69. JAHRGANG 2017WWW.CHRIST-IN-DER-GEGENWART.DEFREIBURG, 25. Juni 2017

Das Christusabenteuer
Von Johannes Röser
Er ist Theologe, er ist ein Glaubender, er war Papst. Joseph Ratzinger wird neunzig: Was ihn bewegt, was bewegend bleibt.

Als Joseph Ratzinger seine achtjährige Amtszeit als Papst antrat, stellte er sein „Regierungsprogramm“ mit einem Weltrundschreiben vor: „Gott ist die Liebe“. Es schien, als wollte er die vorausgehenden vielen Jahre als Präfekt der Glaubenskongregation „vergessen“ machen, zumindest eine Art Schlussstrich ziehen. Einst konnte er scharf und schneidend andere Theologen beurteilen, verurteilen, die Lehrerlaubnis entziehen. Ganze theologische Strömungen wie die Befreiungstheologie wurden als Abweichungen von der amtlichen Glaubens- und Sittenlehre recht pauschal gebrandmarkt, um erst in einem zweiten Akt ein bisschen Verständnis zu finden. „Glaubenswächter“, wie Joseph Ratzinger in den Medien oft tituliert wurde, - das war einmal. Der Papst soll kein abgrenzender Wächter, sondern ein einladender Förderer des Glaubens sein. Daran wollte Benedikt XVI. wirken - unter dem Anspruch nicht einer kühlen Kirchenräson, sondern des werbenden Heils- und Heilungsauftrags Gottes, dessen „Sohn“ im christlichen Verständnis als Menschensohn und damit als universaler Erlöser der Menschheit verkündet und geglaubt wird.

Insofern ist Christsein weniger ein ausgeklügeltes, ausdifferenziertes Religionssystem als im Kern etwas eher Schlichtes: eine mystische Ausrichtung und Bindung an die Messiasgestalt, an die Person Jesu, an das, was er war und wirkte - und was an ihm, dem Christus, als Hoffnungswunder der Auferstehung geschah. Das Schlichte ist aber oft das Schwierigste. Das hat Joseph Ratzinger auch in seiner Tätigkeit als Papst umgetrieben. Daher hat er - was ihm wichtiger erschien als bloße Kirchenverwaltungspolitik - in dieser Regierungszeit seine Jesus-Trilogie verfasst, geistliche, meditative, betrachtende Durchgänge durch die Evangelien, die in erzählender Weise jene große Geschichte als Heilsgeschichte deuten und dazu einladen, das Christusgeheimnis als Dreh- und Angelpunkt der Menschheitsgeschichte wie der individuellen Lebensgeschichte vielleicht doch noch einmal in Erwägung zu ziehen. Jedenfalls hat dieses Werk Menschen durchaus außerhalb des kirchlichen Binnenmilieus mit seinen Binnenthemen erreicht, die Tag für Tag immer so „vordringlich“ das Lehramt wie die „Basischristen“ unterhaltsam beschäftigen, aber längst die Vielen langweilen. Dabei müsste die Frage, wie Vernunft und Glaube, Zweifel und Bekenntnis, Wissen und Ahnen im Horizont eines evolutiven Seinsverständnisses zusammenfinden können, die Glaubensgemeinschaft weitaus heftiger bedrängen, wenn nur die wahren Prioritäten und die echten existenziellen Unruhe- wie Sehnsuchtspotenziale erkannt und zur Sprache gebracht würden.

Prophetische Erkenntnis 1998

Joseph Ratzinger, der nun neunzig Jahre wird und lange genug im Binnenkirchenmilieu tätig sein musste, hat in seiner langen Dienstzeit - zuletzt im Vatikan - mehr und mehr die Schlagseite erkannt. Die eigentlichen Probleme von heute sind gar nicht die wirklichen oder nur vermeintlichen Abweichungen von der offiziellen Glaubens- und Sittenlehre, sondern die rationalen wie emotionalen Hemmnisse, überhaupt religiös sein zu können. Die Frage der Säkularisierung - und wie es mit dem Glauben unter den Bedingungen der Moderne weitergehen könne - beschäftigte und beschäftigt ihn im Innersten weit mehr als das, was an kirchenpolitischen oder theologiepolitischen Konflikten zutage trat oder an ihn medial herangetragen wurde.

