang an Mission getrieben worden wäre: weil Jesus seine Jünger gesandt hat, vor wie nach der Auferstehung. Mission ist umstrittener und aktueller denn je.

Thomas Söding, Dr. theol., Professor für Neues Testament an der Ruhr-Universität Bochum.

CIG 14/2017


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