Es sei nur an eine bedeutende Rede im Jahr 1998 erinnert. Damals beschrieb Ratzinger im Hamburger Übersee-Club die rasant fortschreitende Erosion des Religiösen äußerlich wie innerlich, in allen Glaubensgemeinschaften, weltweit: „Der Zusammenbruch alter religiöser Gewissheiten, der vor siebzig Jahren noch aufzuhalten zu sein schien, ist inzwischen weithin Wirklichkeit geworden?… Es gibt in mehrfacher Hinsicht geradezu eine Hochkonjunktur des Religiösen, das aber ins Partikulare zerfällt, sich nicht selten aus seinen großen geistigen Zusammenhängen löst und, anstatt den Menschen aufzurichten, ihm Machtsteigerung und Bedürfnisbefriedigung verheißt. Das Irrationale, das Abergläubische, das Magische wird gesucht; der Rückfall in anarchisch-zerstörerische Formen des Umgangs mit den verborgenen Mächten und Gewalten droht. Man könnte versucht sein zu sagen, es gebe heute keine Krise der Religion, wohl aber eine Krise des Christentums. Ich würde dem nicht zustimmen. Denn die bloße Ausbreitung religiöser und religionsartiger Phänomene ist noch keine Blüte der Religion. Wenn Erkrankungsformen des Religiösen Hochkonjunktur haben, so bestätigt dies zwar, dass Religion nicht untergeht, aber es zeigt sie doch in einem Zustand ernster Krise. Auch der Anschein, anstelle des ermüdeten Christentums seien nun die asiatischen Religionen oder der Islam im Aufstieg begriffen, trügt. Dass in China und Japan die großen traditionellen Religionen dem Druck der neuzeitlichen Ideologien nicht oder nur ungenügend standzuhalten vermochten, ist offenkundig. Aber auch die religiöse Vitalität Indiens ändert nichts daran, dass auch dort ein geglücktes Miteinander zwischen den neuen Fragen und den alten Überlieferungen bisher nicht gelungen ist. Wieweit der neue Aufbruch der islamischen Welt von wirklich religiösen Kräften gespeist wird, bleibt gleichfalls zu fragen. Vielerorts - wir sehen es - droht auch hier eine pathologische Verselbstständigung des Gefühls, die die Drohung des Schrecklichen nur verstärkt.“ Das war prophetisch gesagt, gut drei Jahre vor dem 11. September 2001 und dem darauf folgenden, anhaltenden Dschihad-Terror.

Autorität mit Gegenmacht

Was aber kann ein Papst angesichts derart epochaler Phänomene bewirken? Seit jeher wird behauptet, das Papstamt sei dazu da, Einheit zu stiften, zunächst in der eigenen Glaubensgemeinschaft, das heißt hier der katholischen, dann aber darüber hinaus auch einen Dienst an der Einheit der gesamten Christenheit, ja der Menschheit zu leisten. Aus diesem Grund haben sich Päpste immer wieder sozialmoralisch und politisch, ja weltpolitisch appellativ geäußert. In neuerer Zeit reisten sie viel, sprachen vor internationalen Gremien, etwa der Vereinten Nationen oder der Europäischen Union. Joseph Ratzinger hat wahrgenommen und anerkannt, dass die päpstlichen Wirkmöglichkeiten solcher Art jedoch eher bescheiden sind.

Ist der vielbeschworene Dienst an der Einheit eine Fiktion? Jedenfalls belegt die Kirchengeschichte, dass der sogenannte Petrusdienst häufig eher ein Stein des Anstoßes und ein Grund für Spaltungen war, als dass er Christen zusammenführte. Wie immer löst eine Autorität, die Machtansprüche erhebt und mit Macht operiert, Widerstand und Gegenmächte aus. Das war und ist im Kirchenleben nicht anders als im sonstigen politischen wie persönlichen Leben. Es ist menschlich. So wurde das sakrale Papstamt seit gut einem halben Jahrhundert zusehends beschleunigt auf den Boden der säkularen Tatsachen geholt.

Die Einheit ist ein Mythos

Aber waren die Zeiten früher wirklich besser? Oft heißt es, man müsse sich nur an der Ausübung der päpstlichen Lehrgewalt im ersten Jahrtausend orientieren. Das könne ein Modell für eine mögliche künftige Kircheneinheit und Autoritätsausübung sein. Doch auch dieses ist ein „Mythos“. Das erklärte soeben der Salzburger Kirchenhistoriker und Ostkirchenexperte Dietmar Winkler bei einer Tagung in Graz. Im Grunde werde das erste Jahrtausend nachträglich kirchlich und kirchenpolitisch verklärt. Es handele sich um „eine Form der Identitätskonstruktion“, die der historischen Forschung nicht standhalte. „Die christliche, geografische und liturgische Diversität ist von Anfang an erstaunlich.“ Das Christentum habe sich von Beginn an „universal und plural“ entwickelt und sehr unterschiedliche Inkulturationsprozesse durchlaufen, im Orient andere als im hellenistisch geprägten Raum Europas. Allein schon die unterschiedlichen philosophischen Traditionen machten es notwendig, das Christusverständnis nach dem je eigenen Kontext anders auszuformulieren. Daher, so Winkler, sollte man nicht die im Römischen Reich bewährte hellenistische Denkform für das Christentum insgesamt als normativ betrachten.

Papst Benedikt XVI. wollte daran noch festhalten. Bei seiner berühmt-berüchtigten Regensburger Rede, die vor allem wegen kritischer Passagen zum Islam Aufsehen erregte, beklagte er die um sich greifende Enthellenisierung der christlichen Glaubensvorstellungen, insbesondere auch durch die Reformation. Kann der Hellenismus aber das universale Grundmodell, das für alle gültige Paradigma des Glaubens- und Christusverständnisses sein? Nach Winkler war es das nie, wie schon die gegenseitigen Verketzerungen in der Kirchengeschichte beweisen. Schon bei den ökumenischen Konzilien des ersten Jahrtausends, die ausdrücklich das Gottes- und Christusverständnis in die Mitte rückten, ließen sich die theologischen Interpreten von der Vorstellung leiten, es gebe Häretiker auf der einen Seite und die „wahre Kirche“ auf der anderen. Die historische Wahrheit sei jedoch - so Winkler - komplexer, und oft wurde erst nachgeordnet die Theologie nach dem römischen, westkirchlichen Verständnis sehr einseitig beurteilt und beschnitten. Sogar die Liturgie wurde - im Horizont sehr verschiedener Liturgien - zu einem „Kampfplatz des Gegeneinander-Betens anstatt des Miteinander-Betens“. Und die Kirchenväter, die der westlichen Kirche als Heilige galten, waren in den östlichen Kirchen nicht selten Häretiker - wie umgekehrt.

Der Papst - Stifter und Garant der Einheit? Das war er angesichts der vielen inner- und zwischenkirchlichen Machtkämpfe im Großen nie. Auch dem Papsttum sind Grenzen gesetzt, äußere wie innere, kirchliche wie menschliche. Joseph Ratzinger hat das in besonderer Deutlichkeit nicht nur erfahren, sondern dies auch zum Anlass genommen, an einem bestimmten Punkt ein Zeichen zu setzen, mit seinem Rücktritt. Offenbar hatte Benedikt XVI. die menschlichen Realitäten besser eingeschätzt als seine Vorgänger. Manche Gläubige, die im Papstamt eine Art Ewigkeits-Erhabenheit angelegt sehen, haben seinen Schritt bedauert. Aber er war eine konsequente und moderne Fortschreibung dessen, was Sakralität des Amtes bedeutet: dass jeder Absolutheitsanspruch sich ad absurdum führt, wenn er das Menschliche außer Acht lässt. Die Konstruktion der „Unfehlbarkeit“ hat selber Grenzen, wo das Amt mit dem Amtsträger fusioniert. Bezeichnend ist, dass ausgerechnet ein derart konservativer Theologe wie Ratzinger, der die Kontinuität in der Tradition extrem stark betont und Brüche in der Glaubensentwicklung bestreitet, hier einen Bruch wagte, der gerade deshalb die religiöse Autorität schützt und die Sakralität wahrt.

Wahre Autorität ist anders und wirkt anders als bloß formale Autorität. Joseph Ratzinger hat dies je länger je mehr in seinen verschiedenen Diensten und Aufgaben erkannt. Nach harten Lehrentscheidungen in früheren Jahren und scharfen theologischen Auseinandersetzungen, die er auch als Professor nie scheute, suchte er ein milderes Licht, um für den Christusglauben zu werben. Die Glaubenswelt ist vielfältig und bleibt vielfältig. Und seien es die heftigen Gegensätze, ja Widersprüche zwischen den volkstümlich-magischen Glaubensweisen, einschließlich des übersinnlichen Wunderglaubens samt Reliquienverehrung, und den aufklärerischen Versuchen, die wissenschaftliche Welterkenntnis als religiöse Antriebskraft und Neuerungskraft aufzunehmen. Joseph Ratzinger sagte einmal, es gebe so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt. Nur ein frommer Wunsch, bloß eine sich selbst beruhigende Tröstung? Die Zukunftsfähigkeit von Religion überhaupt hängt ab von der Antwort auf eine Frage: Wie kann ein Mensch der Moderne, der Aufklärung, der Entmythologisierung und des Postmagischen überhaupt einen Weg zu Gott finden?

2000 Jahre mit offenem Ausgang

Joseph Ratzinger beschäftigt dies weitaus mehr als Kirchenfragen. Welche Geisteskraft geht vom Christentum - noch - aus? Im Bayerischen Rundfunk fragte 1998 der Theatermann August Everding Joseph Ratzinger, warum die Welt durch das Christentum eigentlich nicht besser geworden sei, warum es seit 2000 Jahren eigentlich fast nichts bewirkt habe. Ratzinger: Das sei in der Tat etwas, was jeden gläubigen Menschen sehr bedränge. „Aber ich denke, man muss eben an die Freiheit der Menschen denken und daran, dass die Geschichte nicht einfach ein Kontinuum ist, in dem es wie bei der Entwicklung von Apparaten und dergleichen Dingen sozusagen immer weitergeht. Stattdessen ist jede Generation neu, jede kann wieder abfallen, jede kann es wieder ganz anders machen. Das heißt, solange Freiheit bleibt, ist die Entwicklung der Geschichte nicht einfach ein Kontinuum - weder zum immer Besseren noch zum immer Schlechteren -, sondern immer das Abenteuer neuen Beginns.“

Das entscheidende Abenteuer der Menschheit ist für Joseph Ratzinger das Christusabenteuer, die österliche Auferstehungs-Unterbrechung. Eine bleibende Anfrage, die auf Antworten auch 2017 harrt. Neunzig Jahre sind ein weiter Weg für einen Menschen, ein kleiner Weg jedoch in der zweitausendjährigen Christentumsgeschichte. Diese wiederum bildet nur einen winzigen Bruchteil der hundertfünfzigtausendjährigen Evolution des Homo sapiens. Christus - Alpha und Omega? Die Glaubensgeschichte bleibt aufregend, spannend. Als Hoffnungsgeschichte und Liebesgeschichte ist auch sie unabgeschlossen. Das heißt: offen.

CIG 16/2017


